Erwachsene mit AD(H)S

Erwachsene AD(H)Sler wissen häufig nicht, wie ihnen geschieht. Extreme Desorganisation, starke Stimmungsschwankungen, ständiger innerer Druck … Die Auswirkungen in verschiedene Lebensbereiche sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

18 – volljährig! Bevor auch gesunde junge Erwachsene schmerzhaft erfahren, dass das Leben eine Baustelle ist, wissen Heranwachsende mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Störung es längst. Ihre typischen Probleme verschwinden nicht über Nacht, sondern sorgen auch weiterhin für erhebliche Beeinträchtigungen: Der erwachsen gewordene Zappelphilipp ist nicht selten eine von innerer Unrast getriebene Persönlichkeit auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Etwa 20% der Suchtkranken haben eine AD(H)S, die meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Die Häufigkeit der sogenannten adulten AD(H)S wird in der Literatur mit 1 bis 6% der Gesamtbevölkerung angegeben, in Deutschland mit 3,1%. Legt man zugrunde, dass 5 bis 10% (m:w = 3:1) aller Kinder betroffen sind, so bedeutet dies, dass etwa der Hälfte aller Betroffenen im Erwachsenenalter weiterhin AD(H)S-Symptome haben (siehe Tabelle: Wender-Utah-Kriterien).

Allerdings können sich die Kardinalsymptome wandeln – von der meist äußeren Zappeligkeit in innere Unruhe und quälende Getriebenheit. Obendrein können sie durch inzwischen erworbene Kompensationsstrategien und andere auftretende psychische Erkrankungen vollständig maskiert sein. Die Diagnose und das Management der adulten AD(H)S stellen somit auch für den Facharzt eine Herausforderung dar.

„Die Kluft zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist schwierig zu schließen,“ hat Dr. Matthias Bender, Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Hadamar und Weilmünster, mir in einem Gespräch gesagt.

Etwa 20% der Suchtkranken haben eine AD(H)S, die meist nicht erkannt
und somit nicht behandelt wird
.

Klahre: Herr Dr. Bender, kennen erwachsene ADHSler Langeweile?

Dr. Matthias Bender: Die Langeweile ist vor allem in der Adoleszenz ein sehr relevantes Phänomen, aber im Vergleich zu anderen Primäraffekten wie Scham, Schuld oder Angst unspezifisch und viel zu wenig beforscht. Neuere Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang von AD(H)S und Langeweile. Demnach gibt es ein neuronales Netzwerk, das Default-Mode-Network (DMN), das besonders bei Langeweile bzw. Monotonie aktiv ist und geradezu ausgeknipst werden muss, um Aufgaben konzentriert zu erledigen. Das DMN ist auch aktiv, wenn wir produktiv gelangweilt sind – also dösen, tagträumen, vielleicht auch kreativitätsfördernd abschweifen.

AD(H)S-Betroffene können dieses DMN nicht wirksam ausschalten, wenn sie auf eine Aufgabe fokussieren müssen. Hier wirken starke Belohnungen in Form von stimulierenden Reizen ähnlich förderlich wie Psychostimulantien.

Ist die Sucht nach Neuem, nach dem Thrill („novelty seeking“) eine Eigenschaft, die Erwachsene mit AD(H)S besonders charakterisiert, Frauen wie Männer?

Zumindest ist es typisch für die reizoffene wie auch nach Reizen suchende Gruppe mit hohem Anteil an novelty seeking. Die kurze, gelegentlich auch impulsiv aufkeimende Faszination für ein neues Thema erlahmt allerdings, sobald Konstanz und Disziplin gefordert sind. So ist die Ausrüstung für die neue Sportart schnell gekauft, verschwindet aber nach der dritten Trainingsstunde rasch wieder im Keller. Generell haben die Betroffenen große Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen, bevor sie Neues beginnen. Das heißt, es mehren sich die offenen Baustellen, vieles gelingt nur noch auf den letzten Drücker.

Dies ist ein Hintergrund für das bei erwachsenen Frauen wie Männern mit AD(H)S häufig bestehende Phänomen der Desorganisation. Die Auswirkungen in verschiedenen Lebensbereichen sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

Deshalb hat es sich für die Diagnostik der adulten AD(H)S bewährt, neben den Kardinalsymptomen Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität die Dimensionen Desorganisation, Affektlabilität, Temperamentsstörung, emotionale Hyperreagibilität, also der Umgang mit Belastungen, nach den Utah-Kriterien anzuwenden.

Wissen die Betroffenen von der Diagnose, wurde sie in der Kindheit bereits gestellt?

Hier gilt, wie so oft in der Medizin, die gute alte Drittelregel. Etwa ein Drittel derjenigen, die in unsere Ambulanz für adulte AD(H)S kommen, sind irgendwann in Kindheit und Jugend einmal vordiagnostiziert worden und bitten um Wiederaufnahme bzw. Weiterbehandlung ab dem Erwachsenenalter. Von den Zweidritteln, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, hat sich schon die Hälfte mit dem Thema auseinandergesetzt – über die Diagnose ihrer Kinder.

Und der Rest weiß nicht, wie ihm geschieht …

So ist es wohl. Immerhin haben etwa 20% der Suchtkranken eine AD(H)S, die aber meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Sucht als eine Begleiterkerankung. Was bedeuten Begleiterkrankungen beziehungsweise Komorbiditäten für die Biographie?

Bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen den Prägnanztypen. Das eher bei Mädchen/Frauen verbreitete ADS ist geprägt von einer Selbstwertproblematik, entstanden durch die Verarbeitung vieler Misserfolge, das Anderssein in der Peergroup, Angststörung und Depressionen. Beim Vollbild des hyperaktiven und impulsiven Typus kommt es häufiger zu dissozialen Verhaltensweisen und Straffälligkeit sowie zu Substanzmissbrauch.

Aufgrund welcher Umstände gerät ein Erwachsener denn überhaupt in die diagnostische Mühle?

Die Patienten, die eigeninitiativ in die Ambulanz kommen, haben meist mit krisenhaft zugespitzten Lebenssituationen zu kämpfen, die sie aufgrund ihrer AD(H)S-Symptomatik nicht ohne Hilfe überwinden können. Das betrifft zum Beispiel Partnerschafts- oder familiäre Konflikte, Arbeitsplatzprobleme, Schwierigkeiten zu einem Schul-, Studien- oder Berufsabschluss zu gelangen.

Bei anderen findet sich eine lange Reihe frustraner Psychotherapieversuche bei unklarer Diagnose, bis jemand an die Differentialdiagnose AD(H)S denkt und nicht selten dann erst eine effiziente Behandlung beginnt. In jedem Fall ist eine gezielte biographische Anamnese erforderlich, wobei es eine conditio sine qua non für die Feststellung einer adulten AD(H)S ist, dass entsprechende Auffälligkeiten in der Kindheit zu eruieren sind. Hierbei können gute validierte Fragebögen hilfreich sein.

In der Kindheit gibt es gerade im Bereich Aufmerksamkeit Schnittstellen zu anderen Diagnosen, zum Beispiel zur Fetalen Alkoholspektrumsstörung (FASD). Was bedeutet das für die Diagnostik und für eine potenzielle Falschdiagnose?

Im Hinblick auf kognitive und auch Teilleistungsstörungen müssen selbstverständlich Differentialdiagnosen angestellt werden – beziehungsweise wie bei der FASD weitere Überlegungen.

Die meisten ADHSler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz.

Kann die Diagnose allein schon einen therapeutischen, im Sinne von entlastenden Wert haben? Was kann die Psychoedukation hier leisten?

Die Psychoedukation fördert die Behandlungspartnerschaft, folglich sollten die Aufklärungsinhalte mit dem Patienten gemeinsam erarbeitet werden. Ausgehend von seinem Störungserleben, seinem subjektiven Krankheitsmodell und seinen Erfahrungen mit insuffizientem und gelungenem Coping, hilft dieser Ansatz, die eigene Vulnerabilität zu akzeptieren. Immer geht es um Hilfe bei der Bewältigung der Diagnose, aber auch um die salutogenetischen Aspekte.

Vor allem die Ressourcen sind gut zu nutzen. Die meisten AD(H)Sler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz. Für viele ist vor allem in der psychoedukativen Gruppe die Einordnung ihrer lebenslang erfahrenen Handicaps sehr entlastend, wir können sie oft erst dadurch gezielt angehen. Neben der Medikation ist das Coaching unserer Erfahrung nach eine effiziente Methode bei den meist sehr motivierten, dankbaren und complianten Patienten.

Zitat einer Patientin aus einem Evaluationsbogen: „Das Wissen um AD(H)S hat mir ein akzeptierendes Integrieren meiner Handicaps ermöglicht: Ab dann ging es aufwärts – vor allem mit meinem angeknacksten Selbstwertgefühl. In der Gruppe fühlte ich mich erstmals verstanden mit meinen Beschwerden und nicht einfach als chaotisch, schusselig, unfähig, willensschwach, undiszipliniert abgestempelt. Mit der Medikation und Psychoedukation konnte ich erstmals meine Schwierigkeiten gezielt und erfolgreich angehen. Wollen und Können passen jetzt zusammen.“

Der Angehörige als Co-Therapeut: Sind die Erfolge messbar?

Wie bei vielen seelischen Erkrankungen und deren Auswirkungen tragen die Angehörigen oft die Hauptlast. Psychoedukative Interventionen entlasten sie von Schuld-, Scham- und Insuffizienzgefühlen. Hierzu gehören bei uns neben Angehörigengruppen und Familiengesprächen auch regelmäßige Trialogforen mit den Betroffenen. Zusammen lässt sich zum einen die emotionale Anspannung und ständige Be- und Entwertung in der Familienatmosphäre reduzieren, zum anderen werden die Angehörigen zu Beteiligten an der Therapie. Die Effizienz im Kindes- und Jugendalter ist belegt, die Evidenz im Erwachsenenalter bislang wissenschaftlich leider nicht ausreichend untersucht. Der positive Effekt für uns in der Praxis ist aber fraglos.

Herr Dr. Bender, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch habe ich im April 2o13 geführt. Inzwischen erachten Experten die Berücksichtigung der Integrativen Mind Body Medizin für Heranwachsende als wünschenswert; erste Studiendaten aus den USA haben positive Ergebnisse gezeigt. Erwachsenen können bei diagnostizierter AD(H)S therapiebegleitend zumindest die achtsamen Körperübungen und Meditation helfen.

 

ADHS im Erwachsenenalter: Die Wender-Utah-Kriterien


Für eine sichere Diagnose im Erwachsenenalter müssen neben den Kernsymptomen A-C zwei der unter 1-4 aufgeführten Charakteristika vorliegen

 

A Aufmerksamkeitsstörung


Unvermögen, Gesprächen aufmerksam zu folgen
Erhöhte Ablenkbarkeit
Schwierigkeiten, sich auf schriftliche Aufgaben zu konzentrieren
Vergesslichkeit
Häufiges Verlieren oder Verlegen von Gegenständen

B Impulsivität

Dazwischenreden, Unterbrechen anderer im Gespräch
Ungeduld
Impulsiv ablaufende Einkäufe
Unvermögen, Handlungen im Verlauf zu protrahieren, ohne dabei Unwohlsein zu empfinden

C Motorische Hyperaktivität

Gefühl innerer Unruhe
Unfähigkeit, sich zu entspannen
Unfähigkeit, sitzende Tätigkeiten durchzuhalten
Ständiges Gefühl der Getriebenheit
Dysphorische Stimmungslage bei Inaktivität

1. Desorganisation

Aktivitäten werden unzureichend geplant oder organisiert (Arbeit, Ausbildung, Haushaltsführung etc.)
Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht; Betroffene wechseln planlos von einer Aufgabe zur nächsten
Unsystematische Problemlösestrategien
Schwierigkeiten in der zeitlichen Organisation und Unfähigkeit, Zeitpläne oder Termine einzuhalten

2. Affektlabilität

Beginn vor der Adoleszenz
Wechsel zwischen euthymer, depressiver Stimmung und leichter Erregung
Depressive Stimmungslage wird meist als Gefühl der Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben
Stimmungswechsel dauern Stunden oder maximal Tage
Kein ausgeprägter Interessenverlust oder somatische Begleiterscheinungen
Stimmungswechsel meist reaktiver Art

3. Temperamentsstörung

Andauernde Reizbarkeit, auch aus geringem Anlass
Verminderte Frustrationstoleranz
Wutausbrüche (eher kurz andauernd)
Mangelhafte Affektkontrolle wirkt sich nachteilig auf die Beziehungen zu Mitmenschen aus

4. Emotionale Hyperreagibilität

Unfähigkeit, adäquat mit alltäglichen Stressoren umzugehen
Überschießende oder ängstliche Reaktionen
Patienten fühlen sich schnell „belästigt“ oder gestresst

Aus einem Guss

Woran auch immer wir erkranken: Die bestmögliche Therapie besteht in einem pluralistischen – bestenfalls salutogenetischen – Ansatz, der ganzheitliche Behandlungsverfahren integriert. In diesem Sinne ergänzt die Integrative Medizin, dem Wortsinn entsprechend, konventionelle medizinische Therapien, sie ersetzt sie nicht. Seriöse Integrative Medizin ist ein Bereich der wissenschaftlichen Medizin, Voraussetzung für die Integration sind Erkenntnisse, die eine Effektivität belegen.

„Ich denke, dass die Integrative Medizin das beherrschende Thema der nächsten zwanzig Jahre sein wird,“ hat Dr. Thomas Breitkreuz, Leitender Arzt des Paracelsus-Krankenhauses Bad Liebenzell-Unterlengenhardt, vor einigen Jahren gesagt und damit gemeint: Beim integrativen Ansatz werde im Gegensatz zur alternativen Medizin versucht, eine umfassende Versorgung anzubieten und nicht die Behandlungsmöglichkeiten getrennt voneinander durchzuführen. „Es können und sollten konventionelle schulmedizinische Aspekte ebenso einfließen wie anthroposophische oder andere ganzheitliche Verfahren – als sinnvolles Konzept aus einem Guss.“

Mit seinem Blick in die Zukunft setzt Prof. Dr. Claus Fischer, Bayreuth, Vorsitzender des Arbeitskreises Prävention, Umwelt- und Komplementärmedizin in der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), auf weitere Forschungen.

„Wer seine Methoden oder Präparate nicht der wissenschaftlichen Diskussion stellt, nicht die Gelegenheit gibt, sie nachzuvollziehen, zu überprüfen und eigene Schlüsse zu ermöglichen, der hat Gründe dafür. Wer so vorgeht und sich konventionellen medizinischen Anforderungen versperrt, disqualifiziert sich als Gesundheitsanbieter selbst,“ sagte Fischer 2o1o auf dem 62. DGU-Kongress in Düsseldorf, und zog damit eine Grenze bei der wissenschaftlichen Nachvollziehbarkeit zwischen der Komplementärmedizin und der Grauzone diverser Heilpraktiken.

Ich denke, dass die Integrative Medizin
das beherrschende Thema
der nächsten zwanzig Jahre sein wird

Thomas Breitkreuz

Integrative Onkologie

Breitkreuz und Fischer, beide Fachärzte mit Schwerpunkt Onkologie, haben in ihren Statements jeweils besonders an die Krebstherapien gedacht. Sie hielten es für notwendig, alle vielversprechenden krebstherapeutischen Ansätze vorbehaltlos zu betrachten und kritisch zu prüfen:

„Während an den meisten Krebskliniken abstrakt anhand von Leitlinien festgelegt wird, wie bei der konventionellen Therapie je nach Stadium und Tumorart vorzugehen ist, sieht eine ganzheitliche Therapieempfehlung weitere Aspekte vor … Zudem kennen wir im Idealfall den Patienten und seine individuelle therapeutische Situation und wissen, welche Art der Therapie er möchte oder nicht und aus welchen Gründen welche Behandlung aufgrund seiner körperlichen und seelischen Verfassung in Frage kommt. Davon profitiert er sowohl physisch als auch psychisch,“ so Breitkreuz.

„Letztlich ist es unerheblich, ob eine Therapie aus der Komplementär- oder Schulmedizin kommt, solange sie dem Patienten hilft,“ so Fischer.

Besondere Bedürfnisse nach Zuwendung und Betreuung

Wie ein umfassendes Therapiekonzept für Krebspatienten aussehen und funktionieren kann, ist Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte von der Mind Body Medizin über die Psychoonkologie bis zur Palliativmedizin. Denn auch die Welt derer, die ihren Krebs überleben, ist vielfach geprägt von Angst und Depression.[1]

Der potenzielle Preis für das Überleben ist eine lange Liste von Spätfolgen, die ebenso vielfältig sind wie die Tumorentitäten und deren Therapien; sie reicht von chronischer Fatigue und geschwächter Immunabwehr über Lymphödeme, neuronale Schädigungen, kognitive und affektive Störungen bis zu schlimmstenfalls einem Zweitmalignom bzw. zu Metastasen.

Die besonderen Bedürfnisse von Tumorpatienten nach Zuwendung und ganzheitlicher Betreuung werden in aller Regel bislang nicht erfüllt. Dabei ist beides im Rahmen der Rehabilitationsphase für Krebspatienten und deren Angehörige ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zurück in ein normales Leben.

„Wir haben in Deutschland eine überwiegende Aufgabenteilung zwischen Akut- und Rehamedizin,“ hat mir Prof. Dr. Joachim Weis, Leiter der Psychosozialen Abteilung der Klinik für Tumorbiologie an der Universität Freiburg, vor einiger Zeit gesagt. „Reha-Onkologen sind zumeist gut psychosozial geschult, aber für die thematisierten Probleme wie Ängste und Depression braucht es Experten. Wir haben vor allem psychosoziale Krebsberatungsstellen, die nicht flächendeckend aufgestellt sind. Psychosoziale Nachsorge ist unterrepräsentiert.“

Um hier eine adäquate Entwicklung voranzutreiben, sind laut Weis Programme nötig, die psychosoziale Probleme der Langzeitüberlebenden erkennen und valide erfassen, „damit wir angemessene sowie bedarfsgerechte Interventionskonzepte anbieten können.“

In jeder Hinsicht besser

Integrated Depression Care bzw. Depression Care for People with Cancer (DCPC) steht im angelsächsischen Sprachraum für ein solches Konzept. Es bietet eine umfassende Versorgung von Tumorpatienten mit einer Depression an – durch ein Team von Psychiatern, speziell ausgebildeten Krankenschwestern (Cancer Nurses) und entsprechend fortgebildeten Hausärzten. Leider mangelt es an der Umsetzung.

Deshalb haben sich Ende vergangenen Jahres die Autoren der mehrteiligen britischen Studie SMaRT oncology (Symptom Management Research Trials) mit Daten von insgesamt 21.151 Patienten dafür ausgesprochen, dass an dieser Situation dringend etwas geändert werden sollte.

Den Ergebnissen der in The Lancet, The Lancet Oncology und The Lancet Psychiatry veröffentlichten Arbeiten zufolge ging es dem überwiegenden Teil von integrativ bzw. psychoonkologisch betreuten Patienten im Vergleich zu nicht entsprechend betreuten Patienten in jeder Hinsicht besser: (schwere) Depression, Ängste, Schmerzen und Fatigue nahmen zu allen Zeitpunkten signifikant ab, parallel nahmen Parameter wie Funktionsfähigkeit, emotionale Stabilität, Lebensqualität zu.[2-4]

Ähnliches galt für Patienten mit schlechter Prognose. Am häufigsten unter einer schweren Depression litten Patienten mit Lungenkrebs (13,1%), es folgten PatientInnen mit gynäkologischen Tumoren (10,9%), Brustkrebs (9,3%), Kolorektalkarzinom (7,0%) und Genitaltumoren (5,6%). 1.130 von 1.538 Patienten erhielten keine wirksame antidepressive Behandlung. Um in der palliativen Situation neben der Wirksamkeit auch die Wirtschaftlichkeit eines solchen Programms für Tumorpatienten mit schwerer Depression bemessen und gegebenenfalls anpassen zu können, hielten die Autoren weitere Forschung für notwendig.

Für den Kommentator Prof. Gary Rodin, Department of Psychosocial Oncology and Palliative Care, Princess Margaret Cancer Centre Toronto, kamen die Studien zur rechten Zeit: Das Depressionsrisiko für Krebspatienten sei im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das Zwei- bis Dreifache erhöht, neurobiologische Faktoren könnten in diesem Teufelskreis eine zusätzliche Rolle spielen.[5] Deshalb würden die Ergebnisse wichtige Hinweise dahingehend liefern, dass Empathie und Achtsamkeit in der integrativen Onkologie selbstverständlicher „geliefert“ werden könnten und dass die positiven Wirkungen messbar würden.

Die Schulung der Achtsamkeit kann Krebspatienten bei der Bewältigung belastender Erlebnisse genauso helfen wie der Umgang mit unangenehmen Körperempfindungen: Neben einer entspannenden und antidepressiven Wirkung und der Erhöhung der Selbstwirksamkeit konnten in Studien auch positive psychoneuroimmunologische Effekte nachgewiesen werden.[6] Eine kanadische Studie, in der sich 21 kurativ behandelte Krebspatienten gemeinsam mit ihren Partnern in MBSR unterweisen ließen, hat deutlich gemacht, dass auch die Angehörigen von der Methodik profitieren können.[6] Im Rahmen einer Nachuntersuchung von Brustkrebspatientinnen, denen vor 8 bis 15 Jahren ein Gruppenprogramm zur Stressbewältigung (10 Wochen á 2 Stunden) den Neustart nach der Operation erleichtern sollte, geben die Frauen heute seltener Depressionen und eine höhere Lebensqualität an.[7]

Psychosoziale Nachsorge ist unterrepräsentiert
Joachim Weis

(Integrativ arbeitende) Onkologen braucht das Land

Die Bedeutung dieses Themas steigt mit der wachsenden Zahl der Patienten, die 5 Jahre oder länger mit ihrer Erkrankung leben. Derzeit sind es laut Hochrechnungen des Robert Koch-Instituts etwa 1,7 Millionen Menschen; bei rund 2 Millionen liegt die Erstdiagnose mehr als 10 Jahre zurück.

Die Gründe dafür sind einerseits die Verbesserungen der Diagnostik und Therapien von Krebserkrankungen, andererseits ist es die demographische Entwicklung. Beide Faktoren sorgen dafür, dass künftig immer mehr Patienten mit der Diagnose Krebs wie mit einer chronischen Krankheit leben werden. Die Gesundheitssysteme wiederum werden zusätzlich vor enorme Herausforderungen hinsichtlich der Anforderungen an die spezialisierte Versorgung und die Zahl der Fachärzte und Pflegekräfte gestellt. Daran mangelt es nicht nur heute an allen Ecken und Enden, sondern auch in den nächsten Jahren.

Darauf weisen auch die 2o14 vorgestellten Studien Future Demands für Deutschland und Österreich hin. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) und der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) sind eine Bestandsaufnahme und künftige Anforderungen an die onkologische Versorgung bis 2020 erstellt worden.[8]

Vielleicht wird auch deshalb neuerdings aus dem Gesundheitsministerium der Ruf nach mehr zertifizierten Tumorzentren lauter. Dort wird per se interdisziplinär kooperiert. Dies wiederum ermöglicht optimierte Behandlungskonzepte, die von der Erstdiagnose über die Therapieplanung bis zur Therapiekontrolle reichen. Nicht alle sind integrativ ausgerichtet, dennoch ist empathische Begleitung hoffentlich inklusive.

 

Zum Thema


Onko-Internetportal der Deutschen Krebsgesellschaft: Entspannungstechniken für Krebspatienten
Stand: o2.März 2o15

 

1 Mitchell AJ et al: The Lancet Oncology. 2013; 14 (8): 721-732
DOI: 10.1016/S1470-2045(13)70244-4

2 Walker J et al: The Lancet Psychiatry 2o14. 1; 5: 343-350
DOI: 10.1016/S2215-0366(14)70313-X

3 Sharpe M et al: The Lancet 2014. 384; 9948: 1099-1108
DOI: 10.1016/S0140-6736(14)61231-9

4 Walker J et al: The Lancet Oncology 2o14. 15; 1o: 1168-1176
DOI: 10.1016/S1470-2045(14)70343-2

5 Rodin G: The Lancet 2o14. 384; 9948: 1076-1078
DOI: 10.1016/S0140-6736(14)61342-8

6 Dobos G und Kümmel S: Gemeinsam gegen Krebs. Zwei Ärzte für eine menschliche Medizin. Zabert Sandmann 2o11

7 Stagl JM et al: Cancer (online) 23. März 2015
DOI: 10.1002/cncr.29076

8 DGHO: Herausforderung demografischer Wandel. Bestandsaufnahme und künftige Anforderungen an die onkologische Versorgung. Gesundheitspolitische Schriftenreihe, Band 1

Ein Maß finden in der Angst

Wir sehen den sozialen Frieden in Gefahr, misstrauen dem digitalen Fortschritt und fürchten uns vor Terror und Gewalt: Wir leben in einem Zeitalter der Angst, heißt es. Haben Angst vor dem Abstieg. Angst vor Einsamkeit. Angst davor, unsichtbar zu werden. Darüber hätte sich vor zehn Jahren noch intensiv diskutieren lassen. Heute nicht mehr.

 

Die vielen Gesichter der Angst sind neben den Depressionen in den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO die weltweit häufigsten Erkrankungen der Seele. Zugenommen hat naturgemäß auch die Zahl der Betroffenen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Angst lähmt unglaublich viele Menschen, und doch vertrauen sie sich niemandem an – aus Angst, nicht ernst genug genommen zu werden; aus Angst, zuviel von sich preisgeben zu müssen; aus Angst vor Stigmatisierung. Das setzt oft genug einen Teufelskreis in Gang: Es ist bekannt, dass sich hinter vielen Ängsten ursprünglich eine nicht erkannte und nicht behandelte Depression verbirgt.

Zunächst ist Angst ein prinzipiell wichtiges, notwendiges, normales Gefühl – ein genialer Trick der Natur, der letztlich Leben ermöglicht. Kinder fürchten die Dunkelheit, Erwachsene Gewitter, im Alter wächst die Angst vor Krankheiten, Einsamkeit und Tod.

Zur Diagnose wird Angst erst, wenn sie unangemessen stark ist, zu oft und zu lange auftritt, mit Kontrollverlusten oder Zwangshandlungen verbunden ist, starkes Leid verursacht und dazu führt, dass man den Auslösern aus dem Weg geht. Unter dem Begriff Angststörungen werden heute die Agoraphobie /Panikattacken, generalisierte Angststörung, soziale Phobie und spezifische Phobien zusammengefasst. Charakterisiert sind sie dadurch, dass die Betroffenen exzessiv auf akute Gefahren und Bedrohungen reagieren; gegebenenfalls existieren diese gar nicht.

Bin ich einsam? Ja, manchmal schon. Mir fehlen nicht einfach nur Menschen, sondern das Gefühl, von jemandem beachtet zu werden
Wilfried Erdmann, Weltumsegler

Der Nährboden für soziale Phobien

Allgemein spielt sich Angst stets auf vier Ebenen ab. Involviert sind die Gefühle (Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Furcht, Resignation), die Gedanken (ich kollabiere; ich verliere die Kontrolle), der Körper (Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Zittern etc.), das Verhalten (Flucht, Hilfe suchen, Vermeiden, Medikamente nehmen).〈1〉

Am weitesten verbreitet sind Agoraphobien: Ängste vor Spinnen, großen Plätzen, engen Räumen, Menschenansammlungen. Bei spezifischen Phobien gibt es von Bienen über Schlangen bis Vogelfedern nichts, was vor allem Frauen nicht anhaltend und exzessiv in Panik versetzen kann.

Die soziale Phobie wird seit wenigen Jahren intensiv als zeittypisches Phänomen wahrgenommen, obwohl sie bereits seit 1980 ein eigenständiges Krankheitsbild ist: In einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Klima, in dem Belastbarkeit, hohe Flexibilität und emotionale Kompetenz wichtiger denn je für private Beziehungen wie für Arbeitsatmosphären sind, finden Ängste einen guten Nährboden, so anspruchsvollen Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Bei einer generalisierten Angststörung steht die Sorge um alles und jeden im Vordergrund – um den Partner auf dem Weg zur Arbeit, um das Kind in der Schule, um den Verlust der finanziellen Sicherheit. Auf den ersten Blick mögen solche Befürchtungen hochneurotisch erscheinen, sie beherrschen und behindern das Leben jedoch Tage, Wochen, Monate.

Panikattacken kommen plötzlich und unerwartet und finden meist in Verbindung mit anderen Angststörungen statt, z. B. einer Agoraphobie. Häufig sind sie Folge einer Depression.

Für akute Belastungsreaktionen und eine Posttraumatische Belastungsstörung gibt es zahllose Ursachen: Krieg, Verbrechen, Vergewaltigung, Naturkatastrophen, Unfälle, Verluste (von Arbeitsplatz über Besitz bis zu einem oder mehrere Menschen durch Tod) … Ein traumatisierendes Ereignis kann unmittelbar erlebt oder beobachtet werden. Auch professionelle Ersthelfer werden häufig mit nachhaltigen Stressfaktoren konfrontiert: mit dem Anblick und Ausmaß einer Katastrophe.

Zwangsstörungen sind extrem gesteigerte Handlungen und Gedanken (Hände waschen, Herd überprüfen, Haustür absperren …), die in viele Lebensbereiche ragen, sehr zeitraubend werden, mit großem Leidensdruck und oft auch körperlichen Beschwerden verbunden sind. Sobald zwanghafte Handlungen oder Gedanken unterdrückt werden, verstärkt sich die Angst deutlich.

Kein gemeinsamer Nenner

Ängste lassen sich nicht immer auf einzelne, eindeutige Ursachen zurückführen. Es wirken verschiedene Faktoren zusammen, genetische Veranlagung und erlernte Verhaltensmuster ebenso wie das soziale Umfeld und biographische Krisen. So vielfältig die Faktoren auch sind, erst im Zusammenwirken wird die Seele letztlich verletzbar – vulnerabel – gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress. Entsprechend werden die Zusammenhänge wissenschaftlich unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst. Es integriert verschiedene Theorien und Aspekte über die Ursachen, die bei jeder Angststörung wichtig sind:

Das psychosoziale Modell

Konzentriert sich auf Stressoren und Konflikte. Demnach sind Ängste auf situative Stressfaktoren (z. B. schmerzliche Trennungen oder Verluste, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit) und/oder psychische Konflikte (z. B. zermürbende Partnerkrisen) zurückzuführen. Früher galt die Auffassung, dass mit dem Grad des Stresses die Schwere der Angst korreliert. Ziel der Behandlung war es, die Belastungen auszuschalten. Dann hat sich gezeigt, dass nicht alle Angststörungen in das Schema passen. Bei der Entwicklung einer generalisierten Angst beispielsweise sind neben Dauerstress ein geringes Selbstwertgefühl sowie ein suboptimaler Gesundheitszustand beteiligt.

Hier kann Ihnen ein SecondaVita Præventionstraining oder Systemisches Præventionscoaching helfen.

Das lerntheoretische Modell

Betont wird die klassische Konditionierung: Bislang neutrale Situationen oder Objekte lösen plötzlich Angstreaktionen aus. Andere Lerntheorien betrachten Angststörungen im Zusammenhang mit der gesamten Persönlichkeitsentwicklung. In der frühen Lebensführung kann – muss aber nicht – die Erziehung die Entwicklung von Angst begünstigen. Unter anderem können

  • eine überbehütete Kindheit;
  • traumatische Erfahrungen (körperliche, psychische Misshandlungen);
  • eine an liebevoller Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung fehlende Erziehung;
  • elterliche Zuwendung, die an besondere Leistung gebunden ist;
  • ein Erziehungsstil, der selbstsicheres und unabhängiges Verhalten wenig fördert;
  • Lerndefizite im Sozialverhalten

früh wichtige Hirnareale verändern. Die so entstehenden biologischen Narben prägen die Persönlichkeit. Experten sprechen von erhöhter Angstbereitschaft gegenüber sozialen Situationen, die als bedrohlich erlebt werden.

Die Anfälligkeit allein führt aber nicht zwingend in die Erkrankung. Auch scheint es, als hätten die Betroffenen kein ausgeprägtes Gefühl der Kohärenz. Gemeint ist damit eine widerstandsfähige Haltung zum Leben, die mit der Gewissheit einhergeht, tägliche Belastungen und Krisen bewältigen zu können.

Hier kann Ihnen ein Systemisches Præventionscoaching helfen.

 Die Rolle der Gene

Die Frage, warum nicht alle Menschen unter ähnlichen Bedingungen krank werden vor Angst, versuchen unter anderem Genetiker und Neurowissenschaftler zu klären, indem sie zunächst postulieren: Es muss zusätzlich eine genetische bzw. biologische Veranlagung vorliegen.

Genetische Faktoren werden für psychische Erkrankungen bisher nicht vollständig verstanden. Gene können einerseits ein Risikofaktor für eine psychische Störung sein, andererseits aber auch eine Schutzwirkung haben. Insgesamt sollte ihre Bedeutung nicht überschätzt werden, sie lösen per se keine Krankheiten aus, sie disponieren lediglich dafür. Das heißt, es gibt ein erhöhtes Risiko, die Krankheit muss nicht automatisch ausbrechen. Maßgeblich verantwortlich sind andere Faktoren, oft Umwelteinflüsse und der Lebensstil.

Das biologische Modell

„Der Schlüssel für ein besseres Verständnis psychischer Störungen heißt Hirnforschung,“ hat Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken für Psychiatrie in Düsseldorf, zu Beginn des Jahres 2000 festgestellt. Zu jenem Zeitpunkt hielten die Psychiater ihr Fach für das interessanteste der gesamten Medizin, da die zahlreichen neuen Erkenntnisse der Hirnforschung über die Funktionsunterschiede zwischen Gesunden und Kranken in den zehn Jahren zuvor die Psychiatrie revolutioniert hatten – im Verständnis der Ursachen über die Diagnostik bis zu den Therapien. Derzeit ist der Lack ein bisschen ab, aber das ist ein anderes Thema.

Nach wie vor gilt: Welche Krankheitsform sich die leidende Seele sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab. In fast allen Fällen geht dies mit Veränderungen in bestimmten Hirnarealen einher, genauer: mit einer Störung im Stoffwechsel der chemischen Botenstoffe (Neurotransmitter). Diese gewährleisten die einwandfreie Kommunikation zwischen den rund 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns und steuern verschiedene körperliche und geistige Prozesse.

Man weiß auch: Angst ist Stress – wie jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns einwirkt. Und Stress verändert Hirnfunktionen. Die komplexen Prozesse, die Angstgefühle erzeugen, laufen mit unfassbarer Geschwindigkeit und vielfach unbewusst ab. Welche Hirnstrukturen und Neurotransmitter daran beteiligt sind, war und ist Gegenstand zahlreicher Forschungen.

Klar ist: Bei Angstpatienten sind bestimmte Hirnregionen und die zugehörigen Neurotransmitter aktiv, die unmittelbar Denken und Fühlen beeinflussen. Dazu gehören die Mandelkerne (Amygdalae), eine stammesgeschichtlich sehr alte, paarig angelegte Funktionseinheit im Großhirn, die eng mit verschiedenen Strukturen des Gehirns verschaltet ist. Ob Furcht oder Fluchtwünsche – bei jeder Art von Emotionen spielt die Amygdala eine zentrale Rolle.

Ist die erst mal aktiviert, läuft das typische Kampf-Flucht-Schema ab, das Menschen und höher entwickelte Tiere seit Urzeiten durchs Leben begleitet und dieses oft genug rettet. Ein Faktor, der bei der körperlichen Wahrnehmung von Stress eine Rolle spielt, ist das vegetative Nervensystem. Es ist bei Angstpatienten leichter erregbar als bei Gesunden. Das Vegetativum stellt die Verbindung zu den inneren Organen und Drüsen her, es hat mit Körperprozessen zu tun, die selbstständig ohne das Bewusstsein (unwillkürlich) ablaufen. Beispiele sind Funktionen wie Atmung, Verdauung, Blutdruck, Schwitzen, Weinen.

Unklar ist generell noch, was Henne und Ei ist, inwieweit also Neurotransmitter-Störungen zum eigentlichen Ausbruch einer psychischen Erkrankung führen oder ob sie selbst lediglich Bestandteil des Prozesses sind.

Besonnenheit impliziert ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Angst, aber auch von Hoffnung, ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Sehnsucht,
aber auch von Besorgnis

Giovanni Maio

Verstanden werden, Harmonien herstellen 

So oder so: Ängste, die das Leben dominieren, gehören immer in die Obhut von ebenso qualifizierten wie empathischen und engagierten Fachleuten. Außerdem verschwinden Ängste in aller Regel nicht von allein. Abhängig von den Ursachen, Beschwerden, Schweregraden und Patientenwünschen stehen differenzierte Ansätze zur Verfügung, die sich gegebenenfalls kombinieren lassen. Die neue S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen ist von April 2014; Orientierung für die Behandlung von Zwangsstörungen bietet eine neu entwickelte S3-Leitlinie von März 2o15.

Das Spektrum ist groß, begleitend zu Verhaltenstherapien, medikamentösen Maßnahmen, Hypno- und Traumatherapien oder Körpertherapien einschließlich Sport haben sich die Techniken der Stressbewältigung durch Achtsamkeit (Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) nach Kabat-Zinn als  sinnvoll und hilfreich erwiesen.

Das Wichtigste aber ist Zeit, Trost, Zuversicht – ist das Prinzip Hoffnung, ist positive Motivation. Es gilt, ein verständliches Modell seiner Krankheit zu erhalten, zum Experten seiner selbst zu werden und mehrdimensionale Wege zur Genesung zu eröffnen. Angstfreiheit lässt sich nicht verordnen, es lässt sich aber eine Harmonie herstellen zwischen dem was ist und dem, was idealerweise sein könnte. Der Arzt, Philosoph und Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio, Freiburg, nennt dies den „zentralen Wesenszug der Besonnenheit“, die eine Voraussetzung für das Selbstsein sei und die einen davon abhält, maßlos zu sein – auch mit den eigenen Affekten.〈2〉

Besonnenheit setze Realitätssinn und Klugheit voraus, eine innere Ruhe und Handelnwollen; Eigenschaften, die gleichsam nützlich sind für das therapeutische Konzept des Befähigens. Werden auch noch Angehörige aktiv eingebunden, umso besser: Im Rahmen der Psychoedukation können Patienten und Angehörige ihre jeweilige Lebensqualität verbessern auf dem Weg, zumindest angstfreier zu leben. In diesem Perspektivwechsel hin zur Stärkung der Standfestigkeit und Autonomie liegt zudem die Chance, sich selbst zu finden und, mehr noch, sich selbst annehmen zu können.

„Es ist unsere innere Einstellung, die uns sagt, dass das vermeintlich Imperfekte im Menschen, seine Leistungsgrenzen, seine Verwundbarkeit einen tieferen Sinn haben“, schreibt Maio. Gesund sei nicht, wer keine Beeinträchtigung hat, sondern wer einen kreativen Umgang mit seiner eigenen Begrenztheit und seiner grundsätzlichen Versehrbarkeit gefunden hat.

 

Zum Thema


IM FOKUS: DAS KRANKE GEHIRN

 

9 IDEEN FÜR EINE BESSERE NEUROWISSENSCHAFT

 

1 Berger, Mathias et al: Angststörungen in Psychiatrie und Psychotherapie. Urban u Fischer 2ooo

2 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

Wohlwollend denken

Negative Gedanken. Das Unangenehme daran ist, dass sie alles noch schlimmer machen. Ob jede Situation, und sei sie noch so bitter, immer auch Gutes birgt, darüber lässt sich nicht wirklich diskutieren. Es gibt Menschen, die sind resilient, andere sind es nicht.

Gleichwohl lässt sich etwas an dem Versuch tun, Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen herzustellen und die Destillate in einen größeren Kontext zu stellen. In der Psychologie geht man davon aus, dass die Art, wie ein Mensch sich und das Leben sieht, von seinen Einstellungen, Gedanken, Bildern, Selbstgesprächen und Interpretationen aktiv beeinflusst wird. Inhalt und Qualität von Kognitionen beeinflussen Gefühle, Verhalten, Körperreaktionen und schließlich die Gesundheit.

Beispielsweise kann aus der sich wiederholenden Erfahrung der Hilflosigkeit in verschiedenen Situationen der Lerneffekt entstehen, das Leben nicht meistern zu können. „Erlernte Hilflosigkeit“ führt zu Denkmustern wie „Ich kann nichts, ich bin ein Loser, egal, was ich tue.“ Und ist ein Wegbereiter für Depression. Depressive Erkrankungen sind gekennzeichnet durch eine mangelnde Bewältigung und Kontrolle von negativen Gedanken, Eindrücken und Gefühlen.

Umgekehrt sind Narzissten und Psychopathen so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass die Befindlichkeiten anderer sie weder interessieren noch berühren. Nicht von ungefähr werden sie in der Wissenschaft auch „Sozialstraftäter“ genannt – und zusammen mit den Machiavellisten, den skrupellosen Manipulatoren, als „Dunkle Triade“ bezeichnet.

Oder: Wer an einen Streit mit dem Partner oder an Probleme am Arbeitsplatz denkt (vielleicht wegen der eben genannten Mitarbeiter oder Vorgesetzten), kennt vielleicht innere Monologe wie „Das hört und hört nicht auf.“ – „Warum gerade ich…“ – „Das wird wieder ein grauenvoller Tag.“

Gerade im Zusammenhang mit klinischen psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankungen ist es wichtig, seine eigenen negativen Gedanken, Überzeugungen, Gefühle zu kennen, sie lassen sich dann eher steuern. Sonst haben sie Sie, nicht Sie sie.

Negative Gedanken und Überzeugungen
wahrnehmen, ordnen, annehmen, ersetzen

 

Mit mentalen Verfahren lässt sich daran arbeiten, die eigene Person und stresserzeugende Situationen bzw. in stresserzeugenden Situationen realistischer wahrzunehmen. Grundannahme ist, dass destruktive Denk- und Verhaltensweisen erlernt wurden und wieder verlernt werden können. In entsprechenden Übungen werden automatisch auftauchende negative Gedanken und Überzeugungen identifiziert, bewertet und umgewandelt.

Wenn man ein Ziel hat, wird vieles unwichtig.
Dazu gehört auch die Einsamkeit
Wilfried Erdmann, Alleinsegler

In was? In Annahme vielleicht, in Annahme dessen, was ist. Das hat nichts mit Resignation oder Fatalismus zu tun. Im Gegenteil, es kann kreative Kraft entstehen und letztlich eine Haltung, die Dinge des Lebens sportlicher zu nehmen. Haltung ist ein besonderes Wort. Denn innere und äußere Haltung bilden den Gesamtzustand ab. In dem Sinne kann es nicht schaden, sportlich zu sein und jegliche Bewegungen bewusst auszuführen. Das heißt, auf das „Wie“ des Tuns zu achten.

Nach dem Prinzip funktionieren nahezu alle mentalen Trainingsformen, die Ziele sind stets die gleichen. Auf dieser Basis funktionieren auch mein Mind Body Medizin-Training | Selbstführungs-Training und meine Præventionsoachings:

Ziele des MBM-Trainings| Selbstführungs-Trainings und des Präventionscoachings:

 

  • Wohlwollende Grundeinstellung
  • Innere Kraftquellen nutzen
  • Sich besser kennenlernen
  • Die 5S
  • Integrativer Umgang mit Krisen, Konflikten, Widerständen 
  • ein guter, zumindest besserer Schwimmer werden
  • Visionen entwickeln, um Ziele greifbarer zu machen

 

Auf dem Weg zu neuen Ufern und zu Antworten ist es hilfreich, sich – und andere – nicht unter Druck zu setzen. Um Wohlwollen zu „schenken“ und uneigennützig für jemanden da zu sein, müssen wir uns selbst wohlfühlen. Es gibt ein paar Qualitäten oder auch ungeschriebene Gesetze, eines ist Geduld gepaart mit Gelassenheit, denn „ein Jegliches hat seine Zeit“. Darüber hinaus gibt es Meditationen, in denen es darum geht, eine Einstellung freundlichen Wohlwollens sich selbst und anderen gegenüber zu entwickeln.

„Man muss überdies von einem bequemen Rezeptdenken Abschied nehmen, der Suche nach fertigen, situationsunabhängig gültigen Prinzipien, die für alle gelten können – immer und überall,“ schreiben Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun, der Erfinder der Kommunikationspsychologie, und der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen.〈1〉 Was bleibe, sind gedankliche Rahmenbildungen, Werkzeuge zur Entdeckung der eigenen, individuellen Lösung.

Beste Ausdrucksform für das Ergebnis derart reflexiver Prozesse sind gute Selbstgespräche. Darüber hinaus ist es im Idealfall eine Art des Miteinander-Redens, die sich für beide Seiten als bereichernd erweist, da sie geprägt ist von „3 W“: Wertschätzung, emotionale Wärme, kluge Worte.

Und wenn man doch einmal ein Rezept präsentiert,
so bleibt dies der Selbsterarbeitung überlassen
Friedemann Schulz von Thun

 


 

1 Pörksen B und Schulz von Thun F: Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Carl Auer, 2o14

 

 

Bewusst entspannen

Winston Links | ask 2o13  Es gibt Menschen, die Ruhe nervös macht; Menschen, die den Sonntag – den Ruhetag – nicht leben können; Menschen, die sich vor sich fürchten – die fürchten, sich plötzlich mit sich beschäftigen zu müssen.

Jeder kann lernen, sich angstfrei zu begegnen und die belastenden Anforderungen eines komplexen Lebens positiv zu beeinflussen. Ein Weg ist sicherlich bewusstes Entspannen.

Auf körperlicher Ebene ist damit das Lösen von Muskelspannungen und eine Beruhigung des Atems gemeint.

Auf mentaler Ebene geht es um Wahrnehmen und „ziehen lassen“ von negativen Gedanken oder zwanghaften Sorgen.

Auf emotionaler Ebene geht es um Entwicklung größerer Gelassenheit, mehr Selbstakzeptanz, Konzentration und inneren Frieden.

Alle drei Ebenen – Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle – beeinflussen sich gegenseitig und finden im Verhalten ihren Ausdruck. Allerdings: Ruhe lässt sich nicht ein- und ausschalten wie eine Lampe. „Wir brauchen Übergangsrituale – Handlungen die immer wiederkehren und über die man nicht nachdenken muss,“ so Karlheinz A. Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Als Beispiel nennt Geißler das Unkrautzupfen.

Von Atmen bis Yoga

Das Ziel bewusster Entspannung ist nicht, immer entspannt zu sein; Ziel ist es, Entspannungsfähigkeit zu entwickeln und die Lieblingstechnik/en in den Alltag zu integrieren. Ansonsten macht der regelmäßige Wechsel zwischen An- und Entspannung einen gesunden Lebensstil aus.

Welche Entspannungsmethode die jeweils richtige ist, lässt sich nur durch Experimentieren herausfinden. Den Möglichkeiten sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt, hilfreich für die Entscheidung kann die Einteilung in Top-down-Verfahren und Bottom-up-Verfahren sein:

Top-down-Verfahren wie Autogenes Training, Meditation oder Feldenkrais lösen Entspannung über die Gedanken aus und wirken auf das vegetative Nervensystem (steuert alle Organfunktionen) und die motorische Muskulatur.

Bottom-up-Verfahren wie Progressive Muskelentspannung und Yoga wirken über bewusstes An- und Entspannen der Muskulatur auf das vegetative Nervensystem und die Gedanken.

Eines gilt für alle: Je ruhiger die Umgebung ist, umso besser. Wichtiger als eine Methodik an sich ist jedoch regelmäßiges Üben. Als optimal gelten 20 bis 30 Minuten täglich. Wer dies nicht einrichten kann, sollte zumindest versuchen, sich mehrmals zwischendurch fünf Minuten auf seine Atmung zu konzentrieren. Jedes noch so kurze Zentrieren wirkt positiv.

 


 

Geißler, Karlheinz A: Zeit – verweile doch … Lebensformen gegen die Hast. Herder 2oo2

Depression oder Demenz?

Die Frage lässt sich nur differentialdiagnostisch beantworten. Alles andere gestaltet sich schwierig, denn in vorgerücktem Alter sind depressive neben demenziellen Erkrankungen die häufigsten gerontopsychiatrischen Syndrome.

Das gilt insbesondere für die mit 11 bis 30 % häufigen subsyndromalen Depressionen – jenen Formen, deren Symptome nicht alle Kriterien einer unipolaren bzw. Major Depression nach den internationalen Klassifikationssystemen erfüllen und deren Einhergehen mit körperlichen Erkrankungen zu einer vielschichtigen Symptomatik führt.

Auch die leichte kognitive Beeinträchtigung (mild cognitive impairment, MCI) bezeichnet Defizite, die über die Altersnorm hinausgehen, ohne dass bereits die Kriterien einer Demenz erfüllt wären. Die Betroffenen haben jedoch ein erhöhtes Risiko, an einer manifesten Demenz zu erkranken. Die Häufigkeit der MCI ist je nach Umfeld, Bildung und Alter sehr heterogen, in der Literatur sind bereits für die etwa 60jährigen „jungen Alten“ Schätzungen zwischen 13,5 % und 98 % zu finden [1].

Unheilige Allianzen

Unheilige Allianzen entstehen, wenn die Symptome einer Depression von denen einer Demenz überlagert werden. Gerade frühe Demenzstadien sind oft mit Depressivität vergesellschaftet, weil die Betroffenen einen stetigen Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten schmerzhaft wahrnehmen.

„Aber auch der umgekehrte Fall existiert. Manche Menschen sind depressiv, wirken allerdings dement, weil sie beispielsweise kaum noch reden,“ so Prof. Dr. Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen [2].

Die Forschungsfragen für die Altersmedizin sind folglich ebenso vielschichtig wie zahlreich. Eine im Journal of the American Medical Association (JAMA) publizierte umfangreiche Studie ist dem Ansatz nachgegangen, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen „Late-Life Depression“, leichten kognitiven Störungen und Demenzen gibt und ob darüber hinaus die Depression des Alters das jeweilige Risiko für Entwicklung und Progression erhöht [3]. Es klingt die Frage nach „Henne und Ei“ an, die nicht nur in den USA schon länger ergebnisoffen diskutiert wird.

Die Daten deuten darauf hin, dass Depressionen die Entwicklung leichter kognitiver Störungen und im weiteren Verlauf die zu einer Demenz begleiten und beidem nicht vorausgehen.

„Fatalerweise halten viele es für normal, dass ältere Menschen eine depressive Grundhaltung haben“
Frank Schneider

Von den insgesamt 2.183 multiethnischen Teilnehmern waren jene mit MCI im Vergleich zu Teilnehmern mit normalen kognitiven Funktionen um bis zu 40 % häufiger depressiv, das galt vor allem für jene mit nicht anamnestischer MCI. Demente Teilnehmer waren doppelt so häufig depressiv wie nicht demente Teilnehmer, das betraf besonders jene mit Vaskulärer (gefäßbedingter) Demenz.

Patienten, die bei Aufnahme in die Studie „nur“ depressiv gewesen waren und kognitiv sozusagen im grünen Bereich, hatten ein erhöhtes Demenzrisiko mit schwacher Tendenz zu Morbus Alzheimer. Subsyndromale Depressionen beeinflussten weder die Entwicklung einer MCI noch einer manifesten Demenz.

Die Autoren finden diese Unterschiede zwar wichtig, da die meisten Studien, die eine Depression als potenziellen Prädiktor einer Demenz untersucht haben, nicht zwischen den wesentlichen zwei Demenzformen unterscheiden: die vom Typ Alzheimer und die Vaskuläre Demenz. Daneben sind ca. 50 weitere Erkrankungen bekannt, die mit demenzähnlichen Symptomen einhergehen. Gleichzeitig aber raten sie zu vorsichtiger Interpretation: „Wir haben keine Neuroimaging-Daten erhoben und zu Beginn der Studie keinen Zusammenhang zwischen individuellen vaskulären Risiken und Depression gefunden.“

In Studien mit Bildgebung wird eben dieser Aspekt untermauert: Erkrankungen des Gefäßsystems werden im „Late-Life-Depression-Puzzle“ als möglicher Risikofaktor diskutiert, der potenziell zu Schäden in den kleinen Endarterien des Zentralen Nervensystems (ZNS) beiträgt, in der Folge die neurobiologischen Abläufe stört und gleichermaßen Stimmung wie exekutive Funktionen beeinträchtigt [4].

Besonderheiten der Depression des Alters

Diese sogenannte vaskuläre Hypothese sieht einen Zusammenhang zwischen den gefäßbedingten Risikofaktoren für eine Demenz – z. B. Diabetes, Vorhofflimmern, Bluthochdruck, Hypercholesterinämie – und einer depressiven Symptomatik [5]. Der Kreis zur Vaskulären Demenz würde sich schließen, da diese durch Mikro- und Makroangiopathien im ZNS entsteht. Eine chinesische Studie hat sogar versucht, den Effekt allein des Passivrauchens für schwere demenzielle Verläufe zu belegen [6].

Andere Autoren können diese Hypothese nicht bestätigen und begrenzen sie auf Depression nach einem Schlaganfall (post stroke depression) und auf Depression nach Myokardinfarkt. Für sie bleibt die Depression in jeder Lebensphase ein multifaktorielles Geschehen.

„Die Besonderheit der Depression im Alter liegt in der Reaktion auf schwierige Begleiterscheinungen des Alterns“, schreibt Schneider, der 2009 und 2010 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychologie, Psychosomatik und Nervenheilkunde war [2].

  • Ängste, die um den Verlust körperlicher Unversehrtheit und den der Selbstständigkeit kreisen,
  • die nachlassende physische und kognitive Leistungsfähigkeit,
  • die Zunahme organischer Beschwerden,
  • der Wegfall des sozialen Status durch Berentung,
  • der Tod geliebter Angehöriger und nicht zuletzt Einsamkeit:

Diese Faktoren können laut Schneider Depressionen nähren, wenn es keine Bewältigungsstrategien gibt: „Fatalerweise halten viele es für normal, dass ältere Menschen eine depressive Grundhaltung haben.“

Gefährlich, unterdiagnostiziert, untertherapiert

Wen wundert´s. Die Prävalenz für milde und mittelschwere Depressionen bei über 65-Jährigen ist hoch, sie wird mit etwa 10% für zu Hause lebende und etwa 40 % für Senioren in Pflegeeinrichtungen angegeben. Die einen wie die anderen leiden vor allem unter Rückzugstendenzen, Antriebslosigkeit, Unruhe oder Gereiztheit, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen im Tagesverlauf, depressiven und schlimmstenfalls suizidalen Gedanken.

Fast 40 % aller Suizide werden von über 60-Jährigen begangen. Die Zahl wiederum verdeutlicht die Problematik, Suizidalität überhaupt zu erkennen, da sie von den Symptomen einer Demenz überlagert werden kann. Nicht zuletzt deshalb gilt die Depression des Alters als gefährlich, unterdiagnostiziert und untertherapiert. Nur etwa jede zweite wird von den Hausärzten erkannt und noch seltener fachgerecht behandelt.

Und was die Häufigkeit der subsyndromalen Depressionen betrifft, so wird diskutiert, „ob es sich um einen spezifisch deutschen Befund handelt – denn aus anderen europäischen Ländern wird diesbezüglich nichts berichtet, und ob dieser auf Traumatisierungserfahrungen der heute alt gewordenen Kriegskinder zurückgeht“, sagte Dr. med. Claus Wächtler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie mit Schwerpunkt seelische Störungen im Alter, einmal anlässlich einer Fortbildung der Ärztekammer Hamburg. Wächtler meinte damit vor allem Kriegserlebnisse mit Ausbombung, Vertreibung und Vergewaltigung, die in einer Demenz schlimmstenfalls noch einmal ganz gegenwärtig werden.

 


Unterschiede zwischen Depression und Demenz [7]

 

  Depression Demenz
Beginn Rasch; schnelles Fortschreiten (Wochen, Monate) Schleichend (>6 Monate)
Orientierung Meist vollständig vorhanden Gestört
Problembewältigung Grübelzwang, häufiges Klagen Bagatellisierung, Verharmlosung
Kognitive Störungen Wenig ausgeprägt, ausgenommen Verlangsamung; Leistungsschwankungen bei Tests gleichen Schwierigkeitsgrades; häufige Schuldgefühle über vermeintliche Versäumnisse und Leistungseinbußen Zunehmend, z. B. bei Auffassung oder Aufmerksamkeit; Leistungsminderung bei Tests; für kognitive Beeinträchtigungen werden andere Personen oder die Umstände verantwortlich gemacht
Schlaf Ein- und/oder Durchschlafstörung mit Grübeln Zunehmende nächtliche Unruhe und Umtriebigkeit
Stimmung Abends Aufhellung Abends Abfall
Sexualität Eher inaktiv Eher aktiv
Soziale Aktivitäten Rückzugstendenzen Versuche, sozial aktiv zu bleiben und eigene Defizite zu verharmlosen
Hygiene Unauffällig Gestört
Antidepressive Therapie Bessert Denkstörungen Einfluss auf Denkstörungen

 


 

1 Seidl U et al: J prev med 2007(3): 286-293

2 Schneider F und Nesseler T: Depressionen im Alter: Die verkannte Volkskrankheit. Herbig Gesundheitsratgeber 2011

3 Richard E et al: JAMA Neurol 2013; 70(3): 383-389. DOI: 10.1001/jamaneurol.2013.603

4 Steffens DC et al: Stroke 2003; 33 (6): 1636-44. DOI: 10.1161/01.STR.0000018405.59799.D5

5 Sneed JR: Am J Geriatr Psychiatry. 2011 (2): 99-103

6 Chen R et al: Occup Environ Med 2013; 70(1): 63-69 bzw. Friedrich MJ: JAMA 2013; 309(7): 649 DOI:10.1001/jama.2013.503

7 Wolfersdorf M, Schüler M: Depressionen im Alter. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2005 und Bär KJ: Klinik für Psychiatrie, Universitätsklinikum Jena

Was ist Prävention?

Immer mehr Menschen nutzen gesundheitsfördernde Produkte und Dienstleistungen. Ob atmungsaktive Kleidung mit UV-Schutz, probiotischer Joghurt oder Gesundheitstourismus – längst hat der Zeitgeist traditionelle Angebote eingeholt, zum Beispiel die umstrittenen regelmäßigen Check-ups. Der Trend geht klar dahin: Alles wird gesund. Alles ist machbar.

Ist das Prävention? Die Antwort wird naturgemäß unterschiedlich ausfallen, da jeder Einzelne etwas anderes unter dem Begriff versteht. Grundsätzlich ist alles Prävention, was Krankheit verhindert, verzögert oder weniger wahrscheinlich macht. Der Begriff selbst kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Prävention setzt zeitlich vor dem Eintritt eines Risikos an, Therapie danach.

Ohne Einsicht in die Grenzen des Machbaren
und den Sinn des Gegebenen
können wir nicht glücklich werden.

Giovanni Maio

Schon mit den klassischen Möglichkeiten der Prävention kann jeder den großen Volkskrankheiten aktiv entgegenwirken oder, bei bestehenden Störungen, Schlimmeres abwenden. Jede Krankheit, die nicht entsteht, ist die beste Entlastung für – ja, für wen eigentlich? Eine Gesellschaft, zu deren Lebensprinzipien bisher nicht die Salutogenese gehörte – die Gesundheitsentstehung als Wert an sich –, sondern die Pathogenese mit einer auf Funktionalität, Planbarkeit, Kontrollierbarkeit, Effizienz und monetären Gewinn ausgerichteten Hochglanzmedizin, befindet sich in einem Teufelskreis. Der einzelne Mensch in dieser Gesellschaft wird Opfer seiner Ansprüche – oder die anderer – an Machbarkeit und übersieht, dass sein Glück darin liegt, wie er selbst der Welt begegnet.

Deshalb ist jede Erkrankung, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den präventologisch Handelnden und gleichsam ethisch Denkenden: „Seit der Antike dient ethisches Denken in erster Linie dazu, dem Menschen dabei zu helfen, ein erfülltes Leben zu führen. Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben,“ schreibt Prof. Giovanni Maio, Arzt, Philosoph und Medizinethiker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.[1]

Zu diesem gelingenden Leben gehören Maßnahmen, die sich nicht nur auf Korrekturen durch eine immer moderner werdende Medizin beschränken, nach dem Motto: Blutdruck zu hoch, Pille einwerfen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze geht es um aktive, im Wortsinn selbst-bewusste Korrekturen von Risikoverhalten im Alltag mit ganzheitlichen Ansätzen. Bereits kleine Veränderungen können große Wirkungen zeigen:

  • Das „Richtige“ und weniger essen,
  • sich täglich (mindestens) 30 Minuten bewegen,
  • bei Belastungen entspannt bleiben,
  • gut mit sich und anderen umgehen,
  • auf ausreichenden Impfschutz achten.

Ein „gesunder Lebensstil“ kann die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre verlängern, lauten Zwischenergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht.[2,3] Verhindern lassen sich [4]

  • 92% aller Herzinfarkte,
  • 90% aller Diabeteserkrankungen,
  • 85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems,
  • 50% aller Krebserkrankungen.

SecondaVita Prävention unterstützt Sie hierbei – mit einem Mind Body Medizin-Training | Selbstführungs-Training mit individuell abgestimmten Maßnahmen und Strategien, die Ihnen auch noch nach einem 10-Wochen-Programm helfen, Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden ganzheitlich selbst und eigenverantwortlich zu steuern. Die Methoden wurden und werden vielfach untersucht, sind wissenschaftlich anerkannt und in ihren positiven Auswirkungen auf die Körpersysteme nachgewiesen. Und da jeglicher Sieg im Kopf entschieden wird, werden Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt.

 

Zum Thema

Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund?


1 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

2, 3 EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition): Studie 2006, Studie 2008

4 EPIC Studie 2oo4