„Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben“

 

 

Alles wird gesund. Alles ist machbar. Endlich Schluss mit diesem oder jenem. Wir leben – auch – in einem durch und durch oberflächlichen Zeitalter, das von Jugendlichkeit und Fitness geradezu besessen ist. Dafür ist kein Weg zu weit, kein Versprechen zu teuer.

Was ist das, Selbstoptimierung um jeden Preis? Prävention? Die Antworten werden naturgemäß unterschiedlich ausfallen, da jeder Einzelne etwas anderes unter den Begriffen versteht.

Mein Thema ist nun mal die Prävention, und hier gilt: Grundsätzlich ist alles Prävention, was Krankheit verhindert, verzögert oder weniger wahrscheinlich macht. Der Begriff selbst kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Prävention setzt zeitlich vor dem Eintritt eines Risikos an, Therapie danach.

Schon mit den klassischen Möglichkeiten der Prävention kann jeder den großen Volkskrankheiten aktiv entgegenwirken oder, bei bestehenden Störungen, Schlimmeres abwenden. Jede Krankheit, die nicht entsteht, ist die beste Entlastung für – ja, für wen eigentlich?

Eine Gesellschaft, zu deren Lebensprinzipien bisher nicht die Salutogenese – die Gesundheitsentstehung als Wert an sich – gehörte, sondern die Pathogenese mit einer auf Funktionalität, Planbarkeit, Kontrollierbarkeit, Effizienz und monetären Gewinn ausgerichteten Hochglanzmedizin, befindet sich in einem Teufelskreis: Der Einzelne wird zum Opfer seiner Ansprüche – oder die anderer – an Machbarkeit und übersieht, dass sein Glück darin liegt, wie er selbst der Welt begegnet.

SEIT DER ANTIKE DIENT ETHISCHES DENKEN
IN ERSTER LINIE DAZU, DEM MENSCHEN DABEI ZU HELFEN,
EIN ERFÜLLTES LEBEN ZU FÜHREN. ETHISCHES DENKEN ALSO
ALS ANLEITUNG ZU EINEM GUTEN LEBEN.
GIOVANNI MAIO

 

Deshalb ist jede Erkrankung, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den präventologisch Handelnden und gleichsam ethisch Denkenden: „Seit der Antike dient ethisches Denken in erster Linie dazu, dem Menschen dabei zu helfen, ein erfülltes Leben zu führen. Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben,“ schreibt Prof. Giovanni Maio, Arzt, Philosoph und Medizinethiker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.〈1〉

ELF BIS 14 JAHRE LÄNGER LEBEN

 

Zu diesem gelingenden Leben gehören Maßnahmen, die sich nicht nur auf Korrekturen durch eine immer moderner werdende Medizin beschränken, nach dem Motto: Blutdruck zu hoch, Pille einwerfen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze geht es um aktive, im Wortsinn selbst-bewusste Korrekturen von Risikoverhalten im Alltag mit ganzheitlichen Ansätzen. Bereits kleine Veränderungen können große Wirkungen zeigen:

 Das „Richtige“ und weniger essen
 Sich täglich (mindestens) 30 Minuten bewegen
 Bei Belastungen entspannt bleiben
 Gut mit sich und anderen umgehen
 Auf ausreichenden Impfschutz achten

Ein gesunder Lebensstil, mehr noch: „positive Gesundheit“, kann die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre verlängern, lauten Ergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1999 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht. 〈2,3〉 Verhindern lassen sich 〈4〉

℘  92% aller Herzinfarkte
℘  90% aller Diabeteserkrankungen
℘  85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems
℘  50% aller Krebserkrankungen

Der Weg zu diesem Ziel ist eine Reise, an deren Anfang Selbstbestimmung und Selbstverantwortung stehen. Eines wie das andere ist für den Sozialphilosophen Prof. Armin G. Wildfeuer unentbehrlich für ein gelingendes Leben. Hinzu kommen 〈5〉

℘  Entschiedenheit bei der Auswahl aus der Vielfalt der Sinnangebote
℘  ein integrativer Umgang mit Widerständen
℘  die Fähigkeit zum Kompromiss
℘  Treue zum eigenen Lebensentwurf

Eine weitere Kraftquelle finden viele in ihrer Religiosität oder Spiritualität. Die einen glauben an einen Gott, andere daran, dass das Leben – jenseits von Konfessionen – Sinn und Bedeutung hat.

Sinn wiederum ist ein zentrales Thema in der Mind Body Medizin und damit in meinem Lebensstiltraining. Es ist der bewusst gesetzte Kontrapunkt zur Selbstoptimierung und hilft Ihnen nach einem 10-Wochen-Programm, Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden ganzheitlich, eigenverantwortlich – und in aller Ruhe – zu steuern. Und Ihre biographischen Risse, Sprünge, Brüche zu integrieren. Die Methoden wurden und werden vielfach untersucht, sind wissenschaftlich anerkannt und in ihren positiven Auswirkungen auf die Körpersysteme nachgewiesen. Und da jeglicher Sieg im Kopf entschieden wird, werden aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt.

JUGENDLICHKEIT MIT WEISHEIT IST SEXY

Weil ich die Kombination Jugendlichkeit und Weisheit sexy finde, habe ich eine kompakte Version entwickelt: Slow.Flow.Glueck. Meine 3-, 4- und 6-Tagesseminare auf Basis der Mind Body Medizin und in der wundervollen Atmosphäre der Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf und Groß Toitin, sind jeweils kleine Reisen zu einem Perspektivwechsel, zu „neuen Ohren“, ins Glück. 

Ich verbinde drei Kernaspekte für ein gutes Leben:

℘  Innehalten und sich mit allen Bedürfnissen intensiv wahrnehmen
℘  Den Körper und Geist ausgewogen bewegen
℘  Die Seele mit SlowSoul…Health Food wärmen

Sie sind in guter Gesellschaft: in einer Gruppe mit maximal zehn Gleichgesinnten, die wie Sie individuelle Wege suchen, um den Dingen des Lebens anders zu begegnen.

Slow.Flow.Glueck ist für die einen der Einstieg in ein verändertes Lebensgefühl, andere erleben die Zeit als einen „perfekt ausbalancierten Weg, um zwischendurch alles loszulassen und beseelt“ (O-Ton eines Teilnehmers) in den Alltag zurückzukehren.

 
OHNE EINSICHT IN … DEN SINN DES GEGEBENEN
KÖNNEN WIR NICHT GLÜCKLICH WERDEN.
GIOVANNI MAIO
 

 

QUELLEN

1 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

2, 3 EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition): Studie 2o1o

4 EPIC 2oo4

5 Wildfeuer AG: Das „gute“ oder „gelingende“ Leben im Ethos der Demokratie. 5. Symposium des Professorenforums, 12. bis 13. April 2002, J. W. Goethe Universität, Frankfurt/Main

 

ZUM THEMA

Klahre, AS: Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund? All die schoenen Worte, 11/2o14

 

Lebensstil, Darmgesundheit und Depression

 

Das Risiko, eine Depression zu entwickeln,
ist direkt verknüpft mit dem Lebensstil,
besonders mit schlechter Ernährung.

 

Rund 50 Nährstoffe braucht der Körper zum Leben, Arbeiten, Gesundbleiben und sich Wohlfühlen. Was, wenn er die dauerhaft nicht bekommt? Macht krank, sehr krank – und wird beschleunigt durch einen insgesamt ruinösen Lebensstil mit wenig Schlaf und noch weniger Bewegung. Einmal mehr zeigt jetzt eine australische Studie: Ein ungesunder Lebensstil mit einer ballaststoff-, obst- und gemüsearmen Ernährung und stattdessen stark verarbeiteten Nahrungsmitteln mit viel Fett, Zucker, Salz ist einer der Schlüssel auch für eine Depression.〈1〉

Zu diesem Ergebnis ist Dr. Joanna F. Dipnall vom Department of Statistics, Data Science and Epidemiology an der Swinburne University of Technology in Melbourne gelangt – mithilfe eines neuen Tools, dem Risk Index Depression (RID). Dieser enthält verschiedene Parameter zu individuellen Ernährungsfragen und dem Lebensstil und soll Medizinern und Erkrankten auch auf dieser Basis künftig helfen, erste Anzeichen einer Depression zu erkennen.

„Während die Risikofaktoren für Depression zunehmend bekannter werden, gibt es keinen Index für die Darstellung dieser Risikofaktoren“, schreiben Dipnall und Kollegen. „Wir wollten eine Methode entwickeln, die Schlüsseldeterminanten aus bereits veröffentlichten Forschungsarbeiten verwendet.“ Entsprechend wurden die Daten (Demographie, Klinik, Labor) aus der National Health and Nutrition Examination Survey (2009-2010, N = 5.546) ausgewertet. „Unser Ziel ist die Prävention“, so die Autoren. Auch die Veranlagung für Depressionen soll mit dem RID identifiziert werden können.

Völlig klar ist für die Wissenschaftlerin ein Zusammenhang zur Darmgesundheit. Ballaststoffe in Form von Vollkornprodukten, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen sind ein zentraler Faktor für die Darmgesundheit, die wiederum ist ein aktueller Schwerpunkt der Depressionsforschung.

Für Dipnall schließt sich hier ein Kreis: „Unsere Erkenntnisse liefern weitere Beweise dafür, dass Ernährung ein Hauptfaktor für die Darmgesundheit und das Depressionsrisiko ist.”

 

© Gero Sánchez | Flickr

 

Quelle


 

1 Dipnall JF et al: Aust & N Z Journal of Psychiatry
Online first 31. August 2017
https://doi.org/10.1177/0004867417726860

 

Zum Thema


 

Klahre AS: Dünne Haut, Risse in der Seele
SecondaVita Prævention, 22. Juni 2o15 und
Slow.Flow.Glueck, 8. Juli 2o17

Klahre AS: Ethical Food: Jeden Tag unverfälscht
SecondaVita Prævention, 18. Dezember 2o15

Klahre AS: Soul Food. Slow Food. Einfach gut
Slow.Flow.Glueck, 17. August 2o17

 

Innehalten

 

 

 

Eine gute Verbindung zum Partner, zu Freunden, zu Menschen im Berufsleben ist eine Quelle, aus der wir Energie für den Alltag gewinnen. Wie unersetzlich aber Momente sind, in denen wir innehalten, zeigt sich immer dann, wenn wir abseits von Aktivitäten – oder Aktionismus – und vielen Leuten zur Ruhe kommen, langsamer, still werden. Nichts tun.

Wer seinem Bedürfnis nach Rückzug von Zeit zu Zeit folgt und die Abgeschiedenheit sucht, kann konzentriert Gedanken sammeln, an einem Problem oder Thema arbeiten. Oder in „ruhiger Wachheit“ abwarten, bis Erkenntnisse sich von selbst einstellen. Eine anspruchsvolle Übung hierbei: Nichts, rein gar nichts werten, was einem so in den Kopf kommt.

Solche Selbstgespräche können gut begleitet werden von Büchern, Musik, Gehen in einsamen Landschaften, Medititationen … die Möglichkeiten sind grenzenlos. Je ruhiger und harmonischer die Umgebung ist, umso besser.
 
Die Gastgeber der wunderschönen Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf, Groß Toitin und ich laden dazu ein, drei, vier oder sechs Tage innezuhalten und mit dem exklusiven Slow.Flow.Glueck-Programm von allem zu entkoppeln, was stresst und anspannt: in Stille, mit heilsamer Bewegung, beim gemütlichen Speisen mit Gleichgesinnten.
 
Slow.Flow.Glueck ist gemacht für Damen, Herren, Paare, Eltern, Chefs, Mitarbeiter, Alleinherrscher – für alle, die individuelle Wege suchen, um

ς mit Überforderung, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und … besser umzugehen
ς Frustration, Ängste, Wut loszulassen
ς Schmerzen zu lindern
ς die Seele zu streicheln und den angestrengten Körper zu beruhigen
ς zu entschleunigen und still zu werden
ς den Lebensstil um schöne Impulse zu bereichern

Freuen Sie sich auf ein Abenteuer der anderen Art und lernen Sie sich neu kennen. Das Ergebnis ist mehr Kraft und Klarheit und das wunderbare Wissen, „the most difficult and the most intellectual thing in the world“ (Oscar Wilde) tun zu können: nichts. Jedenfalls nicht viel.

 

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Gestresstes Herz, was brauchst Du?

 

  

Ungefähr so viele Menschen wie eine Kleinstadt Bewohner hat, erliegen jedes Jahr einem plötzlichen Herztod.
Das sind mehr als zusammengenommen jene, die hierzulande an Lungenkrebs, Brustkrebs und Aids sterben.

 

Die Erde – in Aufruhr. Die Menschheit richtet sie und sich zugrunde. Terroranschläge und andere gesellschaftliche Verrohungen vor der Haustür, weltweite Migration, hoher Arbeitsdruck, wirtschaftliche Sorgen … Die Verunsicherungen und Ängste vieler Menschen sind inzwischen mit Händen zu greifen, die Nerven vieler liegen blank. Wenn mehr oder minder chronischer Stress plötzlich und tödlich endet, lautet die Diagnose „plötzlicher Herztod“ (PHT) oder „Sekundentod“.

Immer wieder taucht hierbei das Bild vom scheinbar heiteren Himmel auf. Doch von rund 200.000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr einen akuten Herzstillstand nicht überleben, sind nur etwas mehr als zehn Prozent kardiale Risikopatienten, die nach einem Infarkt bereits an einer Herzmuskelschwäche litten oder eine andere Herzerkrankung hatten.〈1〉

 

Meistens geht diesem unvorhersehbaren
und schrecklichen Ereignis eine längere Phase
mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus

Karl-Heinz Ladwig

 

„Meistens geht diesem unvorhersehbaren und schrecklichen Ereignis eine längere Phase mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus. Im Nachhinein lassen sich in vielen Fällen klassische Alarmzeichen ausmachen, etwa finanzielle Sorgen, eine belastende Arbeits- oder frustrierende Familiensituation.“ Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, am Helmholtz Zentrum München tätiger Psychokardiologe, hält diese psychosozialen Aspekte kardiologischer Leiden für unterrepräsentiert und machte dies im April in Mannheim anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie deutlich: „Der plötzliche Herztod ereilt die Betroffenen entgegen einer verbreiteten Vorstellung in der Regel nicht nach einer einmaligen Aufregung. Akuter Ärger, Angst oder andere Aufregungen sind nur Auslöser.“〈2〉

Physiologisch betrachtetet sind meist Herzrhythmusstörungen wie Kammerflimmern oder auch das sogenannte Broken Heart Syndrom direkte Auslöser eines PHT. Beim Broken Heart Syndrom (auch: Stress-Kardiomyopathie, Tako-Tsubo-Syndrom) verengen sich die Herzkranzgefäße akut krampfartig. Betroffen sind vorwiegend Frauen jenseits der Wechseljahre. Die Symptome gleichen denen eines Herzinfarktes, sie treten meist unmittelbar nach einer außerordentlichen Belastung auf.

Dass die Ursachen im emotionalen Bereich liegen können, hat unter anderem eine Studie aus Los Angeles gezeigt: Dort hatten Forscher die Auswirkungen des „Northridge Erdbebens“ am 17. Januar 1994 untersucht, eines der stärksten Erdbeben, das bis dato in den USA registriert worden war.〈3〉 Die Zahl der plötzlichen Herztode von durchschnittlich 2 bis 4 war am Tag der Katastrophe sprunghaft auf 24 angestiegen. 16 Menschen starben binnen einer Stunde nach den ersten Erschütterungen. Nur drei Todesfälle standen in Zusammenhang mit physischer Belastung. In der Woche nach dem Erdbeben lag die Zahl der plötzlichen Herztode unter dem Durchschnitt (2,7 ± 1,2).

 

Neben der Veranlagung spielt auch die Art,
wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen,
eine wesentliche Rolle
Karl-Heinz Ladwig

 

„Auch wenn wir noch nicht alle Zusammenhänge im Detail verstehen, zeigt sich, dass es für den stressinduzierten Herztod zwei Komponenten braucht,“ so Ladwig. „Neben der Veranlagung spielt auch die Art eine wesentliche Rolle, wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen. Anders ausgedrückt: Wer Stress besser bewältigen kann, hat ein geringeres Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden.“

In den meisten Fällen seien mehr körperliche Bewegung, ein gezieltes Stressmanagement oder Entspannungstechniken ausreichend und können das Risiko für einen plötzlichen Herztod signifikant senken, so Ladwig.

Aus Sicht von SecondaVita Prævention ließe sich ergänzen:

 

Ernährung umstellen
 Gegebenenfalls Zigaretten- und Alkohlokonsum deutlich drosseln
 Genügend schlafen
 In geschützter Atmosphäre reden über das, was schwer lastet
 Sich sortieren, neu ordnen und wohltuende Perspektiven entwerfen
 Seelische Widerstandskraft – Resilienz – trainieren
 Sich eine lang nachklingende präventive Auszeit verordnen

 

Bei Verdacht auf eine klinisch manifeste Depression soll ein weiterer Experte hinzugezogen werden. 

Stress ist ein eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen und verdiene mehr Aufmerksamkeit, betonte Ladwig: „Schon das gezielte Ansprechen der Lebenssituation und psychischen Befindlichkeit kann einen hohen therapeutischen Wert haben.“

Dies mag den einen oder anderen Kardiologen überrascht haben.

 


 

1 Deutscher Herzbericht 2o16. Deutsche Herzstiftung, Berlin, 25. Januar 2o17

2 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie
Mannheim, 19.o4.-23.o4.2o17

3 Leor J et al:  N Engl J Med 1996; 334:413-419
DOI: 10.1056/NEJM199602153340701

 

 

Lust auf positive Gesundheit

© Fabian Christ | Flickr

 

Die Fastenzeit beginnt, der Bis-Ostern-Verzicht auf wahlweise Alkohol, Süßes, Tütensuppen und inzwischen sogar auf permanente Erreichbarkeit. Wie wäre es, wenn das eine oder andere auch darüber hinaus funktionieren könnte – mehr noch und sozusagen als frommer Wunsch: Möge das Fasten so ganz und gar Lust auf Gesundheit machen. Denn mit der Gesundheitskompetenz ist es ein Kreuz.

 

Gesundheit ist … für jeden etwas anderes. Die Ansichten darüber, welche Bedingungen über Gesundheit und Krankheit entscheiden, sind höchst unterschiedlich. Der persönliche Blick entscheidet weitgehend darüber, ob jemand gesundheitsbewusst lebt oder nicht. Wer davon überzeugt ist, dass Gesundheit überwiegend „eine Frage der Gene“ oder “Schicksal” sei und man da halt nichts machen könne, wird sich kaum für Prävention interessieren.

Das ist schade, weil internationale Studien eindrucksvoller denn je darauf hinweisen, dass die Gesundheitskompetenz des Einzelnen verbesserungswürdig ist. Forscher der Universität Bielefeld haben Gesundheitskompetenz als das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit beschrieben, “gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und zu nutzen, um die Gesundheit erhalten, sich bei Krankheiten nötige Unterstützung durch das Gesundheitssystem sichern oder sich kooperativ an der Behandlung und Versorgung beteiligen und die dazu nötige Entscheidung treffen zu können.” 〈1〉International wird diese basale Kompetenz als Health Literacy bezeichnet.

Bei 54,3 Prozent der Deutschen will das eine wie das andere nicht so recht funktionieren, heißt es im Ergebnisbericht der im Dezember 2o16 veröffentlichten Health-Literacy-Studie (HLS-GER) der Universität Bielefeld.〈1〉Dazu passen jüngste Daten – freilich nicht nur – für Deutschland, wonach die Diagnose des Diabetes Typ II gewaltig zunehmen wird, die Betroffenen werden immer jünger. Zudem steigt laut DAK-Gesundheitsreport 2o16 die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage bei Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Atmungssystems und bei psychischen Erkrankungen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter kontinuierlich an.〈2〉

In dem interdisziplinären Feld der Gesundheitswissenschaften beschäftigt man sich daher intensiv mit Fragen zum Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsverhalten. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich verschiedene Definitionen von Gesundheit entwickelt, die vor allem gemeinsam haben, dass es nicht länger schnöde um die “Abwesenheit von Krankheit” geht, sondern um eine positive und facettenreiche Auslegung.

Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, Empathie

Der Begriff „positive Gesundheit“ beinhaltet Faktoren wie Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, emotionale Kompetenz, Rollenkompetenz und die Möglichkeit, das vorhandene Potential gleichzeitig zu erfüllen und durch Erfahrungen zu erweitern. Außerdem:

  • Qualitativ hochwertige, vielseitige Ernährung
  • Körperliche und mentale Fitness durch Bewegung, täglich mindestens 30 Minuten
  • Keine „Genussgifte“
  • Optimale Hirndurchblutung durch Bewegung und Entspannungstechniken
  • Genügend und guter Schlaf
  • Balance zwischen An- und Entspannung
  • Stressbewältigung und in der Folge Gelassenheit bei Belastungen
  • Seelisch-soziale Gesundheit durch Selbstwirksamkeit, Selbstfürsorge, Lebensfreude und Empathie
  • Ausreichender Impfschutz

Prävention vom Feinsten

Da jeder dieser Faktoren grundsätzlich dazu beiträgt, Krankheit zu verhindern, verzögern oder weniger wahrscheinlich zu machen, haben wir es genau genommen mit Prävention vom Feinsten zu tun. Dieser Begriff wiederum kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze kann ein derart gesunder Lebensstil große Wirkungen zeigen. Verhindern lassen sich 〈3〉

  • 92% aller Herzinfarkte,
  • 90% aller Diabeteserkrankungen,
  • 85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems,
  • 50% aller Krebserkrankungen,

verlängern lässt sich die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre.〈4〉So lauten Zwischenergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht.

Damit ist jede Krankheit, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den, der eigenverantwortlich und gut mit sich umgeht. „Richtiges“ Fasten, also klassisch nach Buchinger oder einer leicht modifizierten Form, eignet sich wunderbar als Zäsur, um den Lebensstil zu hinterfragen und zu ändern.

 

© Sylvia Duckworth

 

 

1 Schaeffer D et al: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland. Ergebnisbericht. Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Dezember 2016
2 DAK-Gesundheitsreport 2o16
3 EPIC Studie 2oo4
4 EPIC Studie 2006, Studie 2008

 

Zum Thema

Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund?

 

Genussglück

 

Hühner, die auf der Wiese hinterm Haus selig scharren und picken. Schweine, die fidel im Matsch suhlen. Zottige Weiderinder, die sich auf saftigem Grün austoben und gegebenenfalls knietief im klaren Wasserlauf stehen. Ziegen, die die Landschaft pflegen, indem sie ausschließlich Gräser, Kräuter, Buschwerk und Heu fressen: Sind die mit solchen Sätzen assoziierten Bilder sozialromantisch? Die einen sagen so, die anderen so.

Auf jeden Fall ist “traditionelle Landwirtschaft”, noch dazu nachhaltige und von Wertschätzung für Kreatur wie Natur getragene, in diesen Zeiten mit dem Premium-Gütesiegel behaftet. Wenn für diese Klasse von Bauern am Ende des Lebenszyklus eines Tieres die stressfreie (Haus-)Schlachtung steht oder die beim Nachbarn des Vertrauens, wird ob der Qualität des Fleisches nicht nur naturgemäß Geschmack zum Niederknien produziert. Obendrein wird für den ernährungsbewussten sogenannten Bildungsbürger (der sich nahezu täglich ad absurdum führt) eine von Tag zu Tag tiefer wurzelnde Sehnsucht nach einer heileren Welt bedient.

Mehr noch: Solch tierisches Glück, gelegentlich in Maßen verspeist, ist gesund und jeden Euro wert. Wegen seines Anteils an Proteinen, Eisen, Zink, B-Vitaminen und Vitamin A kann Fleisch nämlich eine wertvolle Quelle für Nährstoffe sein. Kann. Denn selbst, wenn für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 300 bis maximal 600 g Fleischverzehr pro Woche in Ordnung sind – über das, was der gemeine Carnivore, vulgo: Fleischfresser, da verdaut, sagt das nichts aus. Schlimmstenfalls macht es krank. So oder so: Einmal Fleisch pro Tag ist zuviel.

Freunde der Rostbratwurst:
Wer zu viele isst, ist früher tot

Das ist nicht neu, eine Binse sozusagen. Und doch war der Ausschlag des medialen Pendels zum Thema nie größer: Da haben am 26. Oktober 2o15 die Experten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer, IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO endlich den häufigen Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch als krebserregend eingestuft [1] – und Medien wie Fleischfans spielen verrückt, die Massentierhaltungsindustrie protestiert, die sogenannte Netzgemeinde reagiert amüsiert („#Wurstkrebs“, „Wurst-Fachjournalisten“). Die medizinische Fachwelt ist verwundert ob der Hitzewallungen, mancher Experte fühlt sich an die Komikerlegende Louis de Funès erinnert: Nein! Doch. Ooohhh!!!

Die Analyse von mehr als 800 zum Teil groß angelegten Studien, die in den vergangenen 20 Jahren nach möglichen Verbin­dungen zu unterschiedlichen Krebserkrankungen gesucht haben, ordnet rotes Fleisch als „wahrscheinlich karzinogen für den Menschen“ (Gruppe 2A) ein. Verarbeitetes Fleisch erhöht das Risiko “definitiv” (Gruppe 1) und fällt damit in die gleiche Kategorie wie Tabakrauch, Arsen, Asbest, Formaldehyd.

Ein Zusammenhang wird vor allem zum Darmkrebs bzw. Kolorektalkarzinom hergestellt, aber auch zu Prostata- und Pankreaskarzinomen. Eine Verbindung zum Magenkrebs sei nicht eindeutig nachweisbar, heißt es.

Der Begriff “rotes Fleisch” bezieht sich auf das Fleisch von Rindern, Schweinen, Ziegen, Pferden und Schafen; „verarbeitetes Fleisch“ umfasst Fleisch, das durch Räuchern, Beizen, Pökeln oder Salzen haltbar gemacht wurde. Als mögliche Ursache wird unter anderem die Bildung von krebserregenden Stoffen bei starker Erhitzung angenommen.

Rund drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle ließen sich verhindern, wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge.
EPIC 2o13

EPIC-Analyse 2o13

„Rund drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle ließen sich verhindern, wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge.“ So lautete bereits 2o13 ein weiteres Zwischenergebnis aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht und deren Ergebnisse nennenswert in die aktuelle Bewertung einfließen. [2]

Das Projekt, an dem insgesamt 521.448 weibliche und männliche Erwachsene aus 10 Ländern teilnehmen, stellt bislang drei zentrale Fragen:

  • Wie sind spezifische Nahrungskomponenten direkt oder indirekt mit der Entstehung chronischer Erkrankungen wie Tumoren, Diabetes mellitus und Herz-Kreislauferkrankungen assoziiert?
  • Wie groß ist das Zusatzrisiko, das bei einzelnen chronischen Erkrankungen auf die Ernährungsweise zurückgeführt werden kann?
  • Wie groß ist der Effekt eines geänderten Ernährungsverhaltens auf die Krebsentwicklung und die Gesamtsterblichkeit in der Bevölkerung?

Für die Analyse 2o13 hat Erstautorin Prof. Dr. Sabine Rohrmann vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich mit ihren Forscherkollegen bei 448.568 Frauen und Männern den Zusammenhang zwischen Sterberisiko und Verzehr von rotem Fleisch (Rind, Schwein, Schaf, Lamm, Ziege, Pferd), verarbeitetem rotem Fleisch (Wurstwaren aller Art einschließlich Speck, Schinken, Würste) sowie Geflügel (Huhn, Pute, Ente, Gans) untersucht. [3]

Schmerzgrenze bei 40 Gramm pro Tag 

Die Teilnehmer hatten keine Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Vorgeschichte, waren zwischen 35 und 69 Jahre alt und sind umfangreich zu Bildung, Ernährungs- und Rauchgewohnheiten, körperlicher Aktivität und Body Mass Index befragt worden. Mit einem speziellen Analyseverfahren wurde die Relation zwischen Fleischkonsum, Gesamtsterblichkeit und spezifischer Sterblichkeit untersucht.

Einmal mehr unterstrichen die Ergebnisse im Vergleich zu fleischfreier Ernährung eine positive Assoziation zur erhöhten Gesamtmortalität: Das Risiko stieg um 30% – ausgelöst nicht nur durch Krebs, sondern insbesondere durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.

„Stimmt, neu ist das nicht,“ entgegnete Rohrmann nach Veröffentlichung der Studie in einem Gespräch mit der Autorin für das Ärzte-Onlineportal Medscape Deutschland auf den Einwand, die Last mit der Lust auf Fleischessen habe eine lange Tradition – vor allem hinsichtlich der Effekte auf Diabetes mellitus II und auf das Kolonkarzinom. „Allerdings wurden die großen und auch jetzt wieder neuen Studien zum Thema meist in den USA durchgeführt, unsere liefert Daten für Europa.“

Nach Korrektur von Messfehlern korrelierte ein Fleischverzehr von mehr als 160 g/Tag im Vergleich zu 50 g/Tag und 10-19,9 g/Tag deutlich mit einer erhöhten Gesamtsterblichkeit in Bezug auf verarbeitetes Fleisch. Das war allerdings neu. Ein Zusammenhang zum Geflügelverzehr bestand nicht.

Ob also gesalzen, geräuchert oder gepökelt: Die Schmerzgrenze liegt laut Rohrmann bei täglich 40 g: „Wer mehr Wurst oder andere Arten prozessierten Fleisches isst, riskiert früher zu sterben. Das Risiko erhöht sich je 50 Gramm pro Tag um 18 Prozent.“

Diese Angaben betreffen in der neuen IARC-Analyse vor allem das Risiko für Kolorektal­karzinome. Für rotes Fleisch wurde pro 100 Gramm täglich ein Anstieg des Risikos um 17 Prozent ermittelt.

Der zweite Teil der Botschaft ist deshalb,
dass gesunde Ernährung sich generell lohnt.
Hans-Georg Joost

Nicht isoliert betrachten

Nun ist es aus epidemiologischer Sicht schwierig, Fleischkonsum isoliert zu betrachten, nicht nur die Krebsentstehung ist und bleibt ein multifaktorielles Geschehen. Auch für EPIC gilt: Die größten Fleischesser trinken mehr Alkohol, rauchen mehr, nehmen per se weniger Obst und Gemüse zu sich und gehören überproportional oft den sogenannten bildungsfernen Schichten an. Das gilt primär für Männer.

Diese Faktoren, in der Epidemiologie als Confounder (engl.: Störfaktoren) bezeichnet, relativiert laut Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Hans-Georg Joost die Aussage zur Risikoerhöhung der Gesamtmortalität. Joost war von 2oo2 bis 2o14 wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), das auch eines der deutschen EPIC-Studienzentren ist.

„Confounder sind das Kreuz der Epidemiologie, sie sind als Variablen zwar nicht direkt Gegenstand einer Untersuchung, […] beeinflussen aber das Auftreten eines Risikofaktors und die beobachtete Zielgröße. Die Kausalität wird unklarer – in diesem Fall die zum Fleisch,“ erläuterte Joost seinerzeit.

Dennoch sei der Effekt in Teilen so groß, dass er nicht ignoriert werden dürfe, betonte der Wissenschaftler. Letztlich wird das zentrale Resultat bestätigt, noch deutlicher wird es, wenn man sich die Krankheitshäufigkeiten anschaut. „Der zweite Teil der Botschaft ist deshalb, dass gesunde Ernährung sich generell lohnt.“

Qualität statt Quantität

Für die Ernährungsbewussten, die längst die ethischen Aspekte des Fleischverbrauchs wie Tierschutz und Klimaschutz diskutieren, ist das Thema ohnehin politisch wie moralisch völlig inkorrekt. Ob die damit verbundenen Empfehlungen indes auch bei der ganz breiten Bevölkerung auf Gegenliebe stoßen, ist die Frage aller Fragen.

„Als Ernährungswissenschaftlerin und als ökologisch denkender Mensch wünsche ich mir, dass sich das Motto `Bessere Qualität statt Quantität´ langsam durchsetzt,“ sagte Rohrmann abschließend. „Das wird aber lange dauern und unsere Studie trägt hoffentlich ein wenig dazu bei.“

Das war vor zwei Jahren. Bleibt zu wünschen, dass die WHO den Finger tief genug in die offene Wunde gepiekt hat.

 

Zum Thema


Basche MF: Alles Bio oder was? Vernünftige Ernährung ist intellektueller Luxus. All die schoenen Worte, April 2o12

1 International Agency for Research on Cancer: IARC Monographs evaluate consumption of red meat and processed meat. Press Release No 240, 26. Oktober 2o15
http://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2015/pdfs/pr240_E.pdf
und
Bouvard V et al: The Lancet Oncology (online) 26. Octobre 2o15
DOI: http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lanonc/PIIS1470-2045(15)00444-1.pdf

2 International Agency for Research on Cancer: EPIC Study
http://epic.iarc.fr/

3 Rohrmann S et al: BMC Medicine. 2013; 11: 63
http://dx.doi.org/10.1186/1741-7015-11-63

Gib dem Tumor keinen Zucker

Flexibel, individuell, alltagstauglich, köstlich: Ernährungsempfehlungen müssen nicht kompliziert

sein. Wenige einfache, verlässliche Regeln und eine mühelose Umsetzung können viel bewirken – im Allgemeinen und Besonderen.

 

„Gib dem Tumor keinen Zucker“ heißt ein solcher Merksatz in der komplementären Onkologie, denn Tumoren verbrauchen einen wesentlichen Teil der über die Nahrung zugeführten Energie für das eigene Wachstum. Am liebsten eben Zucker. Die Ernährung von Krebspatienten wird deshalb häufig dahingehend umgestellt, dass leere Kohlenhydrate gegen komplexe Kohlenhydrate bzw. Ballaststoffe ersetzt werden.

Den damit verbundenen Empfehlungen kommt zugute, dass die Wirkungen Sekundärer Pflanzenstoffe (SPS) in Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten wissenschaftlich inzwischen dahingehend anerkannt sind, dass sie den Körper erfolgreich dabei unterstützen, das Wachstum von Tumorzellen zu blockieren und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Und nicht nur das, schon viel früher wirken sie antioxidativ, das heißt, sie wehren freie Radikale ab, die den Zellkern und damit Erbinformationen nachhaltig schädigen und somit die Krebsentwicklung begünstigen. Darüber hinaus wirken SPS wie Antibiotika, töten also Bakterien bzw. stoppen deren Vermehrung. Nicht zuletzt aktivieren sie die Killerzellen des Immunsystems gegen Krankheitserreger.

Beispielsweise konnte die Arbeitsgruppe Zellbiologie und Neuroonkologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) 2014 zeigen, dass verschiedene pflanzliche Östrogene (Phytoöstrogene) in Zellen von bösartigen Hirntumoren das Prinzip der sogenannten Anti-Angiogenese beeinflussen. Es besteht darin, dem Tumor die Lebens- und Wachstumsgrundlage – die Zufuhr mit bestimmten Nährstoffen über die Blutgefäße – zu entziehen, zumindest aber nennenswert zu hemmen. Das ist deshalb bemerkenswert, da bei malignen Hirntumoren die Prognosen nach wie vor schlecht und die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt sind. Grund: Die Tumorzellen reagieren auf Bestrahlung und Chemotherapie nicht sensibel genug.

Als besonders wirksam haben die FAU-Forscher das Isoflavon Biochanin A (BCA) identifiziert. Isoflavone stecken in großen Mengen in Hülsenfrüchten, z. B. in Kichererbsen und Sojabohnen. Aufnahmen im Magnetresonanztomographen haben laut Studie gezeigt, dass tumorbedingte Hirnödeme nennenswert abnahmen. Auch zeigte sich ein Trend in Richtung verlängerter Überlebenszeit.

Die Autoren schlussfolgern, dass eine obst- und gemüse- und damit auch ballaststoffreiche Ernährung auch in der Krebstherapie viel häufiger empfohlen und konsequent umgesetzt werden sollte.

Sekundäre Pflanzenstoffe

Da lohnt einmal mehr ein Blick auf die Sekundären Pflanzenstoffe. Sie kommen in allen Pflanzen in nur geringen Mengen, aber gigantischer Vielfalt vor. Pflanzen sichern mit der Produktion von SPS ihr eigenes Überleben. Man spricht auch von Bioaktivstoffen oder – in Anlehnung an die Vitamine – von Phytaminen. Im übertragenen Sinne werden die einen wie die anderen als unentbehrlich für das menschliche Überleben beziehungsweise für die Gesundheit eingestuft.

Der Versuch, SPS in einer Zahl zu erfassen, ist schwierig. Allein bei den Flavonoiden geht man von 6.000 bis 10.000 Vertretern aus, bekannt sind 5.000. Im Weißkohl wurden 49 verschiedene SPS identifiziert. Eineinhalb Gramm SPS – etwa so viel werden mit einer gemischten Kost täglich aufgenommen – setzen sich aus 5.000 bis 10.000 Einzelsubstanzen zusammen, die unter anderem für den Geschmack, den Duft und die Farbe von Obst und Gemüse verantwortlich sind.

Der Arzneimittelindustrie dienen SPS als Basis für zahlreiche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, Food-Designer entwickeln gemeinsam mit Unternehmen der Nahrungsindustrie neue köstliche „Lebensmittel mit gesundem Zusatznutzen“. Superfoods, Lifestyle-Produkte von Rote-Bete-Chips über schokolierte Aroniabeeren zum Matcha-Zitronen-Kuchen markieren hier den jüngsten Trend.

Für den nächsten Wochenmarkteinkauf eine Übersicht über Vorkommen und Wirkung der wichtigsten SPS.

 

© H2O74 | Flickr  Carotinoide

Wirkung

Die Pflanzenfarbstoffe stimulieren die Immunabwehr und wirken antioxidativ und können bei Tumorzellen den Zyklus von Zellwachstum und -teilung beeinflussen. Das bekannteste unter den bisher rund 600 identifizierten Carotinoiden ist das Beta-Carotin.

Vorkommen

Reichlich in gelb- und rotfleischigen Früchten wie Gojibeeren (Gemeiner Bocksdorn), Aprikosen, Mangos, Pfirsich, Kürbis, Möhren und Tomaten; in grünblättrigen Gemüsen wie Grün-, Weißkohl, Brokkoli, Mangold, Spinat.

 

© .Luise. | Flickr  Flavonoide

Wirkung

Nichts geht ohne sie. Die meist gelben, aber auch roten, blauen oder violetten Farbstoffe stimulieren die natürlichen Killerzellen des Immunsystems, hemmen die Umwandlung von Krebsvorläuferzellen in Krebszellen und wirken als Antioxidantien.

Vorkommen

Direkt unter der Schale von Obst, in Gemüse und vielen Heilkräutern. Besonders wirksam sind Flavonoide, die aus roten Trauben und Pflaumen (Resveratrol), aus Äpfeln, Heidel- und Moosbeeren, Zwiebeln, Auberginen, Rosenkohl, Kamille und grünem Tee stammen.

 

© Angelica Colomine | Flickr  Glucosinolate
Wirkung

Die zu den Senfölen gehörenden Geschmacksstoffe hindern Tumorvorläuferzellen daran, aktiv zu werden und sorgen für die „Entschärfung“ virulenter Krebszellen.

Vorkommen

In allen Kohlarten und scharf schmeckenden Pflanzen wie Rettich, Senf, Kresse, Zwiebeln.

 

© Roberta Sa |Flickr  Phenolsäuren | Polyphenole

Wirkung

Jagen freie Radikale und schützen tiefer liegende Gewebeschichten vor oxidativen Angriffen. Von Bedeutung sind allem vier Vertreter: Ferula-, Kaffee-, Ellagsäure, Resveratrol.

Vorkommen

Ferula- und Kaffeesäure stecken vorwiegend in Grün-, Weißkohl, Paprika, grünen Bohnen, Radieschen. Ellagsäure findet sich in allen Beeren, in Walnüssen und im Granatapfel; Resveratrol vor allem in roten Trauben, Himbeeren, Pflaumen, Erdnüssen.

 

© Monika Heinrichs | Flickr  Phytoöstrogene

Wirkung

Die Gesamtzahl der Phytoöstrogene wird auf etwa 50.000 geschätzt. Etwa 10.000 kommen in Lebensmitteln vor, nur ein Bruchteil ist bisher erforscht. Phytoöstrogene ähneln den körpereigenen Östrogenen und haben die gleichen Effekte, nur deutlich schwächer. Sie werden in drei Gruppen unterteilt: Isoflavone (Genistein, Daidzein), Lignane und Coumestane. Sie alle wirken antioxidativ und beeinflussen Entzündungsprozesse, den Hormonhaushalt und das Zellwachstum.

Vorkommen

Reichlich in asiatischer und Mittelmeerkost. Isoflavone stecken in Hülsenfrüchten, Hauptquelle ist die Sojabohne. Lignane kommen vor allem in Leinsamen, Beeren, Weizen, Gerste, Sesam, Brokkoli, Rosinen, Hasel- und Walnüssen vor, Coumestane in Luzernensamen wie Alfalfasprossen. Als Infektionsquelle der Ehec (Enterohämorrhagische Escherichia coli) -Epidemie 2011 spielen Sprossen bei uns seither keine Rolle mehr.

 

© A. van Zwienen | Flickr  Phytosterine

Wirkung

Phytosterine sind die erste Gruppe von SPS, die wegen ihrer Wirkung im menschlichen Organismus – cholesterinsenkend – zu funktionellen Lebensmitteln verarbeitet wurden. Analog zum Cholesterin im tierischen Gewebe sind Phytosterine essentielle Bestandteile bestimmter Pflanzenteile. Mindestens 44 Phytosterine aus sieben Pflanzenfamilien wurden bisher identifiziert, das häufigste in der Nahrung vorkommende ist das Beta-Sitosterin. Studien haben zudem einen Zusammenhang zwischen einer Ernährung mit viel Phytosterinen und einem niedrigen Risiko für Dickdarmkrebs hergestellt.

Vorkommen

In fettreichen Pflanzenteilen (Sonnenblumenkernen, Sesamsaaten, Kürbiskernen, schwarzen Oliven); einigen Gemüse- (Blumen-, Rosenkohl, Brokkoli) und Obstsorten (Orangen, Grapefruits).

 

© dilettantsefus | Flickr  Phytin

Wirkung

Phytin wurde lange als unerwünschter Inhaltsstoff in pflanzlichen Samen angesehen, da Phytin die Mineralstoffaufnahme bremsen kann, wenn die Nahrung wenig Vitamin C enthält. Wer sich aber an die üblichen Nahrungszubereitungsarten und eine ausgewogene Mischkost hält, ist auf der sicheren Seite. Untersuchungen haben zudem auf eine Krebsschutzwirkung im Dickdarm hingewiesen.

Vorkommen

In allen pflanzlichen Samen und damit vor allem in Getreidevollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen.

 

© nalihaha | Flickr  Protease-Inhibitoren

Wirkung

Weil diese Hemmstoffe im menschlichen Organismus wichtige Eiweiß spaltende Enzyme unterdrücken, galten sie früher eher als gesundheitsschädlich. Heute werden ihnen krebshemmende Eigenschaften zugesprochen, vor allem im Zusammenhang mit Mundhöhlen-, Lungen-, Leber-, Speiseröhren- und Dickdarmkrebs.

Vorkommen

Reichlich in Kartoffeln, Erbsen, Erdnüssen, Soja.

 

 © Frederica Potter | Flickr   Saponine

Wirkung

Diese in reiner Form sehr bitter schmeckenden Substanzen werden nur in geringen Mengen vom Körper aufgenommen. Sie sollen speziell das Dickdarmkrebsrisiko senken, indem sie Cholesterin und Gallensäuren binden.

Vorkommen

In Hülsenfrüchten, z. B. Linsen, Bohnen, Kichererbsen, Sojabohnen.

 

© Bernd Loos | Flickr  Sulfide

Wirkung

Diese schwefelhaltigen Substanzen, allen voran das Alliin und Allicin, sind verantwortlich für den intensiven Geschmack und nachhaltigen Geruch der Lauchgewächse. Sie gelten als äußerst vielseitig, schützen vor schädlichen Oxidationen und speziell vor Magenkrebs. Warum, ist noch nicht endgültig geklärt. Diskutiert werden unter anderem die Hemmung von Enzymen, die krebsauslösende Mechanismen aktivieren können und eine Stimulation des Immunsystems.

Vorkommen

In Lauch, Schnittlauch, Knoblauch, Zwiebeln, Schalotten.

 

© Herbert Schneider | Flickr  Terpene

Wirkung

Diese Aromastoffe sind wesentliche Duft- und Geschmacksträger. Ein wichtiges Terpen ist Limonen, das unter anderem in den Schalen der Zitrusfrüchte vorkommt. Eine detaillierte Bewertung der rund 4.500 verschiedenen Terpene gibt es bislang nicht.

Vorkommen

In Pfefferminze, Zitronen, Sellerie, Kümmel.

 


 

Sehm T et al: Cancer Medicine (online) 4. Juni 2014
DOI: 10.1002/cam4.265

Wie entsteht Gesundheit?

Gesundheit ist … für jeden etwas anderes. Die Ansichten darüber, welche Bedingungen über Gesundheit und Krankheit entscheiden, sind höchst unterschiedlich. Der persönliche Blick auf das Thema entscheidet weitgehend darüber, ob jemand für Verhaltensänderungen aufgeschlossen ist oder nicht. So werden Menschen, die davon überzeugt sind, dass Gesundheit überwiegend „eine Frage der Gene“ sei, sich kaum von Maßnahmen ansprechen lassen.

Seit längerem weisen internationale Studien darauf, dass die Gesundheitskompetenz des Einzelnen verbesserungsbedürftig ist. Inzwischen liegen auch für Deutschland erste Daten vor, die dies bestätigen. In dem interdisziplinären Feld der Gesundheitswissenschaften beschäftigen sich die Autoren des Standardwerks Gesundheitswissenschaft daher intensiv mit Fragen zum Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsverhalten. Das Spektrum an Vorstellungen ist insgesamt sehr groß. Häufige Aussagen lauten:

  • Gesundheit ist Schicksal: „Da kann man halt nichts machen …“
  • Gesundeit ist Folge von biologischen Prozessen: „Das Übel war sein Bluthochdruck.“
  • Gesundheit ist Folge von Umwelteinflüssen: „Wir haben ja so schlechte Luft in der Gegend.“
  • Risikofaktoren-Theorie der Gesundheit: „Sein Husten kommt vom Rauchen.“
  • Bewegungstheorie der Gesundheit: „Bewegung hält fit.“
  • Ernährungstheorie der Gesundheit: „Jeden Morgen ein Apfel und abends ein Glas Wein halten Leib und Seele zusammen.“
  • Theorie der Regeneration: „Wenn ich meinen Mittagsschlaf nicht habe, ist das sehr schlecht.“

Möglich, dass Gesundheit für Sie etwas ganz anderes ist. Für die meisten Ärzte ist Gesundheit ganz schlicht die Abwesenheit von Krankheit. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich in der Wissenschaft verschiedene Definitionen entwickelt, die vor allem gemeinsam haben, dass sie Gesundheit positiv definieren.

Positive Gesundheit

Der Begriff „positive Gesundheit“ beinhaltet Faktoren wie Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, Emotionale Kompetenz, Rollenkompetenz und die Möglichkeit, das vorhandene Potential gleichzeitig zu erfüllen und zu erweitern. Außerdem:

  • Qualitativ hochwertige, vielseitige Ernährung
  • Körperliche und mentale Fitness durch Bewegung
  • Keine „Genussgifte“
  • Optimale Hirndurchblutung durch Bewegung und Entspannungstechniken
  • Genügend und guter Schlaf
  • Balance zwischen An- und Entspannung
  • Stressbewältigung
  • Seelisch-soziale Gesundheit durch Selbstwirksamkeit, Lebensfreude und Emotionale Kompetenz.

Es gibt auch Menschen, die sind und bleiben gesund – trotz harter Zeiten oder des Umgangs mit Leid. Was diese von jenen unterscheidet, die an Belastungen, Lebenskrisen und Schicksalsschlägen schwer erkranken oder zerbrechen, fasziniert Wissenschaftler seit jeher; die Frage ist mittlerweile weitgehend durch die Modelle der Salutogenese und Resilienz beantwortet.

Der eigenverantwortliche Mensch im Mittelpunkt

In diesen Konzepten steht der Mensch im Mittelpunkt seines Seins und kann nur dann selbstbestimmt wirken, wenn er die Welt mental, psychisch und auf der Handlungsebene als kohärent zu erleben vermag – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Beruf und soweit möglich auch unabhängig von weiteren Bedingungen und Umständen. Das Gefühl der Kohärenz (Sense of Coherence, SOC) wiederum ist der zentrale Aspekt in der Salutogenese und meint das

Gefühl der Verstehbarkeit Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen

Gefühl der Bewältigbarkeit Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können

Gefühl der Sinnhaftigkeit Glaube, dass das Leben einen Sinn hat

Diese Grundhaltung zum Leben ist hoch dynamisch: Einerseits muss sie sich regelmäßig an neuen Erfahrungen messen. Andererseits beeinflusst die Ausprägung des Kohärenzgefühls die Qualität von Erfahrungen. Das heißt letztlich, dass Grundhaltung und Erfahrungen einander wechselseitig bedingen. Daraus kann ein starkes Kohärenzgefühl wachsen, das stabil jegliche Umstände überdauert. Wollte man den Versuch unternehmen, dieses Prinzip auf eine Art Formel zu reduzieren, käme ein Kontinuum heraus, wonach der Mensch auf einer Achse mit den Polen gesund und krank unterwegs ist:

+/- SOC x Leben = +/- Gesundheit

Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie wird ein Mensch mehr gesund und weniger krank? Hier schließt sich der Kreis zu den Ressourcen.

Zum Thema


Klahre AS: Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund? Alldieschoenenworte 2o14

Blättner B, Waller H: Gesundheitswissenschaft. Eine Einführung in die Grundlagen, Theorie und Anwendung. Kohlhammer 2o11

Brain Food, Slow Food, einfach gut

Das Geheimnis einer guten Ernährung liegt in der Abwechslung frischer und gering verarbeiteter Zutaten: Eine Vielfalt pflanzlicher Lebensmittel wird kombiniert mit Fisch, Geflügel, Soja-, Getreide-, Milchprodukten und Nüssen. Hauptfettquelle ist hochwertiges Olivenöl, bei uns ist auch Rapsöl en vogue.

Ein Überblick über die wichtigsten Elemente dieser Ernährung, für die sich der Begriff mediterrane Küche bzw. Mittelmeerkost eingebürgert hat – manche Autoren und Redaktionen meinen, es handele sich hierbei um eine Diät –, und die in der deutschen Ernährungswissenschaft um den Aspekt der Vollwertigkeit erweitert wurde:

Obst und Gemüse

Gemüse, Salat und Obst – jeweils saisonal, regional und frisch – machen den Löwenanteil dessen aus, was täglich auf den Tisch kommt. Versuchen Sie, etwa 650 Gramm am Tag zu essen: 250 Gramm Obst – das sind zwei Portionen – und 350 Gramm Gemüse – das sind drei Portionen (gegart, roh und/oder Blattsalate). Diese beiden Vitalstoffquellen sind wegen der Vitamine, Enzyme, Spurenelemente, Mineral- und Ballaststoffe seit langem die Lieblinge der Ernährungswissenschaftler. Vor einigen Jahren entdeckten sie, dass noch mehr darin steckt: bioaktive bzw. sekundäre Pflanzenstoffe (SPS), die eine mächtige Waffe im Kampf gegen verschiedene Krebserkrankungen darstellen. Studienergebnisse haben selbst so plumpe Gemüse wie Grün- und Rosenkohl zu Stars gemacht, da sie jede Menge SPS enthalten.

TIPP: Sinnvoll ist es, vor jeder größeren Mahlzeit einen kleinen Salat oder ein Stück Obst oder einen selbst gemixten Smoothie zu sich zu nehmen. Dann können alle Nährstoffe besser aufgenommen werden. Die Verdauungssäfte werden angeregt und der Magen ist bereits etwas gefüllt – mit kalorienarmer Kost.

Fettarme Milchprodukte

Ebenfalls täglich werden fettarme Milchprodukte (z. B. Ziegenkäse, Naturjoghurt, Quark) serviert. Der tägliche Bedarf an Kalzium (rund 1.000 mg für Erwachsene) ist durch etwa einen halben Liter Milch (alternativ: Buttermilch), einen Naturjoghurt und ein kleines Stück Käse gut zu decken. Wie wichtig Milch und Milchprodukte für die Gesundheit sind, zeigt eine im Juli 2007 veröffentlichte britische Studie, die mit 2.300 Teilnehmern über 20 Jahre durchgeführt wurde: Wer täglich einen viertel Liter Milch trinkt, schützt seine Herzgefäße und senkt das Diabetesrisiko.[1] Daran hat sich bis heute nichts geändert. Für einen wirksamen Schutz vor Osteoporose sollte es mindestens ein halber Liter Milch täglich sein.

TIPP: Bei Unverträglichkeiten gegen Milchzucker sind Sojaprodukte eine gute Alternative.

Fisch und Fleisch

Die Empfehlung, mehrmals pro Woche fangfrischen Fisch zu essen, stammt aus „guten alten“ Zeiten, als die Meere noch nicht überfischt und nachhaltig belastet waren; sie hatte den Hintergrund, dass Fisch hochwertiges Eiweiß und Jod für die Schilddrüse liefert und reich ist an Omega-3-Fettsäuren, die unter anderem für Struktur und Funktion von Gehirn und Augen essentiell sind, den Cholesterin- bzw. Triglyzeridspiegel senken und die Fließeigenschaften des Blutes positiv beeinflussen. Damit zumindest diese Versprechen gültig bleiben, sollte heutzutage idealerweise fangfrischer Fisch aus nachhaltiger Biofischerei mit akzeptablen Tötungsmethoden verzehrt werden.

Die gesündesten Fische sind entgegen aller Annahmen fette Fische. Es gibt Hinweise, dass fettreicher Seefisch die Gefahr für Prostata- und Endometriumkarzinome zu senken scheinen.

Gelegentlich ein Stück Fleisch von artgerecht getöteten Weidetieren (großartig: Seit Juni 2o16 ist die Weideschlachtung in der Schweiz gesetzlich erlaubt) ist wegen seines Anteils an Proteinen, Eisen, Zink, B-Vitaminen und Vitamin A eine wertvolle Quelle für Nährstoffe. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt 300 bis maximal 600 g pro Woche. Einmal pro Tag Billigfleisch aus Masttierhaltung ist zuviel. Schon wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge, ließen sich und drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle vermeiden.[2]

TIPP: Geräuchertes, Gepökeltes, Gegrilltes sowie verbranntes Fett erhöhen die Anfälligkeit für Magenkrebs. Muss ja nicht sein.

Getreideprodukte und Hülsenfrüchte

Mit Kohlenhydraten wird in aller Regel Industriezucker und „leere Kalorien“ in Weißbrot oder Kuchen assoziiert. Es gibt aber noch die komplexen Kohlenhydrate, enthalten in Vollkornprodukten (z. B. Brot, Reis, Pasta, Polenta), Hülsenfrüchten (z. B. Linsen, Zuckerschoten, Kichererbsen) und Kartoffeln. Komplexe Kohlenhydrate sind für eine vollwertige Ernährung ideal, da sie gleichzeitig Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe liefern.

TIPP: Komplexe Kohlenhydrate sättigen anhaltend, der Appetit auf Snacks lässt nach. Empfohlen werden mindestens 100 Gramm pro Tag. 200 bis 300 Gramm sind enthalten in  2 Scheiben Vollkornbrot plus 1 Rohkostsalat mit Kartoffeln; in Naturreis und Gemüse plus 1 bis 2 Stück Obst plus frische Paprika oder Gurke.

Getränke

Auch Trinken will gelernt sein. Mit Ausnahme von Alkohol wird meist zu wenig und zu kalorienreich getrunken. Alkohol ist mit 7,2 kcal pro Gramm ein beträchtlicher Kalorienlieferant – 15 Gramm Alkohol wirken auf das Gewicht wie 1o Gramm Fett – und erhöht bekanntlich das Risiko für Tumoren in Mund, Rachen, Speiseröhre, Leber, Brust, Darm. Täglicher Alkoholkonsum beeinflusst das Krebsrisiko entscheidend. Auch Wein sollte restriktiv genossen werden – nicht täglich, nur zum Essen und dann ein Glas.

Für alle anderen Getränke gilt: Jeden Tag mindestens zwei Liter zuckerfreie, kalorienarme Flüssigkeit in Form von Wasser, Saftschorlen (selbst gemixt im Verhältnis 1:3), Tees, fettarme Brühen. Dem Kaffee werden zahlreiche negative wie positive Wirkungen zugeschrieben. Täglich zwei bis drei Tasen, das sind bis zu 300 Milligramm Koffein, sollen bei ansonsten gesunder Lebensweise kein Gesundheitsrisiko darstellen.

TIPP: Frisch gepresste Frucht- und Gemüsesäfte sowie Smoothies sind eine ideale Zwischenmahlzeit. Und: Wem der Geschmack von Wasser zu fad ist, kann es mit frischem Zitronensaft oder Ingwer veredeln.

Kräuter und Gewürze

Frische Kräuter haben neben ihrem Duft den Vorteil, dass sie die Gesundheit fördern und Speisen gut würzen. Versuchen Sie, die Vielfalt in Form von Petersilie, Ingwer, Chmili, Thymian, Rosmarin, Oregano oder Majoran zu nutzen – und seltener den Salzstreuer.

Fette und Öle

Als besonders wichtig für die Regulation der Blutfettwerte hat sich die Zusammensetzung der Nahrungsfette erwiesen. Insgesamt ist der Fettgehalt der mediterranen Vollwerternährung mit 35 bis 40 Prozent relativ hoch, doch sie ist arm an den gefäßschädigenden gesättigten Fettsäuren, an versteckten Transfettsäuren und an Cholesterin. Reichlich enthalten sind dagegen die „guten“ ein- und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, die dazu beitragen, das gefäßschädigende LDL (Low Density Lipoproteine) und die Triglyzeride im Blut auf das Normalmaß zu beschränken. Hauptfettquellen sind Pflanzen- und Fischöle.

TIPP: Der Anteil an gesättigten Fettsäuren sollte nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung bei maximal zehn Prozent liegen. Butter erscheint unter diesen Voraussetzungen günstiger als Margarine, Alpha-Linolensäurereiche Pflanzenöle wie Leinöl (!), Walnuss-, Raps- und Sojaöl besser als Mais- und Sonnenblumenöl. Ergänzend kommt natives Olivenöl mit seinem hohen Anteil an einfach ungesättigten Fettsäuren zum Einsatz.

Das gewisse Etwas

Mediterran-vollwertig heißt nicht zuletzt: Genießen Sie mehrmals pro Woche Müsli, Nüsse (vor allem Walnüsse wegen ihres hohen Anteils an mehrfach ungesättigter Alpha-Linolensäure), Oliven, Sojaprodukte, milchsauer vergorenes Gemüse wie Sauerkraut und Rote Bete. Wer sich angewöhnt, auf dem oder im Biomarkt, im Hofladen oder beim Bauern seines Vertrauens einzukaufen, kann jegliche Lebensmittelverordnungen komplett ignorieren. Charakteristisch für „echte“ Öko-Bio-Lebensmittel sind geringe Mengen an Zucker, Salz und versteckten Fetten (Cave: Palmfett).

Ohnehin sollte die schöne Faustregel gelten: Finger weg von Lebensmitteln mit mehr als FÜNF Zutaten. Ab dann sind das Nahrungsmittel, dem Leben – dem guten zumal – nicht dienlich.

TIPP: Gewöhnen Sie sich an den Geschmack ungesüßter Speisen bzw. ersetzen Sie Haushaltszucker durch schonend geschleuderten Honig oder Agavendicksaft. Nüsse und ungeschwefelte Trockenfrüchte (z. B. Aprikosen, Feigen, Datteln) sind feine Zwischenmahlzeiten.

 


 

1 Elwood P et al: Journal of Epidemiology and Community Health 2oo7; 61(8): 695-698. DOI: 10.1136/jech.2006.053157

EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition): Studie 2o13

 

Ethical Food: Jeden Tag unverfälscht

© SecondaVita 2o16

Rund 50 Nährstoffe braucht der Körper zum Leben, Arbeiten, Gesundbleiben und sich Wohlfühlen. Jeder weiß, dass Vitamine und Mineralien ebenso dazu gehören wie Ballaststoffe und Kohlenhydrate aus Vollkorngetreide oder Hülsenfrüchten. Auch die Low-Fat-Empfehlungen sind bekannt: Mit tierischen Fetten sparsam umgehen, nicht aber mit hochwertigen Fettsäuren aus frischem Fisch, Ölen und Nüssen.

Für die meisten Menschen ist es nach wie vor schwierig, eine Ernährung konsequent beizubehalten oder überhaupt umzusetzen, die sich mit „vernünftig, gesund, verantwortungsbewusst, ökologisch nachhaltig und unverfälscht“ etikettieren lässt. Und doch zeigen die Lebensmittelskandale der jüngeren Vergangenheit langsam Wirkung: Der Trend geht endlich in Richtung Slow Food beziehungsweise „Ethical Food“ – das eine wie das andere ist regional, saisonal, artgerecht, frisch, fair, einfach gut; zumindest bei jenen, die sich mit „Ernährungsbildung“ beschäftigen und beim Fleisch-, Fisch-, Obst- und Gemüseverbrauch automatisch die politisch-ethisch-moralischen Aspekte im Blick haben.

Zeitgemäß in diesem Sinne ist die gute alte mediterrane Kost. Auch wenn sie in ihrer traditionellen Form und Wirkung kaum noch anzutreffen ist, weil die Qualität verfügbarer Lebensmittel sich verändert hat und weil auch am Mittelmeer schon länger Fastfood konsumiert wird, so zeigen alle Studien doch die wesentliche Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung für den menschlichen Organismus.

Jenseits von magischen Spezialdiäten

Die Mind Body Medicine legt ihren Schwerpunkt auf die vollwertige Mittelmeerküche, einer Kombination aus traditioneller mediterraner Ernährung und der in Deutschland entwickelten Vollwerternährung nach Leitzmann. Prof. Dr. Claus Leitzmann, Gießen, ist sozusagen der Vater der vegetarischen und nachhaltigen Ernährung.

Da jedes Jahr eine neue Ernährungsform durch die Medien getrieben werden muss, wird neuerdings die Variante der „traditionellen nordischen Küche“ propagiert, die sich an der Mittelmeerküche orientiert, aber auf „nordische Lebensmittel“ wie Kohl, Beeren, Äpfel, Birnen, Muscheln und Algen setzt. Und „Clean Eating“ ist nichts anderes als obst- und gemüselastiges Vollwert-Food mit hippem Namen.

All die immer neuen Ideen verschleiern letztlich eine schlichte Wahrheit: An den Empfehlungen für eine gute Ernährung hat sich nichts geändert. Sofern die Trends allerdings dabei helfen, dass sich gerade junge Menschen mit dem Thema gesunde Ernährung auseinandersetzen, ist alles gut. Denn eine bewusste, nährstoffreiche Ernährung mit nicht mehr als drei Mahlzeiten pro Tag bleibt grundsätzlich herausfordernd, ist aber Medizin.

Die Anzahl der Studien, die eine Ernährungsumstellung in Richtung „Back to basics“ als Gewinn für die ganzheitliche Gesundheit dokumentieren, ist unüberschaubar. Für Patienten, die an ernährungsabhängigen Krankheiten leiden, ist es deshalb wichtig, eine Ernährung zu finden, die jenseits von magischen Spezialdiäten

  • dauerhaft dabei hilft, gesund und schlank zu werden respektive zu bleiben;
  • keine Ge- und Verbote kennt;
  • auf Diätpläne und Cholesterintabellen verzichtet;
  • weder umständlich noch schwierig oder langweilig ist;
  • sich jederzeit in den Alltag integrieren lässt;
  • exzellent schmeckt und gut verträglich ist;
  • die Lust am Essen nicht verdirbt.

Die vollwertige Mittelmeerkost erfüllt alle genannten Kriterien und kommt damit nicht nur Patienten entgegen, die nach einem stationären Aufenthalt gefordert sind, sich fürsorglich selbst an die Hand zu nehmen, um den Krankheitsverlauf deutlich positiv zu beeinflussen. Auch für Gesunde ist ein mediterran-vollwertiger Nahrungsmix optimal für die Prävention von Zivilisationskrankheiten aller Art. Das Beste daran: In Kombination mit regelmäßiger Bewegung sind Gewichtsprobleme künftig kein Thema mehr.

Allerdings darf niemand schnelle Wunder erwarten, denn die insgesamt negativen Auswirkungen eines körperlich und psychisch ungesunden Lebensstils mit Nikotin, Alkohol, Stress und Bewegungsmangel können auch durch die gesündeste Ernährung nicht kompensiert werden.

„Es funktioniert nicht, das komplizierte Regelwerk des menschlichen Körpers nur durch einen einzelnen Faktor positiv beeinflussen zu wollen,“ hat Prof. Dr. Claus Fischer, Bayreuth, Vorsitzender des Arbeitskreises Prävention, Umwelt- und Komplementärmedizin in der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V., im Rahmen eines Kongresses mal gesagt.

Man kann, wie immer, nur ganzheitlich agieren: Ernährung, Bewegung, Nichtrauchen, selten bis kein Alkohol, Spannungsregulation (zwischen An- und Entspannung), genug guter Schlaf und Stressbewältigung kann ein Weg sein. Die gute alte Ordnungstherapie und deren zeitgemäße Variante, die Mind Body Medicine (MBM), werden jeweils als ganzheitliches Konzept verstanden und umfassen den Umgang mit diesen und weiteren Kernthemen.