„Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben“

 

 

Alles wird gesund. Alles ist machbar. Endlich Schluss mit diesem oder jenem. Wir leben – auch – in einem durch und durch oberflächlichen Zeitalter, das von Jugendlichkeit und Fitness geradezu besessen ist. Dafür ist kein Weg zu weit, kein Versprechen zu teuer.

Was ist das, Selbstoptimierung um jeden Preis? Prävention? Die Antworten werden naturgemäß unterschiedlich ausfallen, da jeder Einzelne etwas anderes unter den Begriffen versteht.

Mein Thema ist nun mal die Prävention, und hier gilt: Grundsätzlich ist alles Prävention, was Krankheit verhindert, verzögert oder weniger wahrscheinlich macht. Der Begriff selbst kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Prävention setzt zeitlich vor dem Eintritt eines Risikos an, Therapie danach.

Schon mit den klassischen Möglichkeiten der Prävention kann jeder den großen Volkskrankheiten aktiv entgegenwirken oder, bei bestehenden Störungen, Schlimmeres abwenden. Jede Krankheit, die nicht entsteht, ist die beste Entlastung für – ja, für wen eigentlich?

Eine Gesellschaft, zu deren Lebensprinzipien bisher nicht die Salutogenese – die Gesundheitsentstehung als Wert an sich – gehörte, sondern die Pathogenese mit einer auf Funktionalität, Planbarkeit, Kontrollierbarkeit, Effizienz und monetären Gewinn ausgerichteten Hochglanzmedizin, befindet sich in einem Teufelskreis: Der Einzelne wird zum Opfer seiner Ansprüche – oder die anderer – an Machbarkeit und übersieht, dass sein Glück darin liegt, wie er selbst der Welt begegnet.

SEIT DER ANTIKE DIENT ETHISCHES DENKEN
IN ERSTER LINIE DAZU, DEM MENSCHEN DABEI ZU HELFEN,
EIN ERFÜLLTES LEBEN ZU FÜHREN. ETHISCHES DENKEN ALSO
ALS ANLEITUNG ZU EINEM GUTEN LEBEN.
GIOVANNI MAIO

 

Deshalb ist jede Erkrankung, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den präventologisch Handelnden und gleichsam ethisch Denkenden: „Seit der Antike dient ethisches Denken in erster Linie dazu, dem Menschen dabei zu helfen, ein erfülltes Leben zu führen. Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben,“ schreibt Prof. Giovanni Maio, Arzt, Philosoph und Medizinethiker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.〈1〉

ELF BIS 14 JAHRE LÄNGER LEBEN

 

Zu diesem gelingenden Leben gehören Maßnahmen, die sich nicht nur auf Korrekturen durch eine immer moderner werdende Medizin beschränken, nach dem Motto: Blutdruck zu hoch, Pille einwerfen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze geht es um aktive, im Wortsinn selbst-bewusste Korrekturen von Risikoverhalten im Alltag mit ganzheitlichen Ansätzen. Bereits kleine Veränderungen können große Wirkungen zeigen:

 Das „Richtige“ und weniger essen
 Sich täglich (mindestens) 30 Minuten bewegen
 Bei Belastungen entspannt bleiben
 Gut mit sich und anderen umgehen
 Auf ausreichenden Impfschutz achten

Ein gesunder Lebensstil, mehr noch: „positive Gesundheit“, kann die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre verlängern, lauten Ergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1999 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht. 〈2,3〉 Verhindern lassen sich 〈4〉

℘  92% aller Herzinfarkte
℘  90% aller Diabeteserkrankungen
℘  85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems
℘  50% aller Krebserkrankungen

Der Weg zu diesem Ziel ist eine Reise, an deren Anfang Selbstbestimmung und Selbstverantwortung stehen. Eines wie das andere ist für den Sozialphilosophen Prof. Armin G. Wildfeuer unentbehrlich für ein gelingendes Leben. Hinzu kommen 〈5〉

℘  Entschiedenheit bei der Auswahl aus der Vielfalt der Sinnangebote
℘  ein integrativer Umgang mit Widerständen
℘  die Fähigkeit zum Kompromiss
℘  Treue zum eigenen Lebensentwurf

Eine weitere Kraftquelle finden viele in ihrer Religiosität oder Spiritualität. Die einen glauben an einen Gott, andere daran, dass das Leben – jenseits von Konfessionen – Sinn und Bedeutung hat.

Sinn wiederum ist ein zentrales Thema in der Mind Body Medizin und damit in meinem Lebensstiltraining. Es ist der bewusst gesetzte Kontrapunkt zur Selbstoptimierung und hilft Ihnen nach einem 10-Wochen-Programm, Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden ganzheitlich, eigenverantwortlich – und in aller Ruhe – zu steuern. Und Ihre biographischen Risse, Sprünge, Brüche zu integrieren. Die Methoden wurden und werden vielfach untersucht, sind wissenschaftlich anerkannt und in ihren positiven Auswirkungen auf die Körpersysteme nachgewiesen. Und da jeglicher Sieg im Kopf entschieden wird, werden aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt.

JUGENDLICHKEIT MIT WEISHEIT IST SEXY

Weil ich die Kombination Jugendlichkeit und Weisheit sexy finde, habe ich eine kompakte Version entwickelt: Slow.Flow.Glueck. Meine 3-, 4- und 6-Tagesseminare auf Basis der Mind Body Medizin und in der wundervollen Atmosphäre der Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf und Groß Toitin, sind jeweils kleine Reisen zu einem Perspektivwechsel, zu „neuen Ohren“, ins Glück. 

Ich verbinde drei Kernaspekte für ein gutes Leben:

℘  Innehalten und sich mit allen Bedürfnissen intensiv wahrnehmen
℘  Den Körper und Geist ausgewogen bewegen
℘  Die Seele mit SlowSoul…Health Food wärmen

Sie sind in guter Gesellschaft: in einer Gruppe mit maximal zehn Gleichgesinnten, die wie Sie individuelle Wege suchen, um den Dingen des Lebens anders zu begegnen.

Slow.Flow.Glueck ist für die einen der Einstieg in ein verändertes Lebensgefühl, andere erleben die Zeit als einen „perfekt ausbalancierten Weg, um zwischendurch alles loszulassen und beseelt“ (O-Ton eines Teilnehmers) in den Alltag zurückzukehren.

 
OHNE EINSICHT IN … DEN SINN DES GEGEBENEN
KÖNNEN WIR NICHT GLÜCKLICH WERDEN.
GIOVANNI MAIO
 

 

QUELLEN

1 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

2, 3 EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition): Studie 2o1o

4 EPIC 2oo4

5 Wildfeuer AG: Das „gute“ oder „gelingende“ Leben im Ethos der Demokratie. 5. Symposium des Professorenforums, 12. bis 13. April 2002, J. W. Goethe Universität, Frankfurt/Main

 

ZUM THEMA

Klahre, AS: Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund? All die schoenen Worte, 11/2o14

 

Sprechen in der Medizin: Mehr wie, weniger was

 

Mehr wie, weniger was: „Es ist sehr ernüchternd, dass nur 15 Prozent der Worte wirksam sind. Viel wichtiger ist der Tonfall und wie das Gesagte über die nonverbalen Signale der Mimik und Gestik begleitet werden.“

 

© Ines Seidel | Flickr

 

Vier Jahre ist es her, dass der Psychiater, Psychotherapeut und Schmerztherapeut Dr. Claus Derra aus Bad Mergentheim sich auf dem Deutschen Schmerzkongress mit dem Aspekt „Sprechen statt Stechen“ bei Schmerz beschäftigt hat.〈1〉„Aus der Placebo- und Noceboforschung wissen wir, dass geringe Zuwendung bei der Chronifizierung von Schmerzen eine große Rolle spielt”, sagte er seinerzeit.

An der Wichtigkeit dieser Thematik hat sich bis heute nichts geändert. Oder doch, Kommunikationsdefizite auch in der Medizin und allgemein in Gesundheitsberufen gehen inzwischen als Binsenweisheit durch. Leider ändert das nichts daran, dass das Ganze noch brisanter geworden ist und zumindest mitverantwortlich für fürchterliche Versäumnisse und folgenintensive Fehler. Und es gilt natürlich nicht nur für den Schmerz.

Da aber gerade in der psychologischen Schmerztherapie viele Arbeiten untersucht haben, wie „sprechende Medizin“ und psychotherapeutisches Handeln neurobiologisch wirken und wie Gehirn und Psyche die funktionellen Regelkreise im Gesamtorganismus beeinflussen, bleibt der Text bei dem Schwerpunkt und hat dennoch eine gewisse Allgemeingültigkeit.

Empathie verändert die Schmerzmatrix im Gehirn

2011 hatte eine in Science veröffentlichte Studie für größeres Interesse gesorgt, weil erstmals gezeigt werden konnte, dass Schmerz und Einsamkeit in der Großhirnrinde den gleichen Abschnitt des Schmerznetzwerks aktivieren – den anterioren Gyrus cinguli (ACC).〈2〉Der ACC als Teil des Limbischen Systems sorgt jedoch nicht für die Wahrnehmung von Schmerz, sondern regelt die emotionale Reaktion auf Schmerz. 

„Damit lassen sich eine Reihe bekannter bio-psycho-sozialer Einflussfaktoren erklären, die mit sozialem Rückzug und dem Erleben von Einsamkeit einhergehen – und mit somatischen Effekten im Sinne verschiedener Schmerzen“, so Derra. Beispielsweise würden Faktoren wie Ängstlichkeit, Depressivität und die Neigung zum Katastrophisieren die Tendenz zum sozialen Rückzug und zur Chronifizierung verstärken – und den Schmerzmittelgebrauch erhöhen. 

Die Studienautoren um Prof. Naomi Eisenberger, Direktorin des Department of Psychology an der University of California Los Angeles, haben seinerzeit geschrieben: „Wenn man die Dinge so betrachtet, leuchtet es unmittelbar ein, dass soziale Wärme und Unterstützung durch Bezugspersonen somatische Schmerzen lindern können.“ 

Mit anderen Worten: Empathie und Psychoedukation haben im Rahmen der gezielten ganzheitlichen und wenig invasiven Ansätze der psychologischen Schmerztherapie ein zusätzlich erhebliches Potenzial, die Schmerzmatrix im Gehirn zu verändern. 

 

Die Kunst des Sprechens ist es, dass vieles von dem,
was dem Patienten helfen kann,
sich auch mit seinen Überzeugungen treffen muss.
Dr. Claus Derra

 

„Schon die reine Informationsvermittlung zum Krankheitsmodell und das Darstellen der therapeutischen Möglichkeiten stellen eine Bereicherung der psychologischen Schmerztherapie dar, da man sich hier die Erwartungen zunutze macht, die Patienten an ihre Ärzte und Therapien haben, um die Compliance und damit die Behandlungsergebnisse signifikant zu beeinflussen“, hat Dr. Regine Klinger gesagt, Psychologische Leiterin des Bereichs Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie am Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg (UKE).〈3〉 

Da das im positiven (Placeboeffekt) wie im negativen (Noceboeffekt) Sinne funktioniert und immer an die Vorerfahrungen der Patienten mit Therapien und Therapeuten gekoppelt ist, kommt es weniger auf das Was an, denn auf das Wie. 

„Es ist sehr ernüchternd, dass nur 15 Prozent der Worte wirksam sind“, sagte Derra. Viel wichtiger sei der Tonfall (35%) und wie das Gesagte über die nonverbalen Signale der Mimik und Gestik begleitet werden (50%). „Wir könnten eigentlich aufhören so viel zu reden, denn die Metakommunikation spielt die wesentliche Rolle.“ 

Erlebnis- und Gefühlswelten erfassen

Bereits der Großmeister der Kommunikationsforschung, Prof. Dr. Paul Watzlawik (1921-2007), hatte im kalifornischen Palo Alto in den 1990er-Jahren postuliert: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Und: „Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht.“ 

Derra hält deshalb einige basale kommunikative Fähigkeiten für wichtig, die ein Therapeut/Arzt haben sollte. Dazu gehört 

_ das Vermitteln von Informationen, die genau auf den Patienten zugeschnitten sind,

_ sich vergewissern, was der Patient verstanden hat,

_ so wirken, dass eine maximale Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Patient einmal getroffene Vereinbarungen über therapeutisches Vorgehen und Lebensstiländerungen ein- und beibehält.

„Wir sind hier im Bereich der Verhaltensänderungen. Den meisten Patienten kann erklärt und auch zugetraut werden, dass und wie sie eigene Kontrollstrategien – psychologische schmerztherapeutische Selbstkontrollstrategien – erlernen können, um das Endorphinsystem zu beeinflussen“, so Derra. Zusätzlich können schmerzlindernde Behandlungseffekte über gezielte Fokussierungsmaßnahmen oder selektive Aufmerksamkeitslenkung bewusster gemacht werden.

Die Kunst des Sprechens sei es, dass vieles von dem, was dem Patienten helfen kann, sich auch mit seinen Überzeugungen treffen müsse. Zu dem Zweck müsse man ihn erreichen. Die wesentlichen Funktionen des diagnostischen Gesprächs liegen neben dem Erfahren der krankheitsbezogenen somatischen und psychosozialen Informationen deshalb im Erfassen seiner Erlebnis- und Gefühlswelten – im Erkennen seiner Persönlichkeitsstrukturen, Defizite und Ressourcen, des Umgangs mit der Krankheit, der Sorgen, Nöte und Befürchtungen. Grundvoraussetzung in diesem Prozess ist das aktive Zuhören, die ärztliche Urtugend.

„Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass aktives Zuhören die Medizin der Zukunft sein wird, sonst wird keine Medizin mehr sein“, sagt Prof. Dr. Gian Domenico Borasio, Palliativmediziner am Universitätsspital in Lausanne.〈4〉

Grenzen des Sprechens 

Grenzen des Sprechens werden bei schichtspezifischen Verständnis- und Verständigungsproblemen erreicht: „16 Prozent der Schmerzpatienten haben einen Sprachschatz unter Hauptschulniveau“, so Derra. Als weitere Handicaps auf Seiten der Patienten nannte der ehemalige Ärztliche Direktor des Reha-Zentrums in Bad Mergentheim mangelnde Motivation, Misstrauen in die Kompetenz des Therapeuten, Ideologien und eine insgesamt negative Erwartungshaltung: „Noceboeffekte führen dazu, dass eine wirksame Therapie nicht besser hilft als Zuckerwatte.“ Verstärkt würden diese Effekte seitens der Behandler u. a. durch einen schlechten Ruf und schlechte Informationsvermittlung, fehlende Empathie, Ideologien, Mangel an Zeit und Interesse. 

Die Tücken der „sprechenden Medizin“ hat der Verhaltensforscher Konrad Lorenz optimal subsummiert: „Gesagt heißt nicht immer gesagt, gesagt heißt nicht immer gehört, gehört heißt nicht immer verstanden, verstanden heißt nicht immer einverstanden, einverstanden heißt nicht immer angewendet, angewendet heißt nicht immer beibehalten.“ 

 

Noceboeffekte führen dazu, dass eine wirksame Therapie
 nicht besser hilft als Zuckerwatte.
Dr. Claus Derra

 

Quellen

1   Deutscher Schmerzkongress 2013. 23. bis 26. Oktober 2013, Hamburg Derra C: RF6

2   Eisenberger N, et al: Proc Natl Acad Sci. 2011; 108(28):11721-1126
http://dx.doi.org/10.1073/pnas.1108239108 

3   Deutscher Schmerzkongress: Eröffnungspressekonferenz, 23. Oktober 2013

4  Sterben verboten? Wie Hightech-Medizin den Tod verändert. Das Erste | ARD, 11. Dezember 2o17

 

Mehr zum Thema

Gespræchspraxis.Praxisgespræch: Kommunikationstraining für Gesundheitsberufe

 

Lebensstil, Darmgesundheit und Depression

 

Das Risiko, eine Depression zu entwickeln,
ist direkt verknüpft mit dem Lebensstil,
besonders mit schlechter Ernährung.

 

Rund 50 Nährstoffe braucht der Körper zum Leben, Arbeiten, Gesundbleiben und sich Wohlfühlen. Was, wenn er die dauerhaft nicht bekommt? Macht krank, sehr krank – und wird beschleunigt durch einen insgesamt ruinösen Lebensstil mit wenig Schlaf und noch weniger Bewegung. Einmal mehr zeigt jetzt eine australische Studie: Ein ungesunder Lebensstil mit einer ballaststoff-, obst- und gemüsearmen Ernährung und stattdessen stark verarbeiteten Nahrungsmitteln mit viel Fett, Zucker, Salz ist einer der Schlüssel auch für eine Depression.〈1〉

Zu diesem Ergebnis ist Dr. Joanna F. Dipnall vom Department of Statistics, Data Science and Epidemiology an der Swinburne University of Technology in Melbourne gelangt – mithilfe eines neuen Tools, dem Risk Index Depression (RID). Dieser enthält verschiedene Parameter zu individuellen Ernährungsfragen und dem Lebensstil und soll Medizinern und Erkrankten auch auf dieser Basis künftig helfen, erste Anzeichen einer Depression zu erkennen.

„Während die Risikofaktoren für Depression zunehmend bekannter werden, gibt es keinen Index für die Darstellung dieser Risikofaktoren“, schreiben Dipnall und Kollegen. „Wir wollten eine Methode entwickeln, die Schlüsseldeterminanten aus bereits veröffentlichten Forschungsarbeiten verwendet.“ Entsprechend wurden die Daten (Demographie, Klinik, Labor) aus der National Health and Nutrition Examination Survey (2009-2010, N = 5.546) ausgewertet. „Unser Ziel ist die Prävention“, so die Autoren. Auch die Veranlagung für Depressionen soll mit dem RID identifiziert werden können.

Völlig klar ist für die Wissenschaftlerin ein Zusammenhang zur Darmgesundheit. Ballaststoffe in Form von Vollkornprodukten, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen sind ein zentraler Faktor für die Darmgesundheit, die wiederum ist ein aktueller Schwerpunkt der Depressionsforschung.

Für Dipnall schließt sich hier ein Kreis: „Unsere Erkenntnisse liefern weitere Beweise dafür, dass Ernährung ein Hauptfaktor für die Darmgesundheit und das Depressionsrisiko ist.”

 

© Gero Sánchez | Flickr

 

Quelle


 

1 Dipnall JF et al: Aust & N Z Journal of Psychiatry
Online first 31. August 2017
https://doi.org/10.1177/0004867417726860

 

Zum Thema


 

Klahre AS: Dünne Haut, Risse in der Seele
SecondaVita Prævention, 22. Juni 2o15 und
Slow.Flow.Glueck, 8. Juli 2o17

Klahre AS: Ethical Food: Jeden Tag unverfälscht
SecondaVita Prævention, 18. Dezember 2o15

Klahre AS: Soul Food. Slow Food. Einfach gut
Slow.Flow.Glueck, 17. August 2o17

 

Innehalten

 

 

 

Eine gute Verbindung zum Partner, zu Freunden, zu Menschen im Berufsleben ist eine Quelle, aus der wir Energie für den Alltag gewinnen. Wie unersetzlich aber Momente sind, in denen wir innehalten, zeigt sich immer dann, wenn wir abseits von Aktivitäten – oder Aktionismus – und vielen Leuten zur Ruhe kommen, langsamer, still werden. Nichts tun.

Wer seinem Bedürfnis nach Rückzug von Zeit zu Zeit folgt und die Abgeschiedenheit sucht, kann konzentriert Gedanken sammeln, an einem Problem oder Thema arbeiten. Oder in „ruhiger Wachheit“ abwarten, bis Erkenntnisse sich von selbst einstellen. Eine anspruchsvolle Übung hierbei: Nichts, rein gar nichts werten, was einem so in den Kopf kommt.

Solche Selbstgespräche können gut begleitet werden von Büchern, Musik, Gehen in einsamen Landschaften, Medititationen … die Möglichkeiten sind grenzenlos. Je ruhiger und harmonischer die Umgebung ist, umso besser.
 
Die Gastgeber der wunderschönen Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf, Groß Toitin und ich laden dazu ein, drei, vier oder sechs Tage innezuhalten und mit dem exklusiven Slow.Flow.Glueck-Programm von allem zu entkoppeln, was stresst und anspannt: in Stille, mit heilsamer Bewegung, beim gemütlichen Speisen mit Gleichgesinnten.
 
Slow.Flow.Glueck ist gemacht für Damen, Herren, Paare, Eltern, Chefs, Mitarbeiter, Alleinherrscher – für alle, die individuelle Wege suchen, um

ς mit Überforderung, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und … besser umzugehen
ς Frustration, Ängste, Wut loszulassen
ς Schmerzen zu lindern
ς die Seele zu streicheln und den angestrengten Körper zu beruhigen
ς zu entschleunigen und still zu werden
ς den Lebensstil um schöne Impulse zu bereichern

Freuen Sie sich auf ein Abenteuer der anderen Art und lernen Sie sich neu kennen. Das Ergebnis ist mehr Kraft und Klarheit und das wunderbare Wissen, „the most difficult and the most intellectual thing in the world“ (Oscar Wilde) tun zu können: nichts. Jedenfalls nicht viel.

 

Slow.Flow.Glueck auf Facebook

 

Gestresstes Herz, was brauchst Du?

 

  

Ungefähr so viele Menschen wie eine Kleinstadt Bewohner hat, erliegen jedes Jahr einem plötzlichen Herztod.
Das sind mehr als zusammengenommen jene, die hierzulande an Lungenkrebs, Brustkrebs und Aids sterben.

 

Die Erde – in Aufruhr. Die Menschheit richtet sie und sich zugrunde. Terroranschläge und andere gesellschaftliche Verrohungen vor der Haustür, weltweite Migration, hoher Arbeitsdruck, wirtschaftliche Sorgen … Die Verunsicherungen und Ängste vieler Menschen sind inzwischen mit Händen zu greifen, die Nerven vieler liegen blank. Wenn mehr oder minder chronischer Stress plötzlich und tödlich endet, lautet die Diagnose „plötzlicher Herztod“ (PHT) oder „Sekundentod“.

Immer wieder taucht hierbei das Bild vom scheinbar heiteren Himmel auf. Doch von rund 200.000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr einen akuten Herzstillstand nicht überleben, sind nur etwas mehr als zehn Prozent kardiale Risikopatienten, die nach einem Infarkt bereits an einer Herzmuskelschwäche litten oder eine andere Herzerkrankung hatten.〈1〉

 

Meistens geht diesem unvorhersehbaren
und schrecklichen Ereignis eine längere Phase
mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus

Karl-Heinz Ladwig

 

„Meistens geht diesem unvorhersehbaren und schrecklichen Ereignis eine längere Phase mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus. Im Nachhinein lassen sich in vielen Fällen klassische Alarmzeichen ausmachen, etwa finanzielle Sorgen, eine belastende Arbeits- oder frustrierende Familiensituation.“ Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, am Helmholtz Zentrum München tätiger Psychokardiologe, hält diese psychosozialen Aspekte kardiologischer Leiden für unterrepräsentiert und machte dies im April in Mannheim anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie deutlich: „Der plötzliche Herztod ereilt die Betroffenen entgegen einer verbreiteten Vorstellung in der Regel nicht nach einer einmaligen Aufregung. Akuter Ärger, Angst oder andere Aufregungen sind nur Auslöser.“〈2〉

Physiologisch betrachtetet sind meist Herzrhythmusstörungen wie Kammerflimmern oder auch das sogenannte Broken Heart Syndrom direkte Auslöser eines PHT. Beim Broken Heart Syndrom (auch: Stress-Kardiomyopathie, Tako-Tsubo-Syndrom) verengen sich die Herzkranzgefäße akut krampfartig. Betroffen sind vorwiegend Frauen jenseits der Wechseljahre. Die Symptome gleichen denen eines Herzinfarktes, sie treten meist unmittelbar nach einer außerordentlichen Belastung auf.

Dass die Ursachen im emotionalen Bereich liegen können, hat unter anderem eine Studie aus Los Angeles gezeigt: Dort hatten Forscher die Auswirkungen des „Northridge Erdbebens“ am 17. Januar 1994 untersucht, eines der stärksten Erdbeben, das bis dato in den USA registriert worden war.〈3〉 Die Zahl der plötzlichen Herztode von durchschnittlich 2 bis 4 war am Tag der Katastrophe sprunghaft auf 24 angestiegen. 16 Menschen starben binnen einer Stunde nach den ersten Erschütterungen. Nur drei Todesfälle standen in Zusammenhang mit physischer Belastung. In der Woche nach dem Erdbeben lag die Zahl der plötzlichen Herztode unter dem Durchschnitt (2,7 ± 1,2).

 

Neben der Veranlagung spielt auch die Art,
wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen,
eine wesentliche Rolle
Karl-Heinz Ladwig

 

„Auch wenn wir noch nicht alle Zusammenhänge im Detail verstehen, zeigt sich, dass es für den stressinduzierten Herztod zwei Komponenten braucht,“ so Ladwig. „Neben der Veranlagung spielt auch die Art eine wesentliche Rolle, wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen. Anders ausgedrückt: Wer Stress besser bewältigen kann, hat ein geringeres Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden.“

In den meisten Fällen seien mehr körperliche Bewegung, ein gezieltes Stressmanagement oder Entspannungstechniken ausreichend und können das Risiko für einen plötzlichen Herztod signifikant senken, so Ladwig.

Aus Sicht von SecondaVita Prævention ließe sich ergänzen:

 

Ernährung umstellen
 Gegebenenfalls Zigaretten- und Alkohlokonsum deutlich drosseln
 Genügend schlafen
 In geschützter Atmosphäre reden über das, was schwer lastet
 Sich sortieren, neu ordnen und wohltuende Perspektiven entwerfen
 Seelische Widerstandskraft – Resilienz – trainieren
 Sich eine lang nachklingende präventive Auszeit verordnen

 

Bei Verdacht auf eine klinisch manifeste Depression soll ein weiterer Experte hinzugezogen werden. 

Stress ist ein eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen und verdiene mehr Aufmerksamkeit, betonte Ladwig: „Schon das gezielte Ansprechen der Lebenssituation und psychischen Befindlichkeit kann einen hohen therapeutischen Wert haben.“

Dies mag den einen oder anderen Kardiologen überrascht haben.

 


 

1 Deutscher Herzbericht 2o16. Deutsche Herzstiftung, Berlin, 25. Januar 2o17

2 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie
Mannheim, 19.o4.-23.o4.2o17

3 Leor J et al:  N Engl J Med 1996; 334:413-419
DOI: 10.1056/NEJM199602153340701

 

 

Trauer und Selbstfürsorge

   Es ist die Ironie meines Lebens,
dass ich meinen Ehemann verlieren musste,
um mehr Dankbarkeit zu lernen.  S Sandberg

Sheryl Sandberg war 45, als sie 2o15 plötzlich Witwe wurde. Ihr Ehemann Dave war aufgrund einer Herzrhythmusstörung von einem Laufband gefallen. Mrs. Sandberg ist Hausfrau, Mutter von zwei Töchtern und eine der einflussreichsten Managerinnen in der Social-Media-Welt, aktuell bei Facebook. Bevor sie ihren nicht minder erfolgreichen Mann verlor, galt sie als knallharte Karrieristin.

Gesagt hat sie den eingangs zitierten Satz im Mai 2o16, im Rahmen eines Vortrags an der Elite-Universität Berkley vor etwa 5000 Absolventen.〈1〉 Es war ihr erster öffentlicher Auftritt nach jenem Albtraum, den sie als das Furchtbarste bezeichnete, das ihr hatte passieren können. Sie hatte das Gefühl, als würde sie in Kummer und Einsamkeit ertrinken.

Ein Jahr später wollte sie den jungen Leuten etwas mit auf den Weg ins Leben geben, das sie, wie sie sagte, nur mit viel Unterstützung gelernt habe, nämlich Tragödien zu überwinden: „Wenn das Leben euch unter Wasser zieht, hoffe ich, dass ihr euch daran erinnert, dass tief in euch die Fähigkeit steckt, daran zu wachsen.“〈1〉

Die Erfahrung desjenigen, der bleibt

Dieses Beispiel soll das Thema Trauer eingrenzen: Es geht um den Verlust eines geliebten Menschen. Es geht um die Verlusterfahrung desjenigen, der bleibt. Ich betone das, weil Trauer sich auch einstellen kann, wenn wir etwas Wichtiges verlieren. Auch der Mensch trauert, der weiß, dass er in absehbarer Zeit sterben wird – er trauert nicht selten um das, was er versäumt hat zu tun.

Doch all jene, die diesen Menschen auf seinem Weg aus dem Leben begleiten, haben zu jenem Zeitpunkt meist noch vieles andere zu klären; sie wissen so gut wie nichts darüber, was sie erwartet, wenn das Leben den Sterbenden schlussendlich freigibt. Nicht selten kommt hinzu: Sie möchten es nicht wissen. Der Widerstand das zuzulassen, was damit verbunden sein kann, ist hoch.

Bei Untersuchungen über belastende Lebensereignisse steht der Tod eines Angehörigen auf Platz eins.〈2〉Die Psychiater Thomas Holmes und Richard Rahe aus Washington haben 1967 The Social Readjustment Rating Scale (SRRS) entwickelt, um das Ausmaß von Stress messen zu können. Die Skala ist so aktuell wie eh und je, sie ist die am häufigsten eingesetzte in der sogenannten Life-Event-Forschung: Insgesamt 43 negativen wie positiven Lebensereignissen werden Stresswerte von 0 bis 100 zugewiesen. Der Tod des Ehepartners erreicht 100 Punkte, der eines nahen Familienangehörigen 63.

Ich habe fünf Jahre meine Mutter auf dem Weg aus ihrem Leben begleitet, war vorbereitet, wir hatten Zeit uns zu verabschieden. Und als sie in unserem letzten Telefonat flüsterte „Ich habe Angst“, war ich ganz nah: „Alles ist gut, Mama, Du bist auf dem Weg, und ich bin bei Dir.“ Doch als es am nächsten Mittag so weit war, war ich nicht bei ihr. Ich war auf dem Weg zu ihr, auf der Autobahn. Ich habe es nicht geschafft. Es war verheerend. Zunächst.

Magie hoch ambivalenter Zustände

Heute, eine große Lebenszäsur später, kann ich sagen: Wer sich traut bewusst zu trauern, wer seine Bedürfnisse wahrnimmt und sie sich erfüllt, wer die Magie in hoch ambivalenten Zuständen entdeckt und letztlich den Tod als unabdingbaren Bestandteil des Lebens annimmt, kann nur gewinnen. Was?

Vielleicht ist es eine neue innere Ordnung. Sehnsucht nach Stille. Eine wertschätzende und nicht permanent wertende Haltung zu den Menschen, die uns begegnen. Eine im Wortsinn bedingungslose Liebe oder tiefes Vertrauen in die Kraft der Intuition.

Diese und wie es scheint, in diesen Zeiten immer kostbarer werdenden Ressourcen können wie ein Schatz gehoben werden, und werden inzwischen unter einem Begriff zusammengefasst: Natürliche Resilienz.〈3〉

Zu verdanken ist der Begriff George A. Bonanno, Professor für klinische Psychologie am Teachers College der Columbia University in New York. Bonanno gilt als Pionier in der Erforschung des anfangs – vor etwa 20 Jahren – kontrovers diskutieren Ansatzes, dass man Verlustschmerz, Trauer und Leid als einen natürlichen Vorgang erleben kann, der das Vorhandensein einer authentischen Widerstandskraft – resilience – des Menschen dokumentiert.

Die These reiht sich quasi nahtlos ein in die Untersuchungen anderer großer Kaliber, die deutlich früher intensiv darüber nachgedacht haben, wie trotz widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen und der Mensch Ja zum Leben sagen kann:

  • Aaron Antonovsky (1923-1994), amerikanischer Soziologe und Vater der Salutogenese
  • Viktor Frankl (19o5-1997), Wiener Neurologe und Psychiater, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Überlebender des KZ Buchenwald
  • Hans Selye (19o7-1982), Wiener Arzt, Vater der Stressforschung und des Adaptionssyndroms, das die Reaktionen des Körpers auf Stress beschreibt.

Demnach verfügen resiliente Menschen durchweg über einen gut bestückten Werkzeugkoffer – über bestimmte psychologische Merkmale, die es ihnen erleichtern, sich Herausforderungen verhaltensflexibel anzupassen. Sie verfügen über Ressourcen, die sie aufgrund sehr gesunder Reaktionen in sehr schwierigen Zeiten entwickelt haben.

Diese finden ihren Ausdruck in einem Gefühl des Selbstvertrauens, der Selbstbestimmtheit und auf anderer Ebene der Sinnhaftigkeit, das das zuweilen sehr schmerzhafte Leben „überdauert” und nicht generell in Zweifel zieht.

Trauer oszilliert

Die Resilienzforschung beschäftigt sich ursprünglich damit, was Menschen stark macht, die unter ungünstigen Bedingungen sozialisiert wurden. Resilienz gilt demnach nicht als ein genuines, angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern als eine Kompetenz, die im Verlauf der Entwicklung erworben wird. Oder, um noch einmal Sheryl Sandberg zu zitieren: „Ihr seid nicht mit einer festen Menge an Resilienz auf die Welt gekommen. Es ist ein Muskel, den ihr trainieren könnt und den ihr dann benutzen könnt, wenn ihr ihn braucht.“ 〈1〉

In Bonannos Welt ist das Äquivalent zu dem Muskel eine ureigene Kraftquelle, aus der sich auch in der Trauer schöpfen lässt und dabei hilft, als Mensch zu wachsen und irgendwann in neue Balance zu kommen. Der damit verbundene Prozess kann dauern, der Weg kann durch manche Hölle und höchst eigenartige Gefühlszustände führen.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, haben Bonanno und Kollegen die reichhaltige Ratgeberliteratur analysiert. 〈3〉 Es wurden alle klassischen Konzepte von Trauer infrage und vielen hundert Leuten Fragen gestellt, die vorher niemand gestellt hatte. Zum Beispiel diese: Gibt es einen typischen Trauerverlauf und wie sieht der aus?

Ausgangspunkt für diese und alle weiteren Überlegungen war der Versuch, Trauer begrifflich zu fassen.

   Trauer ist eine komplexe Erfahrung,
die zunächst dominiert wird
 von einem nie zuvor empfundenen
intensiven Gefühl von Kummer und tiefem Schmerz,

der uns vollständig durchdringen und ausfüllen kann. G Bonnano

Als Reaktion auf einen gegebenenfalls unvorstellbaren Verlust – gegebenenfalls im Sinne von „mitten aus dem Leben, von jetzt auf gleich“ – ist Trauer eine hoch komplexe Erfahrung, die zunächst dominiert wird von einem nie zuvor empfundenen intensiven Gefühl von Kummer und einem tiefen Schmerz, der uns vollständig durchdringen und ausfüllen kann. Kein Stein ist mehr auf dem anderen, die Koordinaten des bio-psycho-sozialen Systems verschieben sich.

Immer ist es mit starken und vor allem stark schwankenden emotionalen Reaktionen verbunden: mit Wechselbädern von Gefühlen des Schmerzes und der Einsamkeit, aus denen auch Anflüge von Heiterkeit, echtem Lächeln, herzlichem Lachen auftauchen, und ja, sogar magische Momente des Glücks.

Diese Wellen, Bonanno nennt sie oszillierende Trauer, sind eine Überlebens- bzw. Bewältigungsstrategie. Diese wird hierzulande als vielleicht bedeutendste Innovation im Rahmen eines Trauerprozesses gewürdigt. Der französische Regisseur Alain Resnais hat in dem Filmdrama L´Amour á mort das Muster so definiert: “Es ist dunkel. Man klammert sich mit beiden Händen an ein Geländer, hat ständig Angst auszugleiten. Und wenn man schon glaubt, jetzt habe es sich mit dem trauern und man bekommt endlich ein Paar neue Schuhe, dann schleicht sie sich wieder heran.”

Wir wechseln die Gangart

Mit anderen Worten: Wir wechseln die Gangart. Pendeln emotional zwischen polarisierenden Gefühlen, sind jetzt in der Fassungslosigkeit, tun, was nötig ist. Dann kommt Licht ins Dunkel und wir treten in Kontakt zu unserer Umwelt. Anschließend tauchen wir wir wieder ab.

Das Muster geht in dem Maße in ein flexibleres Schwingen und eine stabilere Balance über, wie der Einfluss quälender Emotionen und die Sehnsucht nach dem Verstorbenen allmählich abnimmt. Der Hinterbliebene kann näher an die Normalität heranrücken, er erlangt eine gewisse Kontrolle über seine Trauer, kann über den Verlust reden. Ganz langsam verlängern sich die heilsamen Umschwünge.

„An diesen Wellenbewegungen ist das vielleicht Verblüffendste, dass sie so wenig der landläufigen Auffassung ähneln, wonach ´erfolgreiches Trauern` von Phasen und Stadien abhängt, die im Sinne eines langwierigen Arbeitsprozesses vollständig durchgemacht werden müssen, bevor ein Verlust als erfolgreich bewältigt gilt,“ schreibt Bonanno.〈3〉 Und meint: Andere Experten, Freud zuerst, haben den Begriff der „Trauerarbeit“ geprägt, Elisabeth Kübler-Ross hat die fünf Phasen der Trauer –Verleugnung. Zorn. Verhandeln. Depression. Akzeptanz – detailliert beschrieben.

„Es gibt keine Phase für positive Gefühle, was vielleicht der Grund dafür ist, dass diese traditionell mit Verleugnung gleichgesetzt wurden,“ schreibt Bonnano. Er und seine Kollegen haben keine Beweise für „irgendeine dieser Ideen“ gefunden. Im Gegenteil: „Das Hauptproblem bei solchen Ideen ist, dass man dazu tendiert, strenge Maßstäbe für richtiges Verhalten aufzustellen … Vielleicht richten sie deshalb mehr Schaden an, als dass sie Gutes bewirken.“

Keine Diagnose. Doch manchmal kompliziert

Als konstanter Befund habe sich gezeigt, dass Trauer keine eindimensionale Erfahrung ist. Weder sei sie für alle gleich, noch gebe es Anzeichen für bestimmte Stadien. Die vielschichtigen Trauerreaktionen verlaufen langfristig eher unterschiedlich.

Es gibt Menschen, die leiden unter einer chronischen Trauer. Der Verlustschmerz lähmt sie über Jahre, seelische und/oder körperliche Beschwerden hindern sie daran, ihre früheren täglichen Aktivitäten wieder aufzunehmen. Es ist durchaus möglich, dass sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Verlust als Posttraumatische Belastungsstörung manifestiert hat. Das gilt insbesondere, wenn der Angehörige eines gewaltsamen Todes gestorben ist, sei es durch einen Terroranschlag oder eine Naturkatastrophe, im Krieg oder durch Mord.

Insgesamt ist Trauer an sich keine Diagnose. Dennoch wird in den USA versucht, der komplizierten und prolongierten Trauer den Status eines Krankheitsbildes zu geben. Seit Juni 2o16 gibt es dafür die Bezeichnung „komplizierte Trauer“ (complicated grief disorder, CGD), sie ist jedoch noch nicht allgemein anerkannt. Die neueste Version des DSM-5, dem Diagnose-Manual der American Psychiatric Association, hat die „Persistent complex bereavement disorder“ zumindest schon mal in die Kategorie „Conditions for Further Study“ aufgenommen. Man darf gespannt sein, was daraus wird.

Andere leiden intensiv, sie durchleiden Phasen des Schmerzes und der Einsamkeit, sie verlieren auch die Orientierung, die Bewältigung ist ein unfassbarer Kraftakt. Und doch finden sie nach einer gewissen Zeit einen Weg, langsam wieder am Leben teilhaben zu können. Für sie, und das sind die meisten, gilt: So furchtbar Trauer ist, langfristig gesehen übernimmt sie nicht die Macht.

Manche sind sogar fähig, sich im Job zu konzentrieren, alle Aufgaben zu erledigen, normal zu essen und zu schlafen. Nur wenn sie allein sind und Zeit haben für stille Besinnung, lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf.

Drei Jahre

Während die Amerikaner keine Zeitachsen thematisieren, haben Wissenschaftler der Universität Würzburg sich in einer Befragung von 521 Teilnehmern besonders für die Dauer des Trauerprozesses interessiert.〈4〉

Fasst man die Antworten von Befragten zusammen, deren Verlust eine ähnlich lange Zeit zurückliegt, so ist Trauern für viele nicht nach wenigen Monaten und nicht einmal nach dem hierzulande verankerten traditionellen Trauerjahr abgeschlossen:

„Innerhalb des ersten Jahres nehmen Beeinträchtigungen durch unangenehme Gedanken und Gefühle einerseits und das Empfinden der Nähe zu der verstorbenen Person andererseits an Intensität stark zu,“ lautet ein zentrales Ergebnis der Studie.

Ähnlich stark verlaufe dann die Abnahme der Intensität während der folgenden zwölf bis 18 Monate. Hierbei leiden Frauen stärker unter dem Verlust einer nahen Bezugsperson als Männer. Im zweiten Jahr zeigt sich demnach auch, ob die Gefühle auf hohem Niveau bestehen bleiben, ob also ein normaler Bewältigungsprozess oder ein behandlungsbedürftiges Trauern vorliegt. Die Autoren, Prof. Dr. Joachim Wittkowski und Dr. Rainer Scheuchenpflug, sind der Meinung, dass dies für die Diagnose einer anhaltenden komplexen Trauerreaktion von eminenter Bedeutung sei.

Während eines für sie „normalen Trauerprozesses“ lassen über den Zeitraum von drei Jahren hinaus sowohl die Beeinträchtigungen als auch das Empfinden der Nähe zur verstorbenen Person beständig nach.

„Am Ende der intensivsten Phase nehmen sowohl positive Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten zu, gleichsam wächst auch die Fähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl mit anderen Menschen,“ heißt es. Der Trend bleibe auch mehr als zehn Jahre nach dem Verlust bestehen. Schuldgefühle blieben langfristig nahezu unverändert auf einem mittleren Intensitätsniveau.

Der Versuch, massiven Stress zu verarbeiten

Zurück zu Bonanno hat sich aus allen Erkenntnissen ergeben, dass der Versuch, Trauer zu definieren, zwei Teile hat.

Trauer ist eine komplexe Erfahrung ohne Regeln und mit dem Potenzial für Reifung: ein hoch individueller Bewältigungsprozess von Verlustschmerz mit unterschiedlichen Strategien, die wiederum von Faktoren wie Lebensalter und Lebenssituation, Kontext und Kulturkreis bestimmt werden. Menschen in westlichen Kulturen haben eine völlig andere Auffassung von Leben, Sterben und Tod als Menschen in nicht-wesentlichen Kulturen.

Im zweiten Teil kommt das Gehirn hinzu.

Neurophysiologisch ist Trauer eine massive Stressreaktion in verschiedenen Hirnarealen und im gesamten Hormonsystem – und damit ein Versuch von Kopf und Körper, mit einer Situation fertig zu werden, die als Relikt aus prähistorischen Zeiten als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar wahrgenommen wird. Entwicklungsgeschichtlich muss der Organismus sich an die Belastung anpassen und daran gewöhnen, obwohl diese als unangenehm erlebt wird.

Bestimmte Hirnregionen sind besonders betroffen:

Der Hirnstamm und das Kleinhirn, in dem basale Vorgänge wie Essen, Schlafen, Atmen, Kreislauf reguliert werden.

Das limbische System, eine Funktionseinheit mit Verbindungen zu den Steuerungszentren anderer Hirnregionen und u. a. verantwortlich für die Verarbeitung von Emotionen und die Ausschüttung körpereigener Opioide, die eine Rolle dabei spielen, Schmerz zu unterdrücken.

Der Neokortex, also die Oberfläche des Großhirns und der beim Menschen größte Teil (rund 90 %) der Großhirnrinde mit 20 bis 23 Milliarden Neuronen. Der Neokortex repräsentiert verschiedene Funktionen des zentralen Nervensystems, z. B. Sinneseindrücke, Bewegungen, Wahrnehmungen.

 Die Art des Trauerns hängt
einerseits davon ab,
wie Trauernde mit ihren Erinnerungen umgehen,
wie sie die Erinnerungen erleben und
was sie ihnen entnehmen. 

Die Zusammenhänge sind hilfreich dafür, Trauern mit dem neurobiologischen Ansatz in der Resilienzforschung zu verknüpfen.

Laut Bonnano hängt die Art des Trauerns einerseits davon ab, wie Trauernde mit ihren Erinnerungen umgehen, wie sie die Erinnerungen erleben und was sie ihnen entnehmen. Zum anderen legen aktuelle Forschungen nahe, dass der zentrale Mechanismus, der über Resilienz entscheidet, vermutlich eine positive Reizbewertung im Gehirn ist. Diese Ergebnisse wiederum kommen aus Deutschland: aus dem Deutschen Resilienz-Zentrum in Mainz, einer Forschungsplattform der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dem Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften.

Die entscheidende Frage lautet demnach: Wie bewertet das Gehirn belastende oder bedrohliche Situationen oder bestimmte Reize?“

All das ist Selbstfürsorge

Jede Form von Stress oder Unglück fordert uns. Es ergibt aber einen großen Unterschied, ob der Mensch mit seiner Situation bzw. seinem Schicksal hadert und sich als Opfer sieht oder ob er die Situation akzeptieren und sich auf eine Lösung konzentrieren kann.

Losgelöst von Trauer heißt das: Ein positiver Bewertungsstil schützt langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert – und das maßgeblich dadurch, dass Nervenbotenstoffe verstärkt ausgeschüttet werden, die umgangssprachlich als „Botenstoffe des Glücks“ bezeichnet werden. Dazu gehören Serotonin, Dopamin, Acetylcholin.

Bezogen auf Trauer heißt das:

In Erinnerungen schwelgen

Sich in Momenten stiller Besinnung die Liebe, das Glück und Wärme vergegenwärtigen

Tiefe Gefühle oder Gewissheiten durch Symbole und Rituale ausdrücken

Reden und Nachdenken, Schreiben und Meditieren

Tiefe Verbundenheit in Form von lauten Gesprächen mit dem Verstorbenen: Sprache verleiht den Gedanken Ordnung und Klarheit und bringt den Verstorbenen für einen Moment zurück. In vielen Weltreligionen ist diese sogenannte rituelle Kommunikation integraler Bestandteil der Trauer

Fragen an sich selbst: Was fühle ich gerade? Was denke ich gerade? Was möchte ich jetzt tun? – auch wenn es etwas Ungewöhnliches ist …

All das ist Selbstempathie, denn Menschen, die mit Verlustschmerz zu kämpfen haben, brauchen Trost nicht nur von einem oder mehreren Vertrauten.

Menschen, die die Endgültigkeit des Verlustes annehmen können, sind auch imstande, sich allein mit Erinnerungen zu trösten. Das macht es nicht weniger schmerzhaft, lässt aber besser aushalten, was eigentlich unerträglich zu sein scheint. Wer sich also mit dem verbinden kann, was nicht fort ist, kann, wie die Gattin von James Last anlässlich des ersten Todestages 2o16, mit engsten Freunden und gegebenenfalls den Kindern in Gedenken „einen fröhlichen und auch besinnlichen Tag“ verbringen.

Einfach sein

Diese Kraft ist kostbar. Geht es doch nicht so sehr um aktives Tun als vielmehr darum, einfach zu sein. Mit sich, anderen und dem Menschen, der gegangen ist.

Die Sensibilität, die darin steckt, die Konzentration auf das Wesentliche, das reflektierende Denken, das Gespür für Sinn und für dessen Fehlen, ist ein großes Geschenk an sich selbst und letztlich an die Gesellschaft.

Denn Menschen, die sich einlassen und nicht möglichst schnell wieder funktionieren wollen, begeben sich auf eine Art Heldenreise – auf jeden Fall in einen klärenden Prozess zu mehr persönlicher Reife und spirituellem Wachstum. Diese Menschen werden sich später nicht abwenden, wenn andere leiden, da sie wissen, wie sich das anfühlt.

Der Weg kann viele Jahre dauern. Jener Teil dieser Gesellschaft, der solche Schritte noch nicht gehen konnte und dessen Wahrnehmung auf die Vordergründigkeiten der menschlichen Existenz gerichtet ist, nimmt auf jeden Fall wahr, dass der Umgang mit Trauernden nicht einfach ist.

Der Erzfeind des Lebens kann in Gestalt eines Trauernden dann die seltsamsten Blüten treiben.

   Die Zeit hilft mir sehr. Am Grab
zu sein gibt mir Kraft, innere Ruhe und die Gewissheit,

für ihn die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. C Last


Zum Thema

Memoria Tui. Am Ende ein Anfang

1 Sheryl Sandberg, University of California, Berkeley,
14. Mai 2o16

2 Holmes T, Rahe RThe Social Readjustment Rating Scale (SRRS), Washington 1967
http://www.acc.com/aboutacc/newsroom/pressreleases/upload/srrs.pdf

3 Bonanno GA: Die andere Seite der Trauer, Aisthesis 2o12

4 Wittkowski J, Scheuchenpflug R: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie; 2o15: 169-176.
DOI: 10.1026/0943-8149/a000145

Lust auf positive Gesundheit

© Fabian Christ | Flickr

 

Die Fastenzeit beginnt, der Bis-Ostern-Verzicht auf wahlweise Alkohol, Süßes, Tütensuppen und inzwischen sogar auf permanente Erreichbarkeit. Wie wäre es, wenn das eine oder andere auch darüber hinaus funktionieren könnte – mehr noch und sozusagen als frommer Wunsch: Möge das Fasten so ganz und gar Lust auf Gesundheit machen. Denn mit der Gesundheitskompetenz ist es ein Kreuz.

 

Gesundheit ist … für jeden etwas anderes. Die Ansichten darüber, welche Bedingungen über Gesundheit und Krankheit entscheiden, sind höchst unterschiedlich. Der persönliche Blick entscheidet weitgehend darüber, ob jemand gesundheitsbewusst lebt oder nicht. Wer davon überzeugt ist, dass Gesundheit überwiegend „eine Frage der Gene“ oder “Schicksal” sei und man da halt nichts machen könne, wird sich kaum für Prävention interessieren.

Das ist schade, weil internationale Studien eindrucksvoller denn je darauf hinweisen, dass die Gesundheitskompetenz des Einzelnen verbesserungswürdig ist. Forscher der Universität Bielefeld haben Gesundheitskompetenz als das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit beschrieben, “gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und zu nutzen, um die Gesundheit erhalten, sich bei Krankheiten nötige Unterstützung durch das Gesundheitssystem sichern oder sich kooperativ an der Behandlung und Versorgung beteiligen und die dazu nötige Entscheidung treffen zu können.” 〈1〉International wird diese basale Kompetenz als Health Literacy bezeichnet.

Bei 54,3 Prozent der Deutschen will das eine wie das andere nicht so recht funktionieren, heißt es im Ergebnisbericht der im Dezember 2o16 veröffentlichten Health-Literacy-Studie (HLS-GER) der Universität Bielefeld.〈1〉Dazu passen jüngste Daten – freilich nicht nur – für Deutschland, wonach die Diagnose des Diabetes Typ II gewaltig zunehmen wird, die Betroffenen werden immer jünger. Zudem steigt laut DAK-Gesundheitsreport 2o16 die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage bei Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Atmungssystems und bei psychischen Erkrankungen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter kontinuierlich an.〈2〉

In dem interdisziplinären Feld der Gesundheitswissenschaften beschäftigt man sich daher intensiv mit Fragen zum Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsverhalten. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich verschiedene Definitionen von Gesundheit entwickelt, die vor allem gemeinsam haben, dass es nicht länger schnöde um die “Abwesenheit von Krankheit” geht, sondern um eine positive und facettenreiche Auslegung.

Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, Empathie

Der Begriff „positive Gesundheit“ beinhaltet Faktoren wie Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, emotionale Kompetenz, Rollenkompetenz und die Möglichkeit, das vorhandene Potential gleichzeitig zu erfüllen und durch Erfahrungen zu erweitern. Außerdem:

  • Qualitativ hochwertige, vielseitige Ernährung
  • Körperliche und mentale Fitness durch Bewegung, täglich mindestens 30 Minuten
  • Keine „Genussgifte“
  • Optimale Hirndurchblutung durch Bewegung und Entspannungstechniken
  • Genügend und guter Schlaf
  • Balance zwischen An- und Entspannung
  • Stressbewältigung und in der Folge Gelassenheit bei Belastungen
  • Seelisch-soziale Gesundheit durch Selbstwirksamkeit, Selbstfürsorge, Lebensfreude und Empathie
  • Ausreichender Impfschutz

Prävention vom Feinsten

Da jeder dieser Faktoren grundsätzlich dazu beiträgt, Krankheit zu verhindern, verzögern oder weniger wahrscheinlich zu machen, haben wir es genau genommen mit Prävention vom Feinsten zu tun. Dieser Begriff wiederum kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze kann ein derart gesunder Lebensstil große Wirkungen zeigen. Verhindern lassen sich 〈3〉

  • 92% aller Herzinfarkte,
  • 90% aller Diabeteserkrankungen,
  • 85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems,
  • 50% aller Krebserkrankungen,

verlängern lässt sich die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre.〈4〉So lauten Zwischenergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht.

Damit ist jede Krankheit, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den, der eigenverantwortlich und gut mit sich umgeht. „Richtiges“ Fasten, also klassisch nach Buchinger oder einer leicht modifizierten Form, eignet sich wunderbar als Zäsur, um den Lebensstil zu hinterfragen und zu ändern.

 

© Sylvia Duckworth

 

 

1 Schaeffer D et al: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland. Ergebnisbericht. Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Dezember 2016
2 DAK-Gesundheitsreport 2o16
3 EPIC Studie 2oo4
4 EPIC Studie 2006, Studie 2008

 

Zum Thema

Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund?

 

WortGemälde BilderParallelwelten.

Melancholia | ask 2o14   Vielleicht ist es die dunkle Seite des Herbstes. Vielleicht ist es die Zeit, November 2o15, ein November, in dem unter Federführung Deutschlands wieder Geschichte geschrieben wird; in dem Freitag13 ab sofort für die Pariser ist, was Nine Eleven für die New Yorker. Es gibt jetzt Tage, da können Erinnerungen an eine gefühlt fast vergangene heile Welt eine Art Schutzraum vor brutal kontrastierenden Momentaufnahmen von Kriegen, Klimakatastrophen, Kapitalverbrechen, Raubtierkapitalismus, Islamterrorismus bieten. Das Gehirn beherbergt im Idealfall millionenfach magische Bilder voller Schönheit, die sich intensiv, meditativ, bestenfalls kurativ gegen eine sich immer mal wieder Bahn brechende Ohnmacht stemmen, das Leben nicht länger unabhängig von der „großen Politik“ mit jener einigermaßen beruhigenden Zuversicht gestalten und planen zu können, dass alles irgendwie gut wird. Die Zukunft, you know. Die nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Das zweite oder dritte Lebensdrittel.

Das neuronale Fotoarchiv kann Fulminantes bereithalten: grandiose Gegenden, unvergessliche Begegnungen, abenteuerliche Routen, die Dinge des Lebens, bitter und süß. Jedes der Bilder ist eine Reverenz. Und es birgt Worte, gesagte und ungesagte. Silbenschöpfungen, Assoziationsgebilde, zu denen das Gehirn große und kleine Geschichten zu kreieren vermag. Phantasiereisen, die die Kraft haben, uns in die Wunderländer einer Alice Pleasance Liddell, einer Mary Poppins, eines Pan Tau davonzutragen – oder in eigene neue Welten vordringen zu lassen, in denen wir alles sein können: Zaubermaus, Intelligenzbestie, Honigsauger. Oder einfach nur still. Dann kann es passieren, dass Bilder ganz von selbst kommen und sich immer weiter verdichten, bis sie worthaft werden, ein Eigenleben entfalten. BilderParallelwelten WortGemälde. Und umgekehrt. 

„Ich mag ihren inneren Zirkus.“ Schreibt Herta Müller, Literaturnobelpreisträgerin 2oo9, über die „bezwingende Macht, die Wörter haben können, die schrecklichen wie die schönen.“〈1〉Gleichwohl haben sie die Macht, sich selbst nah zu sein, als Ergebnis stummer Zwiesprache. Solche Momente des Selbstgesprächs „… können Ihr Innerstes aufschließen und einen Bewusstseinszustand der Ruhe, klaren Wahrnehmung und des nichturteilenden Gewahrseins im Augenblick erreichen – jenen Bereich, den die alten chinesischen Daoisten das offene, wache Nichtstun nennen,“ schreibt wiederum Jon Kabat-Zinn, Molekularbiologe, Stressforscher und Meditationslehrer in Massachusetts.〈2〉 In der Tat: Zu sich kommen, bei sich sein, einfach sein – was könnte wichtiger sein in Zeiten irrer Kämpfe einer barbarischen Gesellschaft in einer kaputten Welt. Der November wirkt allenfalls verstärkend. Subjektiv als schön wahrgenommene Worte haben dann das Zeug zum Vademecum.

 

KLANGKÖRPER HOLUNDERBLÜTENGELEE DELPHINGESANG LIEBESSEHNEN HIMMELSLEITER STOPPELKOPF GEDANKENZIMMER STRANDHOTEL SOMMERBRISE BURGFRÄULEIN SEEKUH SCHILDKRÖTENWANDERUNG KRIXELKRAXEL LINKSGOLFWELTREISE WANDERDÜNE SINNSUCHE NIEMANDSLAND ZUCKERWATTE JAKOBSSTAB STREICHELEINHEIT WINDJAMMER GEDANKENSCHUTZGEBIET BLÜTENMEER STERNENREGEN MITTSOMMERNACHT ENGELBERG SEEPFERDCHENHOCHZEIT BUSCHWINDRÖSCHEN MARONIBRATER SONNTAGSEI SCHÖPFKELLE BULLARBÜ SEEGRASFLOSS MORALGEMEINDE QUITTENMUS ZENGARTENMEISTER HERBSTLAUBWALD GEFÜHLSSPUR KAISERSCHMARRN EINSAMKEITSEPOS ARIADNEFADEN GEIGENVIRTUOSE SCHREIBGERÄT WANDELHALLE LUFTKURORT GEBIRGSBACH LAUSBUB CSÁRDÁSFÜRSTIN BEGEGNUNGSSPUR WIRKLICHKEITSSTOFF KODDERSCHNUTE WAHRHEITSSÜSSE BETTWÄRME KANALARBEITERSCHNITTE SITTENGEMÄLDE HONIGLEUCHTEN WUNDERTÜTE BADETAG HEIMATHAFEN HIMBEERGANACHE LIEBESNACHT RELEVANZDIKTAT FLUNKERN KOMETENSCHWEIF WORTFETZEN FLIEDERBEERSUPPE TAUSENDSCHÖN MITTSOMMERNACHT RUHEPOL FLAMINGOFARBEN SEEMANNSGARN ERKENNTNISINTERESSE TRACHTENFEST VENUSHÜGEL SPRACHINSEL FISCHAUFLAUF ZIMTBAISER KAFFEETAFEL KINDERLACHEN STRAHLKRAFT GLÜCKSELIGKEIT KNURRHAHN SESSELLIFT GEWÜRZNELKENBAUM TRANSZENDENZVERZICHT UFERPROMENADE HÄKELKLEID MOHNBLUMENBERG VERGISSMEINNICHT SCHLAGOBERS EMPÖRUNGSMEUTE TÜDDELBAND KNORKE ZÄRTLICHKEITSATTACKE MOLLIG WOLKENSTORES SATZKASKADE PUSTEBLUME FLUNSCH BÜCHERTURM ROSSHAAR FEINSINN MOOSRÖSCHEN LEBENSLIEBE KETTENGEDICHT ZYPRESSENHAIN BALZ LICHTLÖSUNG HAUBENTAUCHER KINDERZIMMERHELD MÜHLENBACH WOHLFÜHLGESELLSCHAFT FJELLBIRKENWALD

 

 

ask |SecondaVita 2o13
ask | SecondaVita 2o14ask | SecondaVita
ask | SecondaVita
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mfb | The Fairgreen Magazine

WUNDERKAMMER EISKRISTALL WINTERSCHLAF VERBENENSEIFENSCHAUM TAUTRETEN RUNKELRÜBE THEORIELEKTÜRE GOLDWASSER ANEKTDOTENSCHATZ SEEROSE ACHSENZEIT HERZENSHALT KOKOSFLOCKE LEBENSWILLEN WILDWASSERLAUF SONNENWIND ANMUT POSTKUTSCHE SCHRIFTMISCHUNG LIEBESREIGEN IRRLICHT FARBENREICHTUM LESEFLUSS WISSENSGIER HOLLADIHIDI TANZTEE ÜBERMÜDUNGSSCHATTEN WOLKENBAUCH PÄCKCHENSUPPE PFLÜCKERGLÜCK HOLZBUCHSTABE HÖRNERSCHWUNG WEINHEIM KLANGSAMMLER HINGABE BUCHZEITALTER SCHWANENGESANG HIMMELSLEITER KLISCHEEKRISE SCHMELZ GENUSSKUNST TROPHÄENWEIB GESANGSSTÜCK ENTHUSIASMUSSPEZIALIST LICHTDURCHFLUTUNG SCHMETTERLINGSFURZ MARILLENMUS BLUMENSAFARI FRIEDENSTRAINER FARBENRAUSCH KUNSTPALAST TRAUMTANZ BEZIEHUNGSKISTE METAPHERNDRECHSLER STRANDHAFER SCHÖPFERSCHMIEDE HONIGMOND KOORDINATENKOKON SOMMERFRISCHE ESTRAGONNOTE ENTDECKERPAKET ANSTANDSDAME SCHABERNACK INNENSCHAU SINNESWECHSEL PINSELOHR KULTIVIERTHEIT SOUVENIRTASSE LICHTSPIELE FLACHWASSERTHERAPIE POESIE BLUMENARCHITEKTUR MARZIPANBROT QUANTENSPUK GURKENDILLSALAT WORTHÜLSENHALDE MENSCHENKLUGHEIT OSTSCHRIPPE LINDENTERRASSE MELBATOAST DÜNENGRAS LIEBESNEST KRAFTSPEICHER SCHATZMEISTEREI AUGENWEIDE MOMENTFÄNGER GENUSSGLÜCK OMAGLAS RÜBENMUS GEBETSMÜHLE KARTOFFELSTAMPF LUFTKUSS KULTURBLÜTE PLANETENPARADE STÖRBALLETT PARLANDO SPEISEGEMEINSCHAFT ZITRONENWASSER SAPPERLOT LEBENSDESTILLAT TANZABEND KLEINSTSCHNECKE ANNÄHERUNGSZAUBER LÄSSLICHKEIT GUTSKÜCHENSCHLEMMEREI SERVIETTENKNÖDEL BLEISTIFTGEBIET BIOSPHÄRENRESERVAT WEISHEITSSCHULE MEINUNGSBREI THEATERDONNER ALLERLIEBST SCHLÖSSERHERBST HERZENSMENSCH TÜMPELKRÄHE KLANGSCHALE PHRASENFREUNDE AMALFIKÜSTENZITRONENHAIN MEISTERSTÜCK SPRACHSENSIBEL 

 LITERATUR

 

1 Herta Müller, Jo Lendle (Hrsg.): Es gibt Wörter, die machen mit mir, was sie wollen. Akzente 3/2015. Hanser Verlag

2 Jon Kabat-Zinn: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Arbor Verlag 2006 

Genussglück

 

Hühner, die auf der Wiese hinterm Haus selig scharren und picken. Schweine, die fidel im Matsch suhlen. Zottige Weiderinder, die sich auf saftigem Grün austoben und gegebenenfalls knietief im klaren Wasserlauf stehen. Ziegen, die die Landschaft pflegen, indem sie ausschließlich Gräser, Kräuter, Buschwerk und Heu fressen: Sind die mit solchen Sätzen assoziierten Bilder sozialromantisch? Die einen sagen so, die anderen so.

Auf jeden Fall ist “traditionelle Landwirtschaft”, noch dazu nachhaltige und von Wertschätzung für Kreatur wie Natur getragene, in diesen Zeiten mit dem Premium-Gütesiegel behaftet. Wenn für diese Klasse von Bauern am Ende des Lebenszyklus eines Tieres die stressfreie (Haus-)Schlachtung steht oder die beim Nachbarn des Vertrauens, wird ob der Qualität des Fleisches nicht nur naturgemäß Geschmack zum Niederknien produziert. Obendrein wird für den ernährungsbewussten sogenannten Bildungsbürger (der sich nahezu täglich ad absurdum führt) eine von Tag zu Tag tiefer wurzelnde Sehnsucht nach einer heileren Welt bedient.

Mehr noch: Solch tierisches Glück, gelegentlich in Maßen verspeist, ist gesund und jeden Euro wert. Wegen seines Anteils an Proteinen, Eisen, Zink, B-Vitaminen und Vitamin A kann Fleisch nämlich eine wertvolle Quelle für Nährstoffe sein. Kann. Denn selbst, wenn für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 300 bis maximal 600 g Fleischverzehr pro Woche in Ordnung sind – über das, was der gemeine Carnivore, vulgo: Fleischfresser, da verdaut, sagt das nichts aus. Schlimmstenfalls macht es krank. So oder so: Einmal Fleisch pro Tag ist zuviel.

Freunde der Rostbratwurst:
Wer zu viele isst, ist früher tot

Das ist nicht neu, eine Binse sozusagen. Und doch war der Ausschlag des medialen Pendels zum Thema nie größer: Da haben am 26. Oktober 2o15 die Experten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer, IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO endlich den häufigen Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch als krebserregend eingestuft [1] – und Medien wie Fleischfans spielen verrückt, die Massentierhaltungsindustrie protestiert, die sogenannte Netzgemeinde reagiert amüsiert („#Wurstkrebs“, „Wurst-Fachjournalisten“). Die medizinische Fachwelt ist verwundert ob der Hitzewallungen, mancher Experte fühlt sich an die Komikerlegende Louis de Funès erinnert: Nein! Doch. Ooohhh!!!

Die Analyse von mehr als 800 zum Teil groß angelegten Studien, die in den vergangenen 20 Jahren nach möglichen Verbin­dungen zu unterschiedlichen Krebserkrankungen gesucht haben, ordnet rotes Fleisch als „wahrscheinlich karzinogen für den Menschen“ (Gruppe 2A) ein. Verarbeitetes Fleisch erhöht das Risiko “definitiv” (Gruppe 1) und fällt damit in die gleiche Kategorie wie Tabakrauch, Arsen, Asbest, Formaldehyd.

Ein Zusammenhang wird vor allem zum Darmkrebs bzw. Kolorektalkarzinom hergestellt, aber auch zu Prostata- und Pankreaskarzinomen. Eine Verbindung zum Magenkrebs sei nicht eindeutig nachweisbar, heißt es.

Der Begriff “rotes Fleisch” bezieht sich auf das Fleisch von Rindern, Schweinen, Ziegen, Pferden und Schafen; „verarbeitetes Fleisch“ umfasst Fleisch, das durch Räuchern, Beizen, Pökeln oder Salzen haltbar gemacht wurde. Als mögliche Ursache wird unter anderem die Bildung von krebserregenden Stoffen bei starker Erhitzung angenommen.

Rund drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle ließen sich verhindern, wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge.
EPIC 2o13

EPIC-Analyse 2o13

„Rund drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle ließen sich verhindern, wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge.“ So lautete bereits 2o13 ein weiteres Zwischenergebnis aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht und deren Ergebnisse nennenswert in die aktuelle Bewertung einfließen. [2]

Das Projekt, an dem insgesamt 521.448 weibliche und männliche Erwachsene aus 10 Ländern teilnehmen, stellt bislang drei zentrale Fragen:

  • Wie sind spezifische Nahrungskomponenten direkt oder indirekt mit der Entstehung chronischer Erkrankungen wie Tumoren, Diabetes mellitus und Herz-Kreislauferkrankungen assoziiert?
  • Wie groß ist das Zusatzrisiko, das bei einzelnen chronischen Erkrankungen auf die Ernährungsweise zurückgeführt werden kann?
  • Wie groß ist der Effekt eines geänderten Ernährungsverhaltens auf die Krebsentwicklung und die Gesamtsterblichkeit in der Bevölkerung?

Für die Analyse 2o13 hat Erstautorin Prof. Dr. Sabine Rohrmann vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich mit ihren Forscherkollegen bei 448.568 Frauen und Männern den Zusammenhang zwischen Sterberisiko und Verzehr von rotem Fleisch (Rind, Schwein, Schaf, Lamm, Ziege, Pferd), verarbeitetem rotem Fleisch (Wurstwaren aller Art einschließlich Speck, Schinken, Würste) sowie Geflügel (Huhn, Pute, Ente, Gans) untersucht. [3]

Schmerzgrenze bei 40 Gramm pro Tag 

Die Teilnehmer hatten keine Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Vorgeschichte, waren zwischen 35 und 69 Jahre alt und sind umfangreich zu Bildung, Ernährungs- und Rauchgewohnheiten, körperlicher Aktivität und Body Mass Index befragt worden. Mit einem speziellen Analyseverfahren wurde die Relation zwischen Fleischkonsum, Gesamtsterblichkeit und spezifischer Sterblichkeit untersucht.

Einmal mehr unterstrichen die Ergebnisse im Vergleich zu fleischfreier Ernährung eine positive Assoziation zur erhöhten Gesamtmortalität: Das Risiko stieg um 30% – ausgelöst nicht nur durch Krebs, sondern insbesondere durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.

„Stimmt, neu ist das nicht,“ entgegnete Rohrmann nach Veröffentlichung der Studie in einem Gespräch mit der Autorin für das Ärzte-Onlineportal Medscape Deutschland auf den Einwand, die Last mit der Lust auf Fleischessen habe eine lange Tradition – vor allem hinsichtlich der Effekte auf Diabetes mellitus II und auf das Kolonkarzinom. „Allerdings wurden die großen und auch jetzt wieder neuen Studien zum Thema meist in den USA durchgeführt, unsere liefert Daten für Europa.“

Nach Korrektur von Messfehlern korrelierte ein Fleischverzehr von mehr als 160 g/Tag im Vergleich zu 50 g/Tag und 10-19,9 g/Tag deutlich mit einer erhöhten Gesamtsterblichkeit in Bezug auf verarbeitetes Fleisch. Das war allerdings neu. Ein Zusammenhang zum Geflügelverzehr bestand nicht.

Ob also gesalzen, geräuchert oder gepökelt: Die Schmerzgrenze liegt laut Rohrmann bei täglich 40 g: „Wer mehr Wurst oder andere Arten prozessierten Fleisches isst, riskiert früher zu sterben. Das Risiko erhöht sich je 50 Gramm pro Tag um 18 Prozent.“

Diese Angaben betreffen in der neuen IARC-Analyse vor allem das Risiko für Kolorektal­karzinome. Für rotes Fleisch wurde pro 100 Gramm täglich ein Anstieg des Risikos um 17 Prozent ermittelt.

Der zweite Teil der Botschaft ist deshalb,
dass gesunde Ernährung sich generell lohnt.
Hans-Georg Joost

Nicht isoliert betrachten

Nun ist es aus epidemiologischer Sicht schwierig, Fleischkonsum isoliert zu betrachten, nicht nur die Krebsentstehung ist und bleibt ein multifaktorielles Geschehen. Auch für EPIC gilt: Die größten Fleischesser trinken mehr Alkohol, rauchen mehr, nehmen per se weniger Obst und Gemüse zu sich und gehören überproportional oft den sogenannten bildungsfernen Schichten an. Das gilt primär für Männer.

Diese Faktoren, in der Epidemiologie als Confounder (engl.: Störfaktoren) bezeichnet, relativiert laut Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Hans-Georg Joost die Aussage zur Risikoerhöhung der Gesamtmortalität. Joost war von 2oo2 bis 2o14 wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), das auch eines der deutschen EPIC-Studienzentren ist.

„Confounder sind das Kreuz der Epidemiologie, sie sind als Variablen zwar nicht direkt Gegenstand einer Untersuchung, […] beeinflussen aber das Auftreten eines Risikofaktors und die beobachtete Zielgröße. Die Kausalität wird unklarer – in diesem Fall die zum Fleisch,“ erläuterte Joost seinerzeit.

Dennoch sei der Effekt in Teilen so groß, dass er nicht ignoriert werden dürfe, betonte der Wissenschaftler. Letztlich wird das zentrale Resultat bestätigt, noch deutlicher wird es, wenn man sich die Krankheitshäufigkeiten anschaut. „Der zweite Teil der Botschaft ist deshalb, dass gesunde Ernährung sich generell lohnt.“

Qualität statt Quantität

Für die Ernährungsbewussten, die längst die ethischen Aspekte des Fleischverbrauchs wie Tierschutz und Klimaschutz diskutieren, ist das Thema ohnehin politisch wie moralisch völlig inkorrekt. Ob die damit verbundenen Empfehlungen indes auch bei der ganz breiten Bevölkerung auf Gegenliebe stoßen, ist die Frage aller Fragen.

„Als Ernährungswissenschaftlerin und als ökologisch denkender Mensch wünsche ich mir, dass sich das Motto `Bessere Qualität statt Quantität´ langsam durchsetzt,“ sagte Rohrmann abschließend. „Das wird aber lange dauern und unsere Studie trägt hoffentlich ein wenig dazu bei.“

Das war vor zwei Jahren. Bleibt zu wünschen, dass die WHO den Finger tief genug in die offene Wunde gepiekt hat.

 

Zum Thema


Basche MF: Alles Bio oder was? Vernünftige Ernährung ist intellektueller Luxus. All die schoenen Worte, April 2o12

1 International Agency for Research on Cancer: IARC Monographs evaluate consumption of red meat and processed meat. Press Release No 240, 26. Oktober 2o15
http://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2015/pdfs/pr240_E.pdf
und
Bouvard V et al: The Lancet Oncology (online) 26. Octobre 2o15
DOI: http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lanonc/PIIS1470-2045(15)00444-1.pdf

2 International Agency for Research on Cancer: EPIC Study
http://epic.iarc.fr/

3 Rohrmann S et al: BMC Medicine. 2013; 11: 63
http://dx.doi.org/10.1186/1741-7015-11-63

Gib dem Tumor keinen Zucker

Flexibel, individuell, alltagstauglich, köstlich: Ernährungsempfehlungen müssen nicht kompliziert

sein. Wenige einfache, verlässliche Regeln und eine mühelose Umsetzung können viel bewirken – im Allgemeinen und Besonderen.

 

„Gib dem Tumor keinen Zucker“ heißt ein solcher Merksatz in der komplementären Onkologie, denn Tumoren verbrauchen einen wesentlichen Teil der über die Nahrung zugeführten Energie für das eigene Wachstum. Am liebsten eben Zucker. Die Ernährung von Krebspatienten wird deshalb häufig dahingehend umgestellt, dass leere Kohlenhydrate gegen komplexe Kohlenhydrate bzw. Ballaststoffe ersetzt werden.

Den damit verbundenen Empfehlungen kommt zugute, dass die Wirkungen Sekundärer Pflanzenstoffe (SPS) in Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten wissenschaftlich inzwischen dahingehend anerkannt sind, dass sie den Körper erfolgreich dabei unterstützen, das Wachstum von Tumorzellen zu blockieren und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Und nicht nur das, schon viel früher wirken sie antioxidativ, das heißt, sie wehren freie Radikale ab, die den Zellkern und damit Erbinformationen nachhaltig schädigen und somit die Krebsentwicklung begünstigen. Darüber hinaus wirken SPS wie Antibiotika, töten also Bakterien bzw. stoppen deren Vermehrung. Nicht zuletzt aktivieren sie die Killerzellen des Immunsystems gegen Krankheitserreger.

Beispielsweise konnte die Arbeitsgruppe Zellbiologie und Neuroonkologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) 2014 zeigen, dass verschiedene pflanzliche Östrogene (Phytoöstrogene) in Zellen von bösartigen Hirntumoren das Prinzip der sogenannten Anti-Angiogenese beeinflussen. Es besteht darin, dem Tumor die Lebens- und Wachstumsgrundlage – die Zufuhr mit bestimmten Nährstoffen über die Blutgefäße – zu entziehen, zumindest aber nennenswert zu hemmen. Das ist deshalb bemerkenswert, da bei malignen Hirntumoren die Prognosen nach wie vor schlecht und die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt sind. Grund: Die Tumorzellen reagieren auf Bestrahlung und Chemotherapie nicht sensibel genug.

Als besonders wirksam haben die FAU-Forscher das Isoflavon Biochanin A (BCA) identifiziert. Isoflavone stecken in großen Mengen in Hülsenfrüchten, z. B. in Kichererbsen und Sojabohnen. Aufnahmen im Magnetresonanztomographen haben laut Studie gezeigt, dass tumorbedingte Hirnödeme nennenswert abnahmen. Auch zeigte sich ein Trend in Richtung verlängerter Überlebenszeit.

Die Autoren schlussfolgern, dass eine obst- und gemüse- und damit auch ballaststoffreiche Ernährung auch in der Krebstherapie viel häufiger empfohlen und konsequent umgesetzt werden sollte.

Sekundäre Pflanzenstoffe

Da lohnt einmal mehr ein Blick auf die Sekundären Pflanzenstoffe. Sie kommen in allen Pflanzen in nur geringen Mengen, aber gigantischer Vielfalt vor. Pflanzen sichern mit der Produktion von SPS ihr eigenes Überleben. Man spricht auch von Bioaktivstoffen oder – in Anlehnung an die Vitamine – von Phytaminen. Im übertragenen Sinne werden die einen wie die anderen als unentbehrlich für das menschliche Überleben beziehungsweise für die Gesundheit eingestuft.

Der Versuch, SPS in einer Zahl zu erfassen, ist schwierig. Allein bei den Flavonoiden geht man von 6.000 bis 10.000 Vertretern aus, bekannt sind 5.000. Im Weißkohl wurden 49 verschiedene SPS identifiziert. Eineinhalb Gramm SPS – etwa so viel werden mit einer gemischten Kost täglich aufgenommen – setzen sich aus 5.000 bis 10.000 Einzelsubstanzen zusammen, die unter anderem für den Geschmack, den Duft und die Farbe von Obst und Gemüse verantwortlich sind.

Der Arzneimittelindustrie dienen SPS als Basis für zahlreiche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, Food-Designer entwickeln gemeinsam mit Unternehmen der Nahrungsindustrie neue köstliche „Lebensmittel mit gesundem Zusatznutzen“. Superfoods, Lifestyle-Produkte von Rote-Bete-Chips über schokolierte Aroniabeeren zum Matcha-Zitronen-Kuchen markieren hier den jüngsten Trend.

Für den nächsten Wochenmarkteinkauf eine Übersicht über Vorkommen und Wirkung der wichtigsten SPS.

 

© H2O74 | Flickr  Carotinoide

Wirkung

Die Pflanzenfarbstoffe stimulieren die Immunabwehr und wirken antioxidativ und können bei Tumorzellen den Zyklus von Zellwachstum und -teilung beeinflussen. Das bekannteste unter den bisher rund 600 identifizierten Carotinoiden ist das Beta-Carotin.

Vorkommen

Reichlich in gelb- und rotfleischigen Früchten wie Gojibeeren (Gemeiner Bocksdorn), Aprikosen, Mangos, Pfirsich, Kürbis, Möhren und Tomaten; in grünblättrigen Gemüsen wie Grün-, Weißkohl, Brokkoli, Mangold, Spinat.

 

© .Luise. | Flickr  Flavonoide

Wirkung

Nichts geht ohne sie. Die meist gelben, aber auch roten, blauen oder violetten Farbstoffe stimulieren die natürlichen Killerzellen des Immunsystems, hemmen die Umwandlung von Krebsvorläuferzellen in Krebszellen und wirken als Antioxidantien.

Vorkommen

Direkt unter der Schale von Obst, in Gemüse und vielen Heilkräutern. Besonders wirksam sind Flavonoide, die aus roten Trauben und Pflaumen (Resveratrol), aus Äpfeln, Heidel- und Moosbeeren, Zwiebeln, Auberginen, Rosenkohl, Kamille und grünem Tee stammen.

 

© Angelica Colomine | Flickr  Glucosinolate
Wirkung

Die zu den Senfölen gehörenden Geschmacksstoffe hindern Tumorvorläuferzellen daran, aktiv zu werden und sorgen für die „Entschärfung“ virulenter Krebszellen.

Vorkommen

In allen Kohlarten und scharf schmeckenden Pflanzen wie Rettich, Senf, Kresse, Zwiebeln.

 

© Roberta Sa |Flickr  Phenolsäuren | Polyphenole

Wirkung

Jagen freie Radikale und schützen tiefer liegende Gewebeschichten vor oxidativen Angriffen. Von Bedeutung sind allem vier Vertreter: Ferula-, Kaffee-, Ellagsäure, Resveratrol.

Vorkommen

Ferula- und Kaffeesäure stecken vorwiegend in Grün-, Weißkohl, Paprika, grünen Bohnen, Radieschen. Ellagsäure findet sich in allen Beeren, in Walnüssen und im Granatapfel; Resveratrol vor allem in roten Trauben, Himbeeren, Pflaumen, Erdnüssen.

 

© Monika Heinrichs | Flickr  Phytoöstrogene

Wirkung

Die Gesamtzahl der Phytoöstrogene wird auf etwa 50.000 geschätzt. Etwa 10.000 kommen in Lebensmitteln vor, nur ein Bruchteil ist bisher erforscht. Phytoöstrogene ähneln den körpereigenen Östrogenen und haben die gleichen Effekte, nur deutlich schwächer. Sie werden in drei Gruppen unterteilt: Isoflavone (Genistein, Daidzein), Lignane und Coumestane. Sie alle wirken antioxidativ und beeinflussen Entzündungsprozesse, den Hormonhaushalt und das Zellwachstum.

Vorkommen

Reichlich in asiatischer und Mittelmeerkost. Isoflavone stecken in Hülsenfrüchten, Hauptquelle ist die Sojabohne. Lignane kommen vor allem in Leinsamen, Beeren, Weizen, Gerste, Sesam, Brokkoli, Rosinen, Hasel- und Walnüssen vor, Coumestane in Luzernensamen wie Alfalfasprossen. Als Infektionsquelle der Ehec (Enterohämorrhagische Escherichia coli) -Epidemie 2011 spielen Sprossen bei uns seither keine Rolle mehr.

 

© A. van Zwienen | Flickr  Phytosterine

Wirkung

Phytosterine sind die erste Gruppe von SPS, die wegen ihrer Wirkung im menschlichen Organismus – cholesterinsenkend – zu funktionellen Lebensmitteln verarbeitet wurden. Analog zum Cholesterin im tierischen Gewebe sind Phytosterine essentielle Bestandteile bestimmter Pflanzenteile. Mindestens 44 Phytosterine aus sieben Pflanzenfamilien wurden bisher identifiziert, das häufigste in der Nahrung vorkommende ist das Beta-Sitosterin. Studien haben zudem einen Zusammenhang zwischen einer Ernährung mit viel Phytosterinen und einem niedrigen Risiko für Dickdarmkrebs hergestellt.

Vorkommen

In fettreichen Pflanzenteilen (Sonnenblumenkernen, Sesamsaaten, Kürbiskernen, schwarzen Oliven); einigen Gemüse- (Blumen-, Rosenkohl, Brokkoli) und Obstsorten (Orangen, Grapefruits).

 

© dilettantsefus | Flickr  Phytin

Wirkung

Phytin wurde lange als unerwünschter Inhaltsstoff in pflanzlichen Samen angesehen, da Phytin die Mineralstoffaufnahme bremsen kann, wenn die Nahrung wenig Vitamin C enthält. Wer sich aber an die üblichen Nahrungszubereitungsarten und eine ausgewogene Mischkost hält, ist auf der sicheren Seite. Untersuchungen haben zudem auf eine Krebsschutzwirkung im Dickdarm hingewiesen.

Vorkommen

In allen pflanzlichen Samen und damit vor allem in Getreidevollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen.

 

© nalihaha | Flickr  Protease-Inhibitoren

Wirkung

Weil diese Hemmstoffe im menschlichen Organismus wichtige Eiweiß spaltende Enzyme unterdrücken, galten sie früher eher als gesundheitsschädlich. Heute werden ihnen krebshemmende Eigenschaften zugesprochen, vor allem im Zusammenhang mit Mundhöhlen-, Lungen-, Leber-, Speiseröhren- und Dickdarmkrebs.

Vorkommen

Reichlich in Kartoffeln, Erbsen, Erdnüssen, Soja.

 

 © Frederica Potter | Flickr   Saponine

Wirkung

Diese in reiner Form sehr bitter schmeckenden Substanzen werden nur in geringen Mengen vom Körper aufgenommen. Sie sollen speziell das Dickdarmkrebsrisiko senken, indem sie Cholesterin und Gallensäuren binden.

Vorkommen

In Hülsenfrüchten, z. B. Linsen, Bohnen, Kichererbsen, Sojabohnen.

 

© Bernd Loos | Flickr  Sulfide

Wirkung

Diese schwefelhaltigen Substanzen, allen voran das Alliin und Allicin, sind verantwortlich für den intensiven Geschmack und nachhaltigen Geruch der Lauchgewächse. Sie gelten als äußerst vielseitig, schützen vor schädlichen Oxidationen und speziell vor Magenkrebs. Warum, ist noch nicht endgültig geklärt. Diskutiert werden unter anderem die Hemmung von Enzymen, die krebsauslösende Mechanismen aktivieren können und eine Stimulation des Immunsystems.

Vorkommen

In Lauch, Schnittlauch, Knoblauch, Zwiebeln, Schalotten.

 

© Herbert Schneider | Flickr  Terpene

Wirkung

Diese Aromastoffe sind wesentliche Duft- und Geschmacksträger. Ein wichtiges Terpen ist Limonen, das unter anderem in den Schalen der Zitrusfrüchte vorkommt. Eine detaillierte Bewertung der rund 4.500 verschiedenen Terpene gibt es bislang nicht.

Vorkommen

In Pfefferminze, Zitronen, Sellerie, Kümmel.

 


 

Sehm T et al: Cancer Medicine (online) 4. Juni 2014
DOI: 10.1002/cam4.265