„Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben“

 

 

Alles wird gesund. Alles ist machbar. Endlich Schluss mit diesem oder jenem. Wir leben – auch – in einem durch und durch oberflächlichen Zeitalter, das von Jugendlichkeit und Fitness geradezu besessen ist. Dafür ist kein Weg zu weit, kein Versprechen zu teuer.

Was ist das, Selbstoptimierung um jeden Preis? Prävention? Die Antworten werden naturgemäß unterschiedlich ausfallen, da jeder Einzelne etwas anderes unter den Begriffen versteht.

Mein Thema ist nun mal die Prävention, und hier gilt: Grundsätzlich ist alles Prävention, was Krankheit verhindert, verzögert oder weniger wahrscheinlich macht. Der Begriff selbst kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Prävention setzt zeitlich vor dem Eintritt eines Risikos an, Therapie danach.

Schon mit den klassischen Möglichkeiten der Prävention kann jeder den großen Volkskrankheiten aktiv entgegenwirken oder, bei bestehenden Störungen, Schlimmeres abwenden. Jede Krankheit, die nicht entsteht, ist die beste Entlastung für – ja, für wen eigentlich?

Eine Gesellschaft, zu deren Lebensprinzipien bisher nicht die Salutogenese – die Gesundheitsentstehung als Wert an sich – gehörte, sondern die Pathogenese mit einer auf Funktionalität, Planbarkeit, Kontrollierbarkeit, Effizienz und monetären Gewinn ausgerichteten Hochglanzmedizin, befindet sich in einem Teufelskreis: Der Einzelne wird zum Opfer seiner Ansprüche – oder die anderer – an Machbarkeit und übersieht, dass sein Glück darin liegt, wie er selbst der Welt begegnet.

SEIT DER ANTIKE DIENT ETHISCHES DENKEN
IN ERSTER LINIE DAZU, DEM MENSCHEN DABEI ZU HELFEN,
EIN ERFÜLLTES LEBEN ZU FÜHREN. ETHISCHES DENKEN ALSO
ALS ANLEITUNG ZU EINEM GUTEN LEBEN.
GIOVANNI MAIO

 

Deshalb ist jede Erkrankung, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den präventologisch Handelnden und gleichsam ethisch Denkenden: „Seit der Antike dient ethisches Denken in erster Linie dazu, dem Menschen dabei zu helfen, ein erfülltes Leben zu führen. Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben,“ schreibt Prof. Giovanni Maio, Arzt, Philosoph und Medizinethiker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.〈1〉

ELF BIS 14 JAHRE LÄNGER LEBEN

 

Zu diesem gelingenden Leben gehören Maßnahmen, die sich nicht nur auf Korrekturen durch eine immer moderner werdende Medizin beschränken, nach dem Motto: Blutdruck zu hoch, Pille einwerfen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze geht es um aktive, im Wortsinn selbst-bewusste Korrekturen von Risikoverhalten im Alltag mit ganzheitlichen Ansätzen. Bereits kleine Veränderungen können große Wirkungen zeigen:

 Das „Richtige“ und weniger essen
 Sich täglich (mindestens) 30 Minuten bewegen
 Bei Belastungen entspannt bleiben
 Gut mit sich und anderen umgehen
 Auf ausreichenden Impfschutz achten

Ein gesunder Lebensstil, mehr noch: „positive Gesundheit“, kann die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre verlängern, lauten Ergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1999 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht. 〈2,3〉 Verhindern lassen sich 〈4〉

℘  92% aller Herzinfarkte
℘  90% aller Diabeteserkrankungen
℘  85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems
℘  50% aller Krebserkrankungen

Der Weg zu diesem Ziel ist eine Reise, an deren Anfang Selbstbestimmung und Selbstverantwortung stehen. Eines wie das andere ist für den Sozialphilosophen Prof. Armin G. Wildfeuer unentbehrlich für ein gelingendes Leben. Hinzu kommen 〈5〉

℘  Entschiedenheit bei der Auswahl aus der Vielfalt der Sinnangebote
℘  ein integrativer Umgang mit Widerständen
℘  die Fähigkeit zum Kompromiss
℘  Treue zum eigenen Lebensentwurf

Eine weitere Kraftquelle finden viele in ihrer Religiosität oder Spiritualität. Die einen glauben an einen Gott, andere daran, dass das Leben – jenseits von Konfessionen – Sinn und Bedeutung hat.

Sinn wiederum ist ein zentrales Thema in der Mind Body Medizin und damit in meinem Lebensstiltraining. Es ist der bewusst gesetzte Kontrapunkt zur Selbstoptimierung und hilft Ihnen nach einem 10-Wochen-Programm, Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden ganzheitlich, eigenverantwortlich – und in aller Ruhe – zu steuern. Und Ihre biographischen Risse, Sprünge, Brüche zu integrieren. Die Methoden wurden und werden vielfach untersucht, sind wissenschaftlich anerkannt und in ihren positiven Auswirkungen auf die Körpersysteme nachgewiesen. Und da jeglicher Sieg im Kopf entschieden wird, werden aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt.

JUGENDLICHKEIT MIT WEISHEIT IST SEXY

Weil ich die Kombination Jugendlichkeit und Weisheit sexy finde, habe ich eine kompakte Version entwickelt: Slow.Flow.Glueck. Meine 3-, 4- und 6-Tagesseminare auf Basis der Mind Body Medizin und in der wundervollen Atmosphäre der Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf und Groß Toitin, sind jeweils kleine Reisen zu einem Perspektivwechsel, zu „neuen Ohren“, ins Glück. 

Ich verbinde drei Kernaspekte für ein gutes Leben:

℘  Innehalten und sich mit allen Bedürfnissen intensiv wahrnehmen
℘  Den Körper und Geist ausgewogen bewegen
℘  Die Seele mit SlowSoul…Health Food wärmen

Sie sind in guter Gesellschaft: in einer Gruppe mit maximal zehn Gleichgesinnten, die wie Sie individuelle Wege suchen, um den Dingen des Lebens anders zu begegnen.

Slow.Flow.Glueck ist für die einen der Einstieg in ein verändertes Lebensgefühl, andere erleben die Zeit als einen „perfekt ausbalancierten Weg, um zwischendurch alles loszulassen und beseelt“ (O-Ton eines Teilnehmers) in den Alltag zurückzukehren.

 
OHNE EINSICHT IN … DEN SINN DES GEGEBENEN
KÖNNEN WIR NICHT GLÜCKLICH WERDEN.
GIOVANNI MAIO
 

 

QUELLEN

1 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

2, 3 EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition): Studie 2o1o

4 EPIC 2oo4

5 Wildfeuer AG: Das „gute“ oder „gelingende“ Leben im Ethos der Demokratie. 5. Symposium des Professorenforums, 12. bis 13. April 2002, J. W. Goethe Universität, Frankfurt/Main

 

ZUM THEMA

Klahre, AS: Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund? All die schoenen Worte, 11/2o14

 

Innehalten

 

 

 

Eine gute Verbindung zum Partner, zu Freunden, zu Menschen im Berufsleben ist eine Quelle, aus der wir Energie für den Alltag gewinnen. Wie unersetzlich aber Momente sind, in denen wir innehalten, zeigt sich immer dann, wenn wir abseits von Aktivitäten – oder Aktionismus – und vielen Leuten zur Ruhe kommen, langsamer, still werden. Nichts tun.

Wer seinem Bedürfnis nach Rückzug von Zeit zu Zeit folgt und die Abgeschiedenheit sucht, kann konzentriert Gedanken sammeln, an einem Problem oder Thema arbeiten. Oder in „ruhiger Wachheit“ abwarten, bis Erkenntnisse sich von selbst einstellen. Eine anspruchsvolle Übung hierbei: Nichts, rein gar nichts werten, was einem so in den Kopf kommt.

Solche Selbstgespräche können gut begleitet werden von Büchern, Musik, Gehen in einsamen Landschaften, Medititationen … die Möglichkeiten sind grenzenlos. Je ruhiger und harmonischer die Umgebung ist, umso besser.
 
Die Gastgeber der wunderschönen Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf, Groß Toitin und ich laden dazu ein, drei, vier oder sechs Tage innezuhalten und mit dem exklusiven Slow.Flow.Glueck-Programm von allem zu entkoppeln, was stresst und anspannt: in Stille, mit heilsamer Bewegung, beim gemütlichen Speisen mit Gleichgesinnten.
 
Slow.Flow.Glueck ist gemacht für Damen, Herren, Paare, Eltern, Chefs, Mitarbeiter, Alleinherrscher – für alle, die individuelle Wege suchen, um

ς mit Überforderung, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und … besser umzugehen
ς Frustration, Ängste, Wut loszulassen
ς Schmerzen zu lindern
ς die Seele zu streicheln und den angestrengten Körper zu beruhigen
ς zu entschleunigen und still zu werden
ς den Lebensstil um schöne Impulse zu bereichern

Freuen Sie sich auf ein Abenteuer der anderen Art und lernen Sie sich neu kennen. Das Ergebnis ist mehr Kraft und Klarheit und das wunderbare Wissen, „the most difficult and the most intellectual thing in the world“ (Oscar Wilde) tun zu können: nichts. Jedenfalls nicht viel.

 

Slow.Flow.Glueck auf Facebook

 

Gestresstes Herz, was brauchst Du?

 

  

Ungefähr so viele Menschen wie eine Kleinstadt Bewohner hat, erliegen jedes Jahr einem plötzlichen Herztod.
Das sind mehr als zusammengenommen jene, die hierzulande an Lungenkrebs, Brustkrebs und Aids sterben.

 

Die Erde – in Aufruhr. Die Menschheit richtet sie und sich zugrunde. Terroranschläge und andere gesellschaftliche Verrohungen vor der Haustür, weltweite Migration, hoher Arbeitsdruck, wirtschaftliche Sorgen … Die Verunsicherungen und Ängste vieler Menschen sind inzwischen mit Händen zu greifen, die Nerven vieler liegen blank. Wenn mehr oder minder chronischer Stress plötzlich und tödlich endet, lautet die Diagnose „plötzlicher Herztod“ (PHT) oder „Sekundentod“.

Immer wieder taucht hierbei das Bild vom scheinbar heiteren Himmel auf. Doch von rund 200.000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr einen akuten Herzstillstand nicht überleben, sind nur etwas mehr als zehn Prozent kardiale Risikopatienten, die nach einem Infarkt bereits an einer Herzmuskelschwäche litten oder eine andere Herzerkrankung hatten.〈1〉

 

Meistens geht diesem unvorhersehbaren
und schrecklichen Ereignis eine längere Phase
mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus

Karl-Heinz Ladwig

 

„Meistens geht diesem unvorhersehbaren und schrecklichen Ereignis eine längere Phase mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus. Im Nachhinein lassen sich in vielen Fällen klassische Alarmzeichen ausmachen, etwa finanzielle Sorgen, eine belastende Arbeits- oder frustrierende Familiensituation.“ Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, am Helmholtz Zentrum München tätiger Psychokardiologe, hält diese psychosozialen Aspekte kardiologischer Leiden für unterrepräsentiert und machte dies im April in Mannheim anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie deutlich: „Der plötzliche Herztod ereilt die Betroffenen entgegen einer verbreiteten Vorstellung in der Regel nicht nach einer einmaligen Aufregung. Akuter Ärger, Angst oder andere Aufregungen sind nur Auslöser.“〈2〉

Physiologisch betrachtetet sind meist Herzrhythmusstörungen wie Kammerflimmern oder auch das sogenannte Broken Heart Syndrom direkte Auslöser eines PHT. Beim Broken Heart Syndrom (auch: Stress-Kardiomyopathie, Tako-Tsubo-Syndrom) verengen sich die Herzkranzgefäße akut krampfartig. Betroffen sind vorwiegend Frauen jenseits der Wechseljahre. Die Symptome gleichen denen eines Herzinfarktes, sie treten meist unmittelbar nach einer außerordentlichen Belastung auf.

Dass die Ursachen im emotionalen Bereich liegen können, hat unter anderem eine Studie aus Los Angeles gezeigt: Dort hatten Forscher die Auswirkungen des „Northridge Erdbebens“ am 17. Januar 1994 untersucht, eines der stärksten Erdbeben, das bis dato in den USA registriert worden war.〈3〉 Die Zahl der plötzlichen Herztode von durchschnittlich 2 bis 4 war am Tag der Katastrophe sprunghaft auf 24 angestiegen. 16 Menschen starben binnen einer Stunde nach den ersten Erschütterungen. Nur drei Todesfälle standen in Zusammenhang mit physischer Belastung. In der Woche nach dem Erdbeben lag die Zahl der plötzlichen Herztode unter dem Durchschnitt (2,7 ± 1,2).

 

Neben der Veranlagung spielt auch die Art,
wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen,
eine wesentliche Rolle
Karl-Heinz Ladwig

 

„Auch wenn wir noch nicht alle Zusammenhänge im Detail verstehen, zeigt sich, dass es für den stressinduzierten Herztod zwei Komponenten braucht,“ so Ladwig. „Neben der Veranlagung spielt auch die Art eine wesentliche Rolle, wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen. Anders ausgedrückt: Wer Stress besser bewältigen kann, hat ein geringeres Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden.“

In den meisten Fällen seien mehr körperliche Bewegung, ein gezieltes Stressmanagement oder Entspannungstechniken ausreichend und können das Risiko für einen plötzlichen Herztod signifikant senken, so Ladwig.

Aus Sicht von SecondaVita Prævention ließe sich ergänzen:

 

Ernährung umstellen
 Gegebenenfalls Zigaretten- und Alkohlokonsum deutlich drosseln
 Genügend schlafen
 In geschützter Atmosphäre reden über das, was schwer lastet
 Sich sortieren, neu ordnen und wohltuende Perspektiven entwerfen
 Seelische Widerstandskraft – Resilienz – trainieren
 Sich eine lang nachklingende präventive Auszeit verordnen

 

Bei Verdacht auf eine klinisch manifeste Depression soll ein weiterer Experte hinzugezogen werden. 

Stress ist ein eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen und verdiene mehr Aufmerksamkeit, betonte Ladwig: „Schon das gezielte Ansprechen der Lebenssituation und psychischen Befindlichkeit kann einen hohen therapeutischen Wert haben.“

Dies mag den einen oder anderen Kardiologen überrascht haben.

 


 

1 Deutscher Herzbericht 2o16. Deutsche Herzstiftung, Berlin, 25. Januar 2o17

2 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie
Mannheim, 19.o4.-23.o4.2o17

3 Leor J et al:  N Engl J Med 1996; 334:413-419
DOI: 10.1056/NEJM199602153340701

 

 

Trauer und Selbstfürsorge

   Es ist die Ironie meines Lebens,
dass ich meinen Ehemann verlieren musste,
um mehr Dankbarkeit zu lernen.  S Sandberg

Sheryl Sandberg war 45, als sie 2o15 plötzlich Witwe wurde. Ihr Ehemann Dave war aufgrund einer Herzrhythmusstörung von einem Laufband gefallen. Mrs. Sandberg ist Hausfrau, Mutter von zwei Töchtern und eine der einflussreichsten Managerinnen in der Social-Media-Welt, aktuell bei Facebook. Bevor sie ihren nicht minder erfolgreichen Mann verlor, galt sie als knallharte Karrieristin.

Gesagt hat sie den eingangs zitierten Satz im Mai 2o16, im Rahmen eines Vortrags an der Elite-Universität Berkley vor etwa 5000 Absolventen.〈1〉 Es war ihr erster öffentlicher Auftritt nach jenem Albtraum, den sie als das Furchtbarste bezeichnete, das ihr hatte passieren können. Sie hatte das Gefühl, als würde sie in Kummer und Einsamkeit ertrinken.

Ein Jahr später wollte sie den jungen Leuten etwas mit auf den Weg ins Leben geben, das sie, wie sie sagte, nur mit viel Unterstützung gelernt habe, nämlich Tragödien zu überwinden: „Wenn das Leben euch unter Wasser zieht, hoffe ich, dass ihr euch daran erinnert, dass tief in euch die Fähigkeit steckt, daran zu wachsen.“〈1〉

Die Erfahrung desjenigen, der bleibt

Dieses Beispiel soll das Thema Trauer eingrenzen: Es geht um den Verlust eines geliebten Menschen. Es geht um die Verlusterfahrung desjenigen, der bleibt. Ich betone das, weil Trauer sich auch einstellen kann, wenn wir etwas Wichtiges verlieren. Auch der Mensch trauert, der weiß, dass er in absehbarer Zeit sterben wird – er trauert nicht selten um das, was er versäumt hat zu tun.

Doch all jene, die diesen Menschen auf seinem Weg aus dem Leben begleiten, haben zu jenem Zeitpunkt meist noch vieles andere zu klären; sie wissen so gut wie nichts darüber, was sie erwartet, wenn das Leben den Sterbenden schlussendlich freigibt. Nicht selten kommt hinzu: Sie möchten es nicht wissen. Der Widerstand das zuzulassen, was damit verbunden sein kann, ist hoch.

Bei Untersuchungen über belastende Lebensereignisse steht der Tod eines Angehörigen auf Platz eins.〈2〉Die Psychiater Thomas Holmes und Richard Rahe aus Washington haben 1967 The Social Readjustment Rating Scale (SRRS) entwickelt, um das Ausmaß von Stress messen zu können. Die Skala ist so aktuell wie eh und je, sie ist die am häufigsten eingesetzte in der sogenannten Life-Event-Forschung: Insgesamt 43 negativen wie positiven Lebensereignissen werden Stresswerte von 0 bis 100 zugewiesen. Der Tod des Ehepartners erreicht 100 Punkte, der eines nahen Familienangehörigen 63.

Ich habe fünf Jahre meine Mutter auf dem Weg aus ihrem Leben begleitet, war vorbereitet, wir hatten Zeit uns zu verabschieden. Und als sie in unserem letzten Telefonat flüsterte „Ich habe Angst“, war ich ganz nah: „Alles ist gut, Mama, Du bist auf dem Weg, und ich bin bei Dir.“ Doch als es am nächsten Mittag so weit war, war ich nicht bei ihr. Ich war auf dem Weg zu ihr, auf der Autobahn. Ich habe es nicht geschafft. Es war verheerend. Zunächst.

Magie hoch ambivalenter Zustände

Heute, eine große Lebenszäsur später, kann ich sagen: Wer sich traut bewusst zu trauern, wer seine Bedürfnisse wahrnimmt und sie sich erfüllt, wer die Magie in hoch ambivalenten Zuständen entdeckt und letztlich den Tod als unabdingbaren Bestandteil des Lebens annimmt, kann nur gewinnen. Was?

Vielleicht ist es eine neue innere Ordnung. Sehnsucht nach Stille. Eine wertschätzende und nicht permanent wertende Haltung zu den Menschen, die uns begegnen. Eine im Wortsinn bedingungslose Liebe oder tiefes Vertrauen in die Kraft der Intuition.

Diese und wie es scheint, in diesen Zeiten immer kostbarer werdenden Ressourcen können wie ein Schatz gehoben werden, und werden inzwischen unter einem Begriff zusammengefasst: Natürliche Resilienz.〈3〉

Zu verdanken ist der Begriff George A. Bonanno, Professor für klinische Psychologie am Teachers College der Columbia University in New York. Bonanno gilt als Pionier in der Erforschung des anfangs – vor etwa 20 Jahren – kontrovers diskutieren Ansatzes, dass man Verlustschmerz, Trauer und Leid als einen natürlichen Vorgang erleben kann, der das Vorhandensein einer authentischen Widerstandskraft – resilience – des Menschen dokumentiert.

Die These reiht sich quasi nahtlos ein in die Untersuchungen anderer großer Kaliber, die deutlich früher intensiv darüber nachgedacht haben, wie trotz widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen und der Mensch Ja zum Leben sagen kann:

  • Aaron Antonovsky (1923-1994), amerikanischer Soziologe und Vater der Salutogenese
  • Viktor Frankl (19o5-1997), Wiener Neurologe und Psychiater, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Überlebender des KZ Buchenwald
  • Hans Selye (19o7-1982), Wiener Arzt, Vater der Stressforschung und des Adaptionssyndroms, das die Reaktionen des Körpers auf Stress beschreibt.

Demnach verfügen resiliente Menschen durchweg über einen gut bestückten Werkzeugkoffer – über bestimmte psychologische Merkmale, die es ihnen erleichtern, sich Herausforderungen verhaltensflexibel anzupassen. Sie verfügen über Ressourcen, die sie aufgrund sehr gesunder Reaktionen in sehr schwierigen Zeiten entwickelt haben.

Diese finden ihren Ausdruck in einem Gefühl des Selbstvertrauens, der Selbstbestimmtheit und auf anderer Ebene der Sinnhaftigkeit, das das zuweilen sehr schmerzhafte Leben „überdauert” und nicht generell in Zweifel zieht.

Trauer oszilliert

Die Resilienzforschung beschäftigt sich ursprünglich damit, was Menschen stark macht, die unter ungünstigen Bedingungen sozialisiert wurden. Resilienz gilt demnach nicht als ein genuines, angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern als eine Kompetenz, die im Verlauf der Entwicklung erworben wird. Oder, um noch einmal Sheryl Sandberg zu zitieren: „Ihr seid nicht mit einer festen Menge an Resilienz auf die Welt gekommen. Es ist ein Muskel, den ihr trainieren könnt und den ihr dann benutzen könnt, wenn ihr ihn braucht.“ 〈1〉

In Bonannos Welt ist das Äquivalent zu dem Muskel eine ureigene Kraftquelle, aus der sich auch in der Trauer schöpfen lässt und dabei hilft, als Mensch zu wachsen und irgendwann in neue Balance zu kommen. Der damit verbundene Prozess kann dauern, der Weg kann durch manche Hölle und höchst eigenartige Gefühlszustände führen.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, haben Bonanno und Kollegen die reichhaltige Ratgeberliteratur analysiert. 〈3〉 Es wurden alle klassischen Konzepte von Trauer infrage und vielen hundert Leuten Fragen gestellt, die vorher niemand gestellt hatte. Zum Beispiel diese: Gibt es einen typischen Trauerverlauf und wie sieht der aus?

Ausgangspunkt für diese und alle weiteren Überlegungen war der Versuch, Trauer begrifflich zu fassen.

   Trauer ist eine komplexe Erfahrung,
die zunächst dominiert wird
 von einem nie zuvor empfundenen
intensiven Gefühl von Kummer und tiefem Schmerz,

der uns vollständig durchdringen und ausfüllen kann. G Bonnano

Als Reaktion auf einen gegebenenfalls unvorstellbaren Verlust – gegebenenfalls im Sinne von „mitten aus dem Leben, von jetzt auf gleich“ – ist Trauer eine hoch komplexe Erfahrung, die zunächst dominiert wird von einem nie zuvor empfundenen intensiven Gefühl von Kummer und einem tiefen Schmerz, der uns vollständig durchdringen und ausfüllen kann. Kein Stein ist mehr auf dem anderen, die Koordinaten des bio-psycho-sozialen Systems verschieben sich.

Immer ist es mit starken und vor allem stark schwankenden emotionalen Reaktionen verbunden: mit Wechselbädern von Gefühlen des Schmerzes und der Einsamkeit, aus denen auch Anflüge von Heiterkeit, echtem Lächeln, herzlichem Lachen auftauchen, und ja, sogar magische Momente des Glücks.

Diese Wellen, Bonanno nennt sie oszillierende Trauer, sind eine Überlebens- bzw. Bewältigungsstrategie. Diese wird hierzulande als vielleicht bedeutendste Innovation im Rahmen eines Trauerprozesses gewürdigt. Der französische Regisseur Alain Resnais hat in dem Filmdrama L´Amour á mort das Muster so definiert: “Es ist dunkel. Man klammert sich mit beiden Händen an ein Geländer, hat ständig Angst auszugleiten. Und wenn man schon glaubt, jetzt habe es sich mit dem trauern und man bekommt endlich ein Paar neue Schuhe, dann schleicht sie sich wieder heran.”

Wir wechseln die Gangart

Mit anderen Worten: Wir wechseln die Gangart. Pendeln emotional zwischen polarisierenden Gefühlen, sind jetzt in der Fassungslosigkeit, tun, was nötig ist. Dann kommt Licht ins Dunkel und wir treten in Kontakt zu unserer Umwelt. Anschließend tauchen wir wir wieder ab.

Das Muster geht in dem Maße in ein flexibleres Schwingen und eine stabilere Balance über, wie der Einfluss quälender Emotionen und die Sehnsucht nach dem Verstorbenen allmählich abnimmt. Der Hinterbliebene kann näher an die Normalität heranrücken, er erlangt eine gewisse Kontrolle über seine Trauer, kann über den Verlust reden. Ganz langsam verlängern sich die heilsamen Umschwünge.

„An diesen Wellenbewegungen ist das vielleicht Verblüffendste, dass sie so wenig der landläufigen Auffassung ähneln, wonach ´erfolgreiches Trauern` von Phasen und Stadien abhängt, die im Sinne eines langwierigen Arbeitsprozesses vollständig durchgemacht werden müssen, bevor ein Verlust als erfolgreich bewältigt gilt,“ schreibt Bonanno.〈3〉 Und meint: Andere Experten, Freud zuerst, haben den Begriff der „Trauerarbeit“ geprägt, Elisabeth Kübler-Ross hat die fünf Phasen der Trauer –Verleugnung. Zorn. Verhandeln. Depression. Akzeptanz – detailliert beschrieben.

„Es gibt keine Phase für positive Gefühle, was vielleicht der Grund dafür ist, dass diese traditionell mit Verleugnung gleichgesetzt wurden,“ schreibt Bonnano. Er und seine Kollegen haben keine Beweise für „irgendeine dieser Ideen“ gefunden. Im Gegenteil: „Das Hauptproblem bei solchen Ideen ist, dass man dazu tendiert, strenge Maßstäbe für richtiges Verhalten aufzustellen … Vielleicht richten sie deshalb mehr Schaden an, als dass sie Gutes bewirken.“

Keine Diagnose. Doch manchmal kompliziert

Als konstanter Befund habe sich gezeigt, dass Trauer keine eindimensionale Erfahrung ist. Weder sei sie für alle gleich, noch gebe es Anzeichen für bestimmte Stadien. Die vielschichtigen Trauerreaktionen verlaufen langfristig eher unterschiedlich.

Es gibt Menschen, die leiden unter einer chronischen Trauer. Der Verlustschmerz lähmt sie über Jahre, seelische und/oder körperliche Beschwerden hindern sie daran, ihre früheren täglichen Aktivitäten wieder aufzunehmen. Es ist durchaus möglich, dass sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Verlust als Posttraumatische Belastungsstörung manifestiert hat. Das gilt insbesondere, wenn der Angehörige eines gewaltsamen Todes gestorben ist, sei es durch einen Terroranschlag oder eine Naturkatastrophe, im Krieg oder durch Mord.

Insgesamt ist Trauer an sich keine Diagnose. Dennoch wird in den USA versucht, der komplizierten und prolongierten Trauer den Status eines Krankheitsbildes zu geben. Seit Juni 2o16 gibt es dafür die Bezeichnung „komplizierte Trauer“ (complicated grief disorder, CGD), sie ist jedoch noch nicht allgemein anerkannt. Die neueste Version des DSM-5, dem Diagnose-Manual der American Psychiatric Association, hat die „Persistent complex bereavement disorder“ zumindest schon mal in die Kategorie „Conditions for Further Study“ aufgenommen. Man darf gespannt sein, was daraus wird.

Andere leiden intensiv, sie durchleiden Phasen des Schmerzes und der Einsamkeit, sie verlieren auch die Orientierung, die Bewältigung ist ein unfassbarer Kraftakt. Und doch finden sie nach einer gewissen Zeit einen Weg, langsam wieder am Leben teilhaben zu können. Für sie, und das sind die meisten, gilt: So furchtbar Trauer ist, langfristig gesehen übernimmt sie nicht die Macht.

Manche sind sogar fähig, sich im Job zu konzentrieren, alle Aufgaben zu erledigen, normal zu essen und zu schlafen. Nur wenn sie allein sind und Zeit haben für stille Besinnung, lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf.

Drei Jahre

Während die Amerikaner keine Zeitachsen thematisieren, haben Wissenschaftler der Universität Würzburg sich in einer Befragung von 521 Teilnehmern besonders für die Dauer des Trauerprozesses interessiert.〈4〉

Fasst man die Antworten von Befragten zusammen, deren Verlust eine ähnlich lange Zeit zurückliegt, so ist Trauern für viele nicht nach wenigen Monaten und nicht einmal nach dem hierzulande verankerten traditionellen Trauerjahr abgeschlossen:

„Innerhalb des ersten Jahres nehmen Beeinträchtigungen durch unangenehme Gedanken und Gefühle einerseits und das Empfinden der Nähe zu der verstorbenen Person andererseits an Intensität stark zu,“ lautet ein zentrales Ergebnis der Studie.

Ähnlich stark verlaufe dann die Abnahme der Intensität während der folgenden zwölf bis 18 Monate. Hierbei leiden Frauen stärker unter dem Verlust einer nahen Bezugsperson als Männer. Im zweiten Jahr zeigt sich demnach auch, ob die Gefühle auf hohem Niveau bestehen bleiben, ob also ein normaler Bewältigungsprozess oder ein behandlungsbedürftiges Trauern vorliegt. Die Autoren, Prof. Dr. Joachim Wittkowski und Dr. Rainer Scheuchenpflug, sind der Meinung, dass dies für die Diagnose einer anhaltenden komplexen Trauerreaktion von eminenter Bedeutung sei.

Während eines für sie „normalen Trauerprozesses“ lassen über den Zeitraum von drei Jahren hinaus sowohl die Beeinträchtigungen als auch das Empfinden der Nähe zur verstorbenen Person beständig nach.

„Am Ende der intensivsten Phase nehmen sowohl positive Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten zu, gleichsam wächst auch die Fähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl mit anderen Menschen,“ heißt es. Der Trend bleibe auch mehr als zehn Jahre nach dem Verlust bestehen. Schuldgefühle blieben langfristig nahezu unverändert auf einem mittleren Intensitätsniveau.

Der Versuch, massiven Stress zu verarbeiten

Zurück zu Bonanno hat sich aus allen Erkenntnissen ergeben, dass der Versuch, Trauer zu definieren, zwei Teile hat.

Trauer ist eine komplexe Erfahrung ohne Regeln und mit dem Potenzial für Reifung: ein hoch individueller Bewältigungsprozess von Verlustschmerz mit unterschiedlichen Strategien, die wiederum von Faktoren wie Lebensalter und Lebenssituation, Kontext und Kulturkreis bestimmt werden. Menschen in westlichen Kulturen haben eine völlig andere Auffassung von Leben, Sterben und Tod als Menschen in nicht-wesentlichen Kulturen.

Im zweiten Teil kommt das Gehirn hinzu.

Neurophysiologisch ist Trauer eine massive Stressreaktion in verschiedenen Hirnarealen und im gesamten Hormonsystem – und damit ein Versuch von Kopf und Körper, mit einer Situation fertig zu werden, die als Relikt aus prähistorischen Zeiten als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar wahrgenommen wird. Entwicklungsgeschichtlich muss der Organismus sich an die Belastung anpassen und daran gewöhnen, obwohl diese als unangenehm erlebt wird.

Bestimmte Hirnregionen sind besonders betroffen:

Der Hirnstamm und das Kleinhirn, in dem basale Vorgänge wie Essen, Schlafen, Atmen, Kreislauf reguliert werden.

Das limbische System, eine Funktionseinheit mit Verbindungen zu den Steuerungszentren anderer Hirnregionen und u. a. verantwortlich für die Verarbeitung von Emotionen und die Ausschüttung körpereigener Opioide, die eine Rolle dabei spielen, Schmerz zu unterdrücken.

Der Neokortex, also die Oberfläche des Großhirns und der beim Menschen größte Teil (rund 90 %) der Großhirnrinde mit 20 bis 23 Milliarden Neuronen. Der Neokortex repräsentiert verschiedene Funktionen des zentralen Nervensystems, z. B. Sinneseindrücke, Bewegungen, Wahrnehmungen.

 Die Art des Trauerns hängt
einerseits davon ab,
wie Trauernde mit ihren Erinnerungen umgehen,
wie sie die Erinnerungen erleben und
was sie ihnen entnehmen. 

Die Zusammenhänge sind hilfreich dafür, Trauern mit dem neurobiologischen Ansatz in der Resilienzforschung zu verknüpfen.

Laut Bonnano hängt die Art des Trauerns einerseits davon ab, wie Trauernde mit ihren Erinnerungen umgehen, wie sie die Erinnerungen erleben und was sie ihnen entnehmen. Zum anderen legen aktuelle Forschungen nahe, dass der zentrale Mechanismus, der über Resilienz entscheidet, vermutlich eine positive Reizbewertung im Gehirn ist. Diese Ergebnisse wiederum kommen aus Deutschland: aus dem Deutschen Resilienz-Zentrum in Mainz, einer Forschungsplattform der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dem Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften.

Die entscheidende Frage lautet demnach: Wie bewertet das Gehirn belastende oder bedrohliche Situationen oder bestimmte Reize?“

All das ist Selbstfürsorge

Jede Form von Stress oder Unglück fordert uns. Es ergibt aber einen großen Unterschied, ob der Mensch mit seiner Situation bzw. seinem Schicksal hadert und sich als Opfer sieht oder ob er die Situation akzeptieren und sich auf eine Lösung konzentrieren kann.

Losgelöst von Trauer heißt das: Ein positiver Bewertungsstil schützt langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert – und das maßgeblich dadurch, dass Nervenbotenstoffe verstärkt ausgeschüttet werden, die umgangssprachlich als „Botenstoffe des Glücks“ bezeichnet werden. Dazu gehören Serotonin, Dopamin, Acetylcholin.

Bezogen auf Trauer heißt das:

In Erinnerungen schwelgen

Sich in Momenten stiller Besinnung die Liebe, das Glück und Wärme vergegenwärtigen

Tiefe Gefühle oder Gewissheiten durch Symbole und Rituale ausdrücken

Reden und Nachdenken, Schreiben und Meditieren

Tiefe Verbundenheit in Form von lauten Gesprächen mit dem Verstorbenen: Sprache verleiht den Gedanken Ordnung und Klarheit und bringt den Verstorbenen für einen Moment zurück. In vielen Weltreligionen ist diese sogenannte rituelle Kommunikation integraler Bestandteil der Trauer

Fragen an sich selbst: Was fühle ich gerade? Was denke ich gerade? Was möchte ich jetzt tun? – auch wenn es etwas Ungewöhnliches ist …

All das ist Selbstempathie, denn Menschen, die mit Verlustschmerz zu kämpfen haben, brauchen Trost nicht nur von einem oder mehreren Vertrauten.

Menschen, die die Endgültigkeit des Verlustes annehmen können, sind auch imstande, sich allein mit Erinnerungen zu trösten. Das macht es nicht weniger schmerzhaft, lässt aber besser aushalten, was eigentlich unerträglich zu sein scheint. Wer sich also mit dem verbinden kann, was nicht fort ist, kann, wie die Gattin von James Last anlässlich des ersten Todestages 2o16, mit engsten Freunden und gegebenenfalls den Kindern in Gedenken „einen fröhlichen und auch besinnlichen Tag“ verbringen.

Einfach sein

Diese Kraft ist kostbar. Geht es doch nicht so sehr um aktives Tun als vielmehr darum, einfach zu sein. Mit sich, anderen und dem Menschen, der gegangen ist.

Die Sensibilität, die darin steckt, die Konzentration auf das Wesentliche, das reflektierende Denken, das Gespür für Sinn und für dessen Fehlen, ist ein großes Geschenk an sich selbst und letztlich an die Gesellschaft.

Denn Menschen, die sich einlassen und nicht möglichst schnell wieder funktionieren wollen, begeben sich auf eine Art Heldenreise – auf jeden Fall in einen klärenden Prozess zu mehr persönlicher Reife und spirituellem Wachstum. Diese Menschen werden sich später nicht abwenden, wenn andere leiden, da sie wissen, wie sich das anfühlt.

Der Weg kann viele Jahre dauern. Jener Teil dieser Gesellschaft, der solche Schritte noch nicht gehen konnte und dessen Wahrnehmung auf die Vordergründigkeiten der menschlichen Existenz gerichtet ist, nimmt auf jeden Fall wahr, dass der Umgang mit Trauernden nicht einfach ist.

Der Erzfeind des Lebens kann in Gestalt eines Trauernden dann die seltsamsten Blüten treiben.

   Die Zeit hilft mir sehr. Am Grab
zu sein gibt mir Kraft, innere Ruhe und die Gewissheit,

für ihn die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. C Last


Zum Thema

Memoria Tui. Am Ende ein Anfang

1 Sheryl Sandberg, University of California, Berkeley,
14. Mai 2o16

2 Holmes T, Rahe RThe Social Readjustment Rating Scale (SRRS), Washington 1967
http://www.acc.com/aboutacc/newsroom/pressreleases/upload/srrs.pdf

3 Bonanno GA: Die andere Seite der Trauer, Aisthesis 2o12

4 Wittkowski J, Scheuchenpflug R: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie; 2o15: 169-176.
DOI: 10.1026/0943-8149/a000145

Lust auf positive Gesundheit

© Fabian Christ | Flickr

 

Die Fastenzeit beginnt, der Bis-Ostern-Verzicht auf wahlweise Alkohol, Süßes, Tütensuppen und inzwischen sogar auf permanente Erreichbarkeit. Wie wäre es, wenn das eine oder andere auch darüber hinaus funktionieren könnte – mehr noch und sozusagen als frommer Wunsch: Möge das Fasten so ganz und gar Lust auf Gesundheit machen. Denn mit der Gesundheitskompetenz ist es ein Kreuz.

 

Gesundheit ist … für jeden etwas anderes. Die Ansichten darüber, welche Bedingungen über Gesundheit und Krankheit entscheiden, sind höchst unterschiedlich. Der persönliche Blick entscheidet weitgehend darüber, ob jemand gesundheitsbewusst lebt oder nicht. Wer davon überzeugt ist, dass Gesundheit überwiegend „eine Frage der Gene“ oder “Schicksal” sei und man da halt nichts machen könne, wird sich kaum für Prävention interessieren.

Das ist schade, weil internationale Studien eindrucksvoller denn je darauf hinweisen, dass die Gesundheitskompetenz des Einzelnen verbesserungswürdig ist. Forscher der Universität Bielefeld haben Gesundheitskompetenz als das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit beschrieben, “gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und zu nutzen, um die Gesundheit erhalten, sich bei Krankheiten nötige Unterstützung durch das Gesundheitssystem sichern oder sich kooperativ an der Behandlung und Versorgung beteiligen und die dazu nötige Entscheidung treffen zu können.” 〈1〉International wird diese basale Kompetenz als Health Literacy bezeichnet.

Bei 54,3 Prozent der Deutschen will das eine wie das andere nicht so recht funktionieren, heißt es im Ergebnisbericht der im Dezember 2o16 veröffentlichten Health-Literacy-Studie (HLS-GER) der Universität Bielefeld.〈1〉Dazu passen jüngste Daten – freilich nicht nur – für Deutschland, wonach die Diagnose des Diabetes Typ II gewaltig zunehmen wird, die Betroffenen werden immer jünger. Zudem steigt laut DAK-Gesundheitsreport 2o16 die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage bei Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Atmungssystems und bei psychischen Erkrankungen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter kontinuierlich an.〈2〉

In dem interdisziplinären Feld der Gesundheitswissenschaften beschäftigt man sich daher intensiv mit Fragen zum Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsverhalten. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich verschiedene Definitionen von Gesundheit entwickelt, die vor allem gemeinsam haben, dass es nicht länger schnöde um die “Abwesenheit von Krankheit” geht, sondern um eine positive und facettenreiche Auslegung.

Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, Empathie

Der Begriff „positive Gesundheit“ beinhaltet Faktoren wie Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, emotionale Kompetenz, Rollenkompetenz und die Möglichkeit, das vorhandene Potential gleichzeitig zu erfüllen und durch Erfahrungen zu erweitern. Außerdem:

  • Qualitativ hochwertige, vielseitige Ernährung
  • Körperliche und mentale Fitness durch Bewegung, täglich mindestens 30 Minuten
  • Keine „Genussgifte“
  • Optimale Hirndurchblutung durch Bewegung und Entspannungstechniken
  • Genügend und guter Schlaf
  • Balance zwischen An- und Entspannung
  • Stressbewältigung und in der Folge Gelassenheit bei Belastungen
  • Seelisch-soziale Gesundheit durch Selbstwirksamkeit, Selbstfürsorge, Lebensfreude und Empathie
  • Ausreichender Impfschutz

Prävention vom Feinsten

Da jeder dieser Faktoren grundsätzlich dazu beiträgt, Krankheit zu verhindern, verzögern oder weniger wahrscheinlich zu machen, haben wir es genau genommen mit Prävention vom Feinsten zu tun. Dieser Begriff wiederum kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze kann ein derart gesunder Lebensstil große Wirkungen zeigen. Verhindern lassen sich 〈3〉

  • 92% aller Herzinfarkte,
  • 90% aller Diabeteserkrankungen,
  • 85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems,
  • 50% aller Krebserkrankungen,

verlängern lässt sich die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre.〈4〉So lauten Zwischenergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht.

Damit ist jede Krankheit, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den, der eigenverantwortlich und gut mit sich umgeht. „Richtiges“ Fasten, also klassisch nach Buchinger oder einer leicht modifizierten Form, eignet sich wunderbar als Zäsur, um den Lebensstil zu hinterfragen und zu ändern.

 

© Sylvia Duckworth

 

 

1 Schaeffer D et al: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland. Ergebnisbericht. Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Dezember 2016
2 DAK-Gesundheitsreport 2o16
3 EPIC Studie 2oo4
4 EPIC Studie 2006, Studie 2008

 

Zum Thema

Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund?

 

Ein bisschen Bildung

 

© Dominik Meissner | Flickr

 

Es war einmal, da hatten „Sprache und Moral“ eine zentrale Bedeutung in der Erziehung und, Achtung!, in der Selbsterziehung. Zugrunde lag keine elitäre Vorstellung von Bildung, sondern eine, die auf Chancengleichheit zielte. Heute sind es nicht nur die ganz Alten, die konservative Werte missen.

Benehmen, Gesundheitskunde, Suchtprävention: In Zeiten pädagogischer, politischer, kommunikativer und sonstiger Bankrotterklärungen wünscht sich eine „repräsentative Zahl“ von Deutschen, dass diese drei Themen hierzulande möglichst schnell Pflicht-Schulfächer werden mögen. Was heutige Eltern, deren Erziehungsstile sich zunehmend um narzisstische Überhöhung und sexuelle Gewalt erweitern, nicht mehr leisten können, sollen dann Lehrer übernehmen, die bereits als Anwärter keine Idee haben, wie man überhaupt ein guter Lehrer wird. Auf Spiegel online nennt ein engagierter Deutschlehrer-Ausbilder bündig zwei elementare Voraussetzungen: Bildung und Begeisterung.

„Ein Mensch, der wenig gelernt hat, ist wie der Frosch, der seinen Tümpel für einen großen See hält“, lautet ein Bonmot, „Bildung beginnt mit Neugierde“ ein anderes. Der deutsche Dichter Heinrich Heine (1797-1856) fand, dass „so ein bißchen Bildung den ganzen Menschen ziert“ und für Alexander Mitscherlich (19o8-1982), ebenso bekannter wie umstrittener Psychoanalytiker im Nachkriegsdeutschland, bestand diese Zierde aus drei Teilen: Sach-, Sozial- und Herzensbildung. Herzensbildung, wie hübsch! und fast antiquiert wirkend, da es heute alle Welt mit der Empathie hat. Wenn sie es denn hat, denn der Begriff Bildung wird zeitgemäß verengt auf Wissen oder, noch enger, auf Fachwissen. Indes: Wissen ist nicht Ziel von, sondern Weg zur Bildung.

Die sich nach Bestätigung eigener Gedanken sehnende Seele ankert immer mal wieder gern bei einem Essay des Bildungsforschers Prof. Dr. Jürgen Overhoff, Rheinisch-Westfälische Universität Münster, der vor einiger Zeit im Tagesspiegel die Frage stellte: „Was ist gute Bildung?“ [1]

Was ist gute Bildung?

Eine nach wie vor schöne philosophische Frage, die Suche nach einer Antwort lohnt mehr denn je. Nicht nur, weil mangels einer einheitlichen Definition des Begriffes Bildung (von althochdeutsch Bildunga = Schöpfung, Bildnis, Gestalt) dieser ziemlich variabel jeweils das bezeichnet, „was gesellschaftliches Nützlichkeitsdenken der Herrschenden gerade für wichtig erachtet“. [2] Sondern eben auch, weil er auf Wissen reduziert wird.

Eine Klammer, die sich in nahezu allen Theorien wiederfindet, aber scheinbar nicht mehr vermittelbar ist, ist das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen, zur Welt. Über die historische Bedeutung dieser „Kernkompetenz“ von Bildung, von guter Bildung gar, denkt der Historiker, Theologe und Philosoph Jürgen Overhoff nach. Er beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts zu Zeiten der Aufklärung und somit vor Humboldts Rückgriff Anfang des 19. Jahrhunderts auf die humanistischen Ideale der Antike. „Dadurch werden zwangsläufig auch die ursprünglichen Bedeutungselemente dieses viel diskutierten Begriffs sichtbar,“ schreibt Overhoff.

Gute Bildung bestand demnach in einer möglichst umfassenden Welt- und Menschenkenntnis sowie im Beherrschen jener Umgangs- und Verhaltensformen, die es einem ermöglichten, „sich und Andern zum Glücke zu leben“ (Christian Fürchtegott Gellert). Der Weg zur Kenntnis der Welt und zu menschenfreundlichen Umgangsformen führte wesentlich über Sprache (ästhetische Spracherziehung, Förderung von Lese-, Analyse-, Argumentationskompetenz, logisches Schlussfolgern) und Moral.

Eine Persönlichkeit humboldtschen Formats

Auf solchem Fundament konnte dann, bei entsprechender Begabung, eine Persönlichkeit humboldtschen Formats reifen: ein Charakter mit Tugenden wie Toleranz, Empathie, Höflichkeit, guten Manieren, die allesamt unverzichtbar sind für lebenslanges Lernen, glückliches Wirken in der Gesellschaft und eine erfolgreiche Welterschließung.

Overhoff schließt mit der Überlegung, dass sich unsere Gesellschaft von diesem Bildungsbegriff mehrfach inspirieren lassen könnte. Zum einen frühestmöglich und dauerhaft dort, wo Bildungsprozesse sich in erster Linie vollziehen. Das sind und bleiben Elternhaus, Schule, Universität. „Zum anderen können und sollten wir uns … dazu anhalten lassen, wieder größeren Wert auf Moralerziehung und Charakterbildung zu legen, weil sie unverzichtbare Bestandteile eines gelungenen Bildungsprozesses sind.“

Dann mal los.

 

So ein bißchen Bildung ziert den ganzen Menschen
Heinrich Heine

 


 

1 Overhoff J: Was ist gute Bildung? Tagesspiegel o1/o4/2o12

2 Hoffmann B: Medienpädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Schöningh, Paderborn 2003

Zum Thema

Erziehung: Wie wird mein Kind ein guter Mensch? Zehn wichtige Werte. t-online 23/12/2o14

 

Geraubte Gedanken


Jemand hat meine Gedanken gestohlen,
hat sie manchmal gesagt.
Und dabei hilflos ins Leere geblickt.
Bist Du meine Andrea, hat sie manchmal gefragt
und dabei in meinem Gesicht nach etwas geforscht,
das ihr bei der Antwort zusätzlich helfen sollte.
Wer sind Sie? war beim ersten Mal wie ein Schlag.

 

In fünf Jahren der bewussten Begleitung eines geliebten Menschen aus dem Leben habe ich viel über das Grundsätzliche des Menschseins und das Wesentliche des Miteinanders gelernt. Einen großen Anteil daran hatte jene Seite der menschlichen Existenz, auf die sich einzulassen eine Lektion ist: Demenz.

Was ist Demenz? Im ersten Gedanken eine nicht vererbbare Erkrankung des Gehirns, die typischerweise im Alter auftritt. Im zweiten: der Oberbegriff für eine Vielzahl von Erkrankungen, die infolge von Stoffwechselstörungen im Gehirn die Geschädigten nach und nach um alle intellektuellen Fähigkeiten bringen. Die wesentlichen Formen sind die Alzheimer Demenz und die Vaskuläre Demenz, daneben wird zwischen zahlreichen weiteren Formen oder Mischformen unterschieden.

Die Diagnose für sie lautete Normaldruckhydrocephalus: phasenweiser Druckanstieg in den Räumen des Gehirns, die Liquor enthalten. Die klassischen Folgen: fallen, phantasieren, alles verlieren – von Überblick bis Harn. Medizinisch korrekt kommt es zu einer Trias aus den Symptomen Gangstörung, dementieller Entwicklung und Inkontinenz.

Der Weg zu diesem Wissen dauerte rund acht Jahre und war zunächst überlagert von anderen Diagnosen und damit verbundenen Katastrophen: Osteoporose, Arthrosen, Linksherzinsuffizienz. Ab Herbst 2000 heischten kleine Zeichen ebenso zaghaft wie vergeblich um Beachtung, zum ersten Mal am Lago Maggiore, im Sinne einer nicht betätigten Toilettenspülung. Vergessen.

Was das bedeuten kann, dafür bietet alles Faktenwissen lediglich ein Gerüst. Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen, viel wird dazu geforscht und publiziert. Obendrein hat der demographische Wandel dafür gesorgt, dass das Thema in der Gesellschaft angekommen ist.

Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Eine Generation von erwachsenen Kindern wurde meist ohne jede Vorbereitung zu pflegenden Angehörigen, überrollt von Gefühlen der Trauer, Wut, Scham, Hilflosigkeit, Überforderung – und des Zorns auf mafiöse ambulante deutsche Pflegedienststrukturen. Zeit und sogenannte Zuwendung wurden zwar teuer berechnet, den Mitarbeitern aber mangelte es eklatant an Kompetenz im Umgang mit Schutzbefohlenen und Privatsphären. Nicht minder risikobehaftet: vollstationäre Kurzzeitpflege. Und ein separates Thema in dem Ganzen: menschenverachtende Machenschaften des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Jedenfalls war es die Zeit der bezahlbaren Fürsorgerinnen aus Polen oder Belarus, die vor allem eines hatten: ein großes Herz.

 


„Mir geht es meiner Beurteilung nach gut“, sagte er.
„Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.“
„Und was willst du machen, Papa?“
„Nichts eben. Das ist das Schönste, weißt du.
Das muss man können.“


ARNO GEIGER: DER ALTE KÖNIG IN SEINEM EXIL

 


 

Ein unerreichbarer Ort

Was ist Demenz wirklich? Hilfreich auf der Suche nach einem tieferen Verständnis war für mich die wörtliche Übersetzung des lateinischen Begriffs dementia; sie lautet „ohne Geist sein“ und verdeutlicht, was mit dem betroffenen Menschen passiert: Er verliert die Kontrolle über sein Denken, seine Sprache, sein Kurzzeitgedächtnis und sein praktisches Geschick – und damit über sich selbst. Auch die Persönlichkeit leidet, das Verhalten und die grundlegenden Wesenseigenschaften ändern sich, ohne dass er etwas dagegen tun oder es mit Worten beschreiben könnte.

Dies ist es vor allem, was den Umgang zunächst sehr schwierig machen kann, bis man versteht: Demenz ist ein unerreichbarer Ort, an dem herkömmliche Regeln nicht gelten und die eigene Wahrheit wertlos ist. Demenz macht etwas mit allen direkt Beteiligten, sie greift vollständig in deren Leben ein und stellt es ebenso vollständig auf den Kopf.

„Demenz bedeutet am Ende den Verlust nahezu aller geistig-seelischen Kräfte … in einem langen höchst individuellen Prozess,“ hat Dr. Jens Bruder geschrieben, Neurologe und Gerontologe in Hamburg und Gründungsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.[1]

Die Krankheit ereigne sich in Persönlichkeiten mit einer sehr langen, wunderbar einzigartigen Lebensgeschichte, so Bruder weiter. „In jedem Stadium lassen sich verlorene und erhaltene Kräfte erkennen. Ständig entwickeln sich zwischen Defiziten und erhaltenen Potentialen neue Gleichgewichte. Und ständig müssen die Betreuenden sich fragen, ob ihr bisheriges Verständnis von dem, was sie mit den Demenzkranken erleben und bei ihnen bewirken, noch trägt oder verändert werden muss. Dadurch kann der Umgang mit den Kranken wieder sicherer werden, und Belastungen lassen nach.“

Belastender als die sich einschleichenden Veränderungen sind, wiederum zunächst, unberechenbare Verhaltensänderungen: Oft lange vor der Diagnose können Unruhe, Wutausbrüche und plötzliche Feindseligkeit erste Hinweise sein, die von Angehörigen und anderen Attackierten nicht als solche verstanden werden, wenn das Thema bislang keines war. Missverständnisse, Ablehnung und Streit sind programmiert.

Viele der irrationalen, aggressiven Verhaltensweisen, die Demenzpatienten unbeabsichtigt an den Tag legen, beruhen auf der oft schon Jahre währenden Zerstörungsarbeit, die unbemerkt im Gehirn stattfindet. Am Ende einer Alzheimer-Demenz ist es regelrecht „leer gefegt“ und um bis zu 20 Prozent geschrumpft.[2]

 


Es ist eine seltsame Konstellation.
Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten.

Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.


ARNO GEIGER: DER ALTE KÖNIG IN SEINEM EXIL

 


 

Verantwortung teilen

Was bleibt, ist eine erhöhte Sensibilität und Wahrnehmung und die verstärkte Fähigkeit zu Leid und Freude, sind skurril-fulminante Sprachbilder, machtvolle Erinnerungen aus den Langlanglangzeitspeichern. Es gibt nicht nur misstrauisch-aggressive oder depressiv-ängstliche Demenzkranke, sondern viele, die in hohem Maße liebenswürdig sind. Jüngere Forschungen über die Lebensqualität von Dementen konnten zeigen, dass sie sogar mehr Glück empfinden können als sogenannte Gesunde. Vorausgesetzt, man geht auf sie ein, spricht mit ihnen, berührt sie, gibt ihnen das ehrliche Gefühl der Geborgenheit.

Prof. Dr. Thomas Klie, Rechtsanwalt und Gerontologe in Freiburg, warnt davor, in die gefährliche Denkweise zu verfallen, ein Leben mit Demenz sei nicht lebenswert. „Demenz bedeutet nicht einfach Warten auf den Tod. Es gibt ein Leben mit Demenz.“[3]

Dieses Leben ist voller Würde und hat neben allem Schweren und Dunklen helle Seiten. Der (tägliche) Umgang mit einem dementen Menschen erschöpft nicht nur, sondern kann zutiefst inspirieren.

„Demenzkranke lehren uns, die Vieldeutigkeit des Lebens neu zu begreifen,“ schreibt Klie und fordert Angehörige auf, die Verantwortung mit Nachbarn, Freunden und professionellen Betreuern zu teilen, denn „gemeinsam gelingt es, im Leben mit Demenzkranken Neues zu entdecken, ja zu sagen zu dem neuen unkonventionellen Verhalten und ihnen nicht nur tolerant, sondern auch mit einer Prise Humor begleitend und wertschätzend entgegenzutreten.“[3]

Den Gefühlen von Trauer, Wut, Scham, Hilflosigkeit, Überforderung, Schuld und Kränkung könne so eine Fülle an bereichernden Erfahrungen folgen. Depressivität der Pflegenden und Gewalt gegenüber den Kranken seien häufig Reaktionen auf ein auf den Kranken fokussiertes, einsames Leben. Aufgrund der Belastung würden viele pflegende Angehörige ihre physischen, psychischen und nicht selten auch finanziellen Grenzen sprengen und krank werden.

Die psychosoziale Beratung hat daher einen hohen Stellenwert, seit Januar dieses Jahres gilt zudem die vom Gesetzgeber verabschiedete sogenannte Pflegeauszeit. Untersuchungen haben ergeben, dass pflegende Angehörige überproportional häufig am Arbeitslatz fehlen oder ihren Beruf ganz aufgeben müssen. Leider gibt es wie immer Ausnahmen auch für die Inanspruchnahme der bezahlten Auszeit.

 


Im besten Fall lehrt es uns angesichts des immer näher kommenden Abschieds etwas über die Würde des Sterbens und schenkt uns Momente voller Schönheit
in all dem Schrecklichen.

 


 

Die andere Wirklichkeit annehmen

Es ist eine große Aufgabe, die Grenzen bewusst anzunehmen, die Menschen im hohen und sehr hohen Alter erfahren, nicht nur für die, die diese Grenzen am eigenen Leib erleben. Ebenso herausfordernd ist es, die vermeintlich abrupt eintretende Andersartigkeit zu akzeptieren. Es gilt, demente Menschen in ihrer eigenen Wirklichkeit zu erreichen. Für die sich auf diese Aufgabe einlassenden Kinder ist damit in aller Regel ein Rollentransfer verbunden: Sie werden zu Hütern von Kindern in den Körpern Siechender.

„Es kommt darauf an, dass wir dem Kranken nicht unsere Wahrnehmung überstülpen, vielmehr müssen wir uns stets klar machen, dass er anders lebt und erlebt. Er hat nicht mehr die Freiheit des Willens, wir müssen also eine andere Sichtweise akzeptieren,“ so Bruder.

Wer das verinnerlicht, lernt Grundsätzliches, das sich aufs (Mit)Fühlen und Handeln auswirkt. Das Leben mit Demenzkranken ist berührend, bereichernd und sinnstiftend, es lehrt uns Demut und Dankbarkeit, Freundlichkeit und Wohlwollen. Im besten Fall lehrt es uns angesichts des immer näher kommenden Abschieds etwas über die Würde des Sterbens und schenkt uns Momente voller Schönheit in all dem Schrecklichen.

Vor vier Jahren hat sie Platz genommen in ihrem Luftschiff und ist aus der Zeit gesegelt, auf die für sie typische Weise lächelnd und winkend. Das Boot aus Wolken – ich hab´s gesehen. In einem magischen Moment, 12 Uhr 59, für die Länge eines Wimpernschlages. Sie ist längst angekommen. Meine schöne Mama. Meine Allerliebste.

 


Gott hat mir heute Nacht einen Blick in sein Reich gewährt. Es ist golden.
Mama, das ist wunderschön!

Ja, aber ehe man dort ankommt …
Du bist auf dem Weg, Mama, Du bist auf dem Weg.

 


 

 

Himmel über Tönningstedt | ask 2o11

 

 

Zum Thema


Memoria Tui Am Ende ein Anfang

 

1 Leben mit Demenz. Haus Schwansen – Konzepte und Bilder. Selbstverlag Haus Schwansen 2oo5

2 Maurer K und U: Alzheimer und Kunst. Carolus Horn – Wie aus Wolken Spiegeleier werden. Frankfurt University Press 2oo9

3 Themenmonitor soziale Arbeit (TM sozial); März 2oo6

 

Altern neu lernen

 

 

 

 

Wer älter wird, hat noch viel vor.
Oder, um es mit dem Fazit einer Studie mehrerer Berliner Forschungseinrichtungen zu sagen:
„Das Alter wird jünger“.

 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verschiebt sich die Lebenskurve und damit die Leistungs- und Lernfähigkeit in ein wesentlich höheres Lebensalter: Etliche von uns werden künftig locker Neunzig und älter. Wir haben mehr Jahre im Leben und mehr Leben in diesen Jahren, das aktive Erwachsenenalter erweitert sich um mindestens 30 Jahre. Das Leben in allen Phasen genießen zu sollen, kann möglicherweise ziemlich anstrengend werden.

„Wir müssen in den nächsten 30 Jahren ganz neu lernen zu altern oder jeder Einzelne der Gesellschaft wird finanziell, sozial und seelisch bestraft“, hat Frank Schirrmacher, bis zu seinem Tod 2014 mit Mitte Fünfzig einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seinem Buch Das Methusalem-Komplott geschrieben.〈1〉

 

Ich empfinde das hohe Alter nicht als einen Lebensabschnitt zunehmender Trostlosigkeit, den man ertragen und so gut wie möglich überstehen muss, sondern als eine Zeit der Muße und Freiheit, der Freiheit von künstlichen Zwängen früherer Tage, der Freiheit, alles zu erkunden, wonach mir der Sinn steht, und die Gedanken und Gefühle eines ganzen Lebens zusammenzufügen.
Oliver Sacks

 

Das Beste kommt zum Schluss

Zu diesem Lernprozess gehört einiges an Wissen, beispielsweise über die Zusammenhänge der Genetik, Epigenetik (Steuerung von Genen im Erbgut), Psychologie, Philosophie und Autophagie. Letzteres meint lebensnotwendige Prozesse in menschlichen Zellen, die beschädigte und schädliche Proteine aus dem Verkehr ziehen, zerlegen und zu Zellnahrung recyclen. Diese permanente Müllabfuhr spielt eine entscheidende Rolle für die Zellalterung und damit für das Altern ganz allgemein. Für diese Erkenntnisse hat der japanische Mediziner Ohsumi Yoshinori im Oktober 2o16 den Nobelpreis erhalten.

Nennenswert beeinflussen lassen sich die Alterungsphänomene durch die Lebensführung. Abhängig von soziokulturellen Faktoren wie Bildung und körperliche Fitness, und daran gekoppelte höhere Selbstständigkeit im Alter, scheint dies inzwischen recht gut zu gelingen. Im Rahmen der Berliner Altersstudie II (BASE-II) und der Berliner Altersstudie (BASE) aus den 1990er-Jahren haben die Studienautoren die Daten von 7o8 über 6o-jährigen Berlinern (BASE II) mit den Daten aus der Vorgängerstudie (BASE) verglichen.〈2〉

Demnach sind die heute 75-Jährigen geistig deutlich fitter als die 75-Jährigen vor 20 Jahren. Zugleich geht es ihnen ingesamt besser und sie sind zufriedener mit ihrem Leben.

„Die Zugewinne, die wir an kognitiver Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden in Berlin gemessen haben, sind beträchtlich und von großer Bedeutung für die Lebensqualität im Alter,“ kommentiert Prof. Dr. Ulman Lindenberger, Direktor am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB).

Gleichwohl kann der Weg dorthin steinig sein. Manche Frau erlebt schon die Mitte ihres Lebens als Strafe: Weil sie seelische und körperliche Veränderungen an sich feststellt, die sie an ihrer Kraft zweifeln lassen. Weil sie die Eltern oder den Partner beim Sterben begleitet und das „Leben danach“ so weit weg erscheint. Weil sie fürchtet, dem Bild der heutigen Generation 50plus nicht zu entsprechen. Oder weil sie zu wenig über den aktuellen Stand der Hormontherapien weiß, um sich mit Hitzewellen und Stimmungsschwankungen selbstbestimmt in den Glaubenskrieg der Hormongegner und Befürworter zu begeben. Und all das in einer Gesellschaft, in der kaum jemand ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper hat.

 

Die meisten Fehler haben wir hoffentlich hinter uns. Wir denken, handeln und fühlen anders. Wir nehmen von vielem und von vielen Abschied, gleichzeitig formieren wir uns und das Leben neu.
Betty Friedan

 

Aktive Bewältigungsstrategien, weniger Stress

Für andere Frauen ist der mit diesen Jahren verbundene Begriff der Wechseljahre nicht mehr als ein entsetzliches Wort und eines der meist strapazierten medizinischen Themen. Ihre Argumente: Die Wechseljahre sind keine Krankheit und niemand sollte sie dazu machen – selbst wenn die tiefgreifenden Veränderungen des gesamten Hormonsystems für mehr oder minder massive Probleme sorgen kann. Diese braucht keine Frau wie einen Schicksalsschlag hinzunehmen, keine Frau muss da durch wie durch ein Gewitter. Zumal dieses ungemütliche Wetter ziemlich lang anhalten kann: Hitzewellen persistieren bis ins hohe Alter.

„Es liegen noch viele Jahrzehnte vor uns, in denen wir nicht passiv ein vorherbestimmtes Programm des Alters durchlaufen müssen, sondern – innerhalb gewisser Grenzen – bewusst unsere Zukunft durch unser Verhalten und unsere Entscheidungen gestalten können,“ so die amerikanische Publizistin Betty Friedan in Mythos Alter.〈3〉

„Ganz sicher hilft uns dabei, dass wir bereits auf eine Lebenshälfte zurückblicken können. Die meisten Fehler haben wir hoffentlich hinter uns. Wir denken, handeln und fühlen anders. Wir nehmen von vielem und von vielen Abschied, gleichzeitig formieren wir uns und das Leben neu.“ Gründen „noch mal“ oder „jetzt endlich“ eine Firma, schaffen Arbeitsplätze, engagieren uns sozial oder politisch oderoderoder. Bislang scheint sich zu bestätigen, was wir alle glauben und was immer betont wird: Es ist niemals zu spät, etwas Neues zu beginnen.

Das große Plus für die Arbeitswelt: Eben aufgrund langjähriger Erfahrungen verfügen über Fünfzigjährige über Fähigkeiten, die Jüngeren fehlen. „Ältere haben sich im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit ein großes Repertoire an möglichen Verhaltensweisen zum Umgang mit Problemen angeeignet, auf das sie bei Bedarf flexibel zurückgreifen können. Gleichzeitig hilft die geringere Beanspruchung dabei, auch zukünftig aktiver mit Stressoren umzugehen – es entsteht so ein sich selbst verstärkender Kreislauf,“ fasst Prof. Dr. Guido Hertel, Organisations- und Wirtschaftspsychologe an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, das Ergebnis einer Online-Befragung zusammen.〈4〉

Hertel und Kollegen haben 634 Berufstätige zwischen 16 und 65 Jahren zweimal im Abstand von acht Monaten nach ihrer Beanspruchung bei der Arbeit und zu ihren Bewältigungsstrategien bei der Lösung von beruflichen Problemen befragt.

 

Die Frage, die jetzt jeder Entscheidung vorausgehen kann, lautet: Wie fühlt es sich an?

 

Der Erfolg eines Lebens misst sich nicht nur in Geld

Jegliche Aktivitäten im Beruf und im Privaten verzögern den biologischen Altersprozess, fördern die Autophagie, die Vitalität und das Körperbewusstsein und bilden die Voraussetzung für ein selbstständiges Leben auch im „vierten Alter“ – wie die letzte Strecke ab 85 auch genannt wird. Denn die vielfach positiven Alterungsprozesse des „dritten Alters“ schreiben sich nicht einfach fort.
 
„Anders ausgedrückt, ein Heer von 60- und 70-Jährigen, die sich in ihrer grundlegenden Leistungsfähigkeit nur wenig von 50-Jährigen unterscheiden, vermitteln zwar ein neues hoffnungsvolles Bild des Alterns. Ihnen steht aber eine wachsende Gruppe von Hochbetagten gegenüber, die die Widrig- oder Grausamkeiten des Alterns erleiden. Wer selbst Angehörige zu versorgen hat, wird wissen, dass ich nicht übertreibe.“ So die Worte von Prof. Dr. Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft bis 2o14, anlässlich einer Festversammlung.〈5〉 Nein, Herr Gruss übertreibt nicht.
 
Und dennoch, schauen Sie sich um: Die Welt wimmelt nur so von schönen Menschen jenseits der Fünfzig. Nie hatten sie mehr Ausstrahlung, nie waren sie gelassener und entspannter, nie fühlten sie sich stärker, authentischer, attraktiver – nicht zuletzt gerade wegen schmerzhafter Erfahrungen. Erschütterungen, die sie gelehrt haben, dass sich der Erfolg eines Lebens nicht nur in Geld messen lässt. Wer hat gesagt, dass Leben einfach sei?
 
Eigentlich sind die Wechseljahre kein Thema mehr. Das eigentliche Thema ist Zukunft des Alterns mit einer Grundhaltung zum Leben, die allen Klischees kraftvoll entgegentritt und damit einzigartige Räume für Erfahrungen und Begegnungen eröffnet.
 
„Vermeintlich einfache Rezepte funktionieren im Einzelfall nur selten oder gar nicht. Oft geht es um Entscheidungen, Wünsche und Verhaltensweisen, die sich nicht in einfache Formeln packen lassen,“ sagt der Psychogerontologe Prof. Dr. Frieder Lang, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 〈6〉

„Reflexion der Restbiographie“ nennt Prof. Dr. Rolf Arnold, Pädagogikprofessor an der TU Kaiserslautern, einen idealerweise bewussten Umgang mit den schwindenden Optionen. Das aktive Finden neuer Standpunkte kann jetzt vor jeder Entscheidung durch die Frage ausgelöst werden: „Wie fühlt es sich an?“ Erweitern lässt sie sich um die „Drei Siebe des Sokrates“ – um die Frage nach der Wahrheit (Ist es wahr?), der Güte (Ist es gut?), der Notwendigkeit (Ist es notwendig?). Wenn keine Antwort positiv ausfällt, braucht man sich – und andere – nicht weiter zu belasten.

Im weiteren Sinne ist jede der Fragen eng mit den Gedanken des 2o15 an Krebs verstorbenen Neurologen und Beststellerautors Oliver Sacks („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) verwoben: „… stelle ich fest, dass meine Gedanken sich immer weniger mit den spirituellen Dingen beschäftigen, sondern zunehmend mit der Frage, was es heißt, ein gutes und erstrebenswertes Leben zu führen – und seinen inneren Frieden zu finden.“〈7〉

 

 

 

Quellen

1 Schirrmacher, Frank: Das Methusalem-Komplott. Blessing 2oo4

2 Gerstorf D et al: Secular changes in late-life cognition and well-being: Towards a long bright future with a short brisk ending? Psychology and Aging, März 2o15. pdf zum Download

3 Friedan, Betty: Mythos Alter. Rowohlt 1995

4 Hertel G et al: Are older workers more active copers? Longitudinal effects of age‐ contingent coping on strain at work. Journal of Organizational Behavior, Februar 2o15. DOI: 10.1002/job.1995

5 Gruss, Peter: Die Zukunft des Alterns. Ansprache auf der Festversammlung anlässlich der 56. Ordentlichen Hauptversammlung der mpg, 2oo5

6 Lang, Frieder R: „Niemand ist zu alt für ein gutes Leben“, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2o16

7 Sacks, Oliver: Dankbarkeit. Rowohlt 2o15

Klahre, Andrea S: Wechseljahre – ein Stück von mir. Germa Press 1994

 

Den Schmerz entwerten



Schmerz – insbesondere Rückenschmerz – hat in unserer Gesellschaft einen enormen Wert, er ist allgegenwärtig. Wir müssten das genaue Gegenteil machen: Eine Gesellschaft, in der Schmerz keinen Wert hat, wird wenig chronische Patienten haben.

Mit dieser These hat Prof. Dr. Arne May, stellvertretender Direktor des Instituts für Systemische Neurowissenschaften und Leiter der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, auf dem Deutschen Schmerzkongress 2o13 provoziert und zu einer selbstkritischen Diskussion innerhalb der Ärzteschaft zu der Frage angeregt, „inwieweit wir Befindlichkeiten unnötig pathologisieren?“[1]

Inzwischen ist das Thema veranstaltungsfähig geworden: Der Deutsche Ethikrat diskutierte kürzlich in Berlin, ob mit „Burnout“ oder den Wechseljahren des Mannes tatsächlich Krankheiten erfasst oder ob psycho-soziale Probleme zu Krankheiten umgedeutet würden.[2] Erweitern ließe sich das noch um eine mehr als 6 Wochen anhaltende Trauer nach dem Tod eines Ehepartners, Elternteils oder Kindes: Die amerikanischen Psychiater haben den Ausnahmezustand Trauer jüngst mit einer Krankheitsziffer versehen.

Unter den Stichworten „Moden in der Medizin“, neudeutsch: „Disease-Mongering“, kritisierte in Berlin Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dass normale Prozesse des Lebens als medizinisches Problem definiert, neue Krankheitsbilder durch Maßnahmen von Pharmaindustrie, Interessenverbänden und PR geradezu erfunden, leichte Symptome zu Vorboten schwerer Leiden stilisiert und Risiken als Krankheit verkauft würden.

Das habe unter anderem zur Folge, dass Betroffene zu schnell mit Medikamenten versorgt und damit einem unnötigen Risiko ausgesetzt seien. Gleichzeitig würden Ressourcen des Gesundheitssystems verschwendet.

Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, Befindlichkeitsstörungen zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrzunehmen
Wolfgang Schneider

Wider die Pathologisierung

„Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, dass gerade soziale Faktoren wie beispielsweise Stress im Job oder Arbeitslosigkeit bei Diagnosestellungen von Betroffenen oftmals nur medizinisch betrachtet werden,“ gab schließlich Professor Dr. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin in Rostock, auf einer Veranstaltung zum Thema „Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft“ zu bedenken.[3]

Schneiders These: Arbeitsüberlastung oder berufliche Schwierigkeiten würden gern in das Reich der psychischen Erkrankungen befördert, denn das schütze davor, soziale Missstände und prekäre Arbeitsverhältnisse offen anzusprechen und sich damit auseinanderzusetzen.

Und: Die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Thema „psychische Belastungen in der Arbeitswelt“ erfährt, führe mehr und mehr dazu, dass Menschen Befindlichkeitsstörungen, Erschöpfung, Frustration und Demotivierung zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrnehmen.

Der Zungenschlag dieser Experten ist eindeutig: Menschen dürfen nicht unnötig zu Patienten gemacht werden. Weder jeder Rückenschmerz noch jede Niedergeschlagenheit ist als Krankheit zu werten. Ohne Frage ist eine sorgfältige Abklärung notwendig, um jeglicher Problematik angemessen zu begegnen und zu entscheiden, ob und welche Art von professioneller Unterstützung der Einzelne benötigt. Besonders wichtig aber ist Prävention, Hilfe zur Selbsthilfe oft die richtige Devise.

Dann gäbe es auch weniger Drahtseilakte zwischen überflüssiger Medikalisierung und notwendiger Therapie. Laut Prof. Dr. Lothar Weißbach, Prostatakrebsspezialist in Berlin, sollten sich Ärzte in der „Kunst des Weglassens“ üben, anstatt unabhängig von der Ausprägung eines Beschwerde- oder Krankheitsbildes maximal zu versorgen. Und sie sollten mitunter von einer Therapie abraten, auch wenn sie damit keine honorierte ärztliche Leistung im Sinne der Krankenkasse erbrächten.[2]

Hilfen zur Selbsthilfe

„Es sollte darum gehen, dass der Einzelne aktiv und möglichst selbstbestimmt sein Leben gestaltet.“ Für Dr. Regine Klinger, Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Verhaltenstherapie, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Hamburg, ist oft bereits eine niedrigschwellige Beratung hilfreich, dann können Menschen eigenverantwortlich ihre Probleme lösen.[1]

„Strategien gegen die Katastrophisierung können Entspannungsverfahren ebenso sein wie sanfte Bewegungsübungen oder eine straffe Strukturierung des Alltags,“ so Klinger. Oder, um zum Rückenschmerz zurückzukommen, ein systematisches Muskelkrafttraining.

Ändert der Mensch sein Verhalten,
ändert sich auch der Schmerz
Regine Klinger

Rückenschmerz – ein „Mixed Pain Syndrome“

Wir bleiben beim Rückenschmerz, denn der Rücken ist bekanntermaßen der beliebteste Austragungsort für Fehlbelastungen, Fehlhaltungen und Anspannungen aller Art. Und Schmerz ist ein Schutzmechanismus des Körpers und gleichzeitig ein komplexes neurologisches Phänomen, das von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird.

Muskelschmerzen, -verspannungen und -verhärtungen sind physiologische Signale, sie entstehen, indem das Gehirn entscheidet, einen Muskel zum Schutz vor Überlastung abzuschalten. Ein Teufelskreis aus Sauerstoffmangel, gestörtem Stoffwechsel und erhöhter Muskelspannung entsteht, an dessen Ende die Verkürzung des Muskels steht.

Der daraus entstehende Rückenschmerz ist meist „unspezifisch“ und ein „Mixed Pain Syndrome“ mit nozizeptiven und neuropathischen Komponenten. Das heißt ganz allgemein: Schmerz entsteht als Reaktion auf unterschiedliche Reize, die die Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) stimulieren. Diese sitzen in der Haut und in allen anderen Geweben und Organen an empfindlichen Nervenenden und sind über periphere Nerven mit dem Rückenmark verbunden. In Form von elektrischen Impulsen wird die Erregung zunächst ins Rückenmark gejagt, dann weiter ins Gehirn und dort ins Zwischenhirn und in die Großhirnrinde. Erst in diesen höheren Gefilden wird der Schmerz wahrgenommen und löst die vielfältigen physiologischen und psychischen Reaktionen aus – nicht an der Schmerzstelle, wie vielfach angenommen wird.

Unter dem Schlagwort „unspezifisch“ finden sich in der Literatur im Bereich der nozizeptiven Rückenschmerzen vor allem Muskelverhärtungen (Myogelosen); sekundäre Reizzustände; Bandscheibendegenerationen, die zu Veränderungen an den Wirbelkörpern (Spondylosen), Wirbelbogengelenken (Spondylarthrosen), Wirbelkanalverengungen (Spinalkanalstenosen), Blockaden (Kombination aus verspannter Muskulatur, Fehlbelastung und Fehlstatik der gesamten Wirbelsäule) führen.

Jeder Schmerz ist auch ein psychischer Schmerz

Bekannt ist, auf welchen neuronalen Ebenen Schmerz verstärkt und chronisch wird. Chronischer Schmerz im Sinne von langanhaltendem Schmerz ist zudem eine eigene und häufig schwer zu behandelnde Krankheit.

Traumatische Erfahrungen gehören zu den unspezifischen Risikofaktoren für chronische Rückenschmerzen, von denen in Deutschland knapp 20% betroffen sind.[4] Repräsentative, fragebogenbasierte Studien haben gezeigt, dass rund ein Viertel der Befragten über belastende Lebensereignisse berichten. Dazu gehört die Ehescheidung ebenso wie die Arbeitslosigkeit oder der Tod eines nahen Angehörigen. Patienten mit chronischen nichtspezifischen muskulo-skelettalen Schmerzen berichten häufiger über traumatisierende Lebensereignisse als schmerzfreie Personen.[4]

Für Dr. Regine Klinger ist jeder Schmerz auch ein psychischer Schmerz: „Wenn wir Schmerzen haben, ist das ganze Gehirn damit beschäftigt, das gilt auch für den akuten Schmerz. Eine große Rolle spielen Faktoren wie Aufmerksamkeit, Ängste und individuelle Verarbeitungsprozesse.“[1]

Prävention bedeutet für die Expertin in psychologischer Schmerztherapie folglich, den Patienten bei seiner Selbstverantwortung zu packen und ihn zu motivieren, konkret etwas zu tun, um seine Schmerzen erträglicher zu machen. Ändert er sein Verhalten, ändert sich auch der Schmerz. Es gilt, Verhaltens- und Empfindungsmuster im Gehirn bzw. Gedächtnisspuren zu durchbrechen, um aus dem Kreislauf auszusteigen.

Gerade weil Verspannungen so tückisch sind, müssen wir den negativen Auswirkungen des Alltags ein systematisches Muskelkrafttraining entgegensetzen
Klaus W. Zimmermann

Muskeln kräftigen und Widerstandskraft erhöhen

Selbstverantwortung nicht nur im Bereich der Schmerzprävention kann ganz einfach sein. Die vorrangigen Ziele aller ambulanten präventiven wie kurativen Maßnahmen lauten: das Muskel-Skelett-System kräftigen und dessen Widerstandskraft gegen Ermüdung sowie die Dehnbarkeit der Muskeln erhöhen. Wer Schmerzen hat, braucht keine Angst vor Bewegung zu haben. Wer schmerzfrei ist, schon gar nicht.

Während das Skelettsystem aus Knochen, Gelenken und Bändern besteht, umfasst das Muskelsystem neben den etwa 400 Einzelmuskeln die Sehnen, Muskelbinden (Faszien), Schleimbeutel und Sehnenscheiden. Knochen und Bänder übernehmen passive statische Aufgaben, die Muskulatur erfüllt aktive Stütz- und Bewegungsfunktionen. Entsprechend findet eine Unterscheidung zwischen dem aktiven Bewegungssystem (Muskulatur) und dem passiven Bewegungssystem (Knochen, Gelenke) statt.

Muskelkraft und Muskelmasse lassen sich in jedem Alter mit einem systematischen Muskelkrafttraining aufbauen, selbst jenseits von 65, wie zahlreiche Studien zeigen.[5] Eine gezielte Kräftigung jener Muskeln, die bevorzugt zum Schwächeln neigen – das sind vor allem die des oberen Rückens, die Bauch-, Gesäß- und Beinmuskulatur –, hat wunderbare Effekte.

Prof. em. Dr. Klaus W. Zimmermann, Sportwissenschaftler aus Zwickau, hat vor Jahren sieben Gründe genannt, warum wir Liegestütze, Kniebeugen und isometrische Übungen brauchen. Daran hat sich nichts geändert:

ERHALT DER MUSKELMASSE

Wir können durchaus 40 Jahre lang 40 bleiben – zumindest in Bezug auf die Muskulatur; diese bleibt bis ins hohe Alter elastisch, wenn sie regelmäßig trainiert wird. Es gibt nichts mit vergleichbarer Wirkung.

MEHR MOBILITÄT

In reiferen Jahren reduziert eine kräftige Beinmuskulatur die Sturzgefahr und das damit verbundene Verletzungsrisiko. Auf diese Weise schaffen Sie ideale Voraussetzungen, um weiterhin zügig gehen, wandern, Radfahren, Treppensteigen, gärtnern zu können.

AUFRECHTE HALTUNG

Die Muskulatur stabilisiert die Körperhaltung. Gezielte Kräftigung und Dehnung hält auch Bänder, Sehnen und Knorpel geschmeidig. So beugen Sie Haltungsfehlern und -schäden vor.

SCHUTZ DER WIRBELSÄULE

Je kräftiger die Muskulatur ist, umso besser puffert sie Belastungen an Wirbelsäule und Gelenken ab und schützt vor Verschleiß. Gezieltes Training kann auch bestehende Rücken- oder Kniebeschwerden deutlich mindern.

OSTEOPOROSE-PRÄVENTION

In zahlreichen Studien konnte festgestellt werden, dass mehr Muskelmasse auch mehr Knochenmasse bedeutet. Damit verbunden sind weniger Frakturen in den kleinen Wirbelkörpern der Wirbelsäule, der langen Röhrenknochen des Oberschenkelhalses und des Unterarms. Gerade diese Körperregionen können vor allem in der zweiten Lebenshälfte zum Problem werden, wenn die Knochenstruktur bereits porös ist – schlimmstenfalls ähnlich porös wie ein Schwamm. Das Problem heißt Osteoporose und ist ab Fünfzig eine der häufigsten chronischen Erkrankungen.

KEINE STOFFWECHSELSTÖRUNGEN

Neben der Leber ist die Muskulatur das wichtigste Stoffwechselorgan. Wer Muskeln aufbaut, baut Fett ab und verwertet sogar beim Schlafen mehr Kalorien als üblich. Beim Training selbst wird der Verbrauch um das Drei- bis Fünffache gesteigert.

BALSAM FÜR DIE SEELE

Bewegung ist Psychotherapie im besten Sinne, da im Körper jene Botenstoffe freigesetzt werden, die entspannen und die Stimmung heben. Langfristig baut Bewegung Stresssymptome ab, macht lockerer und zufriedener, Belastungen werden besser verkraftet. Eine Stunde pro Tag soll bei Depression gelegentlich das Antidepressivum ersetzen können.

Einfach tun

Kurz: Die „Alltagstauglichkeit“ erhöht sich deutlich. Welche Sportart(en) für diese Ziele individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden und sollte abhängig vom aktuellen Beschwerdebild variiert und angepasst werden.

Allgemein wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und neuerdings Yoga dennoch gern zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Aquafitness und Aquajogging, (Rücken)Schwimmen und Kraulen (für alle, die Wirbelsäulen-Probleme haben), Powerwalking, Radfahren, Inline-Skating, Wandern und Skilanglauf (Vorsicht: Sturzgefahr bei Unerfahrenen).

Und, so Professor Jürgen Freiwald, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal: Bevor man Schmerzpatienten von ihrem Lieblingssport abrät – etwa Golf oder Kegeln wegen Rücken- oder Kniebeschwerden –, sollte überlegt werden, wie er sich gelenkschonender betreiben lässt.[6]

Sportmedizinisch sinnvoll erscheint eine Trainingsfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche. Alarmierend ist allerdings, dass viele Leute einfach keine Lust haben, sich zu bewegen. Vor dem Hintergrund des jüngsten Diktums „Sitzen ist das neue Rauchen“ lässt sich darauf lediglich lapidar kontern: Um Lust geht es nicht, sondern schlicht ums Machen. Warum? Darum: Lebensqualität wird zu einem großen Teil über Beweglichkeit definiert. In Verbindung mit dem Altern eröffnet sich damit ein weiteres weites Feld.

 

Zum Thema


Report Krankenhaus 2o15: Schwerpunkt: Lumbale Rückenschmerzen

BARMER GEK. Berlin, Juli 2o15

Für Bewegungsmuffel: Kostenfreie Schrittzähler-App MoveMyDay (Android)

Entwickelt von der Arbeitsgruppe PAnalytics der Universität Duisburg-Essen (UDE). Essen, März 2o15

 

Gesundheitsmonitor 01|2015: Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz: Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und Folgen für die Gesundheit

Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK. Gütersloh, März 2o15

Gesundheitsreport 2015: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update Doping am Arbeitsplatz

Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK. März 2o15

 

1 Deutscher Schmerzkongress 2013. 23. bis 26. Oktober 2013, Hamburg. Eröffnungspressekonferenz, 23. Oktober 2013

Alte Probleme – Neue Krankheiten: Überflüssige Medikalisierung oder notwendige Therapie? Forum Bioethik des Deutschen Ethikrats. Berlin, 25. Februar 2o15

Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft: Expertenforum, Universität Rostock
Universitätsmedizin
Zentrum für Nervenheilkunde, Rostock, 4. März 2o15

4 Siehe 1: Tesarz J: SY11

5 Graves/Franklin 2oo1; Aniansson et al 1984; Grimby et al 1982 etc.

6 Bewegung hält auch entzündete Gelenke in Schwung. Ärzte-Zeitung, 26. Mai 2oo5

Dünne Haut, Risse in der Seele

Wenn Depression Krebs wäre, würden Unmengen Geld in diesen Bereich fließen. Die Forschungsindustrie würde sich darauf konzentrieren, die Ursachen zu ergründen und die bestmögliche Behandlung zu entwickeln. Der ehemals erklärte „Krieg gegen Krebs“ sei zwar noch lange nicht gewonnen, aber bisher habe auch noch keiner der führenden Politiker der Depression den Krieg erklärt.

Derart zugespitzt greift der im November 2014 im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte Text Medical research: If depression were cancer das Dilemma auf, in dem die Depressionsforschung in den USA steckt: Viele Erkenntnisse, viele bemerkenswerte Ansätze und zu wenig Forschungsgelder, um einer der weltweit häufigsten – und häufig tödlichen – Erkrankungen die Anerkennung zu verschaffen, die sie benötigt.[1]

Selbst wenn eine Depression nach DSM-V diagnostiziert würde, helfen die vorhandenen Therapiemöglichkeiten nur etwa jedem zweiten Betroffenen. „Bei Krebs wäre das ein absoluter Skandal,“ wird der Psychiater Tom Foley von der Newcastle University in England zitiert.

Letztlich hat jede Depression genauso einen biologischen Hintergrund wie Krebs- oder Herzerkrankungen, hier müssen die molekularen Grundlagen nur erst noch entschlüsselt werden. Das hat sich als wesentlich schwieriger herausgestellt, als wir alle noch vor ein paar Jahrzehnten dachten
Eric J. Nestler

Warten

Die Situation in Deutschland: Jeder Hausarzt sitzt täglich mindestens einem Patienten mit Depression gegenüber – und merkt es meist nicht. Nur einer von vier Patienten erhält zumindest ein kurzes Erstgespräch mit dem Hausarzt. Wenn eine psychische Störung erkannt wird, warten Patienten der Gesetzlichen Krankenversicherungen derzeit mehr als drei Monate auf einen Therapieplatz.

Die therapeutischen Optionen erlauben heute eine breite Palette an wirksamen Maßnahmen, die ab mittlerem Schweregrad stets aus der Kombination von Psychotherapie, Psychopharmaka und psychosozialen Therapien bestehen. Allerdings gibt es „alarmierende“ Versorgungsdefizite und große regionale Unterschiede.[2] Drei von vier Patienten mit schweren Depressionen erhalten keine den aktuellen Behandlungsleitlinien entsprechende Therapie. Oftmals verläuft die Behandlung zu einseitig und entspricht nicht den Empfehlungen.

Nicht zuletzt gilt für die Medikation mit „modernen“ nebenwirkungsarmen Antidepressiva – die darauf ausgerichtet sind, im Gehirn das Ungleichgewicht in der Anzahl von Nervenbotenstoffen wie Serotonin zu korrigieren – noch immer das Prinzip trial and error. Und das seit nunmehr etwa 20 Jahren.

Allgemein gelten Patienten als therapieresistent, die nach frustranen Behandlungsversuchen mit zwei Antidepressiva in adäquater Dosierung über jeweils etwa acht Wochen nicht relevant reagieren. Davon gibt es nicht wenige; eine gegebenenfalls akute Suizidalität bleibt bestehen.

„Letztlich hat jede Depression genauso einen biologischen Hintergrund wie Krebs- oder Herzerkrankungen, hier müssen die molekularen Grundlagen nur erst noch entschlüsselt werden. Das hat sich als wesentlich schwieriger herausgestellt, als wir alle noch vor ein paar Jahrzehnten dachten,“ lautet ein Hinweis von Prof. Eric J. Nestler, Psychiater und Neurowissenschaftler am renommierten Mount Sinai Medical Center in New York City, in Nature. [1]

Ein anderer kommt von dem Psychiater Dr. Noah S. Philip, Brown University in Providence/Rhode Island: „Bei der Behandlung von Depressionen reicht es nicht, einfach den Tank mit Neurotransmittern aufzufüllen. Man muss Störungen in verschiedenen neuronalen Netzwerken korrigieren, die allesamt nicht richtig funktionieren.“[1]

„Bei der Depression atmet die Seele
durch den Körper“

António R. Damásio

Rückzug ins Bett

Und was muss man noch tun? Zunächst Depressionen oder affektive Störungen verstehen und als solche erkennen. Das bereitet Mühe – medizinischen Laien wie Ärzten. Depressionen haben viele Gesichter und machen es nicht einfach, sie als eigenständige Krankheitsbilder festzustellen. Im Vordergrund stehen verschiedenste Beschwerden wie Kopf-, Herz-, Magen- und Rückenschmerzen, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen.

Es gibt Menschen, die wirken überaus aktiv, verfolgen nahezu fanatisch berufliche, sportliche oder kulturelle Interessen. Präsentieren sich bei allem, was sie tun, locker und fröhlich, charmant und redegewandt. Andere wirken nervös, angespannt und innerlich getrieben; sie können plötzlich stark erregt sein oder Anfälle von panischer Angst bekommen.

Ob mit oder ohne manische Symptome – ob bipolar oder unipolar –, an ihrem Tiefpunkt angekommen, eint alle eines: Depressiv Erkrankte sind in ihrer seelischen und körperlichen Gesamtheit zutiefst getroffen, ohne dass die Ursachen immer fass- oder erklärbar wären. Per definitionem finden fundamentale Veränderungen im Verhalten, Erleben und in der körperlichen Vitalität statt, die länger als zwei Wochen die gesamte Wahrnehmung und alle Handlungen überschatten.

Im Verlauf der häufigsten Form der affektiven Störungen, der unipolaren Depression (Major Depression oder dysthyme Störung), wird praktisch jede Aktion von einer alles beherrschenden Stimmung diktiert. Gefühle der zutiefsten Traurig- und Trostlosigkeit, der Hoffnungs- und Hilflosigkeit bestehen annähernd jeden Tag und für die meiste Zeit des Tages.

Interessenverlust und die völlige Unfähigkeit zur Freude sind Kernaspekte für die Diagnose. Das bedeutet praktisch: Ein vorher umtriebiger Mensch kann seine Arbeit nicht mehr bewältigen; blockt alles ab, was bisher mit Lust und Genuss verbunden war, wird bewegungsarm, ruhig bis einsilbig – und zieht sich ins Bett zurück. Statt nachzudenken muss er grübeln. Statt sich zu erholen, ermüdet er durch ständige Zweifel an sich und der Welt. Hinzu kommen Appetit- und Schlaflosigkeit oder das Bedürfnis nach „Dauerschlaf“.

Schwer Erkrankte reagieren und sprechen nur sehr zögernd, antworten nicht auf gestellte Fragen, Gestik und Mimik wirken starr. Sie können nicht einmal mehr weinen, sie empfinden eine unendliche innere Leere. Gedanken an den Tod, Ideen von Selbsttötung, entsprechende Pläne und Versuche können stark variieren.

40% bis 70% aller Suizide haben ihre Ursache
in einer Depression 

Verpflechtungen entwirren

Auf Familie und Freunde kann sich eine Depression verheerend auswirken. Viele stimmt die Hilflosigkeit des Kranken wütend und gereizt. Denn sie ahnen nichts von dem, was er erträgt. Das wiederum eint sie mit vielen anderen: In der Öffentlichkeit werden depressive Störungen in ihrer Bedeutung noch immer unterschätzt, werden die Betroffenen noch immer stigmatisiert, gelten Depressionen noch immer auch als Symbol für Mimosenhaftigkeit, Disziplinlosigkeit und Scheitern.

Die Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten Jahre bilden eine andere Realität ab. In Deutschland haben Depressionen 2013 bundesweit mehr als 31 Millionen Fehltage verursacht.[2] Von einer unipolaren Depression waren innerhalb der letzten 12 Monate etwa 11% der Frauen und 5% der Männer im Alter zwischen 18 und 79 betroffen.[3] Zusammen mit den Angsterkrankungen verursacht die unipolare Depression die meisten Lebensjahre mit Behinderung (disability-adjusted life years, DALY). [4]

Interessant werden diese und weitere Zahlen immer nur und dann nur kurzfristig, wenn sich eine Person des gesellschaftlichen Lebens das Leben nimmt. An dieser gefürchteten Folge einer schweren Depression sterben schätzungsweise 15%; insgesamt gehen 40% bis 70% aller Suizide auf eine Depression zurück.[2]

Um eine Depression zu verstehen, sollten die engen Verpflechtungen zwischen Körper und Kopf – zwischen Neurotransmitterstörungen, erlernten Verhaltensmustern, Lebenserfahrungen, Lebensbedingungen und Lebensgeschichte entwirrt werden. Der portugiesische Neurologe und Psychologe Prof. António R. Damásio, University of Southern California, hat es vor langer Zeit so zusammengefasst: „Bei der Depression atmet die Seele durch den Körper.“

Entscheidend ist das Zusammenspiel von biologischen und sozialen Mechanismen, die Megafaktoren heißen Vulnerabilität – Verletzbarkeit der Psyche – und Stress: Im Zusammenspiel von sozialen und biologischen Mechanismen kommt es zu Störungen in verschiedenen neuronalen Netzwerken.

Vulnerabilität lässt sich auch mit Dünnhäutigkeit übersetzen: Die Haut wird durchlässig, die Seele empfindsam, die Stressverarbeitung gestört. Die Zusammenhänge werden in der Psychiatrie unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst. Als positives Gegenstück zur Vulnerabilität wird übrigens die Resilienz betrachtet.

Viele Menschen wissen einfach nicht mehr,
wozu sie da sind

Uwe Böschemeyer

Äußere Ereignisse

Auslöser im Allgemeinen sind zumeist äußere Ereignisse – Situationen, in denen sich Aufgaben, Inhalte, Ziele ändern: unerfüllte Liebe, Familienkonflikte, Scheidung, Berufsstress, Arbeitslosigkeit und in der Folge soziale Isolation, Einsamkeit.

Im Besonderen sind die Lebenssituationen, in denen Depressionen gehäuft auftreten, je nach Geschlecht unterschiedlich. Während Frauen häufig im Rahmen von Belastungen im sozialen Umfeld und engen Beziehungen erkranken, reagieren Männer eher auf reale oder phantasierte Bedrohung ihres Status.[5]

Die „typischen“ männlichen Patienten sind die im Beruf oder finanziell unter Druck Geratenen: Diese Männer empfinden begrenzte berufliche Aufstiegschancen, eine Entlassung, den Renteneintritt oder eine Scheidung als persönliche Kränkung. Es mangelt ihnen an der Fähigkeit, mit negativen Gefühlen adäquat umzugehen.

In einigen Fällen lassen sich organische Ursachen festmachen: Stoffwechselkrankheiten (Diabetes), degenerative Erkrankungen (Demenz), Vergiftungen oder Drogenmissbrauch.

Zu den unabhängigen Risikofaktoren, die für das Auftreten und Fortbestehen von depressiven Störungen im Alter eine zentrale Rolle spielen, haben niederländische Forscher von der Universität Groningen 2006 den Neurotizismus ermittelt.[6]

Der Begriff bezeichnet nach der Definition des Psychologen Hans Eysenck eine der drei grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen eines Menschen – Psychotizismus vs. Impulskontrolle; Extraversion vs. Introversion;  Neurotizismus vs. Stabilität – und ist u. a. charakterisiert durch emotionale Labilität, geringe Selbstachtung, Ängstlichkeit, häufige psychosomatische Symptome (z. B. Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Schwindel), Schüchternheit und Gehemmtheit.

„Viele Menschen wissen einfach nicht mehr, wozu sie da sind,“ hat der Theologe und Existenzanalytiker Prof. Dr. Uwe Böschemeyer, Lüneburg, festgestellt.[7] „Das Leben ist zu vielfältig geworden um es zu überschauen. Es überbeansprucht die Menschen. Diese Überbeanspruchung führt zu einem Verlust an Tiefe.“

Suchtverhalten ist oft
als männliche Selbstmedikation zu verstehen

Thomas Gärtner

Bei Männern unterdiagnostiziert

Depressionen gelten eher als weibliche Erkrankung mit einem Verhältnis 2 bis 3 Frauen zu einem Mann.[8] Doch die Suizidrate der Männer ist nahezu weltweit zwei- bis dreimal höher – und ein wichtiger Grund sind Depressionen.[8] Männer leiden unter seelischen Belastungen genauso wie Frauen. Nur sprechen sie nicht darüber.

„Wahrscheinlich sind Depressionen bei Männern stark unterdiagnostiziert,“ hat Dr. Thomas Gärtner, Chefarzt der Schön Klinik Bad Arolsen, Ende 2009 festgestellt.[4] Daran hat sich wenig geändert. „Dies liegt zum Teil daran, dass Männer deutlich seltener Hilfe in Anspruch nehmen. Im Wesentlichen aber hängt es damit zusammen, dass sie ihre Probleme selbst lösen wollen.“

In der Tat scheinen Männer Depressionen anders zu bewältigen, sie verbergen sie eher hinter Beschreibungen wie „Persönlichkeitsproblem“ oder „Ich trinke im Moment zu viel“. Interessant ist ein Blick in Kulturkreise, in denen Alkohol verpönt ist: Dort sind Männer und Frauen gleich oft depressiv.

„Suchtverhalten ist oft als eine männliche Selbstmedikation zu verstehen,“ so Gärtner. „Bei Männern wird ein deutlich höheres Risiko beobachtet, eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. Sucht maskiert häufig eine Depression.“

Frauen fordern durch geäußerte Hilflosigkeit Hilfe von ihrer Umwelt ein, Männer dagegen verstummen
Manfred Wolfersdorf

Tödliches Schweigen

Depressionen werden bei Männern auch deshalb übersehen, weil sich die Erkrankung bei ihnen anders äußert. Während depressiv erkrankte Frauen eher zu Grübelzwang, übermäßigen Sorgen und Klagsamkeit neigen, tendieren Männer laut Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirkskrankenhaus Bayreuth, zum Rückzug, zu kompensatorischem Suchtverhalten sowie zu sportlichen Exzessen, z. B. Extremsport, aber auch zu Impulsdurchbrüchen mit Auto- und Fremdaggression und Suizidalität.[8]

Bei der Suizidalität neigen depressive Männer laut Wolfersdorf eher zu „einsamen Suizidhandlungen“, die mit höherer Impulsivität und Aggressivität einhergehen können. Eine besondere Gefährdung liege beim Scheitern des eigenen Selbstkonzepts und Verlust der Fremdwertschätzung durch die Gesellschaft vor. Das habe auch Folgen für die Krankheitsbewältigung: Frauen fordern durch geäußerte Hilflosigkeit Hilfe von ihrer Umwelt ein, Männer dagegen verstummen.

Ein Schweigen, das tödlich sein kann, da bei dieser Konstellation einer Suizidprävention naturgemäß enge Grenzen gesetzt sind. Der Suizid ist dann oft als ein letzter, vermeintlich selbstbestimmter Lösungsversuch zu verstehen.

Vergiss Deine perfekte Darbietung.
In allem ist ein Riss, das ist die Stelle,
durch die das Licht hineinkommt

Leonard Cohen

Zum Thema


Fighting Depression Online: Fideo.de informiert junge Menschen

 

1 Ledford, Heidi: Nature 2o14. 515: 182-184. DOI: 10.1038/515182a

2 DGPPN: Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen – neue Versorgungsansätze unverzichtbar. Pressestatement Nr. 2 | 28.01.2015

3 Robert Koch-Institut (Hrsg): Depression. Faktenblatt zu GEDA 2012: Ergebnisse der Studie »Gesundheit in Deutschland aktuell 2012«. Berlin, Stand: 25.10.2014. www.rki.de/geda

4 Gesundheitswirtschaftskongress, 24. bis 25. September 2013, Hamburg. Der Psychiatrieboom: Mit neuen Konzepten punkten. 25.9.2013

5 Medizinisch-Psychosomatische Klinik Bad Arolsen/Schön Kliniken; Presseinformation, 18.11.2009

6 de Jonge P et al., Psychosomatics 2006; 47(1): 33-42. DOI:10.1176/appi.psy.47.1.3

7 Hörbst G, Leben auf der Überholspur. HA, 10/2000

8 Wolfersdorf M et al., Blickpunkt der Mann 2009; 7(4): 8-14