Dünne Haut, Risse in der Seele

Wenn Depression Krebs wäre, würden Unmengen Geld in diesen Bereich fließen. Die Forschungsindustrie würde sich darauf konzentrieren, die Ursachen zu ergründen und die bestmögliche Behandlung zu entwickeln. Der ehemals erklärte „Krieg gegen Krebs“ sei zwar noch lange nicht gewonnen, aber bisher habe auch noch keiner der führenden Politiker der Depression den Krieg erklärt.

Derart zugespitzt greift der im November 2014 im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte Text Medical research: If depression were cancer das Dilemma auf, in dem die Depressionsforschung in den USA steckt: Viele Erkenntnisse, viele bemerkenswerte Ansätze und zu wenig Forschungsgelder, um einer der weltweit häufigsten – und häufig tödlichen – Erkrankungen die Anerkennung zu verschaffen, die sie benötigt.[1]

Selbst wenn eine Depression nach DSM-V diagnostiziert würde, helfen die vorhandenen Therapiemöglichkeiten nur etwa jedem zweiten Betroffenen. „Bei Krebs wäre das ein absoluter Skandal,“ wird der Psychiater Tom Foley von der Newcastle University in England zitiert.

Letztlich hat jede Depression genauso einen biologischen Hintergrund wie Krebs- oder Herzerkrankungen, hier müssen die molekularen Grundlagen nur erst noch entschlüsselt werden. Das hat sich als wesentlich schwieriger herausgestellt, als wir alle noch vor ein paar Jahrzehnten dachten
Eric J. Nestler

Warten

Die Situation in Deutschland: Jeder Hausarzt sitzt täglich mindestens einem Patienten mit Depression gegenüber – und merkt es meist nicht. Nur einer von vier Patienten erhält zumindest ein kurzes Erstgespräch mit dem Hausarzt. Wenn eine psychische Störung erkannt wird, warten Patienten der Gesetzlichen Krankenversicherungen derzeit mehr als drei Monate auf einen Therapieplatz.

Die therapeutischen Optionen erlauben heute eine breite Palette an wirksamen Maßnahmen, die ab mittlerem Schweregrad stets aus der Kombination von Psychotherapie, Psychopharmaka und psychosozialen Therapien bestehen. Allerdings gibt es „alarmierende“ Versorgungsdefizite und große regionale Unterschiede.[2] Drei von vier Patienten mit schweren Depressionen erhalten keine den aktuellen Behandlungsleitlinien entsprechende Therapie. Oftmals verläuft die Behandlung zu einseitig und entspricht nicht den Empfehlungen.

Nicht zuletzt gilt für die Medikation mit „modernen“ nebenwirkungsarmen Antidepressiva – die darauf ausgerichtet sind, im Gehirn das Ungleichgewicht in der Anzahl von Nervenbotenstoffen wie Serotonin zu korrigieren – noch immer das Prinzip trial and error. Und das seit nunmehr etwa 20 Jahren.

Allgemein gelten Patienten als therapieresistent, die nach frustranen Behandlungsversuchen mit zwei Antidepressiva in adäquater Dosierung über jeweils etwa acht Wochen nicht relevant reagieren. Davon gibt es nicht wenige; eine gegebenenfalls akute Suizidalität bleibt bestehen.

„Letztlich hat jede Depression genauso einen biologischen Hintergrund wie Krebs- oder Herzerkrankungen, hier müssen die molekularen Grundlagen nur erst noch entschlüsselt werden. Das hat sich als wesentlich schwieriger herausgestellt, als wir alle noch vor ein paar Jahrzehnten dachten,“ lautet ein Hinweis von Prof. Eric J. Nestler, Psychiater und Neurowissenschaftler am renommierten Mount Sinai Medical Center in New York City, in Nature. [1]

Ein anderer kommt von dem Psychiater Dr. Noah S. Philip, Brown University in Providence/Rhode Island: „Bei der Behandlung von Depressionen reicht es nicht, einfach den Tank mit Neurotransmittern aufzufüllen. Man muss Störungen in verschiedenen neuronalen Netzwerken korrigieren, die allesamt nicht richtig funktionieren.“[1]

„Bei der Depression atmet die Seele
durch den Körper“

António R. Damásio

Rückzug ins Bett

Und was muss man noch tun? Zunächst Depressionen oder affektive Störungen verstehen und als solche erkennen. Das bereitet Mühe – medizinischen Laien wie Ärzten. Depressionen haben viele Gesichter und machen es nicht einfach, sie als eigenständige Krankheitsbilder festzustellen. Im Vordergrund stehen verschiedenste Beschwerden wie Kopf-, Herz-, Magen- und Rückenschmerzen, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen.

Es gibt Menschen, die wirken überaus aktiv, verfolgen nahezu fanatisch berufliche, sportliche oder kulturelle Interessen. Präsentieren sich bei allem, was sie tun, locker und fröhlich, charmant und redegewandt. Andere wirken nervös, angespannt und innerlich getrieben; sie können plötzlich stark erregt sein oder Anfälle von panischer Angst bekommen.

Ob mit oder ohne manische Symptome – ob bipolar oder unipolar –, an ihrem Tiefpunkt angekommen, eint alle eines: Depressiv Erkrankte sind in ihrer seelischen und körperlichen Gesamtheit zutiefst getroffen, ohne dass die Ursachen immer fass- oder erklärbar wären. Per definitionem finden fundamentale Veränderungen im Verhalten, Erleben und in der körperlichen Vitalität statt, die länger als zwei Wochen die gesamte Wahrnehmung und alle Handlungen überschatten.

Im Verlauf der häufigsten Form der affektiven Störungen, der unipolaren Depression (Major Depression oder dysthyme Störung), wird praktisch jede Aktion von einer alles beherrschenden Stimmung diktiert. Gefühle der zutiefsten Traurig- und Trostlosigkeit, der Hoffnungs- und Hilflosigkeit bestehen annähernd jeden Tag und für die meiste Zeit des Tages.

Interessenverlust und die völlige Unfähigkeit zur Freude sind Kernaspekte für die Diagnose. Das bedeutet praktisch: Ein vorher umtriebiger Mensch kann seine Arbeit nicht mehr bewältigen; blockt alles ab, was bisher mit Lust und Genuss verbunden war, wird bewegungsarm, ruhig bis einsilbig – und zieht sich ins Bett zurück. Statt nachzudenken muss er grübeln. Statt sich zu erholen, ermüdet er durch ständige Zweifel an sich und der Welt. Hinzu kommen Appetit- und Schlaflosigkeit oder das Bedürfnis nach „Dauerschlaf“.

Schwer Erkrankte reagieren und sprechen nur sehr zögernd, antworten nicht auf gestellte Fragen, Gestik und Mimik wirken starr. Sie können nicht einmal mehr weinen, sie empfinden eine unendliche innere Leere. Gedanken an den Tod, Ideen von Selbsttötung, entsprechende Pläne und Versuche können stark variieren.

40% bis 70% aller Suizide haben ihre Ursache
in einer Depression 

Verpflechtungen entwirren

Auf Familie und Freunde kann sich eine Depression verheerend auswirken. Viele stimmt die Hilflosigkeit des Kranken wütend und gereizt. Denn sie ahnen nichts von dem, was er erträgt. Das wiederum eint sie mit vielen anderen: In der Öffentlichkeit werden depressive Störungen in ihrer Bedeutung noch immer unterschätzt, werden die Betroffenen noch immer stigmatisiert, gelten Depressionen noch immer auch als Symbol für Mimosenhaftigkeit, Disziplinlosigkeit und Scheitern.

Die Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten Jahre bilden eine andere Realität ab. In Deutschland haben Depressionen 2013 bundesweit mehr als 31 Millionen Fehltage verursacht.[2] Von einer unipolaren Depression waren innerhalb der letzten 12 Monate etwa 11% der Frauen und 5% der Männer im Alter zwischen 18 und 79 betroffen.[3] Zusammen mit den Angsterkrankungen verursacht die unipolare Depression die meisten Lebensjahre mit Behinderung (disability-adjusted life years, DALY). [4]

Interessant werden diese und weitere Zahlen immer nur und dann nur kurzfristig, wenn sich eine Person des gesellschaftlichen Lebens das Leben nimmt. An dieser gefürchteten Folge einer schweren Depression sterben schätzungsweise 15%; insgesamt gehen 40% bis 70% aller Suizide auf eine Depression zurück.[2]

Um eine Depression zu verstehen, sollten die engen Verpflechtungen zwischen Körper und Kopf – zwischen Neurotransmitterstörungen, erlernten Verhaltensmustern, Lebenserfahrungen, Lebensbedingungen und Lebensgeschichte entwirrt werden. Der portugiesische Neurologe und Psychologe Prof. António R. Damásio, University of Southern California, hat es vor langer Zeit so zusammengefasst: „Bei der Depression atmet die Seele durch den Körper.“

Entscheidend ist das Zusammenspiel von biologischen und sozialen Mechanismen, die Megafaktoren heißen Vulnerabilität – Verletzbarkeit der Psyche – und Stress: Im Zusammenspiel von sozialen und biologischen Mechanismen kommt es zu Störungen in verschiedenen neuronalen Netzwerken.

Vulnerabilität lässt sich auch mit Dünnhäutigkeit übersetzen: Die Haut wird durchlässig, die Seele empfindsam, die Stressverarbeitung gestört. Die Zusammenhänge werden in der Psychiatrie unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst. Als positives Gegenstück zur Vulnerabilität wird übrigens die Resilienz betrachtet.

Viele Menschen wissen einfach nicht mehr,
wozu sie da sind

Uwe Böschemeyer

Äußere Ereignisse

Auslöser im Allgemeinen sind zumeist äußere Ereignisse – Situationen, in denen sich Aufgaben, Inhalte, Ziele ändern: unerfüllte Liebe, Familienkonflikte, Scheidung, Berufsstress, Arbeitslosigkeit und in der Folge soziale Isolation, Einsamkeit.

Im Besonderen sind die Lebenssituationen, in denen Depressionen gehäuft auftreten, je nach Geschlecht unterschiedlich. Während Frauen häufig im Rahmen von Belastungen im sozialen Umfeld und engen Beziehungen erkranken, reagieren Männer eher auf reale oder phantasierte Bedrohung ihres Status.[5]

Die „typischen“ männlichen Patienten sind die im Beruf oder finanziell unter Druck Geratenen: Diese Männer empfinden begrenzte berufliche Aufstiegschancen, eine Entlassung, den Renteneintritt oder eine Scheidung als persönliche Kränkung. Es mangelt ihnen an der Fähigkeit, mit negativen Gefühlen adäquat umzugehen.

In einigen Fällen lassen sich organische Ursachen festmachen: Stoffwechselkrankheiten (Diabetes), degenerative Erkrankungen (Demenz), Vergiftungen oder Drogenmissbrauch.

Zu den unabhängigen Risikofaktoren, die für das Auftreten und Fortbestehen von depressiven Störungen im Alter eine zentrale Rolle spielen, haben niederländische Forscher von der Universität Groningen 2006 den Neurotizismus ermittelt.[6]

Der Begriff bezeichnet nach der Definition des Psychologen Hans Eysenck eine der drei grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen eines Menschen – Psychotizismus vs. Impulskontrolle; Extraversion vs. Introversion;  Neurotizismus vs. Stabilität – und ist u. a. charakterisiert durch emotionale Labilität, geringe Selbstachtung, Ängstlichkeit, häufige psychosomatische Symptome (z. B. Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Schwindel), Schüchternheit und Gehemmtheit.

„Viele Menschen wissen einfach nicht mehr, wozu sie da sind,“ hat der Theologe und Existenzanalytiker Prof. Dr. Uwe Böschemeyer, Lüneburg, festgestellt.[7] „Das Leben ist zu vielfältig geworden um es zu überschauen. Es überbeansprucht die Menschen. Diese Überbeanspruchung führt zu einem Verlust an Tiefe.“

Suchtverhalten ist oft
als männliche Selbstmedikation zu verstehen

Thomas Gärtner

Bei Männern unterdiagnostiziert

Depressionen gelten eher als weibliche Erkrankung mit einem Verhältnis 2 bis 3 Frauen zu einem Mann.[8] Doch die Suizidrate der Männer ist nahezu weltweit zwei- bis dreimal höher – und ein wichtiger Grund sind Depressionen.[8] Männer leiden unter seelischen Belastungen genauso wie Frauen. Nur sprechen sie nicht darüber.

„Wahrscheinlich sind Depressionen bei Männern stark unterdiagnostiziert,“ hat Dr. Thomas Gärtner, Chefarzt der Schön Klinik Bad Arolsen, Ende 2009 festgestellt.[4] Daran hat sich wenig geändert. „Dies liegt zum Teil daran, dass Männer deutlich seltener Hilfe in Anspruch nehmen. Im Wesentlichen aber hängt es damit zusammen, dass sie ihre Probleme selbst lösen wollen.“

In der Tat scheinen Männer Depressionen anders zu bewältigen, sie verbergen sie eher hinter Beschreibungen wie „Persönlichkeitsproblem“ oder „Ich trinke im Moment zu viel“. Interessant ist ein Blick in Kulturkreise, in denen Alkohol verpönt ist: Dort sind Männer und Frauen gleich oft depressiv.

„Suchtverhalten ist oft als eine männliche Selbstmedikation zu verstehen,“ so Gärtner. „Bei Männern wird ein deutlich höheres Risiko beobachtet, eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. Sucht maskiert häufig eine Depression.“

Frauen fordern durch geäußerte Hilflosigkeit Hilfe von ihrer Umwelt ein, Männer dagegen verstummen
Manfred Wolfersdorf

Tödliches Schweigen

Depressionen werden bei Männern auch deshalb übersehen, weil sich die Erkrankung bei ihnen anders äußert. Während depressiv erkrankte Frauen eher zu Grübelzwang, übermäßigen Sorgen und Klagsamkeit neigen, tendieren Männer laut Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirkskrankenhaus Bayreuth, zum Rückzug, zu kompensatorischem Suchtverhalten sowie zu sportlichen Exzessen, z. B. Extremsport, aber auch zu Impulsdurchbrüchen mit Auto- und Fremdaggression und Suizidalität.[8]

Bei der Suizidalität neigen depressive Männer laut Wolfersdorf eher zu „einsamen Suizidhandlungen“, die mit höherer Impulsivität und Aggressivität einhergehen können. Eine besondere Gefährdung liege beim Scheitern des eigenen Selbstkonzepts und Verlust der Fremdwertschätzung durch die Gesellschaft vor. Das habe auch Folgen für die Krankheitsbewältigung: Frauen fordern durch geäußerte Hilflosigkeit Hilfe von ihrer Umwelt ein, Männer dagegen verstummen.

Ein Schweigen, das tödlich sein kann, da bei dieser Konstellation einer Suizidprävention naturgemäß enge Grenzen gesetzt sind. Der Suizid ist dann oft als ein letzter, vermeintlich selbstbestimmter Lösungsversuch zu verstehen.

Vergiss Deine perfekte Darbietung.
In allem ist ein Riss, das ist die Stelle,
durch die das Licht hineinkommt

Leonard Cohen

Zum Thema


Fighting Depression Online: Fideo.de informiert junge Menschen

 

1 Ledford, Heidi: Nature 2o14. 515: 182-184. DOI: 10.1038/515182a

2 DGPPN: Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen – neue Versorgungsansätze unverzichtbar. Pressestatement Nr. 2 | 28.01.2015

3 Robert Koch-Institut (Hrsg): Depression. Faktenblatt zu GEDA 2012: Ergebnisse der Studie »Gesundheit in Deutschland aktuell 2012«. Berlin, Stand: 25.10.2014. www.rki.de/geda

4 Gesundheitswirtschaftskongress, 24. bis 25. September 2013, Hamburg. Der Psychiatrieboom: Mit neuen Konzepten punkten. 25.9.2013

5 Medizinisch-Psychosomatische Klinik Bad Arolsen/Schön Kliniken; Presseinformation, 18.11.2009

6 de Jonge P et al., Psychosomatics 2006; 47(1): 33-42. DOI:10.1176/appi.psy.47.1.3

7 Hörbst G, Leben auf der Überholspur. HA, 10/2000

8 Wolfersdorf M et al., Blickpunkt der Mann 2009; 7(4): 8-14

Wie die Seele mit dem Körper spricht

Im Guten wie im Bösen: Gedanken und Gefühle beeinflussen den gesamten Körper, genauer: das Immunsystem, welches mit einer Armada von mehr als zehn Millionen Abwehrzellstämmen der Schlüssel zu unserer Gesundheit und gewissermaßen unser innerer Arzt ist. Größtes Immunorgan wiederum sind die Verdauungsorgane, dort sind etwa 80% aller Immunzellen des menschlichen Körpers angesiedelt, umgeben werden sie von einem Nervengeflecht aus über 100 Millionen Neuronen. Der Darm, auch „Bauchhirn“ genannt, reagiert wie ein Seismograph auf Stress und andere psychische Belastungen.

Über die (biochemischen) Bedingungen und Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Immunsystem wurde noch vor 30 Jahren wild spekuliert, da zu wenig über die Kommunikationswege zwischen den großen Körpersystemen – dem Immun-, Nerven- und Hormonsystem – bekannt war.

Inzwischen ist längst messbar, wie die Seele mit dem Körper kommuniziert: Im Rahmen der Entwicklung der Psychoneuroimmunologie (PNI) wurde bekannt, dass das zentrale Nervensystem – das Gehirn und das Rückenmark – mit dem hochintelligenten Immunsystem über Nerven- und Hormonreize in Verbindung steht. Und umgekehrt.

Das psychosomatische Netzwerk

Das Ganze heißt psychosomatisches Netzwerk, dessen Existenz bildet die Grundlage für die Erforschung von Verhaltensweisen und die Wirkung auf das Immunsystem – und umgekehrt von Auswirkungen von Immunprozessen auf das Verhalten. In der Psychosomatik steht jede körperliche Krankheit mit seelischen Vorgängen in Zusammenhang; bei psychosomatischen Erkrankungen wandelt sich seelischer Schmerz in körperliche Symptome, sie sind Botschafter chronisch gewordener Konflikte und Defizite.

Auch akuter seelischer und körperlicher Stress beeinflussen die Funktionen der Körperabwehr: Die Nervenzellen des Gehirns können biochemische Substanzen (z. B. Hormone, Botenstoffe, Neuropeptide) produzieren, die dem Körper dazu verhelfen, effektiver Krankheiten zu verhindern. Andererseits kann die Entstehung oder Verschlechterung von Krankheiten begünstigt werden. Diese lebhafte Kommunikation zwischen allen Systemen wird mit unterschiedlichen Messmethoden zum Beispiel aus der Hirn-, Stress- und Hormonforschung dargestellt.

Heilung ist die Umarmung dessen,
was wir am meisten fürchten

Schaltstellen dieser Regelkreise sind das Gehirn mit der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und dem Zwischenhirn (Hypothalamus), sind die Nebennieren und die Immunzellen selbst. Darüber hinaus können diese Regelkreise und Informationswege durch den Einfluss von Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen gesteuert und damit auch für die Heilung genutzt werden.

Umgekehrt beeinträchtigen unbewusste negative Gedanken- und Gefühlsmuster die Prozesse in dem Sinn, dass die Selbstheilung unterdrückt wird. Die Informationen, die übertragen werden, hängen vom jeweiligen emotionalen Zustand ab. Wir erinnern uns: Emotionen sind das, was uns bewegt – im Körper, in Gedanken, im Gefühl, zum Handeln.

Beste Ausdrucksform für das Handeln sind gute, achtsame Selbstgespräche und im Idealfall eine Art des Miteinander-Redens, die sich für beide Seiten als bereichernd erweist, da sie geprägt ist von “3 W”: Wertschätzung, emotionale Wärme, kluge Worte.

Viele Wege führen zu diesem Ziel, Meditationen und das Meridianklopfen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin sind zwei besonders wirksame. Das Besondere daran ist, dass sich durch Übung bisher ungenutzte Potenziale dem Bewusstsein erschließen.

 

Wenn wir uns daher, sooft von Achtsamkeit die Rede ist, nicht auch in unserem Herzen angesprochen fühlen, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit das Wesentliche verfehlen
Jon Kabat-Zinn

 

Neuron fractal 1. Amattox Mattox | FlickR

 

 

Ein Maß finden in der Angst

Wir sehen den sozialen Frieden in Gefahr, misstrauen dem digitalen Fortschritt und fürchten uns vor Terror und Gewalt: Wir leben in einem Zeitalter der Angst, heißt es. Haben Angst vor dem Abstieg. Angst vor Einsamkeit. Angst davor, unsichtbar zu werden. Darüber hätte sich vor zehn Jahren noch intensiv diskutieren lassen. Heute nicht mehr.

 

Die vielen Gesichter der Angst sind neben den Depressionen in den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO die weltweit häufigsten Erkrankungen der Seele. Zugenommen hat naturgemäß auch die Zahl der Betroffenen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Angst lähmt unglaublich viele Menschen, und doch vertrauen sie sich niemandem an – aus Angst, nicht ernst genug genommen zu werden; aus Angst, zuviel von sich preisgeben zu müssen; aus Angst vor Stigmatisierung. Das setzt oft genug einen Teufelskreis in Gang: Es ist bekannt, dass sich hinter vielen Ängsten ursprünglich eine nicht erkannte und nicht behandelte Depression verbirgt.

Zunächst ist Angst ein prinzipiell wichtiges, notwendiges, normales Gefühl – ein genialer Trick der Natur, der letztlich Leben ermöglicht. Kinder fürchten die Dunkelheit, Erwachsene Gewitter, im Alter wächst die Angst vor Krankheiten, Einsamkeit und Tod.

Zur Diagnose wird Angst erst, wenn sie unangemessen stark ist, zu oft und zu lange auftritt, mit Kontrollverlusten oder Zwangshandlungen verbunden ist, starkes Leid verursacht und dazu führt, dass man den Auslösern aus dem Weg geht. Unter dem Begriff Angststörungen werden heute die Agoraphobie /Panikattacken, generalisierte Angststörung, soziale Phobie und spezifische Phobien zusammengefasst. Charakterisiert sind sie dadurch, dass die Betroffenen exzessiv auf akute Gefahren und Bedrohungen reagieren; gegebenenfalls existieren diese gar nicht.

Bin ich einsam? Ja, manchmal schon. Mir fehlen nicht einfach nur Menschen, sondern das Gefühl, von jemandem beachtet zu werden
Wilfried Erdmann, Weltumsegler

Der Nährboden für soziale Phobien

Allgemein spielt sich Angst stets auf vier Ebenen ab. Involviert sind die Gefühle (Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Furcht, Resignation), die Gedanken (ich kollabiere; ich verliere die Kontrolle), der Körper (Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Zittern etc.), das Verhalten (Flucht, Hilfe suchen, Vermeiden, Medikamente nehmen).〈1〉

Am weitesten verbreitet sind Agoraphobien: Ängste vor Spinnen, großen Plätzen, engen Räumen, Menschenansammlungen. Bei spezifischen Phobien gibt es von Bienen über Schlangen bis Vogelfedern nichts, was vor allem Frauen nicht anhaltend und exzessiv in Panik versetzen kann.

Die soziale Phobie wird seit wenigen Jahren intensiv als zeittypisches Phänomen wahrgenommen, obwohl sie bereits seit 1980 ein eigenständiges Krankheitsbild ist: In einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Klima, in dem Belastbarkeit, hohe Flexibilität und emotionale Kompetenz wichtiger denn je für private Beziehungen wie für Arbeitsatmosphären sind, finden Ängste einen guten Nährboden, so anspruchsvollen Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Bei einer generalisierten Angststörung steht die Sorge um alles und jeden im Vordergrund – um den Partner auf dem Weg zur Arbeit, um das Kind in der Schule, um den Verlust der finanziellen Sicherheit. Auf den ersten Blick mögen solche Befürchtungen hochneurotisch erscheinen, sie beherrschen und behindern das Leben jedoch Tage, Wochen, Monate.

Panikattacken kommen plötzlich und unerwartet und finden meist in Verbindung mit anderen Angststörungen statt, z. B. einer Agoraphobie. Häufig sind sie Folge einer Depression.

Für akute Belastungsreaktionen und eine Posttraumatische Belastungsstörung gibt es zahllose Ursachen: Krieg, Verbrechen, Vergewaltigung, Naturkatastrophen, Unfälle, Verluste (von Arbeitsplatz über Besitz bis zu einem oder mehrere Menschen durch Tod) … Ein traumatisierendes Ereignis kann unmittelbar erlebt oder beobachtet werden. Auch professionelle Ersthelfer werden häufig mit nachhaltigen Stressfaktoren konfrontiert: mit dem Anblick und Ausmaß einer Katastrophe.

Zwangsstörungen sind extrem gesteigerte Handlungen und Gedanken (Hände waschen, Herd überprüfen, Haustür absperren …), die in viele Lebensbereiche ragen, sehr zeitraubend werden, mit großem Leidensdruck und oft auch körperlichen Beschwerden verbunden sind. Sobald zwanghafte Handlungen oder Gedanken unterdrückt werden, verstärkt sich die Angst deutlich.

Kein gemeinsamer Nenner

Ängste lassen sich nicht immer auf einzelne, eindeutige Ursachen zurückführen. Es wirken verschiedene Faktoren zusammen, genetische Veranlagung und erlernte Verhaltensmuster ebenso wie das soziale Umfeld und biographische Krisen. So vielfältig die Faktoren auch sind, erst im Zusammenwirken wird die Seele letztlich verletzbar – vulnerabel – gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress. Entsprechend werden die Zusammenhänge wissenschaftlich unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst. Es integriert verschiedene Theorien und Aspekte über die Ursachen, die bei jeder Angststörung wichtig sind:

Das psychosoziale Modell

Konzentriert sich auf Stressoren und Konflikte. Demnach sind Ängste auf situative Stressfaktoren (z. B. schmerzliche Trennungen oder Verluste, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit) und/oder psychische Konflikte (z. B. zermürbende Partnerkrisen) zurückzuführen. Früher galt die Auffassung, dass mit dem Grad des Stresses die Schwere der Angst korreliert. Ziel der Behandlung war es, die Belastungen auszuschalten. Dann hat sich gezeigt, dass nicht alle Angststörungen in das Schema passen. Bei der Entwicklung einer generalisierten Angst beispielsweise sind neben Dauerstress ein geringes Selbstwertgefühl sowie ein suboptimaler Gesundheitszustand beteiligt.

Hier kann Ihnen ein SecondaVita Præventionstraining oder Systemisches Præventionscoaching helfen.

Das lerntheoretische Modell

Betont wird die klassische Konditionierung: Bislang neutrale Situationen oder Objekte lösen plötzlich Angstreaktionen aus. Andere Lerntheorien betrachten Angststörungen im Zusammenhang mit der gesamten Persönlichkeitsentwicklung. In der frühen Lebensführung kann – muss aber nicht – die Erziehung die Entwicklung von Angst begünstigen. Unter anderem können

  • eine überbehütete Kindheit;
  • traumatische Erfahrungen (körperliche, psychische Misshandlungen);
  • eine an liebevoller Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung fehlende Erziehung;
  • elterliche Zuwendung, die an besondere Leistung gebunden ist;
  • ein Erziehungsstil, der selbstsicheres und unabhängiges Verhalten wenig fördert;
  • Lerndefizite im Sozialverhalten

früh wichtige Hirnareale verändern. Die so entstehenden biologischen Narben prägen die Persönlichkeit. Experten sprechen von erhöhter Angstbereitschaft gegenüber sozialen Situationen, die als bedrohlich erlebt werden.

Die Anfälligkeit allein führt aber nicht zwingend in die Erkrankung. Auch scheint es, als hätten die Betroffenen kein ausgeprägtes Gefühl der Kohärenz. Gemeint ist damit eine widerstandsfähige Haltung zum Leben, die mit der Gewissheit einhergeht, tägliche Belastungen und Krisen bewältigen zu können.

Hier kann Ihnen ein Systemisches Præventionscoaching helfen.

 Die Rolle der Gene

Die Frage, warum nicht alle Menschen unter ähnlichen Bedingungen krank werden vor Angst, versuchen unter anderem Genetiker und Neurowissenschaftler zu klären, indem sie zunächst postulieren: Es muss zusätzlich eine genetische bzw. biologische Veranlagung vorliegen.

Genetische Faktoren werden für psychische Erkrankungen bisher nicht vollständig verstanden. Gene können einerseits ein Risikofaktor für eine psychische Störung sein, andererseits aber auch eine Schutzwirkung haben. Insgesamt sollte ihre Bedeutung nicht überschätzt werden, sie lösen per se keine Krankheiten aus, sie disponieren lediglich dafür. Das heißt, es gibt ein erhöhtes Risiko, die Krankheit muss nicht automatisch ausbrechen. Maßgeblich verantwortlich sind andere Faktoren, oft Umwelteinflüsse und der Lebensstil.

Das biologische Modell

„Der Schlüssel für ein besseres Verständnis psychischer Störungen heißt Hirnforschung,“ hat Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken für Psychiatrie in Düsseldorf, zu Beginn des Jahres 2000 festgestellt. Zu jenem Zeitpunkt hielten die Psychiater ihr Fach für das interessanteste der gesamten Medizin, da die zahlreichen neuen Erkenntnisse der Hirnforschung über die Funktionsunterschiede zwischen Gesunden und Kranken in den zehn Jahren zuvor die Psychiatrie revolutioniert hatten – im Verständnis der Ursachen über die Diagnostik bis zu den Therapien. Derzeit ist der Lack ein bisschen ab, aber das ist ein anderes Thema.

Nach wie vor gilt: Welche Krankheitsform sich die leidende Seele sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab. In fast allen Fällen geht dies mit Veränderungen in bestimmten Hirnarealen einher, genauer: mit einer Störung im Stoffwechsel der chemischen Botenstoffe (Neurotransmitter). Diese gewährleisten die einwandfreie Kommunikation zwischen den rund 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns und steuern verschiedene körperliche und geistige Prozesse.

Man weiß auch: Angst ist Stress – wie jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns einwirkt. Und Stress verändert Hirnfunktionen. Die komplexen Prozesse, die Angstgefühle erzeugen, laufen mit unfassbarer Geschwindigkeit und vielfach unbewusst ab. Welche Hirnstrukturen und Neurotransmitter daran beteiligt sind, war und ist Gegenstand zahlreicher Forschungen.

Klar ist: Bei Angstpatienten sind bestimmte Hirnregionen und die zugehörigen Neurotransmitter aktiv, die unmittelbar Denken und Fühlen beeinflussen. Dazu gehören die Mandelkerne (Amygdalae), eine stammesgeschichtlich sehr alte, paarig angelegte Funktionseinheit im Großhirn, die eng mit verschiedenen Strukturen des Gehirns verschaltet ist. Ob Furcht oder Fluchtwünsche – bei jeder Art von Emotionen spielt die Amygdala eine zentrale Rolle.

Ist die erst mal aktiviert, läuft das typische Kampf-Flucht-Schema ab, das Menschen und höher entwickelte Tiere seit Urzeiten durchs Leben begleitet und dieses oft genug rettet. Ein Faktor, der bei der körperlichen Wahrnehmung von Stress eine Rolle spielt, ist das vegetative Nervensystem. Es ist bei Angstpatienten leichter erregbar als bei Gesunden. Das Vegetativum stellt die Verbindung zu den inneren Organen und Drüsen her, es hat mit Körperprozessen zu tun, die selbstständig ohne das Bewusstsein (unwillkürlich) ablaufen. Beispiele sind Funktionen wie Atmung, Verdauung, Blutdruck, Schwitzen, Weinen.

Unklar ist generell noch, was Henne und Ei ist, inwieweit also Neurotransmitter-Störungen zum eigentlichen Ausbruch einer psychischen Erkrankung führen oder ob sie selbst lediglich Bestandteil des Prozesses sind.

Besonnenheit impliziert ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Angst, aber auch von Hoffnung, ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Sehnsucht,
aber auch von Besorgnis

Giovanni Maio

Verstanden werden, Harmonien herstellen 

So oder so: Ängste, die das Leben dominieren, gehören immer in die Obhut von ebenso qualifizierten wie empathischen und engagierten Fachleuten. Außerdem verschwinden Ängste in aller Regel nicht von allein. Abhängig von den Ursachen, Beschwerden, Schweregraden und Patientenwünschen stehen differenzierte Ansätze zur Verfügung, die sich gegebenenfalls kombinieren lassen. Die neue S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen ist von April 2014; Orientierung für die Behandlung von Zwangsstörungen bietet eine neu entwickelte S3-Leitlinie von März 2o15.

Das Spektrum ist groß, begleitend zu Verhaltenstherapien, medikamentösen Maßnahmen, Hypno- und Traumatherapien oder Körpertherapien einschließlich Sport haben sich die Techniken der Stressbewältigung durch Achtsamkeit (Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) nach Kabat-Zinn als  sinnvoll und hilfreich erwiesen.

Das Wichtigste aber ist Zeit, Trost, Zuversicht – ist das Prinzip Hoffnung, ist positive Motivation. Es gilt, ein verständliches Modell seiner Krankheit zu erhalten, zum Experten seiner selbst zu werden und mehrdimensionale Wege zur Genesung zu eröffnen. Angstfreiheit lässt sich nicht verordnen, es lässt sich aber eine Harmonie herstellen zwischen dem was ist und dem, was idealerweise sein könnte. Der Arzt, Philosoph und Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio, Freiburg, nennt dies den „zentralen Wesenszug der Besonnenheit“, die eine Voraussetzung für das Selbstsein sei und die einen davon abhält, maßlos zu sein – auch mit den eigenen Affekten.〈2〉

Besonnenheit setze Realitätssinn und Klugheit voraus, eine innere Ruhe und Handelnwollen; Eigenschaften, die gleichsam nützlich sind für das therapeutische Konzept des Befähigens. Werden auch noch Angehörige aktiv eingebunden, umso besser: Im Rahmen der Psychoedukation können Patienten und Angehörige ihre jeweilige Lebensqualität verbessern auf dem Weg, zumindest angstfreier zu leben. In diesem Perspektivwechsel hin zur Stärkung der Standfestigkeit und Autonomie liegt zudem die Chance, sich selbst zu finden und, mehr noch, sich selbst annehmen zu können.

„Es ist unsere innere Einstellung, die uns sagt, dass das vermeintlich Imperfekte im Menschen, seine Leistungsgrenzen, seine Verwundbarkeit einen tieferen Sinn haben“, schreibt Maio. Gesund sei nicht, wer keine Beeinträchtigung hat, sondern wer einen kreativen Umgang mit seiner eigenen Begrenztheit und seiner grundsätzlichen Versehrbarkeit gefunden hat.

 

Zum Thema


IM FOKUS: DAS KRANKE GEHIRN

 

9 IDEEN FÜR EINE BESSERE NEUROWISSENSCHAFT

 

1 Berger, Mathias et al: Angststörungen in Psychiatrie und Psychotherapie. Urban u Fischer 2ooo

2 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

Kampf oder Flucht

Niemand kann sich ihm entziehen, dem Adrenalin-Flash: Der Blutdruck steigt, das Herz rast, tief durchatmen, eine mehr oder minder beängstigende Energie entwickeln und los geht´s – gegen den Kollegen, den Lehrer der Kinder, den Partner oder den Deppen vor oder hinter Ihnen im Straßenverkehr.

Jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns wirkt, ist Stress. Stress hat viele Gesichter und zahllose Gründe, auch wenn wir nicht immer wissen, was genau mit dem Begriff eigentlich gemeint ist – trotz der inflationären Verwendung.

Entwicklungsgeschichtlich gesehen hat sich der Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Denn Stress ist ein natürliches und biologisch festgelegtes Gefühl – ein Relikt aus prähistorischen Zeiten, in denen der Homo erectus in freier Natur lebte und jede falsche Bewegung tödlich sein konnte. Biologisch hat sich nichts geändert: Unsere heutige Stress-Software ist die gleiche wie die unserer Vorfahren. Stress tritt meist in Situationen auf, die als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar eingeschätzt werden. Somit ist Stress ein durchaus hilfreicher Schutzreflex:

ein Alarmsignal, das den Körper warnt und die Aufmerksamkeit erhöht,
eine automatische, also unbewusste Alarmreaktion, die den Körper auf blitzschnelles Handeln vorbereitet.

Die Reaktionen sind immer auf drei Ebenen möglich:

auf der Handlungsebene: Sie wenden sich ab, flüchten, gehen kritischen Situationen aus dem Weg oder kämpfen,
auf der gedanklich-emotionalen Ebene: Sie fürchten z. B. die Kontrolle zu verlieren oder zu sterben,
auf der körperlichen Ebene: Sie schwitzen oder frieren, erleben z. B. Schwindelgefühle, Muskelverkrampfungen, Benommenheit, Flimmern vor den Augen, Taubheit oder Kribbeln in verschiedenen Körperteilen, Übelkeit, Herzrasen, Harn-, Stuhldrang, Atemnot bis hin zu Erstickungsgefühlen.

Die drei Anteile treten nicht immer gleichzeitig und gleich stark auf. Dennoch spielen sie bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Stresssymptomatik eine Rolle.

Wann wird´s heikel?

Akuter Stress ist meist nicht gefährlich und nichts weiter als eine Anpassung des Organismus auf Belastung, obwohl er als unangenehm erlebt wird. Heikel wird´s, wenn zwischen den Stressphasen keine Zeit zur Erholung bleibt und die permanenten Anforderungen sich zur chronischen Überforderung entwickeln. Dann lässt sich die Frage „Ist Stress ungesund?“ eindeutig mit Ja beantworten: 90% aller Herzinfarkte sind Lebensstil-bedingt, nur 10% bleiben für die Genetik.〈1〉 Und: Innerhalb einer Stunde nach einer akuten Stresssituation steigt das Infarktrisiko auf das 17-fache.

Die langfristigen Folgen von Stress auf Körper und Seele sind vielfältig, sie können über allgemeine Erschöpfung und Müdigkeit hinaus körperliche Erkrankungen, Schmerzsyndrome und Autoimmunerkrankungen triggern. Beispiele sind:

Allergien, Ängste, Alkoholismus, Bluthochdruck, chronische Magen-Darmerkrankungen (z. B. Gastritis, Reizdarm, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Zwölffingerdarmgeschwür), Depression, Drogenkonsum (incl. Zigaretten), Erschöpfung, Essstörungen, Fibromyalgie, Hauterkrankungen, HNO-Erkrankungen (Hörsturz, Tinnitus, Schwindel), ständig wiederkehrende Erkältungen, Kopfschmerzen/Migräne, rheumatische Erkrankungen, Schlafstörungen, Überfunktion der Schilddrüse, eine Fülle von gynäkologischen und urologischen Problemen.

Nahezu alle Beispiele zählen auch zum Komplex der psychosomatischen Krankheitsbilder.

Andererseits haben Studien gezeigt, dass durch bewusste Entspannung zum Beispiel der Blutdruck sinkt, Schlafstörungen gelindert werden und auch die Anfälligkeit für Stress reduziert wird. Genauso wie unser Herz bei der Vorstellung einer (furcht)erregenden Situation heftig zu pochen beginnt, kann die Frequenz durch bewusste Beruhigung verringert werden. Das Erlernen von Entspannungstechniken ist ein wichtiger Teil eines gesundheitsbewussten, präventiven Lebensstils.

Stress ist Stress

Das Problem aber ist: Viele nehmen Dauerstress nicht ernst, weil sie diesen auch positiv wahrnehmen. Nach klassischer Definition wird Stress nicht nur negativ erlebt. Danach reagiert der negative „Dis“-Stresstyp mit einer blockierenden Erregung, der positive „Eu“-Stresstyp  mit besonderer Konzentration. Hinzu kommen geschlechtsspezifische Unterschiede des Stresserlebens und -verhaltens.

Diese Unterscheidungen spielen in der wissenschaftlichen Forschung jedoch keine Rolle mehr, dort wird nur noch zwischen akutem und chronischem Stress unterschieden. Begründung: Positiver Stress wirkt im Körper genauso wie negativer Stress. Soll heißen: Stress ist Stress.

In Stresssituationen startet das Gehirn eine Kettenreaktion, die das Herz in Alarmbereitschaft bringt, Angst und Furcht machen sich breit. Der Körper aktiviert alles, um mit der Situation fertig zu werden – völlig unabhängig davon, ob es sich um den Angriff eines Feindes oder eine Prüfung handelt. Der populärste Stress ist nach Ansicht von Stressforschern der Arbeitsstress. Am nachhaltigsten wirken die Pflege eines Angehörigen und der Verlust eines geliebten Menschen durch Tod.

Cortisol & Co.

Die komplexen stresserzeugenden Prozesse laufen im Körper mit enormer Geschwindigkeit und daher vielfach unbewusst ab. Klar ist, dass sich Stress über mehrere Wege im Gehirn auswirkt. Das Gehirn ist das zentrale Organ des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens. Und damit Sitz all jener Fähigkeiten, die das Menschsein ausmachen.

Welche Hirnstrukturen und Signalüberträger bzw. Nervenbotenstoffe zwischen den Nervenzellen beteiligt sind, ist Gegenstand zahlreicher Forschungen. Bisher kann gezeigt werden, dass zu den Netzwerken, die für eine normale Stressreaktion verantwortlich sind, die Amygdala (Mandelkern) gehört – ein paarig angelegtes Kerngebiet des Gehirns im vorderen Abschnitt des rechten und linken Temporallappens. Die Amydala (Plural: Amygdalae) ist Teil des Limbischen Systems und zentral bei der Entstehung und beim Ausdruck von Emotionen beteiligt, besonders von Furcht und Angst.

In allen Stresssituationen sind in erster Linie jene Nervenzellen bzw. Neuronen aktiv, die die Stresshormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin als Botenstoffe benutzen.

Die Neuronen, die Noradrenalin als Botenstoffe benutzen, stehen zu mindestens einem Drittel aller Nervenzellen des Gehirns in Kontakt. Je aktiver diese Zellen sind, umso mehr Noradrenalin produzieren sie. Parallel dazu wird der Körper mit Cortisol geflutet, einem im Nebennierenmark gebildeten Stresshormon, das zum Beispiel bei einer Infektion, einem akuten seelischen Trauma oder bei chronischem Stress freigesetzt wird.

Eines der ersten Hormone, das aktiv wird, hat den kaum aussprechbaren Namen Corticotropin-freisetzendes Hormon (Corticotropin-releasing Hormon, CRH). Es wird im Gehirn im Limbischen System aktiviert – jenen Hirnstrukturen, die unsere Gefühle, Instinkte und Gedächtnisfunktionen steuern. CRH wiederum stimuliert die Cortisolproduktion.

Bei kurzzeitigem Stress sind Adrenalin und Noradrenalin beteiligt, bei chronischem Stress mit Angstsymptomen ändern sich die psychosomatischen Reaktionsmuster und andere Stresshormone wie eben Cortisol werden ausgeschüttet.

Erweiterte Amygdala

Forscher am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben inzwischen auch Nervenzellen in einer Hirnregion lokalisiert, die für die Regulierung der Furcht- und Angstreaktionen verantwortlich sind: Der „erweiterte Amygdalakomplex“ oder „erweiterte Mandelkernkomplex“ gilt als das Gebiet, das die meisten Verknüpfungen mit anderen Gebieten aufweist.〈2〉Es ist ebenfalls eng mit der affektiven Bewertung eintreffender Informationen („Gefahr!“) und der entsprechenden Verhaltensreaktion verknüpft.

Hier fand das Team um Prof. Alon Chen und Dr. Marloes Henckens Nervenzellen, die Angstreaktionen auf Stress regulieren. Aktive Neuronen und niedrige Cortisolwerte reduzieren Ängstlichkeit, inaktive Neuronen und erhöhte Cortisolwerte produzieren Ängstlichkeit. Im Mausmodell dauerte es im ersten Fall weniger lang, bis sich nach einem stressauslösenden Ereignis die Werte normalisierten. Dieser Mechanismus spielt auch eine Rolle bei der Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

 


 

1 Yusuf S et al: The INTERHEART Study. The Lancet 2oo4. 364; 9438: 937-952. Doi: 10.1016/S0140-6736(04)17018-9

2 Henckens MJAG et al: Molecular Psychiatry 2o16.
Doi: 10.1038/mp.2016.133

Die Sache mit der Resilienz

 

SAGT DIE SEELE ZUM KÖRPER: GEH DU VOR,
AUF MICH HÖRT ER NICHT.
 ANTWORTET DER KÖRPER:

ICH WERDE KRANK, DANN HAT ER ZEIT FÜR DICH.

 

Bei der Entstehung vieler psychischer Erkrankungen wie Depression, Angst oder Sucht spielen Stress, traumatische Ereignisse oder belastende Lebensumstände eine wesentliche Rolle. Doch nicht jeder Mensch entwickelt eine psychische Erkrankung, wenn er sich Widrigkeiten ausgesetzt sieht. Die jedem Menschen mehr oder minder innewohnende „seelische Widerstandskraft“ hilft, Herausforderungen nachhaltig wirksam zu meistern und dabei mental gesund zu bleiben.

Die Tatsache, dass einige Menschen nicht oder nur kurzfristig erkranken, obwohl sie großem psychischen oder physischen Druck ausgesetzt sind, hat zu der Annahme geführt, dass sie über Schutz- und Selbstheilungskräfte verfügen, die eine Entwicklung stressbedingter Erkrankungen verhindern.

Die zugrunde liegenden Mechanismen werden zum einen in dem Modell der Salutogenese zusammengefasst: Der amerikanische Soziologe Prof. Dr. Aaron Antonovsky (1923-1994) ist der Frage nachgegangen, wie trotz allgemein widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen kann.

Soziologisch, psychologisch, genetisch … 

Auch die Resilienzforschung beschäftigt sich mit den Faktoren, die seelische Widerstandskraft positiv beeinflussen. Allerdings wirkt schon die Definition von Resilienz als psychischer Widerstandskraft nur auf den ersten Blick klar und eindeutig. In der Forschung wird Resilienz sehr unterschiedlich definiert und messbar gemacht. Und in der Praxis macht sich gerade ein vergleichbarer Hype wie mit der Achtsamkeit breit. Auch hier gilt: Nicht überall, wo Resilienz draufsteht … Sie wissen schon.

Der renommierte Trauer- und Traumaforscher Prof. George A. Bonanno, New York, glaubt an “natürliche Resilienz” – an eine ureigene Kraftquelle, die uns hilft, nach Verlusterfahrungen als Mensch zu wachsen und irgendwann in neue Balance zu kommen.[1] Denn, so Bonnano, „Resilienz ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände.“[2]

Resilienz ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände
George A. Bonanno

Rein empirisch betrachtet, stehen bisher die unterschiedlichen soziologischen, psychologischen und genetischen Dimensionen im Vordergrund der Forschung, beispielsweise soziale Unterstützung, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder typische Verhaltensweisen.

Wissenschaftler der Neuroimaging Center (NIC), einer zentralen Forschungsplattform der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und des Forschungszentrums Translationale Neurowissenschaften (FTN), haben all diese Einzelansätze nun um Neurobiologie ergänzt. Ihre Forschungsfrage lautete, ob es möglicherweise mit dem Gehirn einen gemeinsamen Nenner gibt; zu dem Zweck wurde die Datenlage aus Studien und Untersuchungen zum Thema Resilienz ausgewertet.

 

© Tim Bartel | Flickr

 

… und jetzt das Gehirn

Im Ergebnis rückt das Gehirn tatsächlich in den Mittelpunkt: „Wie bewertet das Gehirn belastende oder bedrohliche Situationen oder bestimmte Reize?“ lautet demnach die entscheidende Frage.

„Eine positive Reizbewertung ist vermutlich der zentrale Mechanismus, der letztlich über die Resilienz des Individuums entscheidet. Die vielen bisher identifizierten Faktoren bestimmen Resilienz indirekt, indem sie die Bewertung nur beeinflussen,“ schreiben die Autoren der Arbeit, die online in der Fachzeitschrift Behavioral and Brain Sciences veröffentlicht wurde.[3]

Eine interessante Konsequenz des Bewertungsansatzes sei, dass es weniger die belastenden Situationen oder Reize per se sind, die darüber entscheiden, ob Stress entsteht, sondern die Art und Weise, wie der Mensch die Situation bewertet. Es macht einen großen Unterschied, ob er mit seinem Schicksal hadert und sich als hilfloses Opfer sieht, oder ob er die Situation akzeptieren und sich auf eine Lösung konzentrieren kann. Ein positiver Bewertungsstil schützt demnach langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert. Weitere Merkmale von Resilienz sind die Fähigkeit, die eigenen Emotionen und Impulse kontrollieren und ein tragfähiges Netz aus sozialen Bindungen aufbauen zu können.

Den neuen Ansatz nennen die Wissenschaftler PASTOR (Positive Appraisal Style Theory Of Resilience), Ziel der damit verbundenen Aktivitäten in den nächsten Jahren soll es sein, insbesondere die neurobiologischen Prozesse zu erforschen, die einer positiven Bewertung durch das Gehirn zugrunde liegen.

„Wir wollen verstehen, welche Vorgänge im Gehirn Menschen dazu befähigen, sich gegen die schädlichen Auswirkungen von Stress und belastenden Lebensereignissen zu schützen und wie diese Schutzmechanismen gezielt gefördert und verstärkt werden können“, wird Prof. Dr. Raffael Kalisch, Leiter des NIC und Erstautor der Studie, in einer Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz zitiert. Für ihre Forschungen nutzen die Mainzer Wissenschaftler das 2014 gegründete Deutsche Resilienz-Zentrum Mainz (DRZ Mainz), dem europaweit ersten Zentrum dieser Art, in dem fachübergreifend mehrere Disziplinen zusammenarbeiten.

So soll es sein, denn noch gilt als weitgehend ungeklärt, auf welchen Prinzipien seine Aktivität basiert. Nur in gemeinsamer Arbeit kann es gelingen, das Gehirn selbst zu verstehen. Da das noch dauern kann, braucht es zunächst vor allem eines: regulatorische Flexibilität …

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ZUM THEMA

9 Ideen für eine bessere Neurowissenschaft. Neuroforschung in der Kritik – Wissenschaftler plädieren für Reformen | Gehirn & Geist, o2.o1.2o15
 

 

1 Bonanno GA: Die andere Seite der Trauer. Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden. Edition Sirius 2o12

2 Bonnano GA im Interview: „Der Mensch ist ein zähes Tier“. Brandeins 11/2o14, Schwerpunkt Scheitern

3 Kalisch R et al: Behav Brain Sci. 2014; 27:1-49. [Epub ahead of print]. DOI: 10.1017/S0140525X1400082X

In 80 Tagen zu sich selbst

Was ist Gesundheit für Sie? Die Abwesenheit von Krankheit? Ein Reservoir an körperlicher Energie und Stärke? Ausgeglichenheit und Leistungsfähigkeit? Vielleicht haben Sie Ihre Gesundheiet bisher auch einfach als gegeben hingenommen – bis zu dem Tag, als sie durch Krankheit verloren ging.

Und jetzt sollen Sie etwas ändern. Was auch immer es sei, eines tröstet Sie vielleicht: Nichts ist schwieriger als alte Gewohnheiten zu verändern. Wer etwas ändern soll, verlässt seine bisherige Komfortzone. Dabei gehen gelernte Routinen und vertraute Rituale verloren, damit letztlich neue geschaffen werden können. Die einfachste Lösung besteht darin, nur äußerlich etwas zu ändern. Das funktioniert langfristig aber nicht. Innere Veränderung ist aufwendiger.

Wer das bisherige Leben umkrempeln und neue Wege gehen möchte, tritt eine Reise an – eine Reise „in 80 Tagen zu sich selbst“, im Minimum (gelegentlich platzt der Knoten auch von einer Sekunde zur nächsten). Das erfordert Mut und Motivation. Mal ist genügend von beidem da, mal nicht. Dann ist man geneigt, die Ursachen in den äußeren Umständen oder im Verhalten anderer zu suchen. In aller Regel handelt es sich bei jedem Nichtgelingen eines Vorhabens um ein Zusammenspiel von äußeren Umständen und inneren, Stress erzeugenden oder Stress verschärfenden Einstellungen – und das nicht ausschließlich bei anderen.

„Den eigenen Anteil wollen manche Menschen nicht wahrhaben,“ sagt Prof. Dr. Gert Kaluza, Gesundheitspsychologe in Marburg. Ein Grund hierfür sei, dass sie dies mit Gefühlen von Versagen und Inkompetenz verbinden, was Selbstvorwürfe nährt. Das sei aber ein Missverständnis. „Wer die eigenen Anteile erkennt, befreit sich aus der Abhängigkeit von äußeren Umständen, denen wir uns als Opfer ausgeliefert sehen. Diese Erkenntnis öffnet den Blick für Entscheidungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume – und wir können trotz bestehender äußerer Belastungen für unser körperliches und seelisches Wohl sorgen.“ Das liest sich leicht, passiert aber nicht einfach so.

Der Sieg wird im Kopf entschieden

Die geäußerte Bereitschaft etwas zu verändern und ein möglicherweise einsichtsreiches Gespräch mit einem Arzt („Sie müssen abnehmen“ … „Ja, ich weiß“) genügen nicht, um dort Veränderungen zu bewirken, wo sie zuerst stattfinden: im Kopf. Nicht von ungefähr heißt es im Sport, dass der Sieg im Kopf entschieden wird. Gemeint ist damit zweierlei:

  • Zum einen geht es um mentale Stärke und Emotionen: Es geht um das, was uns bewegt und motiviert – im Körper, in Gedanken, im Gefühl, zum Handeln. Die emotionale Kompetenz lässt sich ebenso trainieren wie körperliche Kondition – und zwar durch Kontakt zu sich selbst und zu anderen. Ein Weg ist die Meditation.
  • Zum anderen geht es um die Funktionsweisen des Gehirns: Jede neue Lernerfahrung wird in verschiedenen Hirnregionen abgespeichert. Durch regelmäßige Inputs werden „seelische Landkarten“ (Engramme) gebildet, in denen das Wesentliche einen Platz findet. Die Engramme passen sich in jedem Augenblick den sich ändernden Anforderungen der Umwelt an: Neue Informationen überschreiben die alten und können durch immer gleiche Inputs festgeschrieben werden.

Mit anderen Worten: Nur Übung macht den Meister. Der Weg zu diesem Ziel bleibt eine Reise, die aus verschiedenen Phasen besteht.

Selbstbestimmung als Voraussetzung gelingenden Lebens setzt Entschiedenheit der Auswahl aus der Vielfalt der Sinnangebote, den integrativen Umgang mit Widerständen, die Fähigkeit zum Kompromiss sowie die Treue zum eigenen Lebensentwurf voraus
Armin G. Wildfeuer


Wildfeuer AG: Das „gute“ oder „gelingende“ Leben im Ethos der Demokratie. 5. Symposium des Professorenforums, 12. bis 13. April 2002, J. W. Goethe Universität, Frankfurt/Main