„Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben“

 

 

Alles wird gesund. Alles ist machbar. Endlich Schluss mit diesem oder jenem. Wir leben – auch – in einem durch und durch oberflächlichen Zeitalter, das von Jugendlichkeit und Fitness geradezu besessen ist. Dafür ist kein Weg zu weit, kein Versprechen zu teuer.

Was ist das, Selbstoptimierung um jeden Preis? Prävention? Die Antworten werden naturgemäß unterschiedlich ausfallen, da jeder Einzelne etwas anderes unter den Begriffen versteht.

Mein Thema ist nun mal die Prävention, und hier gilt: Grundsätzlich ist alles Prävention, was Krankheit verhindert, verzögert oder weniger wahrscheinlich macht. Der Begriff selbst kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Prävention setzt zeitlich vor dem Eintritt eines Risikos an, Therapie danach.

Schon mit den klassischen Möglichkeiten der Prävention kann jeder den großen Volkskrankheiten aktiv entgegenwirken oder, bei bestehenden Störungen, Schlimmeres abwenden. Jede Krankheit, die nicht entsteht, ist die beste Entlastung für – ja, für wen eigentlich?

Eine Gesellschaft, zu deren Lebensprinzipien bisher nicht die Salutogenese – die Gesundheitsentstehung als Wert an sich – gehörte, sondern die Pathogenese mit einer auf Funktionalität, Planbarkeit, Kontrollierbarkeit, Effizienz und monetären Gewinn ausgerichteten Hochglanzmedizin, befindet sich in einem Teufelskreis: Der Einzelne wird zum Opfer seiner Ansprüche – oder die anderer – an Machbarkeit und übersieht, dass sein Glück darin liegt, wie er selbst der Welt begegnet.

SEIT DER ANTIKE DIENT ETHISCHES DENKEN
IN ERSTER LINIE DAZU, DEM MENSCHEN DABEI ZU HELFEN,
EIN ERFÜLLTES LEBEN ZU FÜHREN. ETHISCHES DENKEN ALSO
ALS ANLEITUNG ZU EINEM GUTEN LEBEN.
GIOVANNI MAIO

 

Deshalb ist jede Erkrankung, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den präventologisch Handelnden und gleichsam ethisch Denkenden: „Seit der Antike dient ethisches Denken in erster Linie dazu, dem Menschen dabei zu helfen, ein erfülltes Leben zu führen. Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben,“ schreibt Prof. Giovanni Maio, Arzt, Philosoph und Medizinethiker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.〈1〉

ELF BIS 14 JAHRE LÄNGER LEBEN

 

Zu diesem gelingenden Leben gehören Maßnahmen, die sich nicht nur auf Korrekturen durch eine immer moderner werdende Medizin beschränken, nach dem Motto: Blutdruck zu hoch, Pille einwerfen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze geht es um aktive, im Wortsinn selbst-bewusste Korrekturen von Risikoverhalten im Alltag mit ganzheitlichen Ansätzen. Bereits kleine Veränderungen können große Wirkungen zeigen:

 Das „Richtige“ und weniger essen
 Sich täglich (mindestens) 30 Minuten bewegen
 Bei Belastungen entspannt bleiben
 Gut mit sich und anderen umgehen
 Auf ausreichenden Impfschutz achten

Ein gesunder Lebensstil, mehr noch: „positive Gesundheit“, kann die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre verlängern, lauten Ergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1999 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht. 〈2,3〉 Verhindern lassen sich 〈4〉

℘  92% aller Herzinfarkte
℘  90% aller Diabeteserkrankungen
℘  85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems
℘  50% aller Krebserkrankungen

Der Weg zu diesem Ziel ist eine Reise, an deren Anfang Selbstbestimmung und Selbstverantwortung stehen. Eines wie das andere ist für den Sozialphilosophen Prof. Armin G. Wildfeuer unentbehrlich für ein gelingendes Leben. Hinzu kommen 〈5〉

℘  Entschiedenheit bei der Auswahl aus der Vielfalt der Sinnangebote
℘  ein integrativer Umgang mit Widerständen
℘  die Fähigkeit zum Kompromiss
℘  Treue zum eigenen Lebensentwurf

Eine weitere Kraftquelle finden viele in ihrer Religiosität oder Spiritualität. Die einen glauben an einen Gott, andere daran, dass das Leben – jenseits von Konfessionen – Sinn und Bedeutung hat.

Sinn wiederum ist ein zentrales Thema in der Mind Body Medizin und damit in meinem Lebensstiltraining. Es ist der bewusst gesetzte Kontrapunkt zur Selbstoptimierung und hilft Ihnen nach einem 10-Wochen-Programm, Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden ganzheitlich, eigenverantwortlich – und in aller Ruhe – zu steuern. Und Ihre biographischen Risse, Sprünge, Brüche zu integrieren. Die Methoden wurden und werden vielfach untersucht, sind wissenschaftlich anerkannt und in ihren positiven Auswirkungen auf die Körpersysteme nachgewiesen. Und da jeglicher Sieg im Kopf entschieden wird, werden aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt.

JUGENDLICHKEIT MIT WEISHEIT IST SEXY

Weil ich die Kombination Jugendlichkeit und Weisheit sexy finde, habe ich eine kompakte Version entwickelt: Slow.Flow.Glueck. Meine 3-, 4- und 6-Tagesseminare auf Basis der Mind Body Medizin und in der wundervollen Atmosphäre der Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf und Groß Toitin, sind jeweils kleine Reisen zu einem Perspektivwechsel, zu „neuen Ohren“, ins Glück. 

Ich verbinde drei Kernaspekte für ein gutes Leben:

℘  Innehalten und sich mit allen Bedürfnissen intensiv wahrnehmen
℘  Den Körper und Geist ausgewogen bewegen
℘  Die Seele mit SlowSoul…Health Food wärmen

Sie sind in guter Gesellschaft: in einer Gruppe mit maximal zehn Gleichgesinnten, die wie Sie individuelle Wege suchen, um den Dingen des Lebens anders zu begegnen.

Slow.Flow.Glueck ist für die einen der Einstieg in ein verändertes Lebensgefühl, andere erleben die Zeit als einen „perfekt ausbalancierten Weg, um zwischendurch alles loszulassen und beseelt“ (O-Ton eines Teilnehmers) in den Alltag zurückzukehren.

 
OHNE EINSICHT IN … DEN SINN DES GEGEBENEN
KÖNNEN WIR NICHT GLÜCKLICH WERDEN.
GIOVANNI MAIO
 

 

QUELLEN

1 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

2, 3 EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition): Studie 2o1o

4 EPIC 2oo4

5 Wildfeuer AG: Das „gute“ oder „gelingende“ Leben im Ethos der Demokratie. 5. Symposium des Professorenforums, 12. bis 13. April 2002, J. W. Goethe Universität, Frankfurt/Main

 

ZUM THEMA

Klahre, AS: Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund? All die schoenen Worte, 11/2o14

 

Lebensstil, Darmgesundheit und Depression

 

Das Risiko, eine Depression zu entwickeln,
ist direkt verknüpft mit dem Lebensstil,
besonders mit schlechter Ernährung.

 

Rund 50 Nährstoffe braucht der Körper zum Leben, Arbeiten, Gesundbleiben und sich Wohlfühlen. Was, wenn er die dauerhaft nicht bekommt? Macht krank, sehr krank – und wird beschleunigt durch einen insgesamt ruinösen Lebensstil mit wenig Schlaf und noch weniger Bewegung. Einmal mehr zeigt jetzt eine australische Studie: Ein ungesunder Lebensstil mit einer ballaststoff-, obst- und gemüsearmen Ernährung und stattdessen stark verarbeiteten Nahrungsmitteln mit viel Fett, Zucker, Salz ist einer der Schlüssel auch für eine Depression.〈1〉

Zu diesem Ergebnis ist Dr. Joanna F. Dipnall vom Department of Statistics, Data Science and Epidemiology an der Swinburne University of Technology in Melbourne gelangt – mithilfe eines neuen Tools, dem Risk Index Depression (RID). Dieser enthält verschiedene Parameter zu individuellen Ernährungsfragen und dem Lebensstil und soll Medizinern und Erkrankten auch auf dieser Basis künftig helfen, erste Anzeichen einer Depression zu erkennen.

„Während die Risikofaktoren für Depression zunehmend bekannter werden, gibt es keinen Index für die Darstellung dieser Risikofaktoren“, schreiben Dipnall und Kollegen. „Wir wollten eine Methode entwickeln, die Schlüsseldeterminanten aus bereits veröffentlichten Forschungsarbeiten verwendet.“ Entsprechend wurden die Daten (Demographie, Klinik, Labor) aus der National Health and Nutrition Examination Survey (2009-2010, N = 5.546) ausgewertet. „Unser Ziel ist die Prävention“, so die Autoren. Auch die Veranlagung für Depressionen soll mit dem RID identifiziert werden können.

Völlig klar ist für die Wissenschaftlerin ein Zusammenhang zur Darmgesundheit. Ballaststoffe in Form von Vollkornprodukten, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen sind ein zentraler Faktor für die Darmgesundheit, die wiederum ist ein aktueller Schwerpunkt der Depressionsforschung.

Für Dipnall schließt sich hier ein Kreis: „Unsere Erkenntnisse liefern weitere Beweise dafür, dass Ernährung ein Hauptfaktor für die Darmgesundheit und das Depressionsrisiko ist.”

 

© Gero Sánchez | Flickr

 

Quelle


 

1 Dipnall JF et al: Aust & N Z Journal of Psychiatry
Online first 31. August 2017
https://doi.org/10.1177/0004867417726860

 

Zum Thema


 

Klahre AS: Dünne Haut, Risse in der Seele
SecondaVita Prævention, 22. Juni 2o15 und
Slow.Flow.Glueck, 8. Juli 2o17

Klahre AS: Ethical Food: Jeden Tag unverfälscht
SecondaVita Prævention, 18. Dezember 2o15

Klahre AS: Soul Food. Slow Food. Einfach gut
Slow.Flow.Glueck, 17. August 2o17

 

Innehalten

 

 

 

Eine gute Verbindung zum Partner, zu Freunden, zu Menschen im Berufsleben ist eine Quelle, aus der wir Energie für den Alltag gewinnen. Wie unersetzlich aber Momente sind, in denen wir innehalten, zeigt sich immer dann, wenn wir abseits von Aktivitäten – oder Aktionismus – und vielen Leuten zur Ruhe kommen, langsamer, still werden. Nichts tun.

Wer seinem Bedürfnis nach Rückzug von Zeit zu Zeit folgt und die Abgeschiedenheit sucht, kann konzentriert Gedanken sammeln, an einem Problem oder Thema arbeiten. Oder in „ruhiger Wachheit“ abwarten, bis Erkenntnisse sich von selbst einstellen. Eine anspruchsvolle Übung hierbei: Nichts, rein gar nichts werten, was einem so in den Kopf kommt.

Solche Selbstgespräche können gut begleitet werden von Büchern, Musik, Gehen in einsamen Landschaften, Medititationen … die Möglichkeiten sind grenzenlos. Je ruhiger und harmonischer die Umgebung ist, umso besser.
 
Die Gastgeber der wunderschönen Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf, Groß Toitin und ich laden dazu ein, drei, vier oder sechs Tage innezuhalten und mit dem exklusiven Slow.Flow.Glueck-Programm von allem zu entkoppeln, was stresst und anspannt: in Stille, mit heilsamer Bewegung, beim gemütlichen Speisen mit Gleichgesinnten.
 
Slow.Flow.Glueck ist gemacht für Damen, Herren, Paare, Eltern, Chefs, Mitarbeiter, Alleinherrscher – für alle, die individuelle Wege suchen, um

ς mit Überforderung, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und … besser umzugehen
ς Frustration, Ängste, Wut loszulassen
ς Schmerzen zu lindern
ς die Seele zu streicheln und den angestrengten Körper zu beruhigen
ς zu entschleunigen und still zu werden
ς den Lebensstil um schöne Impulse zu bereichern

Freuen Sie sich auf ein Abenteuer der anderen Art und lernen Sie sich neu kennen. Das Ergebnis ist mehr Kraft und Klarheit und das wunderbare Wissen, „the most difficult and the most intellectual thing in the world“ (Oscar Wilde) tun zu können: nichts. Jedenfalls nicht viel.

 

Slow.Flow.Glueck auf Facebook

 

Gestresstes Herz, was brauchst Du?

 

  

Ungefähr so viele Menschen wie eine Kleinstadt Bewohner hat, erliegen jedes Jahr einem plötzlichen Herztod.
Das sind mehr als zusammengenommen jene, die hierzulande an Lungenkrebs, Brustkrebs und Aids sterben.

 

Die Erde – in Aufruhr. Die Menschheit richtet sie und sich zugrunde. Terroranschläge und andere gesellschaftliche Verrohungen vor der Haustür, weltweite Migration, hoher Arbeitsdruck, wirtschaftliche Sorgen … Die Verunsicherungen und Ängste vieler Menschen sind inzwischen mit Händen zu greifen, die Nerven vieler liegen blank. Wenn mehr oder minder chronischer Stress plötzlich und tödlich endet, lautet die Diagnose „plötzlicher Herztod“ (PHT) oder „Sekundentod“.

Immer wieder taucht hierbei das Bild vom scheinbar heiteren Himmel auf. Doch von rund 200.000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr einen akuten Herzstillstand nicht überleben, sind nur etwas mehr als zehn Prozent kardiale Risikopatienten, die nach einem Infarkt bereits an einer Herzmuskelschwäche litten oder eine andere Herzerkrankung hatten.〈1〉

 

Meistens geht diesem unvorhersehbaren
und schrecklichen Ereignis eine längere Phase
mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus

Karl-Heinz Ladwig

 

„Meistens geht diesem unvorhersehbaren und schrecklichen Ereignis eine längere Phase mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus. Im Nachhinein lassen sich in vielen Fällen klassische Alarmzeichen ausmachen, etwa finanzielle Sorgen, eine belastende Arbeits- oder frustrierende Familiensituation.“ Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, am Helmholtz Zentrum München tätiger Psychokardiologe, hält diese psychosozialen Aspekte kardiologischer Leiden für unterrepräsentiert und machte dies im April in Mannheim anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie deutlich: „Der plötzliche Herztod ereilt die Betroffenen entgegen einer verbreiteten Vorstellung in der Regel nicht nach einer einmaligen Aufregung. Akuter Ärger, Angst oder andere Aufregungen sind nur Auslöser.“〈2〉

Physiologisch betrachtetet sind meist Herzrhythmusstörungen wie Kammerflimmern oder auch das sogenannte Broken Heart Syndrom direkte Auslöser eines PHT. Beim Broken Heart Syndrom (auch: Stress-Kardiomyopathie, Tako-Tsubo-Syndrom) verengen sich die Herzkranzgefäße akut krampfartig. Betroffen sind vorwiegend Frauen jenseits der Wechseljahre. Die Symptome gleichen denen eines Herzinfarktes, sie treten meist unmittelbar nach einer außerordentlichen Belastung auf.

Dass die Ursachen im emotionalen Bereich liegen können, hat unter anderem eine Studie aus Los Angeles gezeigt: Dort hatten Forscher die Auswirkungen des „Northridge Erdbebens“ am 17. Januar 1994 untersucht, eines der stärksten Erdbeben, das bis dato in den USA registriert worden war.〈3〉 Die Zahl der plötzlichen Herztode von durchschnittlich 2 bis 4 war am Tag der Katastrophe sprunghaft auf 24 angestiegen. 16 Menschen starben binnen einer Stunde nach den ersten Erschütterungen. Nur drei Todesfälle standen in Zusammenhang mit physischer Belastung. In der Woche nach dem Erdbeben lag die Zahl der plötzlichen Herztode unter dem Durchschnitt (2,7 ± 1,2).

 

Neben der Veranlagung spielt auch die Art,
wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen,
eine wesentliche Rolle
Karl-Heinz Ladwig

 

„Auch wenn wir noch nicht alle Zusammenhänge im Detail verstehen, zeigt sich, dass es für den stressinduzierten Herztod zwei Komponenten braucht,“ so Ladwig. „Neben der Veranlagung spielt auch die Art eine wesentliche Rolle, wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen. Anders ausgedrückt: Wer Stress besser bewältigen kann, hat ein geringeres Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden.“

In den meisten Fällen seien mehr körperliche Bewegung, ein gezieltes Stressmanagement oder Entspannungstechniken ausreichend und können das Risiko für einen plötzlichen Herztod signifikant senken, so Ladwig.

Aus Sicht von SecondaVita Prævention ließe sich ergänzen:

 

Ernährung umstellen
 Gegebenenfalls Zigaretten- und Alkohlokonsum deutlich drosseln
 Genügend schlafen
 In geschützter Atmosphäre reden über das, was schwer lastet
 Sich sortieren, neu ordnen und wohltuende Perspektiven entwerfen
 Seelische Widerstandskraft – Resilienz – trainieren
 Sich eine lang nachklingende präventive Auszeit verordnen

 

Bei Verdacht auf eine klinisch manifeste Depression soll ein weiterer Experte hinzugezogen werden. 

Stress ist ein eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen und verdiene mehr Aufmerksamkeit, betonte Ladwig: „Schon das gezielte Ansprechen der Lebenssituation und psychischen Befindlichkeit kann einen hohen therapeutischen Wert haben.“

Dies mag den einen oder anderen Kardiologen überrascht haben.

 


 

1 Deutscher Herzbericht 2o16. Deutsche Herzstiftung, Berlin, 25. Januar 2o17

2 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie
Mannheim, 19.o4.-23.o4.2o17

3 Leor J et al:  N Engl J Med 1996; 334:413-419
DOI: 10.1056/NEJM199602153340701

 

 

Trauer und Selbstfürsorge

   Es ist die Ironie meines Lebens,
dass ich meinen Ehemann verlieren musste,
um mehr Dankbarkeit zu lernen.  S Sandberg

Sheryl Sandberg war 45, als sie 2o15 plötzlich Witwe wurde. Ihr Ehemann Dave war aufgrund einer Herzrhythmusstörung von einem Laufband gefallen. Mrs. Sandberg ist Hausfrau, Mutter von zwei Töchtern und eine der einflussreichsten Managerinnen in der Social-Media-Welt, aktuell bei Facebook. Bevor sie ihren nicht minder erfolgreichen Mann verlor, galt sie als knallharte Karrieristin.

Gesagt hat sie den eingangs zitierten Satz im Mai 2o16, im Rahmen eines Vortrags an der Elite-Universität Berkley vor etwa 5000 Absolventen.〈1〉 Es war ihr erster öffentlicher Auftritt nach jenem Albtraum, den sie als das Furchtbarste bezeichnete, das ihr hatte passieren können. Sie hatte das Gefühl, als würde sie in Kummer und Einsamkeit ertrinken.

Ein Jahr später wollte sie den jungen Leuten etwas mit auf den Weg ins Leben geben, das sie, wie sie sagte, nur mit viel Unterstützung gelernt habe, nämlich Tragödien zu überwinden: „Wenn das Leben euch unter Wasser zieht, hoffe ich, dass ihr euch daran erinnert, dass tief in euch die Fähigkeit steckt, daran zu wachsen.“〈1〉

Die Erfahrung desjenigen, der bleibt

Dieses Beispiel soll das Thema Trauer eingrenzen: Es geht um den Verlust eines geliebten Menschen. Es geht um die Verlusterfahrung desjenigen, der bleibt. Ich betone das, weil Trauer sich auch einstellen kann, wenn wir etwas Wichtiges verlieren. Auch der Mensch trauert, der weiß, dass er in absehbarer Zeit sterben wird – er trauert nicht selten um das, was er versäumt hat zu tun.

Doch all jene, die diesen Menschen auf seinem Weg aus dem Leben begleiten, haben zu jenem Zeitpunkt meist noch vieles andere zu klären; sie wissen so gut wie nichts darüber, was sie erwartet, wenn das Leben den Sterbenden schlussendlich freigibt. Nicht selten kommt hinzu: Sie möchten es nicht wissen. Der Widerstand das zuzulassen, was damit verbunden sein kann, ist hoch.

Bei Untersuchungen über belastende Lebensereignisse steht der Tod eines Angehörigen auf Platz eins.〈2〉Die Psychiater Thomas Holmes und Richard Rahe aus Washington haben 1967 The Social Readjustment Rating Scale (SRRS) entwickelt, um das Ausmaß von Stress messen zu können. Die Skala ist so aktuell wie eh und je, sie ist die am häufigsten eingesetzte in der sogenannten Life-Event-Forschung: Insgesamt 43 negativen wie positiven Lebensereignissen werden Stresswerte von 0 bis 100 zugewiesen. Der Tod des Ehepartners erreicht 100 Punkte, der eines nahen Familienangehörigen 63.

Ich habe fünf Jahre meine Mutter auf dem Weg aus ihrem Leben begleitet, war vorbereitet, wir hatten Zeit uns zu verabschieden. Und als sie in unserem letzten Telefonat flüsterte „Ich habe Angst“, war ich ganz nah: „Alles ist gut, Mama, Du bist auf dem Weg, und ich bin bei Dir.“ Doch als es am nächsten Mittag so weit war, war ich nicht bei ihr. Ich war auf dem Weg zu ihr, auf der Autobahn. Ich habe es nicht geschafft. Es war verheerend. Zunächst.

Magie hoch ambivalenter Zustände

Heute, eine große Lebenszäsur später, kann ich sagen: Wer sich traut bewusst zu trauern, wer seine Bedürfnisse wahrnimmt und sie sich erfüllt, wer die Magie in hoch ambivalenten Zuständen entdeckt und letztlich den Tod als unabdingbaren Bestandteil des Lebens annimmt, kann nur gewinnen. Was?

Vielleicht ist es eine neue innere Ordnung. Sehnsucht nach Stille. Eine wertschätzende und nicht permanent wertende Haltung zu den Menschen, die uns begegnen. Eine im Wortsinn bedingungslose Liebe oder tiefes Vertrauen in die Kraft der Intuition.

Diese und wie es scheint, in diesen Zeiten immer kostbarer werdenden Ressourcen können wie ein Schatz gehoben werden, und werden inzwischen unter einem Begriff zusammengefasst: Natürliche Resilienz.〈3〉

Zu verdanken ist der Begriff George A. Bonanno, Professor für klinische Psychologie am Teachers College der Columbia University in New York. Bonanno gilt als Pionier in der Erforschung des anfangs – vor etwa 20 Jahren – kontrovers diskutieren Ansatzes, dass man Verlustschmerz, Trauer und Leid als einen natürlichen Vorgang erleben kann, der das Vorhandensein einer authentischen Widerstandskraft – resilience – des Menschen dokumentiert.

Die These reiht sich quasi nahtlos ein in die Untersuchungen anderer großer Kaliber, die deutlich früher intensiv darüber nachgedacht haben, wie trotz widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen und der Mensch Ja zum Leben sagen kann:

  • Aaron Antonovsky (1923-1994), amerikanischer Soziologe und Vater der Salutogenese
  • Viktor Frankl (19o5-1997), Wiener Neurologe und Psychiater, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Überlebender des KZ Buchenwald
  • Hans Selye (19o7-1982), Wiener Arzt, Vater der Stressforschung und des Adaptionssyndroms, das die Reaktionen des Körpers auf Stress beschreibt.

Demnach verfügen resiliente Menschen durchweg über einen gut bestückten Werkzeugkoffer – über bestimmte psychologische Merkmale, die es ihnen erleichtern, sich Herausforderungen verhaltensflexibel anzupassen. Sie verfügen über Ressourcen, die sie aufgrund sehr gesunder Reaktionen in sehr schwierigen Zeiten entwickelt haben.

Diese finden ihren Ausdruck in einem Gefühl des Selbstvertrauens, der Selbstbestimmtheit und auf anderer Ebene der Sinnhaftigkeit, das das zuweilen sehr schmerzhafte Leben „überdauert” und nicht generell in Zweifel zieht.

Trauer oszilliert

Die Resilienzforschung beschäftigt sich ursprünglich damit, was Menschen stark macht, die unter ungünstigen Bedingungen sozialisiert wurden. Resilienz gilt demnach nicht als ein genuines, angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern als eine Kompetenz, die im Verlauf der Entwicklung erworben wird. Oder, um noch einmal Sheryl Sandberg zu zitieren: „Ihr seid nicht mit einer festen Menge an Resilienz auf die Welt gekommen. Es ist ein Muskel, den ihr trainieren könnt und den ihr dann benutzen könnt, wenn ihr ihn braucht.“ 〈1〉

In Bonannos Welt ist das Äquivalent zu dem Muskel eine ureigene Kraftquelle, aus der sich auch in der Trauer schöpfen lässt und dabei hilft, als Mensch zu wachsen und irgendwann in neue Balance zu kommen. Der damit verbundene Prozess kann dauern, der Weg kann durch manche Hölle und höchst eigenartige Gefühlszustände führen.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, haben Bonanno und Kollegen die reichhaltige Ratgeberliteratur analysiert. 〈3〉 Es wurden alle klassischen Konzepte von Trauer infrage und vielen hundert Leuten Fragen gestellt, die vorher niemand gestellt hatte. Zum Beispiel diese: Gibt es einen typischen Trauerverlauf und wie sieht der aus?

Ausgangspunkt für diese und alle weiteren Überlegungen war der Versuch, Trauer begrifflich zu fassen.

   Trauer ist eine komplexe Erfahrung,
die zunächst dominiert wird
 von einem nie zuvor empfundenen
intensiven Gefühl von Kummer und tiefem Schmerz,

der uns vollständig durchdringen und ausfüllen kann. G Bonnano

Als Reaktion auf einen gegebenenfalls unvorstellbaren Verlust – gegebenenfalls im Sinne von „mitten aus dem Leben, von jetzt auf gleich“ – ist Trauer eine hoch komplexe Erfahrung, die zunächst dominiert wird von einem nie zuvor empfundenen intensiven Gefühl von Kummer und einem tiefen Schmerz, der uns vollständig durchdringen und ausfüllen kann. Kein Stein ist mehr auf dem anderen, die Koordinaten des bio-psycho-sozialen Systems verschieben sich.

Immer ist es mit starken und vor allem stark schwankenden emotionalen Reaktionen verbunden: mit Wechselbädern von Gefühlen des Schmerzes und der Einsamkeit, aus denen auch Anflüge von Heiterkeit, echtem Lächeln, herzlichem Lachen auftauchen, und ja, sogar magische Momente des Glücks.

Diese Wellen, Bonanno nennt sie oszillierende Trauer, sind eine Überlebens- bzw. Bewältigungsstrategie. Diese wird hierzulande als vielleicht bedeutendste Innovation im Rahmen eines Trauerprozesses gewürdigt. Der französische Regisseur Alain Resnais hat in dem Filmdrama L´Amour á mort das Muster so definiert: “Es ist dunkel. Man klammert sich mit beiden Händen an ein Geländer, hat ständig Angst auszugleiten. Und wenn man schon glaubt, jetzt habe es sich mit dem trauern und man bekommt endlich ein Paar neue Schuhe, dann schleicht sie sich wieder heran.”

Wir wechseln die Gangart

Mit anderen Worten: Wir wechseln die Gangart. Pendeln emotional zwischen polarisierenden Gefühlen, sind jetzt in der Fassungslosigkeit, tun, was nötig ist. Dann kommt Licht ins Dunkel und wir treten in Kontakt zu unserer Umwelt. Anschließend tauchen wir wir wieder ab.

Das Muster geht in dem Maße in ein flexibleres Schwingen und eine stabilere Balance über, wie der Einfluss quälender Emotionen und die Sehnsucht nach dem Verstorbenen allmählich abnimmt. Der Hinterbliebene kann näher an die Normalität heranrücken, er erlangt eine gewisse Kontrolle über seine Trauer, kann über den Verlust reden. Ganz langsam verlängern sich die heilsamen Umschwünge.

„An diesen Wellenbewegungen ist das vielleicht Verblüffendste, dass sie so wenig der landläufigen Auffassung ähneln, wonach ´erfolgreiches Trauern` von Phasen und Stadien abhängt, die im Sinne eines langwierigen Arbeitsprozesses vollständig durchgemacht werden müssen, bevor ein Verlust als erfolgreich bewältigt gilt,“ schreibt Bonanno.〈3〉 Und meint: Andere Experten, Freud zuerst, haben den Begriff der „Trauerarbeit“ geprägt, Elisabeth Kübler-Ross hat die fünf Phasen der Trauer –Verleugnung. Zorn. Verhandeln. Depression. Akzeptanz – detailliert beschrieben.

„Es gibt keine Phase für positive Gefühle, was vielleicht der Grund dafür ist, dass diese traditionell mit Verleugnung gleichgesetzt wurden,“ schreibt Bonnano. Er und seine Kollegen haben keine Beweise für „irgendeine dieser Ideen“ gefunden. Im Gegenteil: „Das Hauptproblem bei solchen Ideen ist, dass man dazu tendiert, strenge Maßstäbe für richtiges Verhalten aufzustellen … Vielleicht richten sie deshalb mehr Schaden an, als dass sie Gutes bewirken.“

Keine Diagnose. Doch manchmal kompliziert

Als konstanter Befund habe sich gezeigt, dass Trauer keine eindimensionale Erfahrung ist. Weder sei sie für alle gleich, noch gebe es Anzeichen für bestimmte Stadien. Die vielschichtigen Trauerreaktionen verlaufen langfristig eher unterschiedlich.

Es gibt Menschen, die leiden unter einer chronischen Trauer. Der Verlustschmerz lähmt sie über Jahre, seelische und/oder körperliche Beschwerden hindern sie daran, ihre früheren täglichen Aktivitäten wieder aufzunehmen. Es ist durchaus möglich, dass sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Verlust als Posttraumatische Belastungsstörung manifestiert hat. Das gilt insbesondere, wenn der Angehörige eines gewaltsamen Todes gestorben ist, sei es durch einen Terroranschlag oder eine Naturkatastrophe, im Krieg oder durch Mord.

Insgesamt ist Trauer an sich keine Diagnose. Dennoch wird in den USA versucht, der komplizierten und prolongierten Trauer den Status eines Krankheitsbildes zu geben. Seit Juni 2o16 gibt es dafür die Bezeichnung „komplizierte Trauer“ (complicated grief disorder, CGD), sie ist jedoch noch nicht allgemein anerkannt. Die neueste Version des DSM-5, dem Diagnose-Manual der American Psychiatric Association, hat die „Persistent complex bereavement disorder“ zumindest schon mal in die Kategorie „Conditions for Further Study“ aufgenommen. Man darf gespannt sein, was daraus wird.

Andere leiden intensiv, sie durchleiden Phasen des Schmerzes und der Einsamkeit, sie verlieren auch die Orientierung, die Bewältigung ist ein unfassbarer Kraftakt. Und doch finden sie nach einer gewissen Zeit einen Weg, langsam wieder am Leben teilhaben zu können. Für sie, und das sind die meisten, gilt: So furchtbar Trauer ist, langfristig gesehen übernimmt sie nicht die Macht.

Manche sind sogar fähig, sich im Job zu konzentrieren, alle Aufgaben zu erledigen, normal zu essen und zu schlafen. Nur wenn sie allein sind und Zeit haben für stille Besinnung, lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf.

Drei Jahre

Während die Amerikaner keine Zeitachsen thematisieren, haben Wissenschaftler der Universität Würzburg sich in einer Befragung von 521 Teilnehmern besonders für die Dauer des Trauerprozesses interessiert.〈4〉

Fasst man die Antworten von Befragten zusammen, deren Verlust eine ähnlich lange Zeit zurückliegt, so ist Trauern für viele nicht nach wenigen Monaten und nicht einmal nach dem hierzulande verankerten traditionellen Trauerjahr abgeschlossen:

„Innerhalb des ersten Jahres nehmen Beeinträchtigungen durch unangenehme Gedanken und Gefühle einerseits und das Empfinden der Nähe zu der verstorbenen Person andererseits an Intensität stark zu,“ lautet ein zentrales Ergebnis der Studie.

Ähnlich stark verlaufe dann die Abnahme der Intensität während der folgenden zwölf bis 18 Monate. Hierbei leiden Frauen stärker unter dem Verlust einer nahen Bezugsperson als Männer. Im zweiten Jahr zeigt sich demnach auch, ob die Gefühle auf hohem Niveau bestehen bleiben, ob also ein normaler Bewältigungsprozess oder ein behandlungsbedürftiges Trauern vorliegt. Die Autoren, Prof. Dr. Joachim Wittkowski und Dr. Rainer Scheuchenpflug, sind der Meinung, dass dies für die Diagnose einer anhaltenden komplexen Trauerreaktion von eminenter Bedeutung sei.

Während eines für sie „normalen Trauerprozesses“ lassen über den Zeitraum von drei Jahren hinaus sowohl die Beeinträchtigungen als auch das Empfinden der Nähe zur verstorbenen Person beständig nach.

„Am Ende der intensivsten Phase nehmen sowohl positive Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten zu, gleichsam wächst auch die Fähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl mit anderen Menschen,“ heißt es. Der Trend bleibe auch mehr als zehn Jahre nach dem Verlust bestehen. Schuldgefühle blieben langfristig nahezu unverändert auf einem mittleren Intensitätsniveau.

Der Versuch, massiven Stress zu verarbeiten

Zurück zu Bonanno hat sich aus allen Erkenntnissen ergeben, dass der Versuch, Trauer zu definieren, zwei Teile hat.

Trauer ist eine komplexe Erfahrung ohne Regeln und mit dem Potenzial für Reifung: ein hoch individueller Bewältigungsprozess von Verlustschmerz mit unterschiedlichen Strategien, die wiederum von Faktoren wie Lebensalter und Lebenssituation, Kontext und Kulturkreis bestimmt werden. Menschen in westlichen Kulturen haben eine völlig andere Auffassung von Leben, Sterben und Tod als Menschen in nicht-wesentlichen Kulturen.

Im zweiten Teil kommt das Gehirn hinzu.

Neurophysiologisch ist Trauer eine massive Stressreaktion in verschiedenen Hirnarealen und im gesamten Hormonsystem – und damit ein Versuch von Kopf und Körper, mit einer Situation fertig zu werden, die als Relikt aus prähistorischen Zeiten als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar wahrgenommen wird. Entwicklungsgeschichtlich muss der Organismus sich an die Belastung anpassen und daran gewöhnen, obwohl diese als unangenehm erlebt wird.

Bestimmte Hirnregionen sind besonders betroffen:

Der Hirnstamm und das Kleinhirn, in dem basale Vorgänge wie Essen, Schlafen, Atmen, Kreislauf reguliert werden.

Das limbische System, eine Funktionseinheit mit Verbindungen zu den Steuerungszentren anderer Hirnregionen und u. a. verantwortlich für die Verarbeitung von Emotionen und die Ausschüttung körpereigener Opioide, die eine Rolle dabei spielen, Schmerz zu unterdrücken.

Der Neokortex, also die Oberfläche des Großhirns und der beim Menschen größte Teil (rund 90 %) der Großhirnrinde mit 20 bis 23 Milliarden Neuronen. Der Neokortex repräsentiert verschiedene Funktionen des zentralen Nervensystems, z. B. Sinneseindrücke, Bewegungen, Wahrnehmungen.

 Die Art des Trauerns hängt
einerseits davon ab,
wie Trauernde mit ihren Erinnerungen umgehen,
wie sie die Erinnerungen erleben und
was sie ihnen entnehmen. 

Die Zusammenhänge sind hilfreich dafür, Trauern mit dem neurobiologischen Ansatz in der Resilienzforschung zu verknüpfen.

Laut Bonnano hängt die Art des Trauerns einerseits davon ab, wie Trauernde mit ihren Erinnerungen umgehen, wie sie die Erinnerungen erleben und was sie ihnen entnehmen. Zum anderen legen aktuelle Forschungen nahe, dass der zentrale Mechanismus, der über Resilienz entscheidet, vermutlich eine positive Reizbewertung im Gehirn ist. Diese Ergebnisse wiederum kommen aus Deutschland: aus dem Deutschen Resilienz-Zentrum in Mainz, einer Forschungsplattform der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dem Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften.

Die entscheidende Frage lautet demnach: Wie bewertet das Gehirn belastende oder bedrohliche Situationen oder bestimmte Reize?“

All das ist Selbstfürsorge

Jede Form von Stress oder Unglück fordert uns. Es ergibt aber einen großen Unterschied, ob der Mensch mit seiner Situation bzw. seinem Schicksal hadert und sich als Opfer sieht oder ob er die Situation akzeptieren und sich auf eine Lösung konzentrieren kann.

Losgelöst von Trauer heißt das: Ein positiver Bewertungsstil schützt langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert – und das maßgeblich dadurch, dass Nervenbotenstoffe verstärkt ausgeschüttet werden, die umgangssprachlich als „Botenstoffe des Glücks“ bezeichnet werden. Dazu gehören Serotonin, Dopamin, Acetylcholin.

Bezogen auf Trauer heißt das:

In Erinnerungen schwelgen

Sich in Momenten stiller Besinnung die Liebe, das Glück und Wärme vergegenwärtigen

Tiefe Gefühle oder Gewissheiten durch Symbole und Rituale ausdrücken

Reden und Nachdenken, Schreiben und Meditieren

Tiefe Verbundenheit in Form von lauten Gesprächen mit dem Verstorbenen: Sprache verleiht den Gedanken Ordnung und Klarheit und bringt den Verstorbenen für einen Moment zurück. In vielen Weltreligionen ist diese sogenannte rituelle Kommunikation integraler Bestandteil der Trauer

Fragen an sich selbst: Was fühle ich gerade? Was denke ich gerade? Was möchte ich jetzt tun? – auch wenn es etwas Ungewöhnliches ist …

All das ist Selbstempathie, denn Menschen, die mit Verlustschmerz zu kämpfen haben, brauchen Trost nicht nur von einem oder mehreren Vertrauten.

Menschen, die die Endgültigkeit des Verlustes annehmen können, sind auch imstande, sich allein mit Erinnerungen zu trösten. Das macht es nicht weniger schmerzhaft, lässt aber besser aushalten, was eigentlich unerträglich zu sein scheint. Wer sich also mit dem verbinden kann, was nicht fort ist, kann, wie die Gattin von James Last anlässlich des ersten Todestages 2o16, mit engsten Freunden und gegebenenfalls den Kindern in Gedenken „einen fröhlichen und auch besinnlichen Tag“ verbringen.

Einfach sein

Diese Kraft ist kostbar. Geht es doch nicht so sehr um aktives Tun als vielmehr darum, einfach zu sein. Mit sich, anderen und dem Menschen, der gegangen ist.

Die Sensibilität, die darin steckt, die Konzentration auf das Wesentliche, das reflektierende Denken, das Gespür für Sinn und für dessen Fehlen, ist ein großes Geschenk an sich selbst und letztlich an die Gesellschaft.

Denn Menschen, die sich einlassen und nicht möglichst schnell wieder funktionieren wollen, begeben sich auf eine Art Heldenreise – auf jeden Fall in einen klärenden Prozess zu mehr persönlicher Reife und spirituellem Wachstum. Diese Menschen werden sich später nicht abwenden, wenn andere leiden, da sie wissen, wie sich das anfühlt.

Der Weg kann viele Jahre dauern. Jener Teil dieser Gesellschaft, der solche Schritte noch nicht gehen konnte und dessen Wahrnehmung auf die Vordergründigkeiten der menschlichen Existenz gerichtet ist, nimmt auf jeden Fall wahr, dass der Umgang mit Trauernden nicht einfach ist.

Der Erzfeind des Lebens kann in Gestalt eines Trauernden dann die seltsamsten Blüten treiben.

   Die Zeit hilft mir sehr. Am Grab
zu sein gibt mir Kraft, innere Ruhe und die Gewissheit,

für ihn die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. C Last


Zum Thema

Memoria Tui. Am Ende ein Anfang

1 Sheryl Sandberg, University of California, Berkeley,
14. Mai 2o16

2 Holmes T, Rahe RThe Social Readjustment Rating Scale (SRRS), Washington 1967
http://www.acc.com/aboutacc/newsroom/pressreleases/upload/srrs.pdf

3 Bonanno GA: Die andere Seite der Trauer, Aisthesis 2o12

4 Wittkowski J, Scheuchenpflug R: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie; 2o15: 169-176.
DOI: 10.1026/0943-8149/a000145

Lust auf positive Gesundheit

© Fabian Christ | Flickr

 

Die Fastenzeit beginnt, der Bis-Ostern-Verzicht auf wahlweise Alkohol, Süßes, Tütensuppen und inzwischen sogar auf permanente Erreichbarkeit. Wie wäre es, wenn das eine oder andere auch darüber hinaus funktionieren könnte – mehr noch und sozusagen als frommer Wunsch: Möge das Fasten so ganz und gar Lust auf Gesundheit machen. Denn mit der Gesundheitskompetenz ist es ein Kreuz.

 

Gesundheit ist … für jeden etwas anderes. Die Ansichten darüber, welche Bedingungen über Gesundheit und Krankheit entscheiden, sind höchst unterschiedlich. Der persönliche Blick entscheidet weitgehend darüber, ob jemand gesundheitsbewusst lebt oder nicht. Wer davon überzeugt ist, dass Gesundheit überwiegend „eine Frage der Gene“ oder “Schicksal” sei und man da halt nichts machen könne, wird sich kaum für Prävention interessieren.

Das ist schade, weil internationale Studien eindrucksvoller denn je darauf hinweisen, dass die Gesundheitskompetenz des Einzelnen verbesserungswürdig ist. Forscher der Universität Bielefeld haben Gesundheitskompetenz als das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit beschrieben, “gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und zu nutzen, um die Gesundheit erhalten, sich bei Krankheiten nötige Unterstützung durch das Gesundheitssystem sichern oder sich kooperativ an der Behandlung und Versorgung beteiligen und die dazu nötige Entscheidung treffen zu können.” 〈1〉International wird diese basale Kompetenz als Health Literacy bezeichnet.

Bei 54,3 Prozent der Deutschen will das eine wie das andere nicht so recht funktionieren, heißt es im Ergebnisbericht der im Dezember 2o16 veröffentlichten Health-Literacy-Studie (HLS-GER) der Universität Bielefeld.〈1〉Dazu passen jüngste Daten – freilich nicht nur – für Deutschland, wonach die Diagnose des Diabetes Typ II gewaltig zunehmen wird, die Betroffenen werden immer jünger. Zudem steigt laut DAK-Gesundheitsreport 2o16 die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage bei Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Atmungssystems und bei psychischen Erkrankungen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter kontinuierlich an.〈2〉

In dem interdisziplinären Feld der Gesundheitswissenschaften beschäftigt man sich daher intensiv mit Fragen zum Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsverhalten. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich verschiedene Definitionen von Gesundheit entwickelt, die vor allem gemeinsam haben, dass es nicht länger schnöde um die “Abwesenheit von Krankheit” geht, sondern um eine positive und facettenreiche Auslegung.

Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, Empathie

Der Begriff „positive Gesundheit“ beinhaltet Faktoren wie Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, emotionale Kompetenz, Rollenkompetenz und die Möglichkeit, das vorhandene Potential gleichzeitig zu erfüllen und durch Erfahrungen zu erweitern. Außerdem:

  • Qualitativ hochwertige, vielseitige Ernährung
  • Körperliche und mentale Fitness durch Bewegung, täglich mindestens 30 Minuten
  • Keine „Genussgifte“
  • Optimale Hirndurchblutung durch Bewegung und Entspannungstechniken
  • Genügend und guter Schlaf
  • Balance zwischen An- und Entspannung
  • Stressbewältigung und in der Folge Gelassenheit bei Belastungen
  • Seelisch-soziale Gesundheit durch Selbstwirksamkeit, Selbstfürsorge, Lebensfreude und Empathie
  • Ausreichender Impfschutz

Prävention vom Feinsten

Da jeder dieser Faktoren grundsätzlich dazu beiträgt, Krankheit zu verhindern, verzögern oder weniger wahrscheinlich zu machen, haben wir es genau genommen mit Prävention vom Feinsten zu tun. Dieser Begriff wiederum kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze kann ein derart gesunder Lebensstil große Wirkungen zeigen. Verhindern lassen sich 〈3〉

  • 92% aller Herzinfarkte,
  • 90% aller Diabeteserkrankungen,
  • 85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems,
  • 50% aller Krebserkrankungen,

verlängern lässt sich die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre.〈4〉So lauten Zwischenergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht.

Damit ist jede Krankheit, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den, der eigenverantwortlich und gut mit sich umgeht. „Richtiges“ Fasten, also klassisch nach Buchinger oder einer leicht modifizierten Form, eignet sich wunderbar als Zäsur, um den Lebensstil zu hinterfragen und zu ändern.

 

© Sylvia Duckworth

 

 

1 Schaeffer D et al: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland. Ergebnisbericht. Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Dezember 2016
2 DAK-Gesundheitsreport 2o16
3 EPIC Studie 2oo4
4 EPIC Studie 2006, Studie 2008

 

Zum Thema

Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund?

 

Ein bisschen Bildung

 

© Dominik Meissner | Flickr

 

Es war einmal, da hatten „Sprache und Moral“ eine zentrale Bedeutung in der Erziehung und, Achtung!, in der Selbsterziehung. Zugrunde lag keine elitäre Vorstellung von Bildung, sondern eine, die auf Chancengleichheit zielte. Heute sind es nicht nur die ganz Alten, die konservative Werte missen.

Benehmen, Gesundheitskunde, Suchtprävention: In Zeiten pädagogischer, politischer, kommunikativer und sonstiger Bankrotterklärungen wünscht sich eine „repräsentative Zahl“ von Deutschen, dass diese drei Themen hierzulande möglichst schnell Pflicht-Schulfächer werden mögen. Was heutige Eltern, deren Erziehungsstile sich zunehmend um narzisstische Überhöhung und sexuelle Gewalt erweitern, nicht mehr leisten können, sollen dann Lehrer übernehmen, die bereits als Anwärter keine Idee haben, wie man überhaupt ein guter Lehrer wird. Auf Spiegel online nennt ein engagierter Deutschlehrer-Ausbilder bündig zwei elementare Voraussetzungen: Bildung und Begeisterung.

„Ein Mensch, der wenig gelernt hat, ist wie der Frosch, der seinen Tümpel für einen großen See hält“, lautet ein Bonmot, „Bildung beginnt mit Neugierde“ ein anderes. Der deutsche Dichter Heinrich Heine (1797-1856) fand, dass „so ein bißchen Bildung den ganzen Menschen ziert“ und für Alexander Mitscherlich (19o8-1982), ebenso bekannter wie umstrittener Psychoanalytiker im Nachkriegsdeutschland, bestand diese Zierde aus drei Teilen: Sach-, Sozial- und Herzensbildung. Herzensbildung, wie hübsch! und fast antiquiert wirkend, da es heute alle Welt mit der Empathie hat. Wenn sie es denn hat, denn der Begriff Bildung wird zeitgemäß verengt auf Wissen oder, noch enger, auf Fachwissen. Indes: Wissen ist nicht Ziel von, sondern Weg zur Bildung.

Die sich nach Bestätigung eigener Gedanken sehnende Seele ankert immer mal wieder gern bei einem Essay des Bildungsforschers Prof. Dr. Jürgen Overhoff, Rheinisch-Westfälische Universität Münster, der vor einiger Zeit im Tagesspiegel die Frage stellte: „Was ist gute Bildung?“ [1]

Was ist gute Bildung?

Eine nach wie vor schöne philosophische Frage, die Suche nach einer Antwort lohnt mehr denn je. Nicht nur, weil mangels einer einheitlichen Definition des Begriffes Bildung (von althochdeutsch Bildunga = Schöpfung, Bildnis, Gestalt) dieser ziemlich variabel jeweils das bezeichnet, „was gesellschaftliches Nützlichkeitsdenken der Herrschenden gerade für wichtig erachtet“. [2] Sondern eben auch, weil er auf Wissen reduziert wird.

Eine Klammer, die sich in nahezu allen Theorien wiederfindet, aber scheinbar nicht mehr vermittelbar ist, ist das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen, zur Welt. Über die historische Bedeutung dieser „Kernkompetenz“ von Bildung, von guter Bildung gar, denkt der Historiker, Theologe und Philosoph Jürgen Overhoff nach. Er beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts zu Zeiten der Aufklärung und somit vor Humboldts Rückgriff Anfang des 19. Jahrhunderts auf die humanistischen Ideale der Antike. „Dadurch werden zwangsläufig auch die ursprünglichen Bedeutungselemente dieses viel diskutierten Begriffs sichtbar,“ schreibt Overhoff.

Gute Bildung bestand demnach in einer möglichst umfassenden Welt- und Menschenkenntnis sowie im Beherrschen jener Umgangs- und Verhaltensformen, die es einem ermöglichten, „sich und Andern zum Glücke zu leben“ (Christian Fürchtegott Gellert). Der Weg zur Kenntnis der Welt und zu menschenfreundlichen Umgangsformen führte wesentlich über Sprache (ästhetische Spracherziehung, Förderung von Lese-, Analyse-, Argumentationskompetenz, logisches Schlussfolgern) und Moral.

Eine Persönlichkeit humboldtschen Formats

Auf solchem Fundament konnte dann, bei entsprechender Begabung, eine Persönlichkeit humboldtschen Formats reifen: ein Charakter mit Tugenden wie Toleranz, Empathie, Höflichkeit, guten Manieren, die allesamt unverzichtbar sind für lebenslanges Lernen, glückliches Wirken in der Gesellschaft und eine erfolgreiche Welterschließung.

Overhoff schließt mit der Überlegung, dass sich unsere Gesellschaft von diesem Bildungsbegriff mehrfach inspirieren lassen könnte. Zum einen frühestmöglich und dauerhaft dort, wo Bildungsprozesse sich in erster Linie vollziehen. Das sind und bleiben Elternhaus, Schule, Universität. „Zum anderen können und sollten wir uns … dazu anhalten lassen, wieder größeren Wert auf Moralerziehung und Charakterbildung zu legen, weil sie unverzichtbare Bestandteile eines gelungenen Bildungsprozesses sind.“

Dann mal los.

 

So ein bißchen Bildung ziert den ganzen Menschen
Heinrich Heine

 


 

1 Overhoff J: Was ist gute Bildung? Tagesspiegel o1/o4/2o12

2 Hoffmann B: Medienpädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Schöningh, Paderborn 2003

Zum Thema

Erziehung: Wie wird mein Kind ein guter Mensch? Zehn wichtige Werte. t-online 23/12/2o14

 

Altern neu lernen

 

 

 

 

Wer älter wird, hat noch viel vor.
Oder, um es mit dem Fazit einer Studie mehrerer Berliner Forschungseinrichtungen zu sagen:
„Das Alter wird jünger“.

 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verschiebt sich die Lebenskurve und damit die Leistungs- und Lernfähigkeit in ein wesentlich höheres Lebensalter: Etliche von uns werden künftig locker Neunzig und älter. Wir haben mehr Jahre im Leben und mehr Leben in diesen Jahren, das aktive Erwachsenenalter erweitert sich um mindestens 30 Jahre. Das Leben in allen Phasen genießen zu sollen, kann möglicherweise ziemlich anstrengend werden.

„Wir müssen in den nächsten 30 Jahren ganz neu lernen zu altern oder jeder Einzelne der Gesellschaft wird finanziell, sozial und seelisch bestraft“, hat Frank Schirrmacher, bis zu seinem Tod 2014 mit Mitte Fünfzig einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seinem Buch Das Methusalem-Komplott geschrieben.〈1〉

 

Ich empfinde das hohe Alter nicht als einen Lebensabschnitt zunehmender Trostlosigkeit, den man ertragen und so gut wie möglich überstehen muss, sondern als eine Zeit der Muße und Freiheit, der Freiheit von künstlichen Zwängen früherer Tage, der Freiheit, alles zu erkunden, wonach mir der Sinn steht, und die Gedanken und Gefühle eines ganzen Lebens zusammenzufügen.
Oliver Sacks

 

Das Beste kommt zum Schluss

Zu diesem Lernprozess gehört einiges an Wissen, beispielsweise über die Zusammenhänge der Genetik, Epigenetik (Steuerung von Genen im Erbgut), Psychologie, Philosophie und Autophagie. Letzteres meint lebensnotwendige Prozesse in menschlichen Zellen, die beschädigte und schädliche Proteine aus dem Verkehr ziehen, zerlegen und zu Zellnahrung recyclen. Diese permanente Müllabfuhr spielt eine entscheidende Rolle für die Zellalterung und damit für das Altern ganz allgemein. Für diese Erkenntnisse hat der japanische Mediziner Ohsumi Yoshinori im Oktober 2o16 den Nobelpreis erhalten.

Nennenswert beeinflussen lassen sich die Alterungsphänomene durch die Lebensführung. Abhängig von soziokulturellen Faktoren wie Bildung und körperliche Fitness, und daran gekoppelte höhere Selbstständigkeit im Alter, scheint dies inzwischen recht gut zu gelingen. Im Rahmen der Berliner Altersstudie II (BASE-II) und der Berliner Altersstudie (BASE) aus den 1990er-Jahren haben die Studienautoren die Daten von 7o8 über 6o-jährigen Berlinern (BASE II) mit den Daten aus der Vorgängerstudie (BASE) verglichen.〈2〉

Demnach sind die heute 75-Jährigen geistig deutlich fitter als die 75-Jährigen vor 20 Jahren. Zugleich geht es ihnen ingesamt besser und sie sind zufriedener mit ihrem Leben.

„Die Zugewinne, die wir an kognitiver Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden in Berlin gemessen haben, sind beträchtlich und von großer Bedeutung für die Lebensqualität im Alter,“ kommentiert Prof. Dr. Ulman Lindenberger, Direktor am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB).

Gleichwohl kann der Weg dorthin steinig sein. Manche Frau erlebt schon die Mitte ihres Lebens als Strafe: Weil sie seelische und körperliche Veränderungen an sich feststellt, die sie an ihrer Kraft zweifeln lassen. Weil sie die Eltern oder den Partner beim Sterben begleitet und das „Leben danach“ so weit weg erscheint. Weil sie fürchtet, dem Bild der heutigen Generation 50plus nicht zu entsprechen. Oder weil sie zu wenig über den aktuellen Stand der Hormontherapien weiß, um sich mit Hitzewellen und Stimmungsschwankungen selbstbestimmt in den Glaubenskrieg der Hormongegner und Befürworter zu begeben. Und all das in einer Gesellschaft, in der kaum jemand ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper hat.

 

Die meisten Fehler haben wir hoffentlich hinter uns. Wir denken, handeln und fühlen anders. Wir nehmen von vielem und von vielen Abschied, gleichzeitig formieren wir uns und das Leben neu.
Betty Friedan

 

Aktive Bewältigungsstrategien, weniger Stress

Für andere Frauen ist der mit diesen Jahren verbundene Begriff der Wechseljahre nicht mehr als ein entsetzliches Wort und eines der meist strapazierten medizinischen Themen. Ihre Argumente: Die Wechseljahre sind keine Krankheit und niemand sollte sie dazu machen – selbst wenn die tiefgreifenden Veränderungen des gesamten Hormonsystems für mehr oder minder massive Probleme sorgen kann. Diese braucht keine Frau wie einen Schicksalsschlag hinzunehmen, keine Frau muss da durch wie durch ein Gewitter. Zumal dieses ungemütliche Wetter ziemlich lang anhalten kann: Hitzewellen persistieren bis ins hohe Alter.

„Es liegen noch viele Jahrzehnte vor uns, in denen wir nicht passiv ein vorherbestimmtes Programm des Alters durchlaufen müssen, sondern – innerhalb gewisser Grenzen – bewusst unsere Zukunft durch unser Verhalten und unsere Entscheidungen gestalten können,“ so die amerikanische Publizistin Betty Friedan in Mythos Alter.〈3〉

„Ganz sicher hilft uns dabei, dass wir bereits auf eine Lebenshälfte zurückblicken können. Die meisten Fehler haben wir hoffentlich hinter uns. Wir denken, handeln und fühlen anders. Wir nehmen von vielem und von vielen Abschied, gleichzeitig formieren wir uns und das Leben neu.“ Gründen „noch mal“ oder „jetzt endlich“ eine Firma, schaffen Arbeitsplätze, engagieren uns sozial oder politisch oderoderoder. Bislang scheint sich zu bestätigen, was wir alle glauben und was immer betont wird: Es ist niemals zu spät, etwas Neues zu beginnen.

Das große Plus für die Arbeitswelt: Eben aufgrund langjähriger Erfahrungen verfügen über Fünfzigjährige über Fähigkeiten, die Jüngeren fehlen. „Ältere haben sich im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit ein großes Repertoire an möglichen Verhaltensweisen zum Umgang mit Problemen angeeignet, auf das sie bei Bedarf flexibel zurückgreifen können. Gleichzeitig hilft die geringere Beanspruchung dabei, auch zukünftig aktiver mit Stressoren umzugehen – es entsteht so ein sich selbst verstärkender Kreislauf,“ fasst Prof. Dr. Guido Hertel, Organisations- und Wirtschaftspsychologe an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, das Ergebnis einer Online-Befragung zusammen.〈4〉

Hertel und Kollegen haben 634 Berufstätige zwischen 16 und 65 Jahren zweimal im Abstand von acht Monaten nach ihrer Beanspruchung bei der Arbeit und zu ihren Bewältigungsstrategien bei der Lösung von beruflichen Problemen befragt.

 

Die Frage, die jetzt jeder Entscheidung vorausgehen kann, lautet: Wie fühlt es sich an?

 

Der Erfolg eines Lebens misst sich nicht nur in Geld

Jegliche Aktivitäten im Beruf und im Privaten verzögern den biologischen Altersprozess, fördern die Autophagie, die Vitalität und das Körperbewusstsein und bilden die Voraussetzung für ein selbstständiges Leben auch im „vierten Alter“ – wie die letzte Strecke ab 85 auch genannt wird. Denn die vielfach positiven Alterungsprozesse des „dritten Alters“ schreiben sich nicht einfach fort.
 
„Anders ausgedrückt, ein Heer von 60- und 70-Jährigen, die sich in ihrer grundlegenden Leistungsfähigkeit nur wenig von 50-Jährigen unterscheiden, vermitteln zwar ein neues hoffnungsvolles Bild des Alterns. Ihnen steht aber eine wachsende Gruppe von Hochbetagten gegenüber, die die Widrig- oder Grausamkeiten des Alterns erleiden. Wer selbst Angehörige zu versorgen hat, wird wissen, dass ich nicht übertreibe.“ So die Worte von Prof. Dr. Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft bis 2o14, anlässlich einer Festversammlung.〈5〉 Nein, Herr Gruss übertreibt nicht.
 
Und dennoch, schauen Sie sich um: Die Welt wimmelt nur so von schönen Menschen jenseits der Fünfzig. Nie hatten sie mehr Ausstrahlung, nie waren sie gelassener und entspannter, nie fühlten sie sich stärker, authentischer, attraktiver – nicht zuletzt gerade wegen schmerzhafter Erfahrungen. Erschütterungen, die sie gelehrt haben, dass sich der Erfolg eines Lebens nicht nur in Geld messen lässt. Wer hat gesagt, dass Leben einfach sei?
 
Eigentlich sind die Wechseljahre kein Thema mehr. Das eigentliche Thema ist Zukunft des Alterns mit einer Grundhaltung zum Leben, die allen Klischees kraftvoll entgegentritt und damit einzigartige Räume für Erfahrungen und Begegnungen eröffnet.
 
„Vermeintlich einfache Rezepte funktionieren im Einzelfall nur selten oder gar nicht. Oft geht es um Entscheidungen, Wünsche und Verhaltensweisen, die sich nicht in einfache Formeln packen lassen,“ sagt der Psychogerontologe Prof. Dr. Frieder Lang, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 〈6〉

„Reflexion der Restbiographie“ nennt Prof. Dr. Rolf Arnold, Pädagogikprofessor an der TU Kaiserslautern, einen idealerweise bewussten Umgang mit den schwindenden Optionen. Das aktive Finden neuer Standpunkte kann jetzt vor jeder Entscheidung durch die Frage ausgelöst werden: „Wie fühlt es sich an?“ Erweitern lässt sie sich um die „Drei Siebe des Sokrates“ – um die Frage nach der Wahrheit (Ist es wahr?), der Güte (Ist es gut?), der Notwendigkeit (Ist es notwendig?). Wenn keine Antwort positiv ausfällt, braucht man sich – und andere – nicht weiter zu belasten.

Im weiteren Sinne ist jede der Fragen eng mit den Gedanken des 2o15 an Krebs verstorbenen Neurologen und Beststellerautors Oliver Sacks („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) verwoben: „… stelle ich fest, dass meine Gedanken sich immer weniger mit den spirituellen Dingen beschäftigen, sondern zunehmend mit der Frage, was es heißt, ein gutes und erstrebenswertes Leben zu führen – und seinen inneren Frieden zu finden.“〈7〉

 

 

 

Quellen

1 Schirrmacher, Frank: Das Methusalem-Komplott. Blessing 2oo4

2 Gerstorf D et al: Secular changes in late-life cognition and well-being: Towards a long bright future with a short brisk ending? Psychology and Aging, März 2o15. pdf zum Download

3 Friedan, Betty: Mythos Alter. Rowohlt 1995

4 Hertel G et al: Are older workers more active copers? Longitudinal effects of age‐ contingent coping on strain at work. Journal of Organizational Behavior, Februar 2o15. DOI: 10.1002/job.1995

5 Gruss, Peter: Die Zukunft des Alterns. Ansprache auf der Festversammlung anlässlich der 56. Ordentlichen Hauptversammlung der mpg, 2oo5

6 Lang, Frieder R: „Niemand ist zu alt für ein gutes Leben“, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2o16

7 Sacks, Oliver: Dankbarkeit. Rowohlt 2o15

Klahre, Andrea S: Wechseljahre – ein Stück von mir. Germa Press 1994

 

Was ist Meditation?

„Je nachdem, wen Sie fragen, was Meditation ist oder wozu man meditiert, werden Sie eine andere Antwort erhalten. Einige sagen: Meditation ist Nichtstun, zumindest sieht es so aus. Für andere ist Meditation keine Technik, sondern eine Art zu sein,“ schreibt Prof. em. Jon Kabat-Zinn, Molekularbiologe, Stressforscher, Verhaltensmediziner und Meditationslehrer in Massachusetts.[1]

Das in Religionen verankerte spirituelle Prinzip ist längst keine suspekte Beschäftigung für Randgruppen mehr, sondern gehört mittlerweile auch hierzulande zum Zeitgeist. Verpackt in komplementärmedizinische Programme wie „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) oder „Mindfulness-Based Cognitive Therapy“ (MBCT) wird die Achtsamkeitsbasierte Meditation in Universitätskliniken, Krankenhäusern und Gesundheitszentren gelehrt.

Für Kabat-Zinn, den Gründer des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society (CFM) an der University of Massachusetts Medical School und des MBSR-Programms, ist Meditation und insbesondere die Achtsamkeitsmeditation eine weitere Form des Selbstgesprächs. „Sie können Ihr Innerstes aufschließen und einen Bewusstseinszustand der Ruhe, klaren Wahrnehmung und des nichturteilenden Gewahrseins im Augenblick erreichen – jenen Bereich, den die alten chinesischen Daoisten das offene, wache Nichtstun nennen.“

Den Kopf vom inneren Geschwätz, den Körper von Spannungen befreien und in einen Zustand
der völligen Ruhe gelangen
Jon Kabat-Zinn

Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz

Ende 1970 hat Kabat-Zinn in Massachusetts begonnen, die Wirkungen der Achtsamkeitsmeditation bei chronisch Kranken zu untersuchen. Grundelemente der Achtsamkeit sind Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz, Großzügigkeit – archaische Werte, die zunehmend wie aus einer anderen Welt anmuten. Seit 1995 wird sein MBSR-Programm am CFM begleitend zu medizinischen und psychotherapeutischen Maßnahmen eingesetzt, um vor allem Menschen zu helfen, besser mit chronischem Stress, Depression und Angststörungen umgehen zu können. MBSR fördert vor allem die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, fördert die Hinwendung zu Herausforderungen und Schmerzen.

Achtsamkeits- und Transzendentale Meditationsformen sind Methoden der bewussten Tiefenentspannung, bei der die Konzentration nach innen auf einen sich wiederholenden Vorgang gerichtet ist, sei es auf die Atmung, ein Wort, einen Satz oder Spruch. Der Fokus auf solche Wiederholungen ist dabei nur ein Hilfsmittel, um das sympathische Nervensystem zu beruhigen, den Kopf vom „inneren Geschwätz“ und negativen Gedanken/Gefühlen respektive den Körper von Spannungen zu befreien und so in einen Zustand der völligen Ruhe zu gelangen.

Harte Arbeit

„Das ist harte Arbeit,“ so Kabat-Zinn, denn es sei nicht einfach, im täglichen Strom der Ereignisse oder wenn das Leben mal wieder verrückt spielt, regelmäßig auch nur eine kurze Zeit am Stück innezuhalten, sich einfach nur eine Weile allein hinzusetzen, still zu sein und die Gedanken, Sorgen, Verlangen, Leiden und sämtliche andere Bewusstseinszustände erst zu akzeptieren und dann nicht wertend loszulassen. „Sei leer, sei still. Beobachte einfach, wie alles kommt und geht“, hat es der chinesische Philosoph Laotse (6 Jh. v. Chr.) formuliert.

Diese innere Ausrichtung wird in der Psychotherapie manchmal als „radikale Akzeptanz“ bezeichnet. Sie zu erreichen ist nicht einfach, besonders wenn das, was geschieht, nicht unseren allgegenwärtigen Erwartungen, Wünschen und Phantasien entspricht.

Deshalb, so Kabat-Zinn, ist Meditation nichts für Feiglinge: „Meditieren ist nicht das, was Sie denken. Es geht weder darum, einen Schalter umzulegen und sich irgendwohin zu katapultieren, noch bestimmte Gedanken zu pflegen und andere zu vermeiden oder gar darum, sich zum Friedlich- oder Entspanntsein zu zwingen. Es geht überhaupt nicht ums Denken. Es geht darum, einfach zu sein. Es geht um das Nicht-Festhalten und daraus folgend um die Bereitschaft, unter allen auftretenden Umständen angemessen zu handeln.“

Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen
und Schmerzen zu lindern
Madhav Goyal

Gegen Ängste, Depressionen und Schmerzen

MBSR wird seit vielen Jahren regelmäßig auf Evidenz untersucht. Eine neuere Studie einer Arbeitsgruppe der renommierten Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, hat diese und andere Meditationsformen wie die Mantra-basierte Transzendentale Meditation in einer Metaanalyse überprüft.[2]

„Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen und Schmerzen zu lindern,“ lautete das Kernergebnis. Eine geringe Wirksamkeit haben die Autoren auch auf die allgemeine Bewältigung von Stress und die Lebensqualität ermittelt – nicht aber auf Variablen wie Substanzmissbrauch (Alkohol, Nikotin), Schlafstörungen, ungesunde Essgewohnheiten und Gewichtsprobleme. Für die Transzendentalen Meditationsformen wurden keine vergleichbaren Wirkungen festgestellt.

Nach umfangreicher Literaturrecherche wurden die Ergebnisse von insgesamt 47 Kurz- und Langzeitstudien (Dauer: 3 Wochen bis 5,4 Jahre) von unterschiedlicher Qualität und mit 3.515 Patienten über 18 Jahre (18 bis 206 Patienten pro Studie) zusammengefasst. 15 Studien hatten Patienten mit Depression, Angsterkrankungen, Stress-Symptomen und Schlaflosigkeit untersucht; 5 Studien hatten Raucher und Alkoholiker, 5 Studien chronische Schmerzpatienten und 16 Studien Patienten mit verschiedenen Diagnosen aufgenommen, darunter Brustkrebs, Bluthochdruck, COPD, Diabetes, HIV.

Die größten Effektstärken ermittelten die Autoren für Angsterkrankungen, geringe bis mittlere Effekte zeigten sich für Depressionen und Schmerz.

„Die Ergebnisse sind nicht umwerfend, aber die kleinen Fallzahlen der einzelnen Studien und die heterogenen Indikationen lassen letztlich keine guten und vor allem keine endgültige Aussagen zu,“ kommentierte Prof. Dr. Benno Brinkhaus, Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité sowie Leiter der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Standort Mitte im Gespräch mit mir.

Brinkhaus fand es problematisch, dass viele nicht immer vergleichbare Studien in Reviews und Metaanalysen zusammengefasst würden. „Diese haben zwar die höchste Evidenz, aber man muss die große Heterogenität immer auch kritisch als Limitation sehen. Die Frage ist unklar, ob es besser gewesen wäre, wenn ausschließlich Studien aufgenommen worden wären, in denen nur Patienten mit Stress-assoziierten Erkrankungen und nicht auch Patienten mit Asthma, Fibromyalgie oder HIV eingeschlossen worden wären,“ so Brinkhaus.

Warum ist Meditation im Besonderen und sind komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft?
Allan H. Goroll

Die Expertise des Meditationslehrers

In einem Gastkommentar zu der Analyse beschäftigten Prof. Allan H. Goroll, Harvard Medical School und Massachusetts General Hospital, noch andere Aspekte: „Die Meditation nimmt aufgrund ihrer Historie zwar eine Sonderstellung in der Komplementärmedizin ein. Doch der bescheidene Nutzen, den Studien zeigen, deren Methodik zudem nicht immer wissenschaftlich ist, wirft die Frage auf, warum Meditation im Besonderen und komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden sind – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft. Ist es der Wunsch, einen Alltag wieder selbstbestimmt strukturieren und kontrollieren zu können, der sich scheinbar immer weniger bewältigen lässt?“

Goroll hielt es für wichtig, solide wissenschaftliche Metaanalysen wie die vorliegende einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und zum Gegenstand von Gesprächen zwischen Ärzten und jenen Patienten zu machen, die begeistert und unkritisch unvalidierte komplementäre Maßnahmen in ihren Alltag und die Behandlung ihrer Krankheiten integrieren wollen.

Goyal und Kollegen wiederum betonen die Notwendigkeit weiterer Studien, die vor allem drei Faktoren überprüfen sollten: Die Expertise des Meditationslehrers, den zeitlichen Übungsumfang und die Umsetzungsmöglichkeiten in den Alltag. Davon hänge der Erfolg der Achtsamkeitsmeditation ebenso ab wie von Sozialstatus, Bildung und Spiritualität.

„Historisch ist Meditation nun mal keine Therapie bei Gesundheitsproblemen, sondern eine Schulung des Geistes, um einen Bewusstseinszustand der völligen Ruhe zu erreichen,“ so die Autoren.

Brinkhaus konnte nur zustimmen: „Ärzte sollten in der Lage sein, mit potenziellen Patienten über die Bedeutung von Meditation zu sprechen. Die Rolle der Meditation und auch ihre Grenzen müssen klar dargestellt werden.“

 


 

1 Kabat-Zinn J: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Arbor Verlag 2006

2 Goyal M et al: JAMA Intern Med 2014; 174(3): 357-368
DOI: 10.1001/jamainternmed.2013.13018

Wie die Seele mit dem Körper spricht

Im Guten wie im Bösen: Gedanken und Gefühle beeinflussen den gesamten Körper, genauer: das Immunsystem, welches mit einer Armada von mehr als zehn Millionen Abwehrzellstämmen der Schlüssel zu unserer Gesundheit und gewissermaßen unser innerer Arzt ist. Größtes Immunorgan wiederum sind die Verdauungsorgane, dort sind etwa 80% aller Immunzellen des menschlichen Körpers angesiedelt, umgeben werden sie von einem Nervengeflecht aus über 100 Millionen Neuronen. Der Darm, auch „Bauchhirn“ genannt, reagiert wie ein Seismograph auf Stress und andere psychische Belastungen.

Über die (biochemischen) Bedingungen und Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Immunsystem wurde noch vor 30 Jahren wild spekuliert, da zu wenig über die Kommunikationswege zwischen den großen Körpersystemen – dem Immun-, Nerven- und Hormonsystem – bekannt war.

Inzwischen ist längst messbar, wie die Seele mit dem Körper kommuniziert: Im Rahmen der Entwicklung der Psychoneuroimmunologie (PNI) wurde bekannt, dass das zentrale Nervensystem – das Gehirn und das Rückenmark – mit dem hochintelligenten Immunsystem über Nerven- und Hormonreize in Verbindung steht. Und umgekehrt.

Das psychosomatische Netzwerk

Das Ganze heißt psychosomatisches Netzwerk, dessen Existenz bildet die Grundlage für die Erforschung von Verhaltensweisen und die Wirkung auf das Immunsystem – und umgekehrt von Auswirkungen von Immunprozessen auf das Verhalten. In der Psychosomatik steht jede körperliche Krankheit mit seelischen Vorgängen in Zusammenhang; bei psychosomatischen Erkrankungen wandelt sich seelischer Schmerz in körperliche Symptome, sie sind Botschafter chronisch gewordener Konflikte und Defizite.

Auch akuter seelischer und körperlicher Stress beeinflussen die Funktionen der Körperabwehr: Die Nervenzellen des Gehirns können biochemische Substanzen (z. B. Hormone, Botenstoffe, Neuropeptide) produzieren, die dem Körper dazu verhelfen, effektiver Krankheiten zu verhindern. Andererseits kann die Entstehung oder Verschlechterung von Krankheiten begünstigt werden. Diese lebhafte Kommunikation zwischen allen Systemen wird mit unterschiedlichen Messmethoden zum Beispiel aus der Hirn-, Stress- und Hormonforschung dargestellt.

Heilung ist die Umarmung dessen,
was wir am meisten fürchten

Schaltstellen dieser Regelkreise sind das Gehirn mit der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und dem Zwischenhirn (Hypothalamus), sind die Nebennieren und die Immunzellen selbst. Darüber hinaus können diese Regelkreise und Informationswege durch den Einfluss von Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen gesteuert und damit auch für die Heilung genutzt werden.

Umgekehrt beeinträchtigen unbewusste negative Gedanken- und Gefühlsmuster die Prozesse in dem Sinn, dass die Selbstheilung unterdrückt wird. Die Informationen, die übertragen werden, hängen vom jeweiligen emotionalen Zustand ab. Wir erinnern uns: Emotionen sind das, was uns bewegt – im Körper, in Gedanken, im Gefühl, zum Handeln.

Beste Ausdrucksform für das Handeln sind gute, achtsame Selbstgespräche und im Idealfall eine Art des Miteinander-Redens, die sich für beide Seiten als bereichernd erweist, da sie geprägt ist von “3 W”: Wertschätzung, emotionale Wärme, kluge Worte.

Viele Wege führen zu diesem Ziel, Meditationen und das Meridianklopfen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin sind zwei besonders wirksame. Das Besondere daran ist, dass sich durch Übung bisher ungenutzte Potenziale dem Bewusstsein erschließen.

Wenn wir uns daher, sooft von Achtsamkeit die Rede ist, nicht auch in unserem Herzen angesprochen fühlen, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit das Wesentliche verfehlen
Jon Kabat-Zinn

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