Erwachsene mit AD(H)S

Erwachsene AD(H)Sler wissen häufig nicht, wie ihnen geschieht. Extreme Desorganisation, starke Stimmungsschwankungen, ständiger innerer Druck … Die Auswirkungen in verschiedene Lebensbereiche sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

18 – volljährig! Bevor auch gesunde junge Erwachsene schmerzhaft erfahren, dass das Leben eine Baustelle ist, wissen Heranwachsende mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Störung es längst. Ihre typischen Probleme verschwinden nicht über Nacht, sondern sorgen auch weiterhin für erhebliche Beeinträchtigungen: Der erwachsen gewordene Zappelphilipp ist nicht selten eine von innerer Unrast getriebene Persönlichkeit auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Etwa 20% der Suchtkranken haben eine AD(H)S, die meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Die Häufigkeit der sogenannten adulten AD(H)S wird in der Literatur mit 1 bis 6% der Gesamtbevölkerung angegeben, in Deutschland mit 3,1%. Legt man zugrunde, dass 5 bis 10% (m:w = 3:1) aller Kinder betroffen sind, so bedeutet dies, dass etwa der Hälfte aller Betroffenen im Erwachsenenalter weiterhin AD(H)S-Symptome haben (siehe Tabelle: Wender-Utah-Kriterien).

Allerdings können sich die Kardinalsymptome wandeln – von der meist äußeren Zappeligkeit in innere Unruhe und quälende Getriebenheit. Obendrein können sie durch inzwischen erworbene Kompensationsstrategien und andere auftretende psychische Erkrankungen vollständig maskiert sein. Die Diagnose und das Management der adulten AD(H)S stellen somit auch für den Facharzt eine Herausforderung dar.

„Die Kluft zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist schwierig zu schließen,“ hat Dr. Matthias Bender, Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Hadamar und Weilmünster, mir in einem Gespräch gesagt.

Etwa 20% der Suchtkranken haben eine AD(H)S, die meist nicht erkannt
und somit nicht behandelt wird
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Klahre: Herr Dr. Bender, kennen erwachsene ADHSler Langeweile?

Dr. Matthias Bender: Die Langeweile ist vor allem in der Adoleszenz ein sehr relevantes Phänomen, aber im Vergleich zu anderen Primäraffekten wie Scham, Schuld oder Angst unspezifisch und viel zu wenig beforscht. Neuere Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang von AD(H)S und Langeweile. Demnach gibt es ein neuronales Netzwerk, das Default-Mode-Network (DMN), das besonders bei Langeweile bzw. Monotonie aktiv ist und geradezu ausgeknipst werden muss, um Aufgaben konzentriert zu erledigen. Das DMN ist auch aktiv, wenn wir produktiv gelangweilt sind – also dösen, tagträumen, vielleicht auch kreativitätsfördernd abschweifen.

AD(H)S-Betroffene können dieses DMN nicht wirksam ausschalten, wenn sie auf eine Aufgabe fokussieren müssen. Hier wirken starke Belohnungen in Form von stimulierenden Reizen ähnlich förderlich wie Psychostimulantien.

Ist die Sucht nach Neuem, nach dem Thrill („novelty seeking“) eine Eigenschaft, die Erwachsene mit AD(H)S besonders charakterisiert, Frauen wie Männer?

Zumindest ist es typisch für die reizoffene wie auch nach Reizen suchende Gruppe mit hohem Anteil an novelty seeking. Die kurze, gelegentlich auch impulsiv aufkeimende Faszination für ein neues Thema erlahmt allerdings, sobald Konstanz und Disziplin gefordert sind. So ist die Ausrüstung für die neue Sportart schnell gekauft, verschwindet aber nach der dritten Trainingsstunde rasch wieder im Keller. Generell haben die Betroffenen große Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen, bevor sie Neues beginnen. Das heißt, es mehren sich die offenen Baustellen, vieles gelingt nur noch auf den letzten Drücker.

Dies ist ein Hintergrund für das bei erwachsenen Frauen wie Männern mit AD(H)S häufig bestehende Phänomen der Desorganisation. Die Auswirkungen in verschiedenen Lebensbereichen sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

Deshalb hat es sich für die Diagnostik der adulten AD(H)S bewährt, neben den Kardinalsymptomen Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität die Dimensionen Desorganisation, Affektlabilität, Temperamentsstörung, emotionale Hyperreagibilität, also der Umgang mit Belastungen, nach den Utah-Kriterien anzuwenden.

Wissen die Betroffenen von der Diagnose, wurde sie in der Kindheit bereits gestellt?

Hier gilt, wie so oft in der Medizin, die gute alte Drittelregel. Etwa ein Drittel derjenigen, die in unsere Ambulanz für adulte AD(H)S kommen, sind irgendwann in Kindheit und Jugend einmal vordiagnostiziert worden und bitten um Wiederaufnahme bzw. Weiterbehandlung ab dem Erwachsenenalter. Von den Zweidritteln, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, hat sich schon die Hälfte mit dem Thema auseinandergesetzt – über die Diagnose ihrer Kinder.

Und der Rest weiß nicht, wie ihm geschieht …

So ist es wohl. Immerhin haben etwa 20% der Suchtkranken eine AD(H)S, die aber meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Sucht als eine Begleiterkerankung. Was bedeuten Begleiterkrankungen beziehungsweise Komorbiditäten für die Biographie?

Bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen den Prägnanztypen. Das eher bei Mädchen/Frauen verbreitete ADS ist geprägt von einer Selbstwertproblematik, entstanden durch die Verarbeitung vieler Misserfolge, das Anderssein in der Peergroup, Angststörung und Depressionen. Beim Vollbild des hyperaktiven und impulsiven Typus kommt es häufiger zu dissozialen Verhaltensweisen und Straffälligkeit sowie zu Substanzmissbrauch.

Aufgrund welcher Umstände gerät ein Erwachsener denn überhaupt in die diagnostische Mühle?

Die Patienten, die eigeninitiativ in die Ambulanz kommen, haben meist mit krisenhaft zugespitzten Lebenssituationen zu kämpfen, die sie aufgrund ihrer AD(H)S-Symptomatik nicht ohne Hilfe überwinden können. Das betrifft zum Beispiel Partnerschafts- oder familiäre Konflikte, Arbeitsplatzprobleme, Schwierigkeiten zu einem Schul-, Studien- oder Berufsabschluss zu gelangen.

Bei anderen findet sich eine lange Reihe frustraner Psychotherapieversuche bei unklarer Diagnose, bis jemand an die Differentialdiagnose AD(H)S denkt und nicht selten dann erst eine effiziente Behandlung beginnt. In jedem Fall ist eine gezielte biographische Anamnese erforderlich, wobei es eine conditio sine qua non für die Feststellung einer adulten AD(H)S ist, dass entsprechende Auffälligkeiten in der Kindheit zu eruieren sind. Hierbei können gute validierte Fragebögen hilfreich sein.

In der Kindheit gibt es gerade im Bereich Aufmerksamkeit Schnittstellen zu anderen Diagnosen, zum Beispiel zur Fetalen Alkoholspektrumsstörung (FASD). Was bedeutet das für die Diagnostik und für eine potenzielle Falschdiagnose?

Im Hinblick auf kognitive und auch Teilleistungsstörungen müssen selbstverständlich Differentialdiagnosen angestellt werden – beziehungsweise wie bei der FASD weitere Überlegungen.

Die meisten ADHSler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz.

Kann die Diagnose allein schon einen therapeutischen, im Sinne von entlastenden Wert haben? Was kann die Psychoedukation hier leisten?

Die Psychoedukation fördert die Behandlungspartnerschaft, folglich sollten die Aufklärungsinhalte mit dem Patienten gemeinsam erarbeitet werden. Ausgehend von seinem Störungserleben, seinem subjektiven Krankheitsmodell und seinen Erfahrungen mit insuffizientem und gelungenem Coping, hilft dieser Ansatz, die eigene Vulnerabilität zu akzeptieren. Immer geht es um Hilfe bei der Bewältigung der Diagnose, aber auch um die salutogenetischen Aspekte.

Vor allem die Ressourcen sind gut zu nutzen. Die meisten AD(H)Sler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz. Für viele ist vor allem in der psychoedukativen Gruppe die Einordnung ihrer lebenslang erfahrenen Handicaps sehr entlastend, wir können sie oft erst dadurch gezielt angehen. Neben der Medikation ist das Coaching unserer Erfahrung nach eine effiziente Methode bei den meist sehr motivierten, dankbaren und complianten Patienten.

Zitat einer Patientin aus einem Evaluationsbogen: „Das Wissen um AD(H)S hat mir ein akzeptierendes Integrieren meiner Handicaps ermöglicht: Ab dann ging es aufwärts – vor allem mit meinem angeknacksten Selbstwertgefühl. In der Gruppe fühlte ich mich erstmals verstanden mit meinen Beschwerden und nicht einfach als chaotisch, schusselig, unfähig, willensschwach, undiszipliniert abgestempelt. Mit der Medikation und Psychoedukation konnte ich erstmals meine Schwierigkeiten gezielt und erfolgreich angehen. Wollen und Können passen jetzt zusammen.“

Der Angehörige als Co-Therapeut: Sind die Erfolge messbar?

Wie bei vielen seelischen Erkrankungen und deren Auswirkungen tragen die Angehörigen oft die Hauptlast. Psychoedukative Interventionen entlasten sie von Schuld-, Scham- und Insuffizienzgefühlen. Hierzu gehören bei uns neben Angehörigengruppen und Familiengesprächen auch regelmäßige Trialogforen mit den Betroffenen. Zusammen lässt sich zum einen die emotionale Anspannung und ständige Be- und Entwertung in der Familienatmosphäre reduzieren, zum anderen werden die Angehörigen zu Beteiligten an der Therapie. Die Effizienz im Kindes- und Jugendalter ist belegt, die Evidenz im Erwachsenenalter bislang wissenschaftlich leider nicht ausreichend untersucht. Der positive Effekt für uns in der Praxis ist aber fraglos.

Herr Dr. Bender, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch habe ich im April 2o13 geführt. Inzwischen erachten Experten die Berücksichtigung der Integrativen Mind Body Medizin für Heranwachsende als wünschenswert; erste Studiendaten aus den USA haben positive Ergebnisse gezeigt. Erwachsenen können bei diagnostizierter AD(H)S therapiebegleitend zumindest die achtsamen Körperübungen und Meditation helfen.

 

ADHS im Erwachsenenalter: Die Wender-Utah-Kriterien


Für eine sichere Diagnose im Erwachsenenalter müssen neben den Kernsymptomen A-C zwei der unter 1-4 aufgeführten Charakteristika vorliegen

 

A Aufmerksamkeitsstörung


Unvermögen, Gesprächen aufmerksam zu folgen
Erhöhte Ablenkbarkeit
Schwierigkeiten, sich auf schriftliche Aufgaben zu konzentrieren
Vergesslichkeit
Häufiges Verlieren oder Verlegen von Gegenständen

B Impulsivität

Dazwischenreden, Unterbrechen anderer im Gespräch
Ungeduld
Impulsiv ablaufende Einkäufe
Unvermögen, Handlungen im Verlauf zu protrahieren, ohne dabei Unwohlsein zu empfinden

C Motorische Hyperaktivität

Gefühl innerer Unruhe
Unfähigkeit, sich zu entspannen
Unfähigkeit, sitzende Tätigkeiten durchzuhalten
Ständiges Gefühl der Getriebenheit
Dysphorische Stimmungslage bei Inaktivität

1. Desorganisation

Aktivitäten werden unzureichend geplant oder organisiert (Arbeit, Ausbildung, Haushaltsführung etc.)
Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht; Betroffene wechseln planlos von einer Aufgabe zur nächsten
Unsystematische Problemlösestrategien
Schwierigkeiten in der zeitlichen Organisation und Unfähigkeit, Zeitpläne oder Termine einzuhalten

2. Affektlabilität

Beginn vor der Adoleszenz
Wechsel zwischen euthymer, depressiver Stimmung und leichter Erregung
Depressive Stimmungslage wird meist als Gefühl der Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben
Stimmungswechsel dauern Stunden oder maximal Tage
Kein ausgeprägter Interessenverlust oder somatische Begleiterscheinungen
Stimmungswechsel meist reaktiver Art

3. Temperamentsstörung

Andauernde Reizbarkeit, auch aus geringem Anlass
Verminderte Frustrationstoleranz
Wutausbrüche (eher kurz andauernd)
Mangelhafte Affektkontrolle wirkt sich nachteilig auf die Beziehungen zu Mitmenschen aus

4. Emotionale Hyperreagibilität

Unfähigkeit, adäquat mit alltäglichen Stressoren umzugehen
Überschießende oder ängstliche Reaktionen
Patienten fühlen sich schnell „belästigt“ oder gestresst

Erschöpfter Nachwuchs

Eine europaweite Umfrage bei jungen Onkologen hat die Arbeits- und Lebensstilfaktoren in Bezug auf stressbedingte Gesundheitsstörungen untersucht.

 

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung: Die Balance zwischen Engagement und Belohnung stimmt auch bei (Klinik-) Ärzten nicht immer, insbesondere nicht bei den unter 40-Jährigen – und schon gar nicht bei angehenden Krebsspezialisten. Die fühlen sich durch komplexe therapeutische Entscheidungen und die ständige Konfrontation mit Leid und Tod emotional stark belastet – bei gleichzeitiger Arbeit unter enormem (Kosten-)Druck mit stetig steigenden Qualitätsanforderungen und Behandlungsfällen pro Arzt.

Rund 71% leiden unter jenem Zeitphänomen, das die einen als Burnout bezeichnen, die anderen als begriffliches Vehikel für affektive Störungen wie Depressionen, Ängste, Drogenmissbrauch. Schlüsseldimensionen auf dem Weg in den Teufelskreis sind in jedem Fall emotionale Erschöpfung, Depersonalisation („Patientenaversion“) und reduzierte Leistungsfähigkeit als Folge nicht erfüllter individueller arbeitsbezogener Wertvorstellungen einschließlich objektiv belastender Arbeitszeiten.

Diese zentralen Ergebnisse der europaweit in 41 Ländern durchgeführten Umfrage Burnout-Prävalenz und Work-Life-Balance bei jungen Onkologen wurden im vergangenen September anlässlich des Jahreskongresses der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO 2o14) in Madrid vorgestellt.

Die Mitglieder der ESMO-Arbeitsgruppe „Junge Onkologen“ haben 737 Onkologen und angehende Onkologen (62% Frauen) befragt und die Ergebnisse von 595 Befragungen ausgewertet: 71% zeigen die typischen Symptome eines massiven stressbedingten Erschöpfungssyndroms mit Depersonalisation (50%), emotionaler Erschöpfung (35%) und Leistungsdefiziten (35%).

Betroffen sind vor allem 26- bis 30-jährige Männer in Südost- und Mitteleuropa, deren Arbeitgeber keine Hilfsangebote zur Verfügung stellen und keine ausreichenden Erholungszeiten vorsehen. Der Grad der seelischen und körperlichen Erschöpfung korreliert mit dem Ausmaß der Arbeitsverdichtung, der Wege- und Arbeitszeit sowie mit privaten Parametern wie Beziehungsstatus und Zahl der Kinder.

Arbeits- und Lebenszufriedenheit strahlt positiv auf die Patientenversorgung, auf die Kommunikation und auf die Zusammenarbeit mit Kollegen
Susana Banerjee

Unterstützung und ein „lösungsorientiertes Nein“

„Die Onkologie ist ein faszinierendes und sehr anspruchsvolles Fach und kann außerordentlich stressig sein,“ wird Dr. Susana Banerjee, Onkologin am Royal Marsden NHS Trust in London und Erstautorin der Studie, in einer ESMO-Pressemitteilung zitiert. Die Umfrage habe gezeigt, dass schon der Nachwuchs häufig ausgebrannt sei, was zu gravierenden persönlichen Problemen bis hin zur Suizidalität führen könne.

Wege aus dem Hamsterrad sieht Banerjee naturgemäß in der Prävention, vor allem aber in der Unterstützung. Über die spezifischen Belastungen dieses Fachs müssten die künftigen Kollegen bereits während des Studiums informiert werden. Ein anderer Blick auf die (eigene) Tätigkeit sei ebenso wichtig wie gegebenenfalls die Inanspruchnahme von Supervision. Es müsse Raum dafür geben, belastende Aspekte der Arbeit auch diskutieren zu können.

Die Mediziner selbst sollten Strategien erlernen, die die Selbstwahrnehmung und -wirksamkeit erhöhen, einen konstruktiven Umgang mit Stress ermöglichen und das eigene Zeitmanagement verbessern. Ein gelegentliches „lösungsorientiertes Nein“ ohne Befürchtung von Sanktionen gehöre ebenfalls dazu.

„Es gibt ein Leben jenseits von Forschung, Lehre und täglicher klinischer Praxis. Auch im Hinblick auf künftige Generationen von Onkologen müssen wir junge Kollegen darin unterstützen, eine gute Work-Life-Balance zu entwickeln,“ so die Autorin. Das sei entscheidend, denn Arbeits- und Lebenszufriedenheit strahle positiv auf die Patientenversorgung, auf die Kommunikation und Zusammenarbeit mit Kollegen. Und überhaupt auf alles.

Fast alle Ärzte erleben den ökonomischen Druck als eine Bedrohung ihrer ethischen Grundsätze. Fast alle Befragten sprachen von Bedrohung, einige von Verletzung, einige sogar von Abscheu über die Art und Weise, wie sie arbeiten müssen
Prof. Dr. Karl-Heinz Wehkamp

 


 

Banarjee S et al: ESMO (online) 28. September 2014
Abstract: #1o81O_PR

Achtsamkeit und Strahlentherapie

Eines der größten Therapiezentren für Krebserkrankungen in den USA hat erstmals Mind-Body-Interventionen im Rahmen einer Radiotherapie untersucht

 

Wird eine Strahlentherapie von Achtsamkeits-Yoga, Meditation und Entspannungsübungen begleitet, fühlen sich Brustkrebs-Patientinnen nicht nur körperlich besser; sie leiden seltener unter dem starken Erschöpfungs- bzw. Fatigue-Syndrom und sind allgemein in einer positiveren Grundstimmung. Dies zeigt eine randomisierte kontrollierte Studie des MD Anderson Cancer Center in Houston, einem der größten Behandlungszentren für Krebserkrankungen in den USA. In Zusammenarbeit mit dem Yoga-Forschungszentrum Swami Vivekananda Yoga Anusandhana Samsthana in Bangalore/Indien, sind erstmals die Wirkungen von Mind-Body-Interventionen mit denen einfacher Dehnungsübungen verglichen worden.

Insgesamt wurden 191 Mammakarzinom-Patientinnen (Stadien 0-3) vor der Radiotherapie auf drei Gruppen verteilt: Die Teilnehmerinnen der Mind Body Medicine-Gruppe (n=53) führten während der sechswöchigen Strahlentherapie dreimal pro Woche jeweils eine Stunde Mind-Body-Interventionen durch, in denen Yoga mit bewusster Atmung, Meditation und Entspannungsübungen kombiniert wird. Die Teilnehmerinnen der Stretching-Gruppe (n=56) führten parallel einfache Dehnübungen durch. Als Kontrolle diente eine körperlich inaktive Gruppe (n=54).

Alle Teilnehmerinnen notierten in einem umfassenden Gesundheitsfragebogen die Veränderungen bezüglich ihrer Lebensqualität und der wichtigsten Begleiterscheinungen der Therapie – Fatigue, Depression und Schlafstörungen. Außerdem wurden zu Studienbeginn, Studienende und 1, 3 und 6 Monate später täglich fünf Speichelproben zu unterschiedlichen Zeiten entnommen, um die Konzentration des Stresshormons Cortisol zu bestimmen. Schwankungen des Hormons im Tagesrhythmus können laut der Autoren die Mammakarzinom-Prognose ungünstig beeinflussen.

Niedrige Stresshormonspiegel

Im Ergebnis hatten die Frauen aus der MBM-Gruppe die niedrigsten Cortisolspiegel im zirkadianen Rhythmus, was den Schluss zulässt, das Achtsamkeits-Yoga an der Regulierung des Stresshormons nennenswert beteiligt ist. Auch die körperliche Funktionsfähigkeit, das allgemeine Gesundheitsgefühl und die Lebensqualität waren in dieser Gruppe während der Therapie und im Anschluss daran am deutlichsten ausgeprägt. Die Teilnehmerinnen waren zudem eher bereit, ihre Erkrankung als sinnhafte Lebenserfahrung anzunehmen. Schließlich berichtete die Gruppe über einen Rückgang des Erschöpfungssyndroms, das galt auch für die Frauen aus der Stretching-Gruppe. In keiner der drei Gruppen war ein Unterschied bezüglich Depression und Schlafqualität nachweisbar.

Die Autoren führen mit finanzieller Unterstützung des National Cancer Institute derzeit eine Studie bei Frauen mit Brustkrebs durch, um die Wirkungen von Achtsamkeits- bzw. MBSR-Yoga während und nach einer Radatio weiter zu untersuchen. Ein sekundäres, für die Autoren dennoch sehr wichtiges Ziel der Studie ist die Beurteilung der Kosten-Nutzen-Relation für die Kostenträger. Denn gegebenenfalls können die Patientinnen durch Entspannungs-basierte Übungsprogramme früher ins Arbeitsleben zurückkehren.

 

Chandwani KD et al: Journal of Clinical Oncology (online) 3. März 2014. DOI: 10.1200/JCO.2012.48.2752

 

Zum Thema


MBSR in Mind Body Medicine

MD Anderson Cancer Center: Fatigue im Rahmen einer Krebserkrankung – Die Bedeutung der Integrativen Medizin

Video

 

Was ist Meditation?

„Je nachdem, wen Sie fragen, was Meditation ist oder wozu man meditiert, werden Sie eine andere Antwort erhalten. Einige sagen: Meditation ist Nichtstun, zumindest sieht es so aus. Für andere ist Meditation keine Technik, sondern eine Art zu sein,“ schreibt Prof. em. Jon Kabat-Zinn, Molekularbiologe, Stressforscher, Verhaltensmediziner und Meditationslehrer in Massachusetts.[1]

Das in Religionen verankerte spirituelle Prinzip ist längst keine suspekte Beschäftigung für Randgruppen mehr, sondern gehört mittlerweile auch hierzulande zum Zeitgeist. Verpackt in komplementärmedizinische Programme wie „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) oder „Mindfulness-Based Cognitive Therapy“ (MBCT) wird die Achtsamkeitsbasierte Meditation in Universitätskliniken, Krankenhäusern und Gesundheitszentren gelehrt.

Für Kabat-Zinn, den Gründer des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society (CFM) an der University of Massachusetts Medical School und des MBSR-Programms, ist Meditation und insbesondere die Achtsamkeitsmeditation eine weitere Form des Selbstgesprächs. „Sie können Ihr Innerstes aufschließen und einen Bewusstseinszustand der Ruhe, klaren Wahrnehmung und des nichturteilenden Gewahrseins im Augenblick erreichen – jenen Bereich, den die alten chinesischen Daoisten das offene, wache Nichtstun nennen.“

Den Kopf vom inneren Geschwätz, den Körper von Spannungen befreien und in einen Zustand
der völligen Ruhe gelangen
Jon Kabat-Zinn

Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz

Ende 1970 hat Kabat-Zinn in Massachusetts begonnen, die Wirkungen der Achtsamkeitsmeditation bei chronisch Kranken zu untersuchen. Grundelemente der Achtsamkeit sind Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz, Großzügigkeit – archaische Werte, die zunehmend wie aus einer anderen Welt anmuten. Seit 1995 wird sein MBSR-Programm am CFM begleitend zu medizinischen und psychotherapeutischen Maßnahmen eingesetzt, um vor allem Menschen zu helfen, besser mit chronischem Stress, Depression und Angststörungen umgehen zu können. MBSR fördert vor allem die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, fördert die Hinwendung zu Herausforderungen und Schmerzen.

Achtsamkeits- und Transzendentale Meditationsformen sind Methoden der bewussten Tiefenentspannung, bei der die Konzentration nach innen auf einen sich wiederholenden Vorgang gerichtet ist, sei es auf die Atmung, ein Wort, einen Satz oder Spruch. Der Fokus auf solche Wiederholungen ist dabei nur ein Hilfsmittel, um das sympathische Nervensystem zu beruhigen, den Kopf vom „inneren Geschwätz“ und negativen Gedanken/Gefühlen respektive den Körper von Spannungen zu befreien und so in einen Zustand der völligen Ruhe zu gelangen.

Harte Arbeit

„Das ist harte Arbeit,“ so Kabat-Zinn, denn es sei nicht einfach, im täglichen Strom der Ereignisse oder wenn das Leben mal wieder verrückt spielt, regelmäßig auch nur eine kurze Zeit am Stück innezuhalten, sich einfach nur eine Weile allein hinzusetzen, still zu sein und die Gedanken, Sorgen, Verlangen, Leiden und sämtliche andere Bewusstseinszustände erst zu akzeptieren und dann nicht wertend loszulassen. „Sei leer, sei still. Beobachte einfach, wie alles kommt und geht“, hat es der chinesische Philosoph Laotse (6 Jh. v. Chr.) formuliert.

Diese innere Ausrichtung wird in der Psychotherapie manchmal als „radikale Akzeptanz“ bezeichnet. Sie zu erreichen ist nicht einfach, besonders wenn das, was geschieht, nicht unseren allgegenwärtigen Erwartungen, Wünschen und Phantasien entspricht.

Deshalb, so Kabat-Zinn, ist Meditation nichts für Feiglinge: „Meditieren ist nicht das, was Sie denken. Es geht weder darum, einen Schalter umzulegen und sich irgendwohin zu katapultieren, noch bestimmte Gedanken zu pflegen und andere zu vermeiden oder gar darum, sich zum Friedlich- oder Entspanntsein zu zwingen. Es geht überhaupt nicht ums Denken. Es geht darum, einfach zu sein. Es geht um das Nicht-Festhalten und daraus folgend um die Bereitschaft, unter allen auftretenden Umständen angemessen zu handeln.“

Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen
und Schmerzen zu lindern
Madhav Goyal

Gegen Ängste, Depressionen und Schmerzen

MBSR wird seit vielen Jahren regelmäßig auf Evidenz untersucht. Eine neuere Studie einer Arbeitsgruppe der renommierten Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, hat diese und andere Meditationsformen wie die Mantra-basierte Transzendentale Meditation in einer Metaanalyse überprüft.[2]

„Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen und Schmerzen zu lindern,“ lautete das Kernergebnis. Eine geringe Wirksamkeit haben die Autoren auch auf die allgemeine Bewältigung von Stress und die Lebensqualität ermittelt – nicht aber auf Variablen wie Substanzmissbrauch (Alkohol, Nikotin), Schlafstörungen, ungesunde Essgewohnheiten und Gewichtsprobleme. Für die Transzendentalen Meditationsformen wurden keine vergleichbaren Wirkungen festgestellt.

Nach umfangreicher Literaturrecherche wurden die Ergebnisse von insgesamt 47 Kurz- und Langzeitstudien (Dauer: 3 Wochen bis 5,4 Jahre) von unterschiedlicher Qualität und mit 3.515 Patienten über 18 Jahre (18 bis 206 Patienten pro Studie) zusammengefasst. 15 Studien hatten Patienten mit Depression, Angsterkrankungen, Stress-Symptomen und Schlaflosigkeit untersucht; 5 Studien hatten Raucher und Alkoholiker, 5 Studien chronische Schmerzpatienten und 16 Studien Patienten mit verschiedenen Diagnosen aufgenommen, darunter Brustkrebs, Bluthochdruck, COPD, Diabetes, HIV.

Die größten Effektstärken ermittelten die Autoren für Angsterkrankungen, geringe bis mittlere Effekte zeigten sich für Depressionen und Schmerz.

„Die Ergebnisse sind nicht umwerfend, aber die kleinen Fallzahlen der einzelnen Studien und die heterogenen Indikationen lassen letztlich keine guten und vor allem keine endgültige Aussagen zu,“ kommentierte Prof. Dr. Benno Brinkhaus, Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité sowie Leiter der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Standort Mitte im Gespräch mit mir.

Brinkhaus fand es problematisch, dass viele nicht immer vergleichbare Studien in Reviews und Metaanalysen zusammengefasst würden. „Diese haben zwar die höchste Evidenz, aber man muss die große Heterogenität immer auch kritisch als Limitation sehen. Die Frage ist unklar, ob es besser gewesen wäre, wenn ausschließlich Studien aufgenommen worden wären, in denen nur Patienten mit Stress-assoziierten Erkrankungen und nicht auch Patienten mit Asthma, Fibromyalgie oder HIV eingeschlossen worden wären,“ so Brinkhaus.

Warum ist Meditation im Besonderen und sind komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft?
Allan H. Goroll

Die Expertise des Meditationslehrers

In einem Gastkommentar zu der Analyse beschäftigten Prof. Allan H. Goroll, Harvard Medical School und Massachusetts General Hospital, noch andere Aspekte: „Die Meditation nimmt aufgrund ihrer Historie zwar eine Sonderstellung in der Komplementärmedizin ein. Doch der bescheidene Nutzen, den Studien zeigen, deren Methodik zudem nicht immer wissenschaftlich ist, wirft die Frage auf, warum Meditation im Besonderen und komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden sind – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft. Ist es der Wunsch, einen Alltag wieder selbstbestimmt strukturieren und kontrollieren zu können, der sich scheinbar immer weniger bewältigen lässt?“

Goroll hielt es für wichtig, solide wissenschaftliche Metaanalysen wie die vorliegende einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und zum Gegenstand von Gesprächen zwischen Ärzten und jenen Patienten zu machen, die begeistert und unkritisch unvalidierte komplementäre Maßnahmen in ihren Alltag und die Behandlung ihrer Krankheiten integrieren wollen.

Goyal und Kollegen wiederum betonen die Notwendigkeit weiterer Studien, die vor allem drei Faktoren überprüfen sollten: Die Expertise des Meditationslehrers, den zeitlichen Übungsumfang und die Umsetzungsmöglichkeiten in den Alltag. Davon hänge der Erfolg der Achtsamkeitsmeditation ebenso ab wie von Sozialstatus, Bildung und Spiritualität.

„Historisch ist Meditation nun mal keine Therapie bei Gesundheitsproblemen, sondern eine Schulung des Geistes, um einen Bewusstseinszustand der völligen Ruhe zu erreichen,“ so die Autoren.

Brinkhaus konnte nur zustimmen: „Ärzte sollten in der Lage sein, mit potenziellen Patienten über die Bedeutung von Meditation zu sprechen. Die Rolle der Meditation und auch ihre Grenzen müssen klar dargestellt werden.“

 


 

1 Kabat-Zinn J: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Arbor Verlag 2006

2 Goyal M et al: JAMA Intern Med 2014; 174(3): 357-368
DOI: 10.1001/jamainternmed.2013.13018

Ein Maß finden in der Angst

Wir sehen den sozialen Frieden in Gefahr, misstrauen dem digitalen Fortschritt und fürchten uns vor Terror und Gewalt: Wir leben in einem Zeitalter der Angst, heißt es. Haben Angst vor dem Abstieg. Angst vor Einsamkeit. Angst davor, unsichtbar zu werden. Darüber hätte sich vor zehn Jahren noch intensiv diskutieren lassen. Heute nicht mehr.

 

Die vielen Gesichter der Angst sind neben den Depressionen in den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO die weltweit häufigsten Erkrankungen der Seele. Zugenommen hat naturgemäß auch die Zahl der Betroffenen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Angst lähmt unglaublich viele Menschen, und doch vertrauen sie sich niemandem an – aus Angst, nicht ernst genug genommen zu werden; aus Angst, zuviel von sich preisgeben zu müssen; aus Angst vor Stigmatisierung. Das setzt oft genug einen Teufelskreis in Gang: Es ist bekannt, dass sich hinter vielen Ängsten ursprünglich eine nicht erkannte und nicht behandelte Depression verbirgt.

Zunächst ist Angst ein prinzipiell wichtiges, notwendiges, normales Gefühl – ein genialer Trick der Natur, der letztlich Leben ermöglicht. Kinder fürchten die Dunkelheit, Erwachsene Gewitter, im Alter wächst die Angst vor Krankheiten, Einsamkeit und Tod.

Zur Diagnose wird Angst erst, wenn sie unangemessen stark ist, zu oft und zu lange auftritt, mit Kontrollverlusten oder Zwangshandlungen verbunden ist, starkes Leid verursacht und dazu führt, dass man den Auslösern aus dem Weg geht. Unter dem Begriff Angststörungen werden heute die Agoraphobie /Panikattacken, generalisierte Angststörung, soziale Phobie und spezifische Phobien zusammengefasst. Charakterisiert sind sie dadurch, dass die Betroffenen exzessiv auf akute Gefahren und Bedrohungen reagieren; gegebenenfalls existieren diese gar nicht.

Bin ich einsam? Ja, manchmal schon. Mir fehlen nicht einfach nur Menschen, sondern das Gefühl, von jemandem beachtet zu werden
Wilfried Erdmann, Weltumsegler

Der Nährboden für soziale Phobien

Allgemein spielt sich Angst stets auf vier Ebenen ab. Involviert sind die Gefühle (Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Furcht, Resignation), die Gedanken (ich kollabiere; ich verliere die Kontrolle), der Körper (Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Zittern etc.), das Verhalten (Flucht, Hilfe suchen, Vermeiden, Medikamente nehmen).〈1〉

Am weitesten verbreitet sind Agoraphobien: Ängste vor Spinnen, großen Plätzen, engen Räumen, Menschenansammlungen. Bei spezifischen Phobien gibt es von Bienen über Schlangen bis Vogelfedern nichts, was vor allem Frauen nicht anhaltend und exzessiv in Panik versetzen kann.

Die soziale Phobie wird seit wenigen Jahren intensiv als zeittypisches Phänomen wahrgenommen, obwohl sie bereits seit 1980 ein eigenständiges Krankheitsbild ist: In einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Klima, in dem Belastbarkeit, hohe Flexibilität und emotionale Kompetenz wichtiger denn je für private Beziehungen wie für Arbeitsatmosphären sind, finden Ängste einen guten Nährboden, so anspruchsvollen Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Bei einer generalisierten Angststörung steht die Sorge um alles und jeden im Vordergrund – um den Partner auf dem Weg zur Arbeit, um das Kind in der Schule, um den Verlust der finanziellen Sicherheit. Auf den ersten Blick mögen solche Befürchtungen hochneurotisch erscheinen, sie beherrschen und behindern das Leben jedoch Tage, Wochen, Monate.

Panikattacken kommen plötzlich und unerwartet und finden meist in Verbindung mit anderen Angststörungen statt, z. B. einer Agoraphobie. Häufig sind sie Folge einer Depression.

Für akute Belastungsreaktionen und eine Posttraumatische Belastungsstörung gibt es zahllose Ursachen: Krieg, Verbrechen, Vergewaltigung, Naturkatastrophen, Unfälle, Verluste (von Arbeitsplatz über Besitz bis zu einem oder mehrere Menschen durch Tod) … Ein traumatisierendes Ereignis kann unmittelbar erlebt oder beobachtet werden. Auch professionelle Ersthelfer werden häufig mit nachhaltigen Stressfaktoren konfrontiert: mit dem Anblick und Ausmaß einer Katastrophe.

Zwangsstörungen sind extrem gesteigerte Handlungen und Gedanken (Hände waschen, Herd überprüfen, Haustür absperren …), die in viele Lebensbereiche ragen, sehr zeitraubend werden, mit großem Leidensdruck und oft auch körperlichen Beschwerden verbunden sind. Sobald zwanghafte Handlungen oder Gedanken unterdrückt werden, verstärkt sich die Angst deutlich.

Kein gemeinsamer Nenner

Ängste lassen sich nicht immer auf einzelne, eindeutige Ursachen zurückführen. Es wirken verschiedene Faktoren zusammen, genetische Veranlagung und erlernte Verhaltensmuster ebenso wie das soziale Umfeld und biographische Krisen. So vielfältig die Faktoren auch sind, erst im Zusammenwirken wird die Seele letztlich verletzbar – vulnerabel – gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress. Entsprechend werden die Zusammenhänge wissenschaftlich unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst. Es integriert verschiedene Theorien und Aspekte über die Ursachen, die bei jeder Angststörung wichtig sind:

Das psychosoziale Modell

Konzentriert sich auf Stressoren und Konflikte. Demnach sind Ängste auf situative Stressfaktoren (z. B. schmerzliche Trennungen oder Verluste, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit) und/oder psychische Konflikte (z. B. zermürbende Partnerkrisen) zurückzuführen. Früher galt die Auffassung, dass mit dem Grad des Stresses die Schwere der Angst korreliert. Ziel der Behandlung war es, die Belastungen auszuschalten. Dann hat sich gezeigt, dass nicht alle Angststörungen in das Schema passen. Bei der Entwicklung einer generalisierten Angst beispielsweise sind neben Dauerstress ein geringes Selbstwertgefühl sowie ein suboptimaler Gesundheitszustand beteiligt.

Hier kann Ihnen ein SecondaVita Præventionstraining oder Systemisches Præventionscoaching helfen.

Das lerntheoretische Modell

Betont wird die klassische Konditionierung: Bislang neutrale Situationen oder Objekte lösen plötzlich Angstreaktionen aus. Andere Lerntheorien betrachten Angststörungen im Zusammenhang mit der gesamten Persönlichkeitsentwicklung. In der frühen Lebensführung kann – muss aber nicht – die Erziehung die Entwicklung von Angst begünstigen. Unter anderem können

  • eine überbehütete Kindheit;
  • traumatische Erfahrungen (körperliche, psychische Misshandlungen);
  • eine an liebevoller Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung fehlende Erziehung;
  • elterliche Zuwendung, die an besondere Leistung gebunden ist;
  • ein Erziehungsstil, der selbstsicheres und unabhängiges Verhalten wenig fördert;
  • Lerndefizite im Sozialverhalten

früh wichtige Hirnareale verändern. Die so entstehenden biologischen Narben prägen die Persönlichkeit. Experten sprechen von erhöhter Angstbereitschaft gegenüber sozialen Situationen, die als bedrohlich erlebt werden.

Die Anfälligkeit allein führt aber nicht zwingend in die Erkrankung. Auch scheint es, als hätten die Betroffenen kein ausgeprägtes Gefühl der Kohärenz. Gemeint ist damit eine widerstandsfähige Haltung zum Leben, die mit der Gewissheit einhergeht, tägliche Belastungen und Krisen bewältigen zu können.

Hier kann Ihnen ein Systemisches Præventionscoaching helfen.

 Die Rolle der Gene

Die Frage, warum nicht alle Menschen unter ähnlichen Bedingungen krank werden vor Angst, versuchen unter anderem Genetiker und Neurowissenschaftler zu klären, indem sie zunächst postulieren: Es muss zusätzlich eine genetische bzw. biologische Veranlagung vorliegen.

Genetische Faktoren werden für psychische Erkrankungen bisher nicht vollständig verstanden. Gene können einerseits ein Risikofaktor für eine psychische Störung sein, andererseits aber auch eine Schutzwirkung haben. Insgesamt sollte ihre Bedeutung nicht überschätzt werden, sie lösen per se keine Krankheiten aus, sie disponieren lediglich dafür. Das heißt, es gibt ein erhöhtes Risiko, die Krankheit muss nicht automatisch ausbrechen. Maßgeblich verantwortlich sind andere Faktoren, oft Umwelteinflüsse und der Lebensstil.

Das biologische Modell

„Der Schlüssel für ein besseres Verständnis psychischer Störungen heißt Hirnforschung,“ hat Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken für Psychiatrie in Düsseldorf, zu Beginn des Jahres 2000 festgestellt. Zu jenem Zeitpunkt hielten die Psychiater ihr Fach für das interessanteste der gesamten Medizin, da die zahlreichen neuen Erkenntnisse der Hirnforschung über die Funktionsunterschiede zwischen Gesunden und Kranken in den zehn Jahren zuvor die Psychiatrie revolutioniert hatten – im Verständnis der Ursachen über die Diagnostik bis zu den Therapien. Derzeit ist der Lack ein bisschen ab, aber das ist ein anderes Thema.

Nach wie vor gilt: Welche Krankheitsform sich die leidende Seele sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab. In fast allen Fällen geht dies mit Veränderungen in bestimmten Hirnarealen einher, genauer: mit einer Störung im Stoffwechsel der chemischen Botenstoffe (Neurotransmitter). Diese gewährleisten die einwandfreie Kommunikation zwischen den rund 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns und steuern verschiedene körperliche und geistige Prozesse.

Man weiß auch: Angst ist Stress – wie jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns einwirkt. Und Stress verändert Hirnfunktionen. Die komplexen Prozesse, die Angstgefühle erzeugen, laufen mit unfassbarer Geschwindigkeit und vielfach unbewusst ab. Welche Hirnstrukturen und Neurotransmitter daran beteiligt sind, war und ist Gegenstand zahlreicher Forschungen.

Klar ist: Bei Angstpatienten sind bestimmte Hirnregionen und die zugehörigen Neurotransmitter aktiv, die unmittelbar Denken und Fühlen beeinflussen. Dazu gehören die Mandelkerne (Amygdalae), eine stammesgeschichtlich sehr alte, paarig angelegte Funktionseinheit im Großhirn, die eng mit verschiedenen Strukturen des Gehirns verschaltet ist. Ob Furcht oder Fluchtwünsche – bei jeder Art von Emotionen spielt die Amygdala eine zentrale Rolle.

Ist die erst mal aktiviert, läuft das typische Kampf-Flucht-Schema ab, das Menschen und höher entwickelte Tiere seit Urzeiten durchs Leben begleitet und dieses oft genug rettet. Ein Faktor, der bei der körperlichen Wahrnehmung von Stress eine Rolle spielt, ist das vegetative Nervensystem. Es ist bei Angstpatienten leichter erregbar als bei Gesunden. Das Vegetativum stellt die Verbindung zu den inneren Organen und Drüsen her, es hat mit Körperprozessen zu tun, die selbstständig ohne das Bewusstsein (unwillkürlich) ablaufen. Beispiele sind Funktionen wie Atmung, Verdauung, Blutdruck, Schwitzen, Weinen.

Unklar ist generell noch, was Henne und Ei ist, inwieweit also Neurotransmitter-Störungen zum eigentlichen Ausbruch einer psychischen Erkrankung führen oder ob sie selbst lediglich Bestandteil des Prozesses sind.

Besonnenheit impliziert ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Angst, aber auch von Hoffnung, ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Sehnsucht,
aber auch von Besorgnis

Giovanni Maio

Verstanden werden, Harmonien herstellen 

So oder so: Ängste, die das Leben dominieren, gehören immer in die Obhut von ebenso qualifizierten wie empathischen und engagierten Fachleuten. Außerdem verschwinden Ängste in aller Regel nicht von allein. Abhängig von den Ursachen, Beschwerden, Schweregraden und Patientenwünschen stehen differenzierte Ansätze zur Verfügung, die sich gegebenenfalls kombinieren lassen. Die neue S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen ist von April 2014; Orientierung für die Behandlung von Zwangsstörungen bietet eine neu entwickelte S3-Leitlinie von März 2o15.

Das Spektrum ist groß, begleitend zu Verhaltenstherapien, medikamentösen Maßnahmen, Hypno- und Traumatherapien oder Körpertherapien einschließlich Sport haben sich die Techniken der Stressbewältigung durch Achtsamkeit (Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) nach Kabat-Zinn als  sinnvoll und hilfreich erwiesen.

Das Wichtigste aber ist Zeit, Trost, Zuversicht – ist das Prinzip Hoffnung, ist positive Motivation. Es gilt, ein verständliches Modell seiner Krankheit zu erhalten, zum Experten seiner selbst zu werden und mehrdimensionale Wege zur Genesung zu eröffnen. Angstfreiheit lässt sich nicht verordnen, es lässt sich aber eine Harmonie herstellen zwischen dem was ist und dem, was idealerweise sein könnte. Der Arzt, Philosoph und Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio, Freiburg, nennt dies den „zentralen Wesenszug der Besonnenheit“, die eine Voraussetzung für das Selbstsein sei und die einen davon abhält, maßlos zu sein – auch mit den eigenen Affekten.〈2〉

Besonnenheit setze Realitätssinn und Klugheit voraus, eine innere Ruhe und Handelnwollen; Eigenschaften, die gleichsam nützlich sind für das therapeutische Konzept des Befähigens. Werden auch noch Angehörige aktiv eingebunden, umso besser: Im Rahmen der Psychoedukation können Patienten und Angehörige ihre jeweilige Lebensqualität verbessern auf dem Weg, zumindest angstfreier zu leben. In diesem Perspektivwechsel hin zur Stärkung der Standfestigkeit und Autonomie liegt zudem die Chance, sich selbst zu finden und, mehr noch, sich selbst annehmen zu können.

„Es ist unsere innere Einstellung, die uns sagt, dass das vermeintlich Imperfekte im Menschen, seine Leistungsgrenzen, seine Verwundbarkeit einen tieferen Sinn haben“, schreibt Maio. Gesund sei nicht, wer keine Beeinträchtigung hat, sondern wer einen kreativen Umgang mit seiner eigenen Begrenztheit und seiner grundsätzlichen Versehrbarkeit gefunden hat.

 

Zum Thema


IM FOKUS: DAS KRANKE GEHIRN

 

9 IDEEN FÜR EINE BESSERE NEUROWISSENSCHAFT

 

1 Berger, Mathias et al: Angststörungen in Psychiatrie und Psychotherapie. Urban u Fischer 2ooo

2 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

Wohlwollend denken

Negative Gedanken. Das Unangenehme daran ist, dass sie alles noch schlimmer machen. Ob jede Situation, und sei sie noch so bitter, immer auch Gutes birgt, darüber lässt sich nicht wirklich diskutieren. Es gibt Menschen, die sind resilient, andere sind es nicht.

Gleichwohl lässt sich etwas an dem Versuch tun, Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen herzustellen und die Destillate in einen größeren Kontext zu stellen. In der Psychologie geht man davon aus, dass die Art, wie ein Mensch sich und das Leben sieht, von seinen Einstellungen, Gedanken, Bildern, Selbstgesprächen und Interpretationen aktiv beeinflusst wird. Inhalt und Qualität von Kognitionen beeinflussen Gefühle, Verhalten, Körperreaktionen und schließlich die Gesundheit.

Beispielsweise kann aus der sich wiederholenden Erfahrung der Hilflosigkeit in verschiedenen Situationen der Lerneffekt entstehen, das Leben nicht meistern zu können. „Erlernte Hilflosigkeit“ führt zu Denkmustern wie „Ich kann nichts, ich bin ein Loser, egal, was ich tue.“ Und ist ein Wegbereiter für Depression. Depressive Erkrankungen sind gekennzeichnet durch eine mangelnde Bewältigung und Kontrolle von negativen Gedanken, Eindrücken und Gefühlen.

Umgekehrt sind Narzissten und Psychopathen so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass die Befindlichkeiten anderer sie weder interessieren noch berühren. Nicht von ungefähr werden sie in der Wissenschaft auch „Sozialstraftäter“ genannt – und zusammen mit den Machiavellisten, den skrupellosen Manipulatoren, als „Dunkle Triade“ bezeichnet.

Oder: Wer an einen Streit mit dem Partner oder an Probleme am Arbeitsplatz denkt (vielleicht wegen der eben genannten Mitarbeiter oder Vorgesetzten), kennt vielleicht innere Monologe wie „Das hört und hört nicht auf.“ – „Warum gerade ich…“ – „Das wird wieder ein grauenvoller Tag.“

Gerade im Zusammenhang mit klinischen psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankungen ist es wichtig, seine eigenen negativen Gedanken, Überzeugungen, Gefühle zu kennen, sie lassen sich dann eher steuern. Sonst haben sie Sie, nicht Sie sie.

Negative Gedanken und Überzeugungen
wahrnehmen, ordnen, annehmen, ersetzen

 

Mit mentalen Verfahren lässt sich daran arbeiten, die eigene Person und stresserzeugende Situationen bzw. in stresserzeugenden Situationen realistischer wahrzunehmen. Grundannahme ist, dass destruktive Denk- und Verhaltensweisen erlernt wurden und wieder verlernt werden können. In entsprechenden Übungen werden automatisch auftauchende negative Gedanken und Überzeugungen identifiziert, bewertet und umgewandelt.

Wenn man ein Ziel hat, wird vieles unwichtig.
Dazu gehört auch die Einsamkeit
Wilfried Erdmann, Alleinsegler

In was? In Annahme vielleicht, in Annahme dessen, was ist. Das hat nichts mit Resignation oder Fatalismus zu tun. Im Gegenteil, es kann kreative Kraft entstehen und letztlich eine Haltung, die Dinge des Lebens sportlicher zu nehmen. Haltung ist ein besonderes Wort. Denn innere und äußere Haltung bilden den Gesamtzustand ab. In dem Sinne kann es nicht schaden, sportlich zu sein und jegliche Bewegungen bewusst auszuführen. Das heißt, auf das „Wie“ des Tuns zu achten.

Nach dem Prinzip funktionieren nahezu alle mentalen Trainingsformen, die Ziele sind stets die gleichen. Auf dieser Basis funktionieren auch mein Mind Body Medizin-Training | Selbstführungs-Training und meine Præventionsoachings:

Ziele des MBM-Trainings| Selbstführungs-Trainings und des Präventionscoachings:

 

  • Wohlwollende Grundeinstellung
  • Innere Kraftquellen nutzen
  • Sich besser kennenlernen
  • Die 5S
  • Integrativer Umgang mit Krisen, Konflikten, Widerständen 
  • ein guter, zumindest besserer Schwimmer werden
  • Visionen entwickeln, um Ziele greifbarer zu machen

 

Auf dem Weg zu neuen Ufern und zu Antworten ist es hilfreich, sich – und andere – nicht unter Druck zu setzen. Um Wohlwollen zu „schenken“ und uneigennützig für jemanden da zu sein, müssen wir uns selbst wohlfühlen. Es gibt ein paar Qualitäten oder auch ungeschriebene Gesetze, eines ist Geduld gepaart mit Gelassenheit, denn „ein Jegliches hat seine Zeit“. Darüber hinaus gibt es Meditationen, in denen es darum geht, eine Einstellung freundlichen Wohlwollens sich selbst und anderen gegenüber zu entwickeln.

„Man muss überdies von einem bequemen Rezeptdenken Abschied nehmen, der Suche nach fertigen, situationsunabhängig gültigen Prinzipien, die für alle gelten können – immer und überall,“ schreiben Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun, der Erfinder der Kommunikationspsychologie, und der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen.〈1〉 Was bleibe, sind gedankliche Rahmenbildungen, Werkzeuge zur Entdeckung der eigenen, individuellen Lösung.

Beste Ausdrucksform für das Ergebnis derart reflexiver Prozesse sind gute Selbstgespräche. Darüber hinaus ist es im Idealfall eine Art des Miteinander-Redens, die sich für beide Seiten als bereichernd erweist, da sie geprägt ist von „3 W“: Wertschätzung, emotionale Wärme, kluge Worte.

Und wenn man doch einmal ein Rezept präsentiert,
so bleibt dies der Selbsterarbeitung überlassen
Friedemann Schulz von Thun

 


 

1 Pörksen B und Schulz von Thun F: Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Carl Auer, 2o14

 

 

Bewusst entspannen

Winston Links | ask 2o13  Es gibt Menschen, die Ruhe nervös macht; Menschen, die den Sonntag – den Ruhetag – nicht leben können; Menschen, die sich vor sich fürchten – die fürchten, sich plötzlich mit sich beschäftigen zu müssen.

Jeder kann lernen, sich angstfrei zu begegnen und die belastenden Anforderungen eines komplexen Lebens positiv zu beeinflussen. Ein Weg ist sicherlich bewusstes Entspannen.

Auf körperlicher Ebene ist damit das Lösen von Muskelspannungen und eine Beruhigung des Atems gemeint.

Auf mentaler Ebene geht es um Wahrnehmen und „ziehen lassen“ von negativen Gedanken oder zwanghaften Sorgen.

Auf emotionaler Ebene geht es um Entwicklung größerer Gelassenheit, mehr Selbstakzeptanz, Konzentration und inneren Frieden.

Alle drei Ebenen – Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle – beeinflussen sich gegenseitig und finden im Verhalten ihren Ausdruck. Allerdings: Ruhe lässt sich nicht ein- und ausschalten wie eine Lampe. „Wir brauchen Übergangsrituale – Handlungen die immer wiederkehren und über die man nicht nachdenken muss,“ so Karlheinz A. Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Als Beispiel nennt Geißler das Unkrautzupfen.

Von Atmen bis Yoga

Das Ziel bewusster Entspannung ist nicht, immer entspannt zu sein; Ziel ist es, Entspannungsfähigkeit zu entwickeln und die Lieblingstechnik/en in den Alltag zu integrieren. Ansonsten macht der regelmäßige Wechsel zwischen An- und Entspannung einen gesunden Lebensstil aus.

Welche Entspannungsmethode die jeweils richtige ist, lässt sich nur durch Experimentieren herausfinden. Den Möglichkeiten sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt, hilfreich für die Entscheidung kann die Einteilung in Top-down-Verfahren und Bottom-up-Verfahren sein:

Top-down-Verfahren wie Autogenes Training, Meditation oder Feldenkrais lösen Entspannung über die Gedanken aus und wirken auf das vegetative Nervensystem (steuert alle Organfunktionen) und die motorische Muskulatur.

Bottom-up-Verfahren wie Progressive Muskelentspannung und Yoga wirken über bewusstes An- und Entspannen der Muskulatur auf das vegetative Nervensystem und die Gedanken.

Eines gilt für alle: Je ruhiger die Umgebung ist, umso besser. Wichtiger als eine Methodik an sich ist jedoch regelmäßiges Üben. Als optimal gelten 20 bis 30 Minuten täglich. Wer dies nicht einrichten kann, sollte zumindest versuchen, sich mehrmals zwischendurch fünf Minuten auf seine Atmung zu konzentrieren. Jedes noch so kurze Zentrieren wirkt positiv.

 


 

Geißler, Karlheinz A: Zeit – verweile doch … Lebensformen gegen die Hast. Herder 2oo2

Salutogenese

 

Es gibt Menschen, denen Dauerstress nichts anhaben kann, sie sind und bleiben gesund – trotz harter Zeiten oder des Umgangs mit Leid. Was unterscheidet diese Menschen von jenen, die an Belastungen, Lebenskrisen und Schicksalsschlägen schwer erkranken oder zerbrechen?

Diese Frage fasziniert Wissenschaftler seit jeher; sie ist mittlerweile weitgehend beantwortet: Diese Menschen erleben sich nicht als Opfer der Umstände, für sie ist Stress eine Herausforderung, die sie handhaben und bewältigen können – und die einen Sinn für das weitere Leben hat. Diese Menschen haben Verhaltensweisen, Denkstile und Schutzstrategien früh entwickelt oder später trainiert, die ihnen Hilfe und Halt geben, wenn es drauf ankommt; sie haben gelernt, sich von ihren Ängsten und Zweifeln nicht überwältigen zu lassen.

In der modernen Wissenschaft gibt es dafür die Modelle der Resilienz und Salutogenese. Der amerikanische Soziologe Prof. Dr. Aaron Antonovsky (1923-1994) ist mit der Salutogenese der Frage nachgegangen, wie trotz allgemein widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen kann. Antonovsky hat damit dem Ansatz der Pathogenese – die Entstehung, Entwicklung und Behandlung von Krankheiten mit möglichst allen daran beteiligten Faktoren – ein gesundheitsbezogenes, ressourcenorientiertes und präventives Modell gegenübergestellt, das alle Menschen als mehr oder weniger gesund und gleichzeitig mehr oder weniger krank betrachtet.

Schwimmen lernen im Strom des Lebens

Antonovskys philosophisches Fundament war, dass das Leben ein Fluss ist, an dessen Ufern niemand sicher entlang geht. Darüber hinaus ist ein Großteil des Flusses im wörtlichen wie im metaphysischen Sinn verschmutzt. Und es gibt Gabelungen, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen.

Laut Antonovsky zielt die pathogenetische Herangehensweise darauf ab, den Menschen mit gigantischem Aufwand aus den reißenden Abschnitten des Flusses zu retten – ohne Reflexion, wie er da hineingeraten ist und warum er nicht besser schwimmen kann. Entwicklungspsychologisch und soziologisch betrachtet, springen Menschen indes aus eigenem Willen in den Fluss und weigern sich gleichzeitig schwimmen zu lernen.

Antonovskys Arbeit war deshalb der Auseinandersetzung mit der Frage gewidmet, wie der Mensch ein guter Schwimmer wird, wo immer er sich in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt ist.
 
Das zentrale Gefühl der Salutogenese ist das der Kohärenz. Gemeint ist eine Lebenseinstellung, die mit der Gewissheit einhergeht, tägliche Belastungen und Lebenskrisen bewältigen zu können. Kohärenz lässt sich auch als „überdauerndes Gefühl“ des Selbstvertrauens bezeichnen, das durch Schicksalsschläge, Misserfolge und Anfeindungen anderer nicht grundsätzlich infrage gestellt wird.
 
Im Alltag finden viele Patienten (und Nicht-Patienten) Kraft in ihrer Religiosität oder Spiritualität. Die einen glauben an einen Gott, die anderen daran, dass das Leben – jenseits von Konfessionen – Sinn und Bedeutung hat. Überzeugt davon, dass das Leben des Menschen auf Sinnsuche ausgerichtet ist und ein fehlender Sinnbezug krank macht, war der Wiener Neurologe und Psychiater Victor E. Frankl (19o5-1997). Frankl, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hatte, hat die Sinnfrage ins Zentrum seiner Arbeiten zur Selbstmordprävention gestellt.

 

Kehren wir also zurück zu jenem vertrauten Feind, zu dessen wirklichem Potenzial der Zugang weitgehend versperrt ist
– zu unserem Körper
Jon Kabat-Zinn

 

Prof. em. Jon Kabat-Zinn, amerikanischer Molekularbiologe, Stressforscher, Verhaltensmediziner und Meditationslehrer, hat als Antwort auf seine Lebensfrage, was wirklich wichtig ist in Zeiten irrsinniger Kämpfe einer barbarischen Gesellschaft in einer kaputten Welt, mit dem Programm der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) ein einfaches und weltanschaulich neutrales Training entwickelt.

Das Ziel: Bei sich selbst sein und in einem dynamischen Gleichgewicht leben, das als Gesundheit bezeichnet wird, aber auch in einem kollektiven Gleichgewicht sein, das als Gemeinwohl bezeichnet wird. Für Kabat-Zinn ist die wechselseitige Verbundenheit und Abhängigkeit – und deren Anerkennung! – die zentrale Herausforderung des Lebens.

In seinem Hauptwerk Zur Besinnung kommen beschreibt Kabat-Zinn diesen Weg als großes Abenteuer; als eine lebenslange Reise, die damit beginnt, zu dem Ort zurückzukehren, „an dem unsere biologischen Sinne und das, was wir den Geist nennen, auftreten: zu unserem Körper.“〈1〉 Zurückkehren also zu jenem vertrauten Feind, zu dessen wirklichem Potenzial der Zugang weitgehend versperrt sei. Weil im Streben nach Freiheit – das heutzutage weitgehend reduziert ist auf ökonomische Freiheit – alles Mögliche von Bedeutung sei, nur nicht: Fühlen und Sinneswahrnehmungen.

Einfach beobachten, wie alles kommt und geht

In dem Sinn ist für Kabat-Zinn, Gründer des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society (CFM) an der University of Massachusetts Medical School, die Meditation und insbesondere die Achtsamkeitsmeditation eine weitere Form des Selbstgesprächs. „Sie können Ihr Innerstes aufschließen und einen Bewusstseinszustand der Ruhe, klaren Wahrnehmung und des nichturteilenden Gewahrseins im Augenblick erreichen – jenen Bereich, den die alten chinesischen Daoisten das offene, wache Nichtstun nennen.“

Das sei harte Arbeit, so Kabat-Zinn. Meditation sei nichts für Feiglinge, denn es sei nicht leicht, im täglichen Strom der Ereignisse oder wenn das Leben mal wieder verrückt spielt, regelmäßig auch nur eine kurze Zeit am Stück innezuhalten, sich einfach nur eine Weile allein hinzusetzen, still zu sein und die Gedanken, Sorgen, Verlangen, Leiden und sämtliche andere Bewusstseinszustände erst zu akzeptieren, dann nicht wertend loszulassen.

„Sei leer, sei still. Beobachte einfach, wie alles kommt und geht“, hat es der chinesische Philosoph Laotse (6 Jh. v. Chr.) formuliert.

 


 

1 Kabat-Zinn, Jon: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Arbor Verlag 2006

Kampf oder Flucht

Niemand kann sich ihm entziehen, dem Adrenalin-Flash: Der Blutdruck steigt, das Herz rast, tief durchatmen, eine mehr oder minder beängstigende Energie entwickeln und los geht´s – gegen den Kollegen, den Lehrer der Kinder, den Partner oder den Deppen vor oder hinter Ihnen im Straßenverkehr.

Jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns wirkt, ist Stress. Stress hat viele Gesichter und zahllose Gründe, auch wenn wir nicht immer wissen, was genau mit dem Begriff eigentlich gemeint ist – trotz der inflationären Verwendung.

Entwicklungsgeschichtlich gesehen hat sich der Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Denn Stress ist ein natürliches und biologisch festgelegtes Gefühl – ein Relikt aus prähistorischen Zeiten, in denen der Homo erectus in freier Natur lebte und jede falsche Bewegung tödlich sein konnte. Biologisch hat sich nichts geändert: Unsere heutige Stress-Software ist die gleiche wie die unserer Vorfahren. Stress tritt meist in Situationen auf, die als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar eingeschätzt werden. Somit ist Stress ein durchaus hilfreicher Schutzreflex:

ein Alarmsignal, das den Körper warnt und die Aufmerksamkeit erhöht,
eine automatische, also unbewusste Alarmreaktion, die den Körper auf blitzschnelles Handeln vorbereitet.

Die Reaktionen sind immer auf drei Ebenen möglich:

auf der Handlungsebene: Sie wenden sich ab, flüchten, gehen kritischen Situationen aus dem Weg oder kämpfen,
auf der gedanklich-emotionalen Ebene: Sie fürchten z. B. die Kontrolle zu verlieren oder zu sterben,
auf der körperlichen Ebene: Sie schwitzen oder frieren, erleben z. B. Schwindelgefühle, Muskelverkrampfungen, Benommenheit, Flimmern vor den Augen, Taubheit oder Kribbeln in verschiedenen Körperteilen, Übelkeit, Herzrasen, Harn-, Stuhldrang, Atemnot bis hin zu Erstickungsgefühlen.

Die drei Anteile treten nicht immer gleichzeitig und gleich stark auf. Dennoch spielen sie bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Stresssymptomatik eine Rolle.

Wann wird´s heikel?

Akuter Stress ist meist nicht gefährlich und nichts weiter als eine Anpassung des Organismus auf Belastung, obwohl er als unangenehm erlebt wird. Heikel wird´s, wenn zwischen den Stressphasen keine Zeit zur Erholung bleibt und die permanenten Anforderungen sich zur chronischen Überforderung entwickeln. Dann lässt sich die Frage „Ist Stress ungesund?“ eindeutig mit Ja beantworten: 90% aller Herzinfarkte sind Lebensstil-bedingt, nur 10% bleiben für die Genetik.〈1〉 Und: Innerhalb einer Stunde nach einer akuten Stresssituation steigt das Infarktrisiko auf das 17-fache.

Die langfristigen Folgen von Stress auf Körper und Seele sind vielfältig, sie können über allgemeine Erschöpfung und Müdigkeit hinaus körperliche Erkrankungen, Schmerzsyndrome und Autoimmunerkrankungen triggern. Beispiele sind:

Allergien, Ängste, Alkoholismus, Bluthochdruck, chronische Magen-Darmerkrankungen (z. B. Gastritis, Reizdarm, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Zwölffingerdarmgeschwür), Depression, Drogenkonsum (incl. Zigaretten), Erschöpfung, Essstörungen, Fibromyalgie, Hauterkrankungen, HNO-Erkrankungen (Hörsturz, Tinnitus, Schwindel), ständig wiederkehrende Erkältungen, Kopfschmerzen/Migräne, rheumatische Erkrankungen, Schlafstörungen, Überfunktion der Schilddrüse, eine Fülle von gynäkologischen und urologischen Problemen.

Nahezu alle Beispiele zählen auch zum Komplex der psychosomatischen Krankheitsbilder.

Andererseits haben Studien gezeigt, dass durch bewusste Entspannung zum Beispiel der Blutdruck sinkt, Schlafstörungen gelindert werden und auch die Anfälligkeit für Stress reduziert wird. Genauso wie unser Herz bei der Vorstellung einer (furcht)erregenden Situation heftig zu pochen beginnt, kann die Frequenz durch bewusste Beruhigung verringert werden. Das Erlernen von Entspannungstechniken ist ein wichtiger Teil eines gesundheitsbewussten, präventiven Lebensstils.

Stress ist Stress

Das Problem aber ist: Viele nehmen Dauerstress nicht ernst, weil sie diesen auch positiv wahrnehmen. Nach klassischer Definition wird Stress nicht nur negativ erlebt. Danach reagiert der negative „Dis“-Stresstyp mit einer blockierenden Erregung, der positive „Eu“-Stresstyp  mit besonderer Konzentration. Hinzu kommen geschlechtsspezifische Unterschiede des Stresserlebens und -verhaltens.

Diese Unterscheidungen spielen in der wissenschaftlichen Forschung jedoch keine Rolle mehr, dort wird nur noch zwischen akutem und chronischem Stress unterschieden. Begründung: Positiver Stress wirkt im Körper genauso wie negativer Stress. Soll heißen: Stress ist Stress.

In Stresssituationen startet das Gehirn eine Kettenreaktion, die das Herz in Alarmbereitschaft bringt, Angst und Furcht machen sich breit. Der Körper aktiviert alles, um mit der Situation fertig zu werden – völlig unabhängig davon, ob es sich um den Angriff eines Feindes oder eine Prüfung handelt. Der populärste Stress ist nach Ansicht von Stressforschern der Arbeitsstress. Am nachhaltigsten wirken die Pflege eines Angehörigen und der Verlust eines geliebten Menschen durch Tod.

Cortisol & Co.

Die komplexen stresserzeugenden Prozesse laufen im Körper mit enormer Geschwindigkeit und daher vielfach unbewusst ab. Klar ist, dass sich Stress über mehrere Wege im Gehirn auswirkt. Das Gehirn ist das zentrale Organ des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens. Und damit Sitz all jener Fähigkeiten, die das Menschsein ausmachen.

Welche Hirnstrukturen und Signalüberträger bzw. Nervenbotenstoffe zwischen den Nervenzellen beteiligt sind, ist Gegenstand zahlreicher Forschungen. Bisher kann gezeigt werden, dass zu den Netzwerken, die für eine normale Stressreaktion verantwortlich sind, die Amygdala (Mandelkern) gehört – ein paarig angelegtes Kerngebiet des Gehirns im vorderen Abschnitt des rechten und linken Temporallappens. Die Amydala (Plural: Amygdalae) ist Teil des Limbischen Systems und zentral bei der Entstehung und beim Ausdruck von Emotionen beteiligt, besonders von Furcht und Angst.

In allen Stresssituationen sind in erster Linie jene Nervenzellen bzw. Neuronen aktiv, die die Stresshormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin als Botenstoffe benutzen.

Die Neuronen, die Noradrenalin als Botenstoffe benutzen, stehen zu mindestens einem Drittel aller Nervenzellen des Gehirns in Kontakt. Je aktiver diese Zellen sind, umso mehr Noradrenalin produzieren sie. Parallel dazu wird der Körper mit Cortisol geflutet, einem im Nebennierenmark gebildeten Stresshormon, das zum Beispiel bei einer Infektion, einem akuten seelischen Trauma oder bei chronischem Stress freigesetzt wird.

Eines der ersten Hormone, das aktiv wird, hat den kaum aussprechbaren Namen Corticotropin-freisetzendes Hormon (Corticotropin-releasing Hormon, CRH). Es wird im Gehirn im Limbischen System aktiviert – jenen Hirnstrukturen, die unsere Gefühle, Instinkte und Gedächtnisfunktionen steuern. CRH wiederum stimuliert die Cortisolproduktion.

Bei kurzzeitigem Stress sind Adrenalin und Noradrenalin beteiligt, bei chronischem Stress mit Angstsymptomen ändern sich die psychosomatischen Reaktionsmuster und andere Stresshormone wie eben Cortisol werden ausgeschüttet.

Erweiterte Amygdala

Forscher am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben inzwischen auch Nervenzellen in einer Hirnregion lokalisiert, die für die Regulierung der Furcht- und Angstreaktionen verantwortlich sind: Der „erweiterte Amygdalakomplex“ oder „erweiterte Mandelkernkomplex“ gilt als das Gebiet, das die meisten Verknüpfungen mit anderen Gebieten aufweist.〈2〉Es ist ebenfalls eng mit der affektiven Bewertung eintreffender Informationen („Gefahr!“) und der entsprechenden Verhaltensreaktion verknüpft.

Hier fand das Team um Prof. Alon Chen und Dr. Marloes Henckens Nervenzellen, die Angstreaktionen auf Stress regulieren. Aktive Neuronen und niedrige Cortisolwerte reduzieren Ängstlichkeit, inaktive Neuronen und erhöhte Cortisolwerte produzieren Ängstlichkeit. Im Mausmodell dauerte es im ersten Fall weniger lang, bis sich nach einem stressauslösenden Ereignis die Werte normalisierten. Dieser Mechanismus spielt auch eine Rolle bei der Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

 


 

1 Yusuf S et al: The INTERHEART Study. The Lancet 2oo4. 364; 9438: 937-952. Doi: 10.1016/S0140-6736(04)17018-9

2 Henckens MJAG et al: Molecular Psychiatry 2o16.
Doi: 10.1038/mp.2016.133

Die Sache mit der Resilienz

 

SAGT DIE SEELE ZUM KÖRPER: GEH DU VOR,
AUF MICH HÖRT ER NICHT.
 ANTWORTET DER KÖRPER:

ICH WERDE KRANK, DANN HAT ER ZEIT FÜR DICH.

 

Bei der Entstehung vieler psychischer Erkrankungen wie Depression, Angst oder Sucht spielen Stress, traumatische Ereignisse oder belastende Lebensumstände eine wesentliche Rolle. Doch nicht jeder Mensch entwickelt eine psychische Erkrankung, wenn er sich Widrigkeiten ausgesetzt sieht. Die jedem Menschen mehr oder minder innewohnende „seelische Widerstandskraft“ hilft, Herausforderungen nachhaltig wirksam zu meistern und dabei mental gesund zu bleiben.

Die Tatsache, dass einige Menschen nicht oder nur kurzfristig erkranken, obwohl sie großem psychischen oder physischen Druck ausgesetzt sind, hat zu der Annahme geführt, dass sie über Schutz- und Selbstheilungskräfte verfügen, die eine Entwicklung stressbedingter Erkrankungen verhindern.

Die zugrunde liegenden Mechanismen werden zum einen in dem Modell der Salutogenese zusammengefasst: Der amerikanische Soziologe Prof. Dr. Aaron Antonovsky (1923-1994) ist der Frage nachgegangen, wie trotz allgemein widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen kann.

Soziologisch, psychologisch, genetisch … 

Auch die Resilienzforschung beschäftigt sich mit den Faktoren, die seelische Widerstandskraft positiv beeinflussen. Allerdings wirkt schon die Definition von Resilienz als psychischer Widerstandskraft nur auf den ersten Blick klar und eindeutig. In der Forschung wird Resilienz sehr unterschiedlich definiert und messbar gemacht. Und in der Praxis macht sich gerade ein vergleichbarer Hype wie mit der Achtsamkeit breit. Auch hier gilt: Nicht überall, wo Resilienz draufsteht … Sie wissen schon.

Der renommierte Trauer- und Traumaforscher Prof. George A. Bonanno, New York, glaubt an “natürliche Resilienz” – an eine ureigene Kraftquelle, die uns hilft, nach Verlusterfahrungen als Mensch zu wachsen und irgendwann in neue Balance zu kommen.[1] Denn, so Bonnano, „Resilienz ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände.“[2]

Resilienz ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände
George A. Bonanno

Rein empirisch betrachtet, stehen bisher die unterschiedlichen soziologischen, psychologischen und genetischen Dimensionen im Vordergrund der Forschung, beispielsweise soziale Unterstützung, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder typische Verhaltensweisen.

Wissenschaftler der Neuroimaging Center (NIC), einer zentralen Forschungsplattform der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und des Forschungszentrums Translationale Neurowissenschaften (FTN), haben all diese Einzelansätze nun um Neurobiologie ergänzt. Ihre Forschungsfrage lautete, ob es möglicherweise mit dem Gehirn einen gemeinsamen Nenner gibt; zu dem Zweck wurde die Datenlage aus Studien und Untersuchungen zum Thema Resilienz ausgewertet.

 

© Tim Bartel | Flickr

 

… und jetzt das Gehirn

Im Ergebnis rückt das Gehirn tatsächlich in den Mittelpunkt: „Wie bewertet das Gehirn belastende oder bedrohliche Situationen oder bestimmte Reize?“ lautet demnach die entscheidende Frage.

„Eine positive Reizbewertung ist vermutlich der zentrale Mechanismus, der letztlich über die Resilienz des Individuums entscheidet. Die vielen bisher identifizierten Faktoren bestimmen Resilienz indirekt, indem sie die Bewertung nur beeinflussen,“ schreiben die Autoren der Arbeit, die online in der Fachzeitschrift Behavioral and Brain Sciences veröffentlicht wurde.[3]

Eine interessante Konsequenz des Bewertungsansatzes sei, dass es weniger die belastenden Situationen oder Reize per se sind, die darüber entscheiden, ob Stress entsteht, sondern die Art und Weise, wie der Mensch die Situation bewertet. Es macht einen großen Unterschied, ob er mit seinem Schicksal hadert und sich als hilfloses Opfer sieht, oder ob er die Situation akzeptieren und sich auf eine Lösung konzentrieren kann. Ein positiver Bewertungsstil schützt demnach langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert. Weitere Merkmale von Resilienz sind die Fähigkeit, die eigenen Emotionen und Impulse kontrollieren und ein tragfähiges Netz aus sozialen Bindungen aufbauen zu können.

Den neuen Ansatz nennen die Wissenschaftler PASTOR (Positive Appraisal Style Theory Of Resilience), Ziel der damit verbundenen Aktivitäten in den nächsten Jahren soll es sein, insbesondere die neurobiologischen Prozesse zu erforschen, die einer positiven Bewertung durch das Gehirn zugrunde liegen.

„Wir wollen verstehen, welche Vorgänge im Gehirn Menschen dazu befähigen, sich gegen die schädlichen Auswirkungen von Stress und belastenden Lebensereignissen zu schützen und wie diese Schutzmechanismen gezielt gefördert und verstärkt werden können“, wird Prof. Dr. Raffael Kalisch, Leiter des NIC und Erstautor der Studie, in einer Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz zitiert. Für ihre Forschungen nutzen die Mainzer Wissenschaftler das 2014 gegründete Deutsche Resilienz-Zentrum Mainz (DRZ Mainz), dem europaweit ersten Zentrum dieser Art, in dem fachübergreifend mehrere Disziplinen zusammenarbeiten.

So soll es sein, denn noch gilt als weitgehend ungeklärt, auf welchen Prinzipien seine Aktivität basiert. Nur in gemeinsamer Arbeit kann es gelingen, das Gehirn selbst zu verstehen. Da das noch dauern kann, braucht es zunächst vor allem eines: regulatorische Flexibilität …

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ZUM THEMA

9 Ideen für eine bessere Neurowissenschaft. Neuroforschung in der Kritik – Wissenschaftler plädieren für Reformen | Gehirn & Geist, o2.o1.2o15
 

 

1 Bonanno GA: Die andere Seite der Trauer. Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden. Edition Sirius 2o12

2 Bonnano GA im Interview: „Der Mensch ist ein zähes Tier“. Brandeins 11/2o14, Schwerpunkt Scheitern

3 Kalisch R et al: Behav Brain Sci. 2014; 27:1-49. [Epub ahead of print]. DOI: 10.1017/S0140525X1400082X