„Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben“

 

 

Alles wird gesund. Alles ist machbar. Endlich Schluss mit diesem oder jenem. Wir leben – auch – in einem durch und durch oberflächlichen Zeitalter, das von Jugendlichkeit und Fitness geradezu besessen ist. Dafür ist kein Weg zu weit, kein Versprechen zu teuer.

Was ist das, Selbstoptimierung um jeden Preis? Prävention? Die Antworten werden naturgemäß unterschiedlich ausfallen, da jeder Einzelne etwas anderes unter den Begriffen versteht.

Mein Thema ist nun mal die Prävention, und hier gilt: Grundsätzlich ist alles Prävention, was Krankheit verhindert, verzögert oder weniger wahrscheinlich macht. Der Begriff selbst kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Prävention setzt zeitlich vor dem Eintritt eines Risikos an, Therapie danach.

Schon mit den klassischen Möglichkeiten der Prävention kann jeder den großen Volkskrankheiten aktiv entgegenwirken oder, bei bestehenden Störungen, Schlimmeres abwenden. Jede Krankheit, die nicht entsteht, ist die beste Entlastung für – ja, für wen eigentlich?

Eine Gesellschaft, zu deren Lebensprinzipien bisher nicht die Salutogenese – die Gesundheitsentstehung als Wert an sich – gehörte, sondern die Pathogenese mit einer auf Funktionalität, Planbarkeit, Kontrollierbarkeit, Effizienz und monetären Gewinn ausgerichteten Hochglanzmedizin, befindet sich in einem Teufelskreis: Der Einzelne wird zum Opfer seiner Ansprüche – oder die anderer – an Machbarkeit und übersieht, dass sein Glück darin liegt, wie er selbst der Welt begegnet.

SEIT DER ANTIKE DIENT ETHISCHES DENKEN
IN ERSTER LINIE DAZU, DEM MENSCHEN DABEI ZU HELFEN,
EIN ERFÜLLTES LEBEN ZU FÜHREN. ETHISCHES DENKEN ALSO
ALS ANLEITUNG ZU EINEM GUTEN LEBEN.
GIOVANNI MAIO

 

Deshalb ist jede Erkrankung, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den präventologisch Handelnden und gleichsam ethisch Denkenden: „Seit der Antike dient ethisches Denken in erster Linie dazu, dem Menschen dabei zu helfen, ein erfülltes Leben zu führen. Ethisches Denken also als Anleitung zu einem guten Leben,“ schreibt Prof. Giovanni Maio, Arzt, Philosoph und Medizinethiker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.〈1〉

ELF BIS 14 JAHRE LÄNGER LEBEN

 

Zu diesem gelingenden Leben gehören Maßnahmen, die sich nicht nur auf Korrekturen durch eine immer moderner werdende Medizin beschränken, nach dem Motto: Blutdruck zu hoch, Pille einwerfen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze geht es um aktive, im Wortsinn selbst-bewusste Korrekturen von Risikoverhalten im Alltag mit ganzheitlichen Ansätzen. Bereits kleine Veränderungen können große Wirkungen zeigen:

 Das „Richtige“ und weniger essen
 Sich täglich (mindestens) 30 Minuten bewegen
 Bei Belastungen entspannt bleiben
 Gut mit sich und anderen umgehen
 Auf ausreichenden Impfschutz achten

Ein gesunder Lebensstil, mehr noch: „positive Gesundheit“, kann die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre verlängern, lauten Ergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1999 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht. 〈2,3〉 Verhindern lassen sich 〈4〉

℘  92% aller Herzinfarkte
℘  90% aller Diabeteserkrankungen
℘  85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems
℘  50% aller Krebserkrankungen

Der Weg zu diesem Ziel ist eine Reise, an deren Anfang Selbstbestimmung und Selbstverantwortung stehen. Eines wie das andere ist für den Sozialphilosophen Prof. Armin G. Wildfeuer unentbehrlich für ein gelingendes Leben. Hinzu kommen 〈5〉

℘  Entschiedenheit bei der Auswahl aus der Vielfalt der Sinnangebote
℘  ein integrativer Umgang mit Widerständen
℘  die Fähigkeit zum Kompromiss
℘  Treue zum eigenen Lebensentwurf

Eine weitere Kraftquelle finden viele in ihrer Religiosität oder Spiritualität. Die einen glauben an einen Gott, andere daran, dass das Leben – jenseits von Konfessionen – Sinn und Bedeutung hat.

Sinn wiederum ist ein zentrales Thema in der Mind Body Medizin und damit in meinem Lebensstiltraining. Es ist der bewusst gesetzte Kontrapunkt zur Selbstoptimierung und hilft Ihnen nach einem 10-Wochen-Programm, Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden ganzheitlich, eigenverantwortlich – und in aller Ruhe – zu steuern. Und Ihre biographischen Risse, Sprünge, Brüche zu integrieren. Die Methoden wurden und werden vielfach untersucht, sind wissenschaftlich anerkannt und in ihren positiven Auswirkungen auf die Körpersysteme nachgewiesen. Und da jeglicher Sieg im Kopf entschieden wird, werden aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt.

JUGENDLICHKEIT MIT WEISHEIT IST SEXY

Weil ich die Kombination Jugendlichkeit und Weisheit sexy finde, habe ich eine kompakte Version entwickelt: Slow.Flow.Glueck. Meine 3-, 4- und 6-Tagesseminare auf Basis der Mind Body Medizin und in der wundervollen Atmosphäre der Mecklenburger Gutshäuser Ludorf, Wesselstorf und Groß Toitin, sind jeweils kleine Reisen zu einem Perspektivwechsel, zu „neuen Ohren“, ins Glück. 

Ich verbinde drei Kernaspekte für ein gutes Leben:

℘  Innehalten und sich mit allen Bedürfnissen intensiv wahrnehmen
℘  Den Körper und Geist ausgewogen bewegen
℘  Die Seele mit SlowSoul…Health Food wärmen

Sie sind in guter Gesellschaft: in einer Gruppe mit maximal zehn Gleichgesinnten, die wie Sie individuelle Wege suchen, um den Dingen des Lebens anders zu begegnen.

Slow.Flow.Glueck ist für die einen der Einstieg in ein verändertes Lebensgefühl, andere erleben die Zeit als einen „perfekt ausbalancierten Weg, um zwischendurch alles loszulassen und beseelt“ (O-Ton eines Teilnehmers) in den Alltag zurückzukehren.

 
OHNE EINSICHT IN … DEN SINN DES GEGEBENEN
KÖNNEN WIR NICHT GLÜCKLICH WERDEN.
GIOVANNI MAIO
 

 

QUELLEN

1 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

2, 3 EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition): Studie 2o1o

4 EPIC 2oo4

5 Wildfeuer AG: Das „gute“ oder „gelingende“ Leben im Ethos der Demokratie. 5. Symposium des Professorenforums, 12. bis 13. April 2002, J. W. Goethe Universität, Frankfurt/Main

 

ZUM THEMA

Klahre, AS: Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund? All die schoenen Worte, 11/2o14

 

Sprechen in der Medizin: Mehr wie, weniger was

 

Mehr wie, weniger was: „Es ist sehr ernüchternd, dass nur 15 Prozent der Worte wirksam sind. Viel wichtiger ist der Tonfall und wie das Gesagte über die nonverbalen Signale der Mimik und Gestik begleitet werden.“

 

© Ines Seidel | Flickr

 

Vier Jahre ist es her, dass der Psychiater, Psychotherapeut und Schmerztherapeut Dr. Claus Derra aus Bad Mergentheim sich auf dem Deutschen Schmerzkongress mit dem Aspekt „Sprechen statt Stechen“ bei Schmerz beschäftigt hat.〈1〉„Aus der Placebo- und Noceboforschung wissen wir, dass geringe Zuwendung bei der Chronifizierung von Schmerzen eine große Rolle spielt”, sagte er seinerzeit.

An der Wichtigkeit dieser Thematik hat sich bis heute nichts geändert. Oder doch, Kommunikationsdefizite auch in der Medizin und allgemein in Gesundheitsberufen gehen inzwischen als Binsenweisheit durch. Leider ändert das nichts daran, dass das Ganze noch brisanter geworden ist und zumindest mitverantwortlich für fürchterliche Versäumnisse und folgenintensive Fehler. Und es gilt natürlich nicht nur für den Schmerz.

Da aber gerade in der psychologischen Schmerztherapie viele Arbeiten untersucht haben, wie „sprechende Medizin“ und psychotherapeutisches Handeln neurobiologisch wirken und wie Gehirn und Psyche die funktionellen Regelkreise im Gesamtorganismus beeinflussen, bleibt der Text bei dem Schwerpunkt und hat dennoch eine gewisse Allgemeingültigkeit.

Empathie verändert die Schmerzmatrix im Gehirn

2011 hatte eine in Science veröffentlichte Studie für größeres Interesse gesorgt, weil erstmals gezeigt werden konnte, dass Schmerz und Einsamkeit in der Großhirnrinde den gleichen Abschnitt des Schmerznetzwerks aktivieren – den anterioren Gyrus cinguli (ACC).〈2〉Der ACC als Teil des Limbischen Systems sorgt jedoch nicht für die Wahrnehmung von Schmerz, sondern regelt die emotionale Reaktion auf Schmerz. 

„Damit lassen sich eine Reihe bekannter bio-psycho-sozialer Einflussfaktoren erklären, die mit sozialem Rückzug und dem Erleben von Einsamkeit einhergehen – und mit somatischen Effekten im Sinne verschiedener Schmerzen“, so Derra. Beispielsweise würden Faktoren wie Ängstlichkeit, Depressivität und die Neigung zum Katastrophisieren die Tendenz zum sozialen Rückzug und zur Chronifizierung verstärken – und den Schmerzmittelgebrauch erhöhen. 

Die Studienautoren um Prof. Naomi Eisenberger, Direktorin des Department of Psychology an der University of California Los Angeles, haben seinerzeit geschrieben: „Wenn man die Dinge so betrachtet, leuchtet es unmittelbar ein, dass soziale Wärme und Unterstützung durch Bezugspersonen somatische Schmerzen lindern können.“ 

Mit anderen Worten: Empathie und Psychoedukation haben im Rahmen der gezielten ganzheitlichen und wenig invasiven Ansätze der psychologischen Schmerztherapie ein zusätzlich erhebliches Potenzial, die Schmerzmatrix im Gehirn zu verändern. 

 

Die Kunst des Sprechens ist es, dass vieles von dem,
was dem Patienten helfen kann,
sich auch mit seinen Überzeugungen treffen muss.
Dr. Claus Derra

 

„Schon die reine Informationsvermittlung zum Krankheitsmodell und das Darstellen der therapeutischen Möglichkeiten stellen eine Bereicherung der psychologischen Schmerztherapie dar, da man sich hier die Erwartungen zunutze macht, die Patienten an ihre Ärzte und Therapien haben, um die Compliance und damit die Behandlungsergebnisse signifikant zu beeinflussen“, hat Dr. Regine Klinger gesagt, Psychologische Leiterin des Bereichs Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie am Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg (UKE).〈3〉 

Da das im positiven (Placeboeffekt) wie im negativen (Noceboeffekt) Sinne funktioniert und immer an die Vorerfahrungen der Patienten mit Therapien und Therapeuten gekoppelt ist, kommt es weniger auf das Was an, denn auf das Wie. 

„Es ist sehr ernüchternd, dass nur 15 Prozent der Worte wirksam sind“, sagte Derra. Viel wichtiger sei der Tonfall (35%) und wie das Gesagte über die nonverbalen Signale der Mimik und Gestik begleitet werden (50%). „Wir könnten eigentlich aufhören so viel zu reden, denn die Metakommunikation spielt die wesentliche Rolle.“ 

Erlebnis- und Gefühlswelten erfassen

Bereits der Großmeister der Kommunikationsforschung, Prof. Dr. Paul Watzlawik (1921-2007), hatte im kalifornischen Palo Alto in den 1990er-Jahren postuliert: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Und: „Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht.“ 

Derra hält deshalb einige basale kommunikative Fähigkeiten für wichtig, die ein Therapeut/Arzt haben sollte. Dazu gehört 

_ das Vermitteln von Informationen, die genau auf den Patienten zugeschnitten sind,

_ sich vergewissern, was der Patient verstanden hat,

_ so wirken, dass eine maximale Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Patient einmal getroffene Vereinbarungen über therapeutisches Vorgehen und Lebensstiländerungen ein- und beibehält.

„Wir sind hier im Bereich der Verhaltensänderungen. Den meisten Patienten kann erklärt und auch zugetraut werden, dass und wie sie eigene Kontrollstrategien – psychologische schmerztherapeutische Selbstkontrollstrategien – erlernen können, um das Endorphinsystem zu beeinflussen“, so Derra. Zusätzlich können schmerzlindernde Behandlungseffekte über gezielte Fokussierungsmaßnahmen oder selektive Aufmerksamkeitslenkung bewusster gemacht werden.

Die Kunst des Sprechens sei es, dass vieles von dem, was dem Patienten helfen kann, sich auch mit seinen Überzeugungen treffen müsse. Zu dem Zweck müsse man ihn erreichen. Die wesentlichen Funktionen des diagnostischen Gesprächs liegen neben dem Erfahren der krankheitsbezogenen somatischen und psychosozialen Informationen deshalb im Erfassen seiner Erlebnis- und Gefühlswelten – im Erkennen seiner Persönlichkeitsstrukturen, Defizite und Ressourcen, des Umgangs mit der Krankheit, der Sorgen, Nöte und Befürchtungen. Grundvoraussetzung in diesem Prozess ist das aktive Zuhören, die ärztliche Urtugend.

„Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass aktives Zuhören die Medizin der Zukunft sein wird, sonst wird keine Medizin mehr sein“, sagt Prof. Dr. Gian Domenico Borasio, Palliativmediziner am Universitätsspital in Lausanne.〈4〉

Grenzen des Sprechens 

Grenzen des Sprechens werden bei schichtspezifischen Verständnis- und Verständigungsproblemen erreicht: „16 Prozent der Schmerzpatienten haben einen Sprachschatz unter Hauptschulniveau“, so Derra. Als weitere Handicaps auf Seiten der Patienten nannte der ehemalige Ärztliche Direktor des Reha-Zentrums in Bad Mergentheim mangelnde Motivation, Misstrauen in die Kompetenz des Therapeuten, Ideologien und eine insgesamt negative Erwartungshaltung: „Noceboeffekte führen dazu, dass eine wirksame Therapie nicht besser hilft als Zuckerwatte.“ Verstärkt würden diese Effekte seitens der Behandler u. a. durch einen schlechten Ruf und schlechte Informationsvermittlung, fehlende Empathie, Ideologien, Mangel an Zeit und Interesse. 

Die Tücken der „sprechenden Medizin“ hat der Verhaltensforscher Konrad Lorenz optimal subsummiert: „Gesagt heißt nicht immer gesagt, gesagt heißt nicht immer gehört, gehört heißt nicht immer verstanden, verstanden heißt nicht immer einverstanden, einverstanden heißt nicht immer angewendet, angewendet heißt nicht immer beibehalten.“ 

 

Noceboeffekte führen dazu, dass eine wirksame Therapie
 nicht besser hilft als Zuckerwatte.
Dr. Claus Derra

 

Quellen

1   Deutscher Schmerzkongress 2013. 23. bis 26. Oktober 2013, Hamburg Derra C: RF6

2   Eisenberger N, et al: Proc Natl Acad Sci. 2011; 108(28):11721-1126
http://dx.doi.org/10.1073/pnas.1108239108 

3   Deutscher Schmerzkongress: Eröffnungspressekonferenz, 23. Oktober 2013

4  Sterben verboten? Wie Hightech-Medizin den Tod verändert. Das Erste | ARD, 11. Dezember 2o17

 

Mehr zum Thema

Gespræchspraxis.Praxisgespræch: Kommunikationstraining für Gesundheitsberufe

 

Lebensstil, Darmgesundheit und Depression

 

Das Risiko, eine Depression zu entwickeln,
ist direkt verknüpft mit dem Lebensstil,
besonders mit schlechter Ernährung.

 

Rund 50 Nährstoffe braucht der Körper zum Leben, Arbeiten, Gesundbleiben und sich Wohlfühlen. Was, wenn er die dauerhaft nicht bekommt? Macht krank, sehr krank – und wird beschleunigt durch einen insgesamt ruinösen Lebensstil mit wenig Schlaf und noch weniger Bewegung. Einmal mehr zeigt jetzt eine australische Studie: Ein ungesunder Lebensstil mit einer ballaststoff-, obst- und gemüsearmen Ernährung und stattdessen stark verarbeiteten Nahrungsmitteln mit viel Fett, Zucker, Salz ist einer der Schlüssel auch für eine Depression.〈1〉

Zu diesem Ergebnis ist Dr. Joanna F. Dipnall vom Department of Statistics, Data Science and Epidemiology an der Swinburne University of Technology in Melbourne gelangt – mithilfe eines neuen Tools, dem Risk Index Depression (RID). Dieser enthält verschiedene Parameter zu individuellen Ernährungsfragen und dem Lebensstil und soll Medizinern und Erkrankten auch auf dieser Basis künftig helfen, erste Anzeichen einer Depression zu erkennen.

„Während die Risikofaktoren für Depression zunehmend bekannter werden, gibt es keinen Index für die Darstellung dieser Risikofaktoren“, schreiben Dipnall und Kollegen. „Wir wollten eine Methode entwickeln, die Schlüsseldeterminanten aus bereits veröffentlichten Forschungsarbeiten verwendet.“ Entsprechend wurden die Daten (Demographie, Klinik, Labor) aus der National Health and Nutrition Examination Survey (2009-2010, N = 5.546) ausgewertet. „Unser Ziel ist die Prävention“, so die Autoren. Auch die Veranlagung für Depressionen soll mit dem RID identifiziert werden können.

Völlig klar ist für die Wissenschaftlerin ein Zusammenhang zur Darmgesundheit. Ballaststoffe in Form von Vollkornprodukten, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen sind ein zentraler Faktor für die Darmgesundheit, die wiederum ist ein aktueller Schwerpunkt der Depressionsforschung.

Für Dipnall schließt sich hier ein Kreis: „Unsere Erkenntnisse liefern weitere Beweise dafür, dass Ernährung ein Hauptfaktor für die Darmgesundheit und das Depressionsrisiko ist.”

 

© Gero Sánchez | Flickr

 

Quelle


 

1 Dipnall JF et al: Aust & N Z Journal of Psychiatry
Online first 31. August 2017
https://doi.org/10.1177/0004867417726860

 

Zum Thema


 

Klahre AS: Dünne Haut, Risse in der Seele
SecondaVita Prævention, 22. Juni 2o15 und
Slow.Flow.Glueck, 8. Juli 2o17

Klahre AS: Ethical Food: Jeden Tag unverfälscht
SecondaVita Prævention, 18. Dezember 2o15

Klahre AS: Soul Food. Slow Food. Einfach gut
Slow.Flow.Glueck, 17. August 2o17

 

Gestresstes Herz, was brauchst Du?

 

  

Ungefähr so viele Menschen wie eine Kleinstadt Bewohner hat, erliegen jedes Jahr einem plötzlichen Herztod.
Das sind mehr als zusammengenommen jene, die hierzulande an Lungenkrebs, Brustkrebs und Aids sterben.

 

Die Erde – in Aufruhr. Die Menschheit richtet sie und sich zugrunde. Terroranschläge und andere gesellschaftliche Verrohungen vor der Haustür, weltweite Migration, hoher Arbeitsdruck, wirtschaftliche Sorgen … Die Verunsicherungen und Ängste vieler Menschen sind inzwischen mit Händen zu greifen, die Nerven vieler liegen blank. Wenn mehr oder minder chronischer Stress plötzlich und tödlich endet, lautet die Diagnose „plötzlicher Herztod“ (PHT) oder „Sekundentod“.

Immer wieder taucht hierbei das Bild vom scheinbar heiteren Himmel auf. Doch von rund 200.000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr einen akuten Herzstillstand nicht überleben, sind nur etwas mehr als zehn Prozent kardiale Risikopatienten, die nach einem Infarkt bereits an einer Herzmuskelschwäche litten oder eine andere Herzerkrankung hatten.〈1〉

 

Meistens geht diesem unvorhersehbaren
und schrecklichen Ereignis eine längere Phase
mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus

Karl-Heinz Ladwig

 

„Meistens geht diesem unvorhersehbaren und schrecklichen Ereignis eine längere Phase mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus. Im Nachhinein lassen sich in vielen Fällen klassische Alarmzeichen ausmachen, etwa finanzielle Sorgen, eine belastende Arbeits- oder frustrierende Familiensituation.“ Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, am Helmholtz Zentrum München tätiger Psychokardiologe, hält diese psychosozialen Aspekte kardiologischer Leiden für unterrepräsentiert und machte dies im April in Mannheim anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie deutlich: „Der plötzliche Herztod ereilt die Betroffenen entgegen einer verbreiteten Vorstellung in der Regel nicht nach einer einmaligen Aufregung. Akuter Ärger, Angst oder andere Aufregungen sind nur Auslöser.“〈2〉

Physiologisch betrachtetet sind meist Herzrhythmusstörungen wie Kammerflimmern oder auch das sogenannte Broken Heart Syndrom direkte Auslöser eines PHT. Beim Broken Heart Syndrom (auch: Stress-Kardiomyopathie, Tako-Tsubo-Syndrom) verengen sich die Herzkranzgefäße akut krampfartig. Betroffen sind vorwiegend Frauen jenseits der Wechseljahre. Die Symptome gleichen denen eines Herzinfarktes, sie treten meist unmittelbar nach einer außerordentlichen Belastung auf.

Dass die Ursachen im emotionalen Bereich liegen können, hat unter anderem eine Studie aus Los Angeles gezeigt: Dort hatten Forscher die Auswirkungen des „Northridge Erdbebens“ am 17. Januar 1994 untersucht, eines der stärksten Erdbeben, das bis dato in den USA registriert worden war.〈3〉 Die Zahl der plötzlichen Herztode von durchschnittlich 2 bis 4 war am Tag der Katastrophe sprunghaft auf 24 angestiegen. 16 Menschen starben binnen einer Stunde nach den ersten Erschütterungen. Nur drei Todesfälle standen in Zusammenhang mit physischer Belastung. In der Woche nach dem Erdbeben lag die Zahl der plötzlichen Herztode unter dem Durchschnitt (2,7 ± 1,2).

 

Neben der Veranlagung spielt auch die Art,
wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen,
eine wesentliche Rolle
Karl-Heinz Ladwig

 

„Auch wenn wir noch nicht alle Zusammenhänge im Detail verstehen, zeigt sich, dass es für den stressinduzierten Herztod zwei Komponenten braucht,“ so Ladwig. „Neben der Veranlagung spielt auch die Art eine wesentliche Rolle, wie Menschen mit emotionalen Belastungen umgehen. Anders ausgedrückt: Wer Stress besser bewältigen kann, hat ein geringeres Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden.“

In den meisten Fällen seien mehr körperliche Bewegung, ein gezieltes Stressmanagement oder Entspannungstechniken ausreichend und können das Risiko für einen plötzlichen Herztod signifikant senken, so Ladwig.

Aus Sicht von SecondaVita Prævention ließe sich ergänzen:

 

Ernährung umstellen
 Gegebenenfalls Zigaretten- und Alkohlokonsum deutlich drosseln
 Genügend schlafen
 In geschützter Atmosphäre reden über das, was schwer lastet
 Sich sortieren, neu ordnen und wohltuende Perspektiven entwerfen
 Seelische Widerstandskraft – Resilienz – trainieren
 Sich eine lang nachklingende präventive Auszeit verordnen

 

Bei Verdacht auf eine klinisch manifeste Depression soll ein weiterer Experte hinzugezogen werden. 

Stress ist ein eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen und verdiene mehr Aufmerksamkeit, betonte Ladwig: „Schon das gezielte Ansprechen der Lebenssituation und psychischen Befindlichkeit kann einen hohen therapeutischen Wert haben.“

Dies mag den einen oder anderen Kardiologen überrascht haben.

 


 

1 Deutscher Herzbericht 2o16. Deutsche Herzstiftung, Berlin, 25. Januar 2o17

2 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie
Mannheim, 19.o4.-23.o4.2o17

3 Leor J et al:  N Engl J Med 1996; 334:413-419
DOI: 10.1056/NEJM199602153340701

 

 

Lust auf positive Gesundheit

© Fabian Christ | Flickr

 

Die Fastenzeit beginnt, der Bis-Ostern-Verzicht auf wahlweise Alkohol, Süßes, Tütensuppen und inzwischen sogar auf permanente Erreichbarkeit. Wie wäre es, wenn das eine oder andere auch darüber hinaus funktionieren könnte – mehr noch und sozusagen als frommer Wunsch: Möge das Fasten so ganz und gar Lust auf Gesundheit machen. Denn mit der Gesundheitskompetenz ist es ein Kreuz.

 

Gesundheit ist … für jeden etwas anderes. Die Ansichten darüber, welche Bedingungen über Gesundheit und Krankheit entscheiden, sind höchst unterschiedlich. Der persönliche Blick entscheidet weitgehend darüber, ob jemand gesundheitsbewusst lebt oder nicht. Wer davon überzeugt ist, dass Gesundheit überwiegend „eine Frage der Gene“ oder “Schicksal” sei und man da halt nichts machen könne, wird sich kaum für Prävention interessieren.

Das ist schade, weil internationale Studien eindrucksvoller denn je darauf hinweisen, dass die Gesundheitskompetenz des Einzelnen verbesserungswürdig ist. Forscher der Universität Bielefeld haben Gesundheitskompetenz als das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit beschrieben, “gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und zu nutzen, um die Gesundheit erhalten, sich bei Krankheiten nötige Unterstützung durch das Gesundheitssystem sichern oder sich kooperativ an der Behandlung und Versorgung beteiligen und die dazu nötige Entscheidung treffen zu können.” 〈1〉International wird diese basale Kompetenz als Health Literacy bezeichnet.

Bei 54,3 Prozent der Deutschen will das eine wie das andere nicht so recht funktionieren, heißt es im Ergebnisbericht der im Dezember 2o16 veröffentlichten Health-Literacy-Studie (HLS-GER) der Universität Bielefeld.〈1〉Dazu passen jüngste Daten – freilich nicht nur – für Deutschland, wonach die Diagnose des Diabetes Typ II gewaltig zunehmen wird, die Betroffenen werden immer jünger. Zudem steigt laut DAK-Gesundheitsreport 2o16 die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage bei Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Atmungssystems und bei psychischen Erkrankungen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter kontinuierlich an.〈2〉

In dem interdisziplinären Feld der Gesundheitswissenschaften beschäftigt man sich daher intensiv mit Fragen zum Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsverhalten. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich verschiedene Definitionen von Gesundheit entwickelt, die vor allem gemeinsam haben, dass es nicht länger schnöde um die “Abwesenheit von Krankheit” geht, sondern um eine positive und facettenreiche Auslegung.

Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, Empathie

Der Begriff „positive Gesundheit“ beinhaltet Faktoren wie Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, emotionale Kompetenz, Rollenkompetenz und die Möglichkeit, das vorhandene Potential gleichzeitig zu erfüllen und durch Erfahrungen zu erweitern. Außerdem:

  • Qualitativ hochwertige, vielseitige Ernährung
  • Körperliche und mentale Fitness durch Bewegung, täglich mindestens 30 Minuten
  • Keine „Genussgifte“
  • Optimale Hirndurchblutung durch Bewegung und Entspannungstechniken
  • Genügend und guter Schlaf
  • Balance zwischen An- und Entspannung
  • Stressbewältigung und in der Folge Gelassenheit bei Belastungen
  • Seelisch-soziale Gesundheit durch Selbstwirksamkeit, Selbstfürsorge, Lebensfreude und Empathie
  • Ausreichender Impfschutz

Prävention vom Feinsten

Da jeder dieser Faktoren grundsätzlich dazu beiträgt, Krankheit zu verhindern, verzögern oder weniger wahrscheinlich zu machen, haben wir es genau genommen mit Prävention vom Feinsten zu tun. Dieser Begriff wiederum kommt vom lateinischen praevenire und bedeutet zuvorkommen. Jenseits jeglicher Präventionsgesetze kann ein derart gesunder Lebensstil große Wirkungen zeigen. Verhindern lassen sich 〈3〉

  • 92% aller Herzinfarkte,
  • 90% aller Diabeteserkrankungen,
  • 85% aller Erkrankungen des Knochen- und Muskelsystems,
  • 50% aller Krebserkrankungen,

verlängern lässt sich die Lebenserwartung um elf bis 14 Jahre.〈4〉So lauten Zwischenergebnisse aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht.

Damit ist jede Krankheit, die nicht entsteht, die beste Entlastung für den, der eigenverantwortlich und gut mit sich umgeht. „Richtiges“ Fasten, also klassisch nach Buchinger oder einer leicht modifizierten Form, eignet sich wunderbar als Zäsur, um den Lebensstil zu hinterfragen und zu ändern.

 

© Sylvia Duckworth

 

 

1 Schaeffer D et al: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland. Ergebnisbericht. Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Dezember 2016
2 DAK-Gesundheitsreport 2o16
3 EPIC Studie 2oo4
4 EPIC Studie 2006, Studie 2008

 

Zum Thema

Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund?

 

Genussglück

 

Hühner, die auf der Wiese hinterm Haus selig scharren und picken. Schweine, die fidel im Matsch suhlen. Zottige Weiderinder, die sich auf saftigem Grün austoben und gegebenenfalls knietief im klaren Wasserlauf stehen. Ziegen, die die Landschaft pflegen, indem sie ausschließlich Gräser, Kräuter, Buschwerk und Heu fressen: Sind die mit solchen Sätzen assoziierten Bilder sozialromantisch? Die einen sagen so, die anderen so.

Auf jeden Fall ist “traditionelle Landwirtschaft”, noch dazu nachhaltige und von Wertschätzung für Kreatur wie Natur getragene, in diesen Zeiten mit dem Premium-Gütesiegel behaftet. Wenn für diese Klasse von Bauern am Ende des Lebenszyklus eines Tieres die stressfreie (Haus-)Schlachtung steht oder die beim Nachbarn des Vertrauens, wird ob der Qualität des Fleisches nicht nur naturgemäß Geschmack zum Niederknien produziert. Obendrein wird für den ernährungsbewussten sogenannten Bildungsbürger (der sich nahezu täglich ad absurdum führt) eine von Tag zu Tag tiefer wurzelnde Sehnsucht nach einer heileren Welt bedient.

Mehr noch: Solch tierisches Glück, gelegentlich in Maßen verspeist, ist gesund und jeden Euro wert. Wegen seines Anteils an Proteinen, Eisen, Zink, B-Vitaminen und Vitamin A kann Fleisch nämlich eine wertvolle Quelle für Nährstoffe sein. Kann. Denn selbst, wenn für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 300 bis maximal 600 g Fleischverzehr pro Woche in Ordnung sind – über das, was der gemeine Carnivore, vulgo: Fleischfresser, da verdaut, sagt das nichts aus. Schlimmstenfalls macht es krank. So oder so: Einmal Fleisch pro Tag ist zuviel.

Freunde der Rostbratwurst:
Wer zu viele isst, ist früher tot

Das ist nicht neu, eine Binse sozusagen. Und doch war der Ausschlag des medialen Pendels zum Thema nie größer: Da haben am 26. Oktober 2o15 die Experten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer, IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO endlich den häufigen Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch als krebserregend eingestuft [1] – und Medien wie Fleischfans spielen verrückt, die Massentierhaltungsindustrie protestiert, die sogenannte Netzgemeinde reagiert amüsiert („#Wurstkrebs“, „Wurst-Fachjournalisten“). Die medizinische Fachwelt ist verwundert ob der Hitzewallungen, mancher Experte fühlt sich an die Komikerlegende Louis de Funès erinnert: Nein! Doch. Ooohhh!!!

Die Analyse von mehr als 800 zum Teil groß angelegten Studien, die in den vergangenen 20 Jahren nach möglichen Verbin­dungen zu unterschiedlichen Krebserkrankungen gesucht haben, ordnet rotes Fleisch als „wahrscheinlich karzinogen für den Menschen“ (Gruppe 2A) ein. Verarbeitetes Fleisch erhöht das Risiko “definitiv” (Gruppe 1) und fällt damit in die gleiche Kategorie wie Tabakrauch, Arsen, Asbest, Formaldehyd.

Ein Zusammenhang wird vor allem zum Darmkrebs bzw. Kolorektalkarzinom hergestellt, aber auch zu Prostata- und Pankreaskarzinomen. Eine Verbindung zum Magenkrebs sei nicht eindeutig nachweisbar, heißt es.

Der Begriff “rotes Fleisch” bezieht sich auf das Fleisch von Rindern, Schweinen, Ziegen, Pferden und Schafen; „verarbeitetes Fleisch“ umfasst Fleisch, das durch Räuchern, Beizen, Pökeln oder Salzen haltbar gemacht wurde. Als mögliche Ursache wird unter anderem die Bildung von krebserregenden Stoffen bei starker Erhitzung angenommen.

Rund drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle ließen sich verhindern, wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge.
EPIC 2o13

EPIC-Analyse 2o13

„Rund drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle ließen sich verhindern, wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge.“ So lautete bereits 2o13 ein weiteres Zwischenergebnis aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht und deren Ergebnisse nennenswert in die aktuelle Bewertung einfließen. [2]

Das Projekt, an dem insgesamt 521.448 weibliche und männliche Erwachsene aus 10 Ländern teilnehmen, stellt bislang drei zentrale Fragen:

  • Wie sind spezifische Nahrungskomponenten direkt oder indirekt mit der Entstehung chronischer Erkrankungen wie Tumoren, Diabetes mellitus und Herz-Kreislauferkrankungen assoziiert?
  • Wie groß ist das Zusatzrisiko, das bei einzelnen chronischen Erkrankungen auf die Ernährungsweise zurückgeführt werden kann?
  • Wie groß ist der Effekt eines geänderten Ernährungsverhaltens auf die Krebsentwicklung und die Gesamtsterblichkeit in der Bevölkerung?

Für die Analyse 2o13 hat Erstautorin Prof. Dr. Sabine Rohrmann vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich mit ihren Forscherkollegen bei 448.568 Frauen und Männern den Zusammenhang zwischen Sterberisiko und Verzehr von rotem Fleisch (Rind, Schwein, Schaf, Lamm, Ziege, Pferd), verarbeitetem rotem Fleisch (Wurstwaren aller Art einschließlich Speck, Schinken, Würste) sowie Geflügel (Huhn, Pute, Ente, Gans) untersucht. [3]

Schmerzgrenze bei 40 Gramm pro Tag 

Die Teilnehmer hatten keine Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Vorgeschichte, waren zwischen 35 und 69 Jahre alt und sind umfangreich zu Bildung, Ernährungs- und Rauchgewohnheiten, körperlicher Aktivität und Body Mass Index befragt worden. Mit einem speziellen Analyseverfahren wurde die Relation zwischen Fleischkonsum, Gesamtsterblichkeit und spezifischer Sterblichkeit untersucht.

Einmal mehr unterstrichen die Ergebnisse im Vergleich zu fleischfreier Ernährung eine positive Assoziation zur erhöhten Gesamtmortalität: Das Risiko stieg um 30% – ausgelöst nicht nur durch Krebs, sondern insbesondere durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.

„Stimmt, neu ist das nicht,“ entgegnete Rohrmann nach Veröffentlichung der Studie in einem Gespräch mit der Autorin für das Ärzte-Onlineportal Medscape Deutschland auf den Einwand, die Last mit der Lust auf Fleischessen habe eine lange Tradition – vor allem hinsichtlich der Effekte auf Diabetes mellitus II und auf das Kolonkarzinom. „Allerdings wurden die großen und auch jetzt wieder neuen Studien zum Thema meist in den USA durchgeführt, unsere liefert Daten für Europa.“

Nach Korrektur von Messfehlern korrelierte ein Fleischverzehr von mehr als 160 g/Tag im Vergleich zu 50 g/Tag und 10-19,9 g/Tag deutlich mit einer erhöhten Gesamtsterblichkeit in Bezug auf verarbeitetes Fleisch. Das war allerdings neu. Ein Zusammenhang zum Geflügelverzehr bestand nicht.

Ob also gesalzen, geräuchert oder gepökelt: Die Schmerzgrenze liegt laut Rohrmann bei täglich 40 g: „Wer mehr Wurst oder andere Arten prozessierten Fleisches isst, riskiert früher zu sterben. Das Risiko erhöht sich je 50 Gramm pro Tag um 18 Prozent.“

Diese Angaben betreffen in der neuen IARC-Analyse vor allem das Risiko für Kolorektal­karzinome. Für rotes Fleisch wurde pro 100 Gramm täglich ein Anstieg des Risikos um 17 Prozent ermittelt.

Der zweite Teil der Botschaft ist deshalb,
dass gesunde Ernährung sich generell lohnt.
Hans-Georg Joost

Nicht isoliert betrachten

Nun ist es aus epidemiologischer Sicht schwierig, Fleischkonsum isoliert zu betrachten, nicht nur die Krebsentstehung ist und bleibt ein multifaktorielles Geschehen. Auch für EPIC gilt: Die größten Fleischesser trinken mehr Alkohol, rauchen mehr, nehmen per se weniger Obst und Gemüse zu sich und gehören überproportional oft den sogenannten bildungsfernen Schichten an. Das gilt primär für Männer.

Diese Faktoren, in der Epidemiologie als Confounder (engl.: Störfaktoren) bezeichnet, relativiert laut Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Hans-Georg Joost die Aussage zur Risikoerhöhung der Gesamtmortalität. Joost war von 2oo2 bis 2o14 wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), das auch eines der deutschen EPIC-Studienzentren ist.

„Confounder sind das Kreuz der Epidemiologie, sie sind als Variablen zwar nicht direkt Gegenstand einer Untersuchung, […] beeinflussen aber das Auftreten eines Risikofaktors und die beobachtete Zielgröße. Die Kausalität wird unklarer – in diesem Fall die zum Fleisch,“ erläuterte Joost seinerzeit.

Dennoch sei der Effekt in Teilen so groß, dass er nicht ignoriert werden dürfe, betonte der Wissenschaftler. Letztlich wird das zentrale Resultat bestätigt, noch deutlicher wird es, wenn man sich die Krankheitshäufigkeiten anschaut. „Der zweite Teil der Botschaft ist deshalb, dass gesunde Ernährung sich generell lohnt.“

Qualität statt Quantität

Für die Ernährungsbewussten, die längst die ethischen Aspekte des Fleischverbrauchs wie Tierschutz und Klimaschutz diskutieren, ist das Thema ohnehin politisch wie moralisch völlig inkorrekt. Ob die damit verbundenen Empfehlungen indes auch bei der ganz breiten Bevölkerung auf Gegenliebe stoßen, ist die Frage aller Fragen.

„Als Ernährungswissenschaftlerin und als ökologisch denkender Mensch wünsche ich mir, dass sich das Motto `Bessere Qualität statt Quantität´ langsam durchsetzt,“ sagte Rohrmann abschließend. „Das wird aber lange dauern und unsere Studie trägt hoffentlich ein wenig dazu bei.“

Das war vor zwei Jahren. Bleibt zu wünschen, dass die WHO den Finger tief genug in die offene Wunde gepiekt hat.

 

Zum Thema


Basche MF: Alles Bio oder was? Vernünftige Ernährung ist intellektueller Luxus. All die schoenen Worte, April 2o12

1 International Agency for Research on Cancer: IARC Monographs evaluate consumption of red meat and processed meat. Press Release No 240, 26. Oktober 2o15
http://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2015/pdfs/pr240_E.pdf
und
Bouvard V et al: The Lancet Oncology (online) 26. Octobre 2o15
DOI: http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lanonc/PIIS1470-2045(15)00444-1.pdf

2 International Agency for Research on Cancer: EPIC Study
http://epic.iarc.fr/

3 Rohrmann S et al: BMC Medicine. 2013; 11: 63
http://dx.doi.org/10.1186/1741-7015-11-63

Gib dem Tumor keinen Zucker

Flexibel, individuell, alltagstauglich, köstlich: Ernährungsempfehlungen müssen nicht kompliziert

sein. Wenige einfache, verlässliche Regeln und eine mühelose Umsetzung können viel bewirken – im Allgemeinen und Besonderen.

 

„Gib dem Tumor keinen Zucker“ heißt ein solcher Merksatz in der komplementären Onkologie, denn Tumoren verbrauchen einen wesentlichen Teil der über die Nahrung zugeführten Energie für das eigene Wachstum. Am liebsten eben Zucker. Die Ernährung von Krebspatienten wird deshalb häufig dahingehend umgestellt, dass leere Kohlenhydrate gegen komplexe Kohlenhydrate bzw. Ballaststoffe ersetzt werden.

Den damit verbundenen Empfehlungen kommt zugute, dass die Wirkungen Sekundärer Pflanzenstoffe (SPS) in Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten wissenschaftlich inzwischen dahingehend anerkannt sind, dass sie den Körper erfolgreich dabei unterstützen, das Wachstum von Tumorzellen zu blockieren und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Und nicht nur das, schon viel früher wirken sie antioxidativ, das heißt, sie wehren freie Radikale ab, die den Zellkern und damit Erbinformationen nachhaltig schädigen und somit die Krebsentwicklung begünstigen. Darüber hinaus wirken SPS wie Antibiotika, töten also Bakterien bzw. stoppen deren Vermehrung. Nicht zuletzt aktivieren sie die Killerzellen des Immunsystems gegen Krankheitserreger.

Beispielsweise konnte die Arbeitsgruppe Zellbiologie und Neuroonkologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) 2014 zeigen, dass verschiedene pflanzliche Östrogene (Phytoöstrogene) in Zellen von bösartigen Hirntumoren das Prinzip der sogenannten Anti-Angiogenese beeinflussen. Es besteht darin, dem Tumor die Lebens- und Wachstumsgrundlage – die Zufuhr mit bestimmten Nährstoffen über die Blutgefäße – zu entziehen, zumindest aber nennenswert zu hemmen. Das ist deshalb bemerkenswert, da bei malignen Hirntumoren die Prognosen nach wie vor schlecht und die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt sind. Grund: Die Tumorzellen reagieren auf Bestrahlung und Chemotherapie nicht sensibel genug.

Als besonders wirksam haben die FAU-Forscher das Isoflavon Biochanin A (BCA) identifiziert. Isoflavone stecken in großen Mengen in Hülsenfrüchten, z. B. in Kichererbsen und Sojabohnen. Aufnahmen im Magnetresonanztomographen haben laut Studie gezeigt, dass tumorbedingte Hirnödeme nennenswert abnahmen. Auch zeigte sich ein Trend in Richtung verlängerter Überlebenszeit.

Die Autoren schlussfolgern, dass eine obst- und gemüse- und damit auch ballaststoffreiche Ernährung auch in der Krebstherapie viel häufiger empfohlen und konsequent umgesetzt werden sollte.

Sekundäre Pflanzenstoffe

Da lohnt einmal mehr ein Blick auf die Sekundären Pflanzenstoffe. Sie kommen in allen Pflanzen in nur geringen Mengen, aber gigantischer Vielfalt vor. Pflanzen sichern mit der Produktion von SPS ihr eigenes Überleben. Man spricht auch von Bioaktivstoffen oder – in Anlehnung an die Vitamine – von Phytaminen. Im übertragenen Sinne werden die einen wie die anderen als unentbehrlich für das menschliche Überleben beziehungsweise für die Gesundheit eingestuft.

Der Versuch, SPS in einer Zahl zu erfassen, ist schwierig. Allein bei den Flavonoiden geht man von 6.000 bis 10.000 Vertretern aus, bekannt sind 5.000. Im Weißkohl wurden 49 verschiedene SPS identifiziert. Eineinhalb Gramm SPS – etwa so viel werden mit einer gemischten Kost täglich aufgenommen – setzen sich aus 5.000 bis 10.000 Einzelsubstanzen zusammen, die unter anderem für den Geschmack, den Duft und die Farbe von Obst und Gemüse verantwortlich sind.

Der Arzneimittelindustrie dienen SPS als Basis für zahlreiche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, Food-Designer entwickeln gemeinsam mit Unternehmen der Nahrungsindustrie neue köstliche „Lebensmittel mit gesundem Zusatznutzen“. Superfoods, Lifestyle-Produkte von Rote-Bete-Chips über schokolierte Aroniabeeren zum Matcha-Zitronen-Kuchen markieren hier den jüngsten Trend.

Für den nächsten Wochenmarkteinkauf eine Übersicht über Vorkommen und Wirkung der wichtigsten SPS.

 

© H2O74 | Flickr  Carotinoide

Wirkung

Die Pflanzenfarbstoffe stimulieren die Immunabwehr und wirken antioxidativ und können bei Tumorzellen den Zyklus von Zellwachstum und -teilung beeinflussen. Das bekannteste unter den bisher rund 600 identifizierten Carotinoiden ist das Beta-Carotin.

Vorkommen

Reichlich in gelb- und rotfleischigen Früchten wie Gojibeeren (Gemeiner Bocksdorn), Aprikosen, Mangos, Pfirsich, Kürbis, Möhren und Tomaten; in grünblättrigen Gemüsen wie Grün-, Weißkohl, Brokkoli, Mangold, Spinat.

 

© .Luise. | Flickr  Flavonoide

Wirkung

Nichts geht ohne sie. Die meist gelben, aber auch roten, blauen oder violetten Farbstoffe stimulieren die natürlichen Killerzellen des Immunsystems, hemmen die Umwandlung von Krebsvorläuferzellen in Krebszellen und wirken als Antioxidantien.

Vorkommen

Direkt unter der Schale von Obst, in Gemüse und vielen Heilkräutern. Besonders wirksam sind Flavonoide, die aus roten Trauben und Pflaumen (Resveratrol), aus Äpfeln, Heidel- und Moosbeeren, Zwiebeln, Auberginen, Rosenkohl, Kamille und grünem Tee stammen.

 

© Angelica Colomine | Flickr  Glucosinolate
Wirkung

Die zu den Senfölen gehörenden Geschmacksstoffe hindern Tumorvorläuferzellen daran, aktiv zu werden und sorgen für die „Entschärfung“ virulenter Krebszellen.

Vorkommen

In allen Kohlarten und scharf schmeckenden Pflanzen wie Rettich, Senf, Kresse, Zwiebeln.

 

© Roberta Sa |Flickr  Phenolsäuren | Polyphenole

Wirkung

Jagen freie Radikale und schützen tiefer liegende Gewebeschichten vor oxidativen Angriffen. Von Bedeutung sind allem vier Vertreter: Ferula-, Kaffee-, Ellagsäure, Resveratrol.

Vorkommen

Ferula- und Kaffeesäure stecken vorwiegend in Grün-, Weißkohl, Paprika, grünen Bohnen, Radieschen. Ellagsäure findet sich in allen Beeren, in Walnüssen und im Granatapfel; Resveratrol vor allem in roten Trauben, Himbeeren, Pflaumen, Erdnüssen.

 

© Monika Heinrichs | Flickr  Phytoöstrogene

Wirkung

Die Gesamtzahl der Phytoöstrogene wird auf etwa 50.000 geschätzt. Etwa 10.000 kommen in Lebensmitteln vor, nur ein Bruchteil ist bisher erforscht. Phytoöstrogene ähneln den körpereigenen Östrogenen und haben die gleichen Effekte, nur deutlich schwächer. Sie werden in drei Gruppen unterteilt: Isoflavone (Genistein, Daidzein), Lignane und Coumestane. Sie alle wirken antioxidativ und beeinflussen Entzündungsprozesse, den Hormonhaushalt und das Zellwachstum.

Vorkommen

Reichlich in asiatischer und Mittelmeerkost. Isoflavone stecken in Hülsenfrüchten, Hauptquelle ist die Sojabohne. Lignane kommen vor allem in Leinsamen, Beeren, Weizen, Gerste, Sesam, Brokkoli, Rosinen, Hasel- und Walnüssen vor, Coumestane in Luzernensamen wie Alfalfasprossen. Als Infektionsquelle der Ehec (Enterohämorrhagische Escherichia coli) -Epidemie 2011 spielen Sprossen bei uns seither keine Rolle mehr.

 

© A. van Zwienen | Flickr  Phytosterine

Wirkung

Phytosterine sind die erste Gruppe von SPS, die wegen ihrer Wirkung im menschlichen Organismus – cholesterinsenkend – zu funktionellen Lebensmitteln verarbeitet wurden. Analog zum Cholesterin im tierischen Gewebe sind Phytosterine essentielle Bestandteile bestimmter Pflanzenteile. Mindestens 44 Phytosterine aus sieben Pflanzenfamilien wurden bisher identifiziert, das häufigste in der Nahrung vorkommende ist das Beta-Sitosterin. Studien haben zudem einen Zusammenhang zwischen einer Ernährung mit viel Phytosterinen und einem niedrigen Risiko für Dickdarmkrebs hergestellt.

Vorkommen

In fettreichen Pflanzenteilen (Sonnenblumenkernen, Sesamsaaten, Kürbiskernen, schwarzen Oliven); einigen Gemüse- (Blumen-, Rosenkohl, Brokkoli) und Obstsorten (Orangen, Grapefruits).

 

© dilettantsefus | Flickr  Phytin

Wirkung

Phytin wurde lange als unerwünschter Inhaltsstoff in pflanzlichen Samen angesehen, da Phytin die Mineralstoffaufnahme bremsen kann, wenn die Nahrung wenig Vitamin C enthält. Wer sich aber an die üblichen Nahrungszubereitungsarten und eine ausgewogene Mischkost hält, ist auf der sicheren Seite. Untersuchungen haben zudem auf eine Krebsschutzwirkung im Dickdarm hingewiesen.

Vorkommen

In allen pflanzlichen Samen und damit vor allem in Getreidevollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen.

 

© nalihaha | Flickr  Protease-Inhibitoren

Wirkung

Weil diese Hemmstoffe im menschlichen Organismus wichtige Eiweiß spaltende Enzyme unterdrücken, galten sie früher eher als gesundheitsschädlich. Heute werden ihnen krebshemmende Eigenschaften zugesprochen, vor allem im Zusammenhang mit Mundhöhlen-, Lungen-, Leber-, Speiseröhren- und Dickdarmkrebs.

Vorkommen

Reichlich in Kartoffeln, Erbsen, Erdnüssen, Soja.

 

 © Frederica Potter | Flickr   Saponine

Wirkung

Diese in reiner Form sehr bitter schmeckenden Substanzen werden nur in geringen Mengen vom Körper aufgenommen. Sie sollen speziell das Dickdarmkrebsrisiko senken, indem sie Cholesterin und Gallensäuren binden.

Vorkommen

In Hülsenfrüchten, z. B. Linsen, Bohnen, Kichererbsen, Sojabohnen.

 

© Bernd Loos | Flickr  Sulfide

Wirkung

Diese schwefelhaltigen Substanzen, allen voran das Alliin und Allicin, sind verantwortlich für den intensiven Geschmack und nachhaltigen Geruch der Lauchgewächse. Sie gelten als äußerst vielseitig, schützen vor schädlichen Oxidationen und speziell vor Magenkrebs. Warum, ist noch nicht endgültig geklärt. Diskutiert werden unter anderem die Hemmung von Enzymen, die krebsauslösende Mechanismen aktivieren können und eine Stimulation des Immunsystems.

Vorkommen

In Lauch, Schnittlauch, Knoblauch, Zwiebeln, Schalotten.

 

© Herbert Schneider | Flickr  Terpene

Wirkung

Diese Aromastoffe sind wesentliche Duft- und Geschmacksträger. Ein wichtiges Terpen ist Limonen, das unter anderem in den Schalen der Zitrusfrüchte vorkommt. Eine detaillierte Bewertung der rund 4.500 verschiedenen Terpene gibt es bislang nicht.

Vorkommen

In Pfefferminze, Zitronen, Sellerie, Kümmel.

 


 

Sehm T et al: Cancer Medicine (online) 4. Juni 2014
DOI: 10.1002/cam4.265

Gern arbeiten


Wirksame Gesundheitsprävention gewinnt in Unternehmen zwar an Bedeutung, wird jedoch noch nicht konsequent umgesetzt.

 

 

Die jüngsten Gesundheitsmonitore und Studien gewähren tiefe Einblicke in die Abgründe des Arbeitsalltags in Deutschland: Mit mehr als 40 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen stehen psychische Erkrankungen insgesamt auf Platz 3 der Krankschreibungen, nach Erkrankungen des Muskel-/Skelettsystems und der Atemwege. [1] Zeit- und Leistungsdruck, unangemessene Bezahlung, Arbeitsverdichtung und Überforderung manövrieren Arbeitnehmer scheinbar unaufhaltsam in ein schweres Erschöpfungssyndrom, das wiederum Depressionen, Angst– oder Suchterkrankungen den Weg ebnen kann. Allein die Ausfalltage aufgrund depressiver Störungen sind in den letzten zehn Jahren um 255 Prozent gestiegen.

„Unser Augenmerk muss deshalb noch stärker auf dem betrieblichen Gesundheitsmanagement liegen. Hierbei sind alle Beteiligten gleichermaßen gefragt: Politik, Arbeitgeber und auch die Beschäftigten selbst,“ wird Dr. Iris Hauth, Ärztliche Direktorin des St. Joseph Krankenhauses, Berlin, und Präsidentin der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in einer Pressemitteilung der DGPPN zitiert.[2]

Auf Unternehmensseite scheint es zwar so zu sein, dass ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) immer häufiger als ein nicht länger zu ignorierender Faktor für die psychosoziale Gesundheit der Beschäftigten wahrgenommen wird, da nur gesunde und zufriedene MitarbeiterInnen die geforderte unternehmensspezifische Qualität erbringen können. Dennoch werden sinnvolle, auf die Wünsche und Bedürfnisse der MitarbeiterInnen zugeschnittene Maßnahmen nur selten angeboten; im Mittelstand bislang nur in jedem zehnten Unternehmen.

Als ein wichtiger Grund wurde anlässlich des 11. Gesundheitstages der Hamburger Wirtschaft Anfang April genannt, dass Chefs oder Geschäftsführer zusätzliche Kosten fürchten.[3] Dabei können Unternehmer pro MitarbeiterIn und Jahr 500 Euro als Freibetrag steuerfrei in Prävention investieren. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen wüssten aber oftmals nicht, wo sie ansetzen können, um etwas für die Gesundheit ihrer Leute zu tun. Eines sollten die Konzepte inzwischen allerdings sein: ganzheitlich. Also mehr als „Business-Yoga“.

 

Organisation und Führung sind zentrale Erfolgsfaktoren zur Realisierung
wirkungsvoller Präventionsstrategien

Wilfried von Eiff

 

Prävention, Organisation, Führung 

Wie wirksame Gesundheitsprävention in Unternehmen aussehen kann, darüber haben in der aktuellen Ausgabe der Hochschulzeitung HHL news der HHL Leipzig Graduate School of Management mehrere Führungskräfte nachgedacht.[4]

Ganz grundsätzlich geht es neben dem anhaltend wichtigen klassischen Arbeitsschutz zunächst um die psychische Gesundheit – um Transparenz bei stets subjektiv erlebten Belastungen, um offensives Stressmanagement und ja, um einen wertschätzenden, freundlichen Umgang miteinander. Das Stichwort lautet „Unternehmenskultur“ – und zwar eine, die der Mitarbeitergesundheit nicht schadet, sondern idealerweise das Gegenteil bewirkt.

„Wirksame Gesundheitsprävention in der Arbeitswelt darf sich nicht in betrieblich geförderten Fitnessprogrammen erschöpfen“, schreibt Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff, Akademischer Direktor des Center for Health Care Management and Regulation. „Organisation und Führung sind vielmehr die zentralen Erfolgsfaktoren zur Realisierung wirkungsvoller Präventionsstrategien. Die Medizin funktioniert in aller Regel nur im Sinne eines Reparaturbetriebs.“

Für den Direktor der privaten Universität, Prof. Dr. Andreas Pinkwart, sind Prävention und Arbeitsplatzsicherheit die eine Seite der Medaille, gute Führung ist die andere. „Gut heißt in diesem Zusammenhang, dass mit den Mitarbeitern regelmäßig Ziele vereinbart werden, die sie nicht nur intrinsisch motivieren, sondern zuweilen auch herausfordern, die persönliche Latte etwas höher zu legen.“

Unabdingbar für das Betriebsklima in einer modernen Unternehmenskultur mit idealerweise flachen Hierarchien sei es auch, dass gute Arbeit wertgeschätzt wird. Geeignetes Führungspersonal habe zudem eine positive Fehlerkultur und die Fähigkeit, Schwächen von Personen und Prozessen zu erkennen, Verbesserungsmaßnahmen zu entwickeln und gemeinsam daran zu arbeiten, Probleme zu neutralisieren. „Nicht zuletzt ist mehr Verständnis vonnöten für die familiären Situationen von Mitarbeitern, ebenso für Mitarbeiter, die berufsbegleitend studieren,“ so Pinkwart.

Manche Unternehmen engagieren inzwischen einen Feelgood Manager w/m, um ihre Unternehmenskultur zu verbessern. Er soll als Bindeglied zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern agieren, eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen, die interne Kommunikation und den Umgang mit Stressfaktoren verbessern. Als sinnvolle deutsche Übersetzung für das noch neue Berufsbild taugt wahrscheinlich der sperrige Begriff „Unternehmenskultur-Beauftragter“, er signalisiert zumindest, dass es um mehr als aktionistische Bespaßung geht. Auch haben wir es hier nicht mit einer begrifflichen Aufwertung des „Office Managers“ im Minijob zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Melange aus BGM und BWL – mit den sich daraus entwickelnden Fortbildungen für verschiedene Berufsgruppen, vor allem auch für Gesundheitswissenschaftler, denn die Konzepte der Prävention, Salutogenese und Resilienz spielen eine wichtige Rolle.

 

Ein Torwart, der einen Schuss erfolgreich abwehrt, erspart dem Team einen kräftezehrenden Kampf und vielleicht sogar eine Niederlage
Martin Busse

 

Inneren Schweinehund nicht unterschätzen

Die Bedeutung von Prävention zeigt sich Prof. Dr. Martin Busse, Direktor des Institute of Sports Medicine & Prevention, in jedem Fußballspiel: „Ein Torwart, der einen Schuss erfolgreich abwehrt, erspart dem Team einen kräftezehrenden Kampf und vielleicht sogar eine Niederlage.“ Prävention sei billiger und ethischer als jede Therapie – sofern es sich um die richtigen Maßnahmen handelt.

Hier können unterschiedliche Akzente gesetzt werden, beispielsweise im Bereich der Verpflegung, bei der Vorbeugung und Verringerung arbeitsbedingter Belastungen des Bewegungsapparats, in der Förderung einer proaktiven Mitarbeiterführung, beim Stressabbau. Im Gegensatz zum Qualitäts- und Arbeitsschutzmanagement gibt es im BGM keine etablierten Normen und Standards.

„Entscheidend für den Erfolg ist, dass im Vorfeld relevante Handlungsfelder erkannt werden, der Bedarf ermittelt wird, die Maßnahmen zielgerichtet mit Priorität angegangen werden sowie niedrigschwellig und getrennt für Häuptlinge und Indianer angeboten werden,“ hieß es dazu in Hamburg. Dann würden alle profitieren, Mitarbeiter und Arbeitgeber.

Nicht zu unterschätzen sei allerdings der innere Schweinehund bei den einen wie bei den anderen. Der Widerstand hat viele Facetten: Während die einen sich nicht eingestehen wollen oder können, dass sie möglichst demnächst eine Beratung oder störungsspezifische Intervention benötigen, sorgen sich andere um stigmatisierende Kommentare von wem auch immer, für wieder andere ist ein Investment in die Gesundheit mit zu großem Aufwand verbunden oder es ist ihnen, wie gesagt, schlicht nichts wert.

 

Leider fehlt bis heute die Betonung der Eigenverantwortung
Andreas Beivers

 

Die Weisheiten der Samurai

Wirklich erfolgreich wird Betriebliches Gesundheitsmanagement ohnehin erst, wenn entsprechendes Engagement von Unternehmerseite sich mit einer Haltung der Beschäftigten trifft, auch über BGM-Maßnahmen hinaus eigenverantwortlich und sozusagen für immer ins Thema Gesundheit einzusteigen.

„Leider fehlt bis heute die Betonung der Eigenverantwortung,“ schreibt Prof. Dr. Andreas Beivers, Akademischer Direktor am Center for Health Care Management and Regulation der Leipziger Graduiertenschule. Vor dem Hintergrund immer dringlicher diskutierter Prävention bei den sich beständig ausbreitenden Lebensstil-Krankheiten jenseits psychiatrischer Diagnosen (z. B. Fettleibigkeit, Diabetes) sollte sich jeder, abhängig von seinen Möglichkeiten, intensiv um sich kümmern, mahnt Beivers. „Dies kann auch über Angebote der Krankenkassen oder anderer Institutionen der Daseinsfürsorge erfolgen.“

Die Reise zum Ziel Gesundheitsbewusstsein ist nach Erkenntnissen der Gesundheitsverhaltensforschung damit verbunden, dass jeder, der sich persönlich entwickeln will, bisherige Verhaltensweisen ändern und durch Phasen der Motivation, Vorbereitung, des Handelns und Durchhaltens muss. Die Reise ist dann hochspannend, wenn sich Klient und Trainer bzw. Therapeut gemeinsam aufmachen – und der Therapeut sich als einfühlsamer Partner zeigt, der genauso mit dem Leben ringt wie sein Klient. Sowohl im Einzeltraining als auch in der Gruppe lernen Klienten auf diese Weise, unabhängig zu werden, Verantwortung für sich zu übernehmen und die Lebensqualität zu steigern, ohne andere dabei zu vergessen.

Vor allem für Manager setzen manche Trainer bei Veränderungsprozessen auf die Weisheiten der Samurai. Deren Kampfkünste ruhen auf drei Säulen: Professionalität in den Fähigkeiten und Fertigkeiten, in der Konzentration und Kraft, bei Bewusstsein und Achtsamkeit.

Aus diesen Überlegungen ist 2o16 SLOW.FLOW.GLueCK Innehalten Bewegung Kulinarik auch für Unternehmen entstanden, die jenseits der klassischen BGM-Modelle Prävention 4.o in ihre Planung einbeziehen möchten. 

 

 


 

1 Gesundheitsreport 2o16. DAK, März 2o16 

2 Arbeit darf nicht krank machen: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Berlin, Pressemitteilung 15, 27. April 2015

3 Gesundheitstag der Hamburger Wirtschaft: Betriebliches Gesundheitsmanagement von A bis Z. Vortragsblock „Los geht ́s – Unternehmen berichten aus der Praxis“. Handelskammer Hamburg, 1. April 2o15

4 Healthy Leadership: Prevention, promotion, balance. Leipzig Graduate School of Management, HHL news, Spring 2015

 

Geraubte Gedanken


Jemand hat meine Gedanken gestohlen,
hat sie manchmal gesagt.
Und dabei hilflos ins Leere geblickt.
Bist Du meine Andrea, hat sie manchmal gefragt
und dabei in meinem Gesicht nach etwas geforscht,
das ihr bei der Antwort zusätzlich helfen sollte.
Wer sind Sie? war beim ersten Mal wie ein Schlag.

 

In fünf Jahren der bewussten Begleitung eines geliebten Menschen aus dem Leben habe ich viel über das Grundsätzliche des Menschseins und das Wesentliche des Miteinanders gelernt. Einen großen Anteil daran hatte jene Seite der menschlichen Existenz, auf die sich einzulassen eine Lektion ist: Demenz.

Was ist Demenz? Im ersten Gedanken eine nicht vererbbare Erkrankung des Gehirns, die typischerweise im Alter auftritt. Im zweiten: der Oberbegriff für eine Vielzahl von Erkrankungen, die infolge von Stoffwechselstörungen im Gehirn die Geschädigten nach und nach um alle intellektuellen Fähigkeiten bringen. Die wesentlichen Formen sind die Alzheimer Demenz und die Vaskuläre Demenz, daneben wird zwischen zahlreichen weiteren Formen oder Mischformen unterschieden.

Die Diagnose für sie lautete Normaldruckhydrocephalus: phasenweiser Druckanstieg in den Räumen des Gehirns, die Liquor enthalten. Die klassischen Folgen: fallen, phantasieren, alles verlieren – von Überblick bis Harn. Medizinisch korrekt kommt es zu einer Trias aus den Symptomen Gangstörung, dementieller Entwicklung und Inkontinenz.

Der Weg zu diesem Wissen dauerte rund acht Jahre und war zunächst überlagert von anderen Diagnosen und damit verbundenen Katastrophen: Osteoporose, Arthrosen, Linksherzinsuffizienz. Ab Herbst 2000 heischten kleine Zeichen ebenso zaghaft wie vergeblich um Beachtung, zum ersten Mal am Lago Maggiore, im Sinne einer nicht betätigten Toilettenspülung. Vergessen.

Was das bedeuten kann, dafür bietet alles Faktenwissen lediglich ein Gerüst. Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen, viel wird dazu geforscht und publiziert. Obendrein hat der demographische Wandel dafür gesorgt, dass das Thema in der Gesellschaft angekommen ist.

Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Eine Generation von erwachsenen Kindern wurde meist ohne jede Vorbereitung zu pflegenden Angehörigen, überrollt von Gefühlen der Trauer, Wut, Scham, Hilflosigkeit, Überforderung – und des Zorns auf mafiöse ambulante deutsche Pflegedienststrukturen. Zeit und sogenannte Zuwendung wurden zwar teuer berechnet, den Mitarbeitern aber mangelte es eklatant an Kompetenz im Umgang mit Schutzbefohlenen und Privatsphären. Nicht minder risikobehaftet: vollstationäre Kurzzeitpflege. Und ein separates Thema in dem Ganzen: menschenverachtende Machenschaften des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Jedenfalls war es die Zeit der bezahlbaren Fürsorgerinnen aus Polen oder Belarus, die vor allem eines hatten: ein großes Herz.

 


„Mir geht es meiner Beurteilung nach gut“, sagte er.
„Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.“
„Und was willst du machen, Papa?“
„Nichts eben. Das ist das Schönste, weißt du.
Das muss man können.“


ARNO GEIGER: DER ALTE KÖNIG IN SEINEM EXIL

 


 

Ein unerreichbarer Ort

Was ist Demenz wirklich? Hilfreich auf der Suche nach einem tieferen Verständnis war für mich die wörtliche Übersetzung des lateinischen Begriffs dementia; sie lautet „ohne Geist sein“ und verdeutlicht, was mit dem betroffenen Menschen passiert: Er verliert die Kontrolle über sein Denken, seine Sprache, sein Kurzzeitgedächtnis und sein praktisches Geschick – und damit über sich selbst. Auch die Persönlichkeit leidet, das Verhalten und die grundlegenden Wesenseigenschaften ändern sich, ohne dass er etwas dagegen tun oder es mit Worten beschreiben könnte.

Dies ist es vor allem, was den Umgang zunächst sehr schwierig machen kann, bis man versteht: Demenz ist ein unerreichbarer Ort, an dem herkömmliche Regeln nicht gelten und die eigene Wahrheit wertlos ist. Demenz macht etwas mit allen direkt Beteiligten, sie greift vollständig in deren Leben ein und stellt es ebenso vollständig auf den Kopf.

„Demenz bedeutet am Ende den Verlust nahezu aller geistig-seelischen Kräfte … in einem langen höchst individuellen Prozess,“ hat Dr. Jens Bruder geschrieben, Neurologe und Gerontologe in Hamburg und Gründungsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.[1]

Die Krankheit ereigne sich in Persönlichkeiten mit einer sehr langen, wunderbar einzigartigen Lebensgeschichte, so Bruder weiter. „In jedem Stadium lassen sich verlorene und erhaltene Kräfte erkennen. Ständig entwickeln sich zwischen Defiziten und erhaltenen Potentialen neue Gleichgewichte. Und ständig müssen die Betreuenden sich fragen, ob ihr bisheriges Verständnis von dem, was sie mit den Demenzkranken erleben und bei ihnen bewirken, noch trägt oder verändert werden muss. Dadurch kann der Umgang mit den Kranken wieder sicherer werden, und Belastungen lassen nach.“

Belastender als die sich einschleichenden Veränderungen sind, wiederum zunächst, unberechenbare Verhaltensänderungen: Oft lange vor der Diagnose können Unruhe, Wutausbrüche und plötzliche Feindseligkeit erste Hinweise sein, die von Angehörigen und anderen Attackierten nicht als solche verstanden werden, wenn das Thema bislang keines war. Missverständnisse, Ablehnung und Streit sind programmiert.

Viele der irrationalen, aggressiven Verhaltensweisen, die Demenzpatienten unbeabsichtigt an den Tag legen, beruhen auf der oft schon Jahre währenden Zerstörungsarbeit, die unbemerkt im Gehirn stattfindet. Am Ende einer Alzheimer-Demenz ist es regelrecht „leer gefegt“ und um bis zu 20 Prozent geschrumpft.[2]

 


Es ist eine seltsame Konstellation.
Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten.

Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.


ARNO GEIGER: DER ALTE KÖNIG IN SEINEM EXIL

 


 

Verantwortung teilen

Was bleibt, ist eine erhöhte Sensibilität und Wahrnehmung und die verstärkte Fähigkeit zu Leid und Freude, sind skurril-fulminante Sprachbilder, machtvolle Erinnerungen aus den Langlanglangzeitspeichern. Es gibt nicht nur misstrauisch-aggressive oder depressiv-ängstliche Demenzkranke, sondern viele, die in hohem Maße liebenswürdig sind. Jüngere Forschungen über die Lebensqualität von Dementen konnten zeigen, dass sie sogar mehr Glück empfinden können als sogenannte Gesunde. Vorausgesetzt, man geht auf sie ein, spricht mit ihnen, berührt sie, gibt ihnen das ehrliche Gefühl der Geborgenheit.

Prof. Dr. Thomas Klie, Rechtsanwalt und Gerontologe in Freiburg, warnt davor, in die gefährliche Denkweise zu verfallen, ein Leben mit Demenz sei nicht lebenswert. „Demenz bedeutet nicht einfach Warten auf den Tod. Es gibt ein Leben mit Demenz.“[3]

Dieses Leben ist voller Würde und hat neben allem Schweren und Dunklen helle Seiten. Der (tägliche) Umgang mit einem dementen Menschen erschöpft nicht nur, sondern kann zutiefst inspirieren.

„Demenzkranke lehren uns, die Vieldeutigkeit des Lebens neu zu begreifen,“ schreibt Klie und fordert Angehörige auf, die Verantwortung mit Nachbarn, Freunden und professionellen Betreuern zu teilen, denn „gemeinsam gelingt es, im Leben mit Demenzkranken Neues zu entdecken, ja zu sagen zu dem neuen unkonventionellen Verhalten und ihnen nicht nur tolerant, sondern auch mit einer Prise Humor begleitend und wertschätzend entgegenzutreten.“[3]

Den Gefühlen von Trauer, Wut, Scham, Hilflosigkeit, Überforderung, Schuld und Kränkung könne so eine Fülle an bereichernden Erfahrungen folgen. Depressivität der Pflegenden und Gewalt gegenüber den Kranken seien häufig Reaktionen auf ein auf den Kranken fokussiertes, einsames Leben. Aufgrund der Belastung würden viele pflegende Angehörige ihre physischen, psychischen und nicht selten auch finanziellen Grenzen sprengen und krank werden.

Die psychosoziale Beratung hat daher einen hohen Stellenwert, seit Januar dieses Jahres gilt zudem die vom Gesetzgeber verabschiedete sogenannte Pflegeauszeit. Untersuchungen haben ergeben, dass pflegende Angehörige überproportional häufig am Arbeitslatz fehlen oder ihren Beruf ganz aufgeben müssen. Leider gibt es wie immer Ausnahmen auch für die Inanspruchnahme der bezahlten Auszeit.

 


Im besten Fall lehrt es uns angesichts des immer näher kommenden Abschieds etwas über die Würde des Sterbens und schenkt uns Momente voller Schönheit
in all dem Schrecklichen.

 


 

Die andere Wirklichkeit annehmen

Es ist eine große Aufgabe, die Grenzen bewusst anzunehmen, die Menschen im hohen und sehr hohen Alter erfahren, nicht nur für die, die diese Grenzen am eigenen Leib erleben. Ebenso herausfordernd ist es, die vermeintlich abrupt eintretende Andersartigkeit zu akzeptieren. Es gilt, demente Menschen in ihrer eigenen Wirklichkeit zu erreichen. Für die sich auf diese Aufgabe einlassenden Kinder ist damit in aller Regel ein Rollentransfer verbunden: Sie werden zu Hütern von Kindern in den Körpern Siechender.

„Es kommt darauf an, dass wir dem Kranken nicht unsere Wahrnehmung überstülpen, vielmehr müssen wir uns stets klar machen, dass er anders lebt und erlebt. Er hat nicht mehr die Freiheit des Willens, wir müssen also eine andere Sichtweise akzeptieren,“ so Bruder.

Wer das verinnerlicht, lernt Grundsätzliches, das sich aufs (Mit)Fühlen und Handeln auswirkt. Das Leben mit Demenzkranken ist berührend, bereichernd und sinnstiftend, es lehrt uns Demut und Dankbarkeit, Freundlichkeit und Wohlwollen. Im besten Fall lehrt es uns angesichts des immer näher kommenden Abschieds etwas über die Würde des Sterbens und schenkt uns Momente voller Schönheit in all dem Schrecklichen.

Vor vier Jahren hat sie Platz genommen in ihrem Luftschiff und ist aus der Zeit gesegelt, auf die für sie typische Weise lächelnd und winkend. Das Boot aus Wolken – ich hab´s gesehen. In einem magischen Moment, 12 Uhr 59, für die Länge eines Wimpernschlages. Sie ist längst angekommen. Meine schöne Mama. Meine Allerliebste.

 


Gott hat mir heute Nacht einen Blick in sein Reich gewährt. Es ist golden.
Mama, das ist wunderschön!

Ja, aber ehe man dort ankommt …
Du bist auf dem Weg, Mama, Du bist auf dem Weg.

 


 

 

Himmel über Tönningstedt | ask 2o11

 

 

Zum Thema


Memoria Tui Am Ende ein Anfang

 

1 Leben mit Demenz. Haus Schwansen – Konzepte und Bilder. Selbstverlag Haus Schwansen 2oo5

2 Maurer K und U: Alzheimer und Kunst. Carolus Horn – Wie aus Wolken Spiegeleier werden. Frankfurt University Press 2oo9

3 Themenmonitor soziale Arbeit (TM sozial); März 2oo6

 

Biologisches Alter und Bewegung

 

 

Ein heute in Deutschland geborenes Mädchen hat eine Lebenserwartung von etwa 102 Jahren. Was es braucht, um bis ins hohe Alter ein lebenswertes Leben zu führen, wird weltweit in groß angelegten Vorhaben untersucht. Es geht auch viele Nummern kleiner.

Altern unterliegt einem genetisch programmierten Prozess. Allerdings bestimmen die Lebensbedingungen und der Lebensstil, wie schnell der Prozess abläuft. Folglich kann es zwischen dem kalendarischen und dem biologischen Alter große Unterschiede geben.

Während das kalendarische Alter den Gesetzmäßigkeiten der Zeit unterliegt, wird das biologische Alter direkt durch den Lebensstil beeinflusst. In den Nationen der Ersten Welt ist individuell angepasste körperliche Aktivität ein entscheidender Faktor auf dem Weg, das biologische Alter positiv zu beeinflussen: Die altersspezifischen Veränderungen des Muskel-Skelett-Systems lassen sich nur durch Bewegung, regelmäßiges Muskelkrafttraining und, nicht zu vergessen, einer angepassten Ernährung hinauszögern oder gar entgegenwirken.

Veränderungen am passiven Bewegungssystem

Die sichtbarsten altersbedingten Veränderungen des menschlichen Körpers zeigen sich am passiven Bewegungssystem – an den etwa 2o6 Knochen des Skeletts und deren beweglicher Verbindungen, den Gelenken.

Bereits im Alter zwischen 3o und 35 degenerieren Knochen, Bänder und Knorpel. Ab dem 4o. und 45. Lebensjahr wird der Knochen durch Entmineralisierung in seiner Struktur so umgebaut, dass das Skelett nicht mehr hundertprozentig belastbar ist.

Der Vorgang läuft bei Frauen früher ab als bei Männern, da der in den Wechseljahren auftretende Mangel an Sexualhormonen das Ganze beschleunigt. Mit der Folge, dass Frauen über Fünfzig häufiger als Männer zur Gruppe der Gefährdeten für Osteoporose gehören, weil die Knochendichte zu gering ist.

Die Knorpelstrukturen verlieren mit zunehmendem Alter an Flüssigkeit und dadurch an Elastizität und Funktionsfähigkeit. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes werden unter dem Dach des Rheumatischen Formenkreises zusammengefasst, schließen einige hundert Diagnosen ein und damit eine Vielzahl von zum Teil sehr unterschiedlich verlaufenden Erkrankungen.

Veränderungen am aktiven Bewegungssystem

Etwa 400 Einzelmuskeln von unterschiedlichster Form und Größe sorgen für ein bestimmtes Maß an Spannung, ohne die wir uns gegen die Schwerkraft der Erde nicht aufrecht halten könnten. Entsprechend machen sie rund 40% des Körpergewichts aus.

Darüber hinaus sind sie darauf spezialisiert, auf Nervenimpulse zu reagieren, die willentlich gesteuert werden. Das heißt, wenn Sie etwas aufheben oder tragen oder auf einen bestimmten Platz zugehen, müssen Sie das vorher wollen, sonst kommt die Bewegung nicht zustande. Der gesamte Bewegungsapparat wäre nutzlos, wenn das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) keine Informationen und Gedanken verarbeiten, empfangen oder weiterleiten könnte.

Wenn mit zunehmendem Alter die Muskelkraft abnimmt, so ist das einerseits auf einen altersbedingten Verlust an Muskelmasse – etwa 4% pro Lebensjahrzehnt – zurückzuführen, andererseits sinken im Muskel die Kalzium- und Kaliumkonzentrationen und Energiereserven (Glykogen). Dagegen ist der Verlust der elastischen Elemente des Muskels im Wesentlichen eine Folge von Bewegungsmangel. Der Muskel wird weniger dehnbar, das wiederum blockiert die allgemeine Beweglichkeit. Je weniger aktive Muskelmasse vorhanden ist, umso geringer ist der Energieumsatz in Ruhe.

Komplizierte Kooperation

Jede Bewegung setzt ein diffiziles Zusammenspiel beider Systeme voraus – und sei sie noch so winzig. Um in Bewegung zu bleiben, genügt eiserner Wille allein jedoch nicht. Ein Muskel braucht ständiges Training, ohne trainierte Muskulatur und ein harmonisches neuromuskuläres Zusammenspiel – eine gute Koordination – ziehen Sie sich höchstens Muskelverletzungen zu. Werden Muskeln nicht benutzt, verkümmern sie. Die Folgen sind weitreichend.

 

Alterndes Bewegungssystem:
Die wichtigsten Veränderungen


 

Knochen

Verlangsamung des Stoffwechsels
Entmineralisierung ab etwa dem 4o. LJ
Verminderung Zug- und Druckfestigkeit
Risiko Osteoporose

Sehnen, Bänder, Knorpel

Wasserverlust des hyalinen Knorpels
Verringerte Belastbarkeit (Arthrosegefahr)
Verminderte Ernährung des Knorpelgewebes
Verminderte Produktion von Gelenkflüssigkeit
Längenzunahme der Bänder > Gelenkinstabilität
Abnahme der Elastizität von Sehnen und Bändern > Abnahme der Beweglichkeit

Wirbelsäule 

Degeneration der Bandscheiben
Abnahme des Wassergehalts
Abflachung der Wirbelkörper
Abnahme der Beweglichkeit

Muskulatur

Abnahme der Muskelmasse ab etwa dem 3o. LJ
Abnahme des Wassergehalts, der Kalium- und Kalziumkonzentration
Abnahme der Energiespeicher
Verminderung der Durchblutung
Abnahme der elastischen Elemente

 

Mit Ausnahme von palliativ behandelten Erkrankungen gibt es keine Diagnose, die sich mit Bewegung und einer bedarfsgerechten Ernährung nicht dramatisch verbessern, deren Verlauf sich nicht positiv verändern ließe. Welche Sportart(en) individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden und sollte abhängig vom aktuellen Beschwerdebild variiert und angepasst werden. Mit dem richtigen Training lassen sich auch in fortgeschrittenem Alter noch Hochleistungen erbringen, Altersunterschiede würden „nahezu unsichtbar“, haben Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk und Team an der Deutschen Sporthochschule Köln im Rahmen einer acht Jahre dauernden Beobachtung zur Leistungsepidemiologie bei sportlichen Senioren ermittelt.

Allgemein wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und neuerdings Yoga dennoch zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Aquafitness und Aquajogging, (Rücken)Schwimmen und Kraulen (für alle, die Wirbelsäulen-Probleme haben), Powerwalking, Radfahren, Inline-Skating, Wandern und Skilanglauf (Vorsicht: Sturzgefahr bei Unerfahrenen).

Und, so Prof. Dr. Jürgen Freiwald, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal: Bevor man Schmerzpatienten von ihrem Lieblingssport abrät – etwa Golf oder Kegeln wegen Rücken- oder Kniebeschwerden –, sollte überlegt werden, wie er sich gelenkschonender betreiben lässt.[1]

Beweglichkeit ist Lebensqualität

Sportmedizinisch sinnvoll erscheint eine Trainingsfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche. Alarmierend ist allerdings, dass viele Leute einfach keine Lust haben, sich zu bewegen. Vor dem Hintergrund des jüngsten Diktums „Sitzen ist das neue Rauchen“ lässt sich darauf lediglich lapidar kontern: Um Lust geht es nicht, sondern schlicht ums Machen. Warum? Darum: Lebensqualität wird zu einem großen Teil über Beweglichkeit definiert. In Verbindung mit dem Altern eröffnet sich damit ein weiteres weites Feld.

Kommt soziale Unterstützung hinzu, schützt Bewegung bzw. Sport vor strukturellen Gehirnveränderungen nach schwerem Stress. Kommen geistiges Training und soziale Aktivitäten hinzu, gilt das auch für die Prävention von Demenzen. Eine aktuelle, langfristig angelegte finnische Studie möchte einmal mehr zeigen, dass die Entwicklung von demenziellen Erkrankungen kein Schicksal ist, sondern durch gezielte Änderungen des Lebensstils zumindest um viele Jahre verzögert werden kann. Erste Ergebnisse ermutigen.[2]

Selbst wenn hinsichtlich der Prävention von Demenzerkrankungen viele Fragen noch nicht befriedigend beantwortet sind, sollte es niemanden daran hindern, körperlich, geistig und sozial möglichst aktiv zu sein und sich gut zu ernähren.

Dann bestünde berechtigte Hoffnung, dass eine Prognose weniger Wucht hätte: „Wir werden in zwanzig Jahren fast nur noch ZNS-Erkrankungen haben,“ hat Prof. Dr. Wolfgang Oertel, Marburg, 2o12 anlässlich des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg gesagt. Und gemeint: Die Zahlen der häufigsten degenerativen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, darunter Morbus Alzheimer, werden sich verdoppelt haben.

 


 

1 Bewegung hält auch entzündete Gelenke in Schwung. Ärzte-Zeitung, 26. Mai 2oo5

2  Ngandu T et al: A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial.
The Lancet (online) 11. März 2o15
DOI: 10.1016/S0140-6736(15)60461-5