Der populärste Stress

Viel ist in den letzten Jahren geschrieben worden über die Macht des populärsten aller Stressoren – über den Arbeitsstress. Höher, weiter, schneller, besser lautete das uneingeschränkte Diktum der Leistungsgesellschaft. Trödler, Träumer, Introvertierte und überhaupt Individualisten brauchten eine ziemlich dicke Haut und einen langen Atem, wenn sie ernst genommen werden wollten. Sofern sie das wollten.

Daran hat sich im Prinzip nichts geändert, nur dass die Gesellschaft jetzt im Hochleistungsbereich angekommen ist und dass die – freilich nicht ausnahmslos – von „Egoisten, Hohlköpfen und Psychopathen“ dirigierten Systeme durchschaubarer und erschütterbarer geworden sind.〈1〉

Banker oder Bankräuber – das ist manchmal nur eine Frage der Umstände
Karen Duve

In Chefetagen soll der Anteil an Persönlichkeitstypen mit einem aus der Balance geratenen Selbstbewusstsein sechsmal höher sein als im Bevölkerungsdurchschnitt: Machiavellisten, Psychopathen und Narzissten – gemeinsam werden diese drei als Dunkle Triade bezeichnet; sie alle gelten als emotional kalt, selbstgerecht und egoman, ihre Unterschiedlichkeit liegt in dem, was sie antreibt.〈2〉 Der Machiavellist ist ein skrupelloser Manipulator und will seine Ziele erreichen. Der Psychopath geht direkt und rücksichtslos vor, ihm geht es um die Handlung selbst. Der Narziss braucht in grenzenloser Selbstüberschätzung (schöner-besser-schlauer) Beachtung und Bewunderung. Mit dem Sadisten als viertem destruktiven und ausbeuterischen Typus wurde zur weiteren Differenzierung 2009 die Dunkle Tetrade benannt, dieses Konstrukt ist allerdings umstritten.

Für die Stillen, die Scheuen, die Soziophoben, alle von diesen Zeiten angewiderten Kreativen dennoch Gründe genug, sich dem „Theater der Purzelbäume“ (Thomas Bernhard) gelassener zu entziehen denn je; sie müssen nicht zwingend zum Arzt. „Dr. Feelgood“ kommt direkt ins Haus. Vor allem Unternehmen mit überwiegend jungen Mitarbeitern und Start ups entdecken das Feelgood Management als Silikon-Valley-Äquivalent zum sogenannten Chief Happiness Officer (CHO) für eine Unternehmenskultur, die sie als „reif“ bezeichnen.

Als sinnvolle deutsche Übersetzung für das noch neue Berufsbild taugt wahrscheinlich der etwas sperrige Begriff „Unternehmenskultur-Beauftragter“, er signalisiert zumindest, dass es um mehr als aktionistische Bespaßung geht. Auch haben wir es hier nicht mit einer begrifflichen Aufwertung des Büromitarbeiters im Minijob zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine gute Melange aus Betrieblichem Gesundheitsmanagement und BWL, denn die Konzepte der Prävention, Salutogenese und Resilienz spielen eine wichtige Rolle.

„Wir lassen uns nicht mehr treiben, werden achtsam,“ beschreibt Matthias Horx, Inhaber des zukunftsInstituts, die Gegenbewegung und hofft: „Das Business wird spirituell.“〈3〉Damit könnte die Feststellung des amerikanischen Ökonoms und Nobelpreisträgers Edmund Phelps, dass 95% des persönlichen Glücks durch die Arbeitswelt bestimmt wird, einen neuen Sinn ergeben.

Noch oder dennoch gehört die Welt den Lauten, den Aktionisten, den Extravertierten. Noch oder dennoch ist insbesondere dieser Teil der Gesellschaft besessen vom Status – und von der Angst, diesen zu verlieren. Die Kultur des Verlierens ist abhanden gekommen, der moderne Sklave verbringt 80% seiner wachen Zeit in der Arbeitswelt, diese ist ein wesentliches Fundament seiner Erfahrungen. „Deshalb ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit: soziale Aufwertung der Arbeitswelt“, schreibt Prof. Richard Sennett, einer der bekanntesten Soziologen der Gegenwart.〈4〉 Ein hübsch klingendes Ziel, die Realität sieht meist (noch) anders aus.

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung: Die Balance zwischen Engagement und Belohnung stimmt nicht immer, insbesondere nicht bei den unter 40-Jährigen. Internationale Studien bestätigen seit Jahren, dass unter dem hohen ökonomischen Druck der heutigen Zeit

  • Arbeitsplatzunsicherheit,
  • hohe Anforderungen an Mobilität und Flexibilität,
  • Auflösung vertrauter Strukturen,
  • Über- und Unterforderung,
  • Über- und Unterinformation,
  • innerbetriebliche Machtkämpfe,
  • fehlende Unterstützung/Nichtanerkennung durch Kollegen,
  • offene und verdeckte Rivalität,
  • isolierte Arbeitsbedingungen,
  • unrealistische Zielsetzungen,
  • generelle Überarbeitung,
  • Mobbing,
  • mangelnde Führungskompetenz, autoritäres Verhalten, unzureichende Kooperation, unklare Instruktion und Willkür seitens der Vorgesetzten

massiven Stress auslösen und für viele Betroffene einen seelischen Konflikt darstellen, der oft zum Rückzug in Form einer depressiven oder anderen Störung führt. Der Preis ist hoch, der Weg in die existenzielle Frustration quasi programmiert.

Das gilt auch für die Arbeitssucht. Der Workoholic ist auf der Flucht – vor allem möglichen, vor allem aber vor sich selbst. Es gibt Schätzungen, wonach in Deutschland bis zu 500.000 Angestellte arbeitssüchtig sein sollen und weitere 14% als gefährdet gelten.

Gesellschaft der Angst

Wenn es um Krankheitsgründe am Arbeitsplatz geht, stehen Stress und Depression mittlerweile direkt hinter den Herzerkrankungen. Die Prognose der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2000, dass Depressionen bis zum Jahr 2020 weltweit die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit oder „verlorene Jahre“ sein werden, übertroffen nur von den Herz-Kreislauferkrankungen, ist bereits erfüllt.

Inzwischen geraten nicht mehr nur angestellte Ärzte, Führungskräfte und die Top-Verdiener in der Finanzwelt überdurchschnittlich häufig in die Stressfalle. Der Gesundheitsreport 2015 der Deutschen Angestellten Krankenkasse DAK mit dem Update „Doping am Arbeitsplatz“ hat die „kleinen Angestellten“ als ebenfalls hoch gefährdete Risikogruppe ausgemacht.〈5〉 Alle leiden unter jenem Zeitphänomen, das die einen als „Burnout“ bezeichnen, die anderen als „begriffliches Vehikel für affektive Störungen“ wie Depressionen, Ängste, Drogen-, Medikamentenmissbrauch.

Schlüsseldimensionen auf dem Weg in den Teufelskreis sind in jedem Fall (Selbst)Ausbeutung, emotionale Erschöpfung, Depersonalisation („Menschenaversion“) und reduzierte Leistungsfähigkeit als Folge nicht erfüllter individueller arbeitsbezogener Wertvorstellungen einschließlich objektiv belastender Arbeitszeiten. Für die Angst vor dem Jobverlust gilt laut DAK-Report: Je einfacher die Tätigkeit und je unsicherer die Anstellung, desto höher das Risiko.〈5〉 Bei Managern sind Ängste nach Depressionen und Alkoholmissbrauch die dritthäufigste psychische Störung.

Ist die Arbeitswelt schon eine bessere, wenn es neben den kaltschnäuzigen und machtbesessenen Chefs endlich auch mehr kaltschnäuzige und machtbesessene Chefinnen gibt?
Spiegel Online

Der deutsche Soziologe Prof. Dr. Heinz Bude, Kassel, nennt das Phänomen bei Gutverdienern das Sicherheitsparadox.〈6〉 Es besagt, dass die Empfindlichkeit für Unsicherheiten mit dem Ausmaß der Sicherheit wächst. In der so entstandenen „Gesellschaft der Angst“ mache nahezu jeder mit, um den Begriff eines gelingenden Lebens für sich einzulösen und aus Angst, nicht mehr mitspielen zu dürfen. Die Ziele bedingen einander und seien deshalb besonders tückisch, weil Bildung und Leistung nicht mehr automatisch sozialen Aufstieg garantieren.

Der Intuiton vertrauen

Wenn es dann doch passiert, bedeutet der Jobverlust nicht nur den Verlust materieller Sicherheit, sondern in aller Regel eine erhebliche psychische Belastung. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, vermeintlich fehlende soziale Anerkennung, zunächst unstrukturierte Tagesabläufe sowie zunächst als Defizit erlebte Kontaktverluste und nicht zuletzt Minderwertigkeitsgefühle können dabei eine Rolle spielen.

Die Option, Angst zu verlieren und einzigartige neue Räume zu erobern, spielt keine Rolle. Schade, denn in einer Welt, die sich im Dauerkrisenmodus befindet, ist nur eines gewiss: Es gibt keine Gewissheiten mehr. Lineare Lebensläufe? Sind selten geworden. Die guten alten Rezepte? Sind nicht mehr grundsätzlich gut, viele sind nur noch alt.

Die Biographie der Zukunft ist die der radikalen Brüche und der Notwendigkeit, auch die eigene Welt immer wieder infrage zu stellen, gegen den Strich zu bürsten, neu zu denken und zu fühlen. Und zu lernen, sich auf sich selbst zu verlassen. Menschen, die an sich und etwas glauben, finden darin Trost, Geborgenheit, Zuversicht. Diese Quelle zusammen mit Intelligenz, Intuition und Courage bleiben die besten Freunde auf dem Weg durch unsicheres, schlimmstenfalls vermintes Gelände. Was zunächst unlösbar erscheint, geht irgendwann doch. Vielleicht lässt sich so der inzwischen inflationär verwendete Begriff Resilienz auf den Punkt bringen.

„Wir lassen uns nicht mehr treiben, werden achtsam. Das Business wird spirituell“
Matthias Horx

 

 

Zum Thema


GESUNDHEITSMONITOR 01|2015:
Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz: Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und die Folgen für die Gesundheit. Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK. Gütersloh, März 2o15

Wilkinson E: UK National Health Staff: stressed, exhausted, burnt out. The Lancet, März 2o15. 385; 9971: 841–842
DOI: 10.1016/S0140-6736(15)60470-6

Klahre, Andrea S: Im Fokus: Das kranke Gehirn. alldieschoenenworte.de 2o15

 

1 Duve, Karen: Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen. Galiani Berlin 2o14

2 Paulhus DL, Kevin MW: The Dark Triad of personality: Narcissism, Machiavellianism, and psychopathy. Journal of Research in Personality. 2002; 36: 556-563. PDF

3 Future Day 15 – Der Zukunftskongress des Zukunftsinstituts. Frankfurt/Main, 23. Juni 2o15

4 Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des Kapitalismus; Berlin Verlag 1998

Gesundheitsreport 2015: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update: Doping am Arbeitsplatz. Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK. März 2o15

6 Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst. Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung 2o14