Trauer und Selbstfürsorge

   Es ist die Ironie meines Lebens,
dass ich meinen Ehemann verlieren musste,
um mehr Dankbarkeit zu lernen.  S Sandberg

Sheryl Sandberg war 45, als sie 2o15 plötzlich Witwe wurde. Ihr Ehemann Dave war aufgrund einer Herzrhythmusstörung von einem Laufband gefallen. Mrs. Sandberg ist Hausfrau, Mutter von zwei Töchtern und eine der einflussreichsten Managerinnen in der Social-Media-Welt, aktuell bei Facebook. Bevor sie ihren nicht minder erfolgreichen Mann verlor, galt sie als knallharte Karrieristin.

Gesagt hat sie den eingangs zitierten Satz im Mai 2o16, im Rahmen eines Vortrags an der Elite-Universität Berkley vor etwa 5000 Absolventen.〈1〉 Es war ihr erster öffentlicher Auftritt nach jenem Albtraum, den sie als das Furchtbarste bezeichnete, das ihr hatte passieren können. Sie hatte das Gefühl, als würde sie in Kummer und Einsamkeit ertrinken.

Ein Jahr später wollte sie den jungen Leuten etwas mit auf den Weg ins Leben geben, das sie, wie sie sagte, nur mit viel Unterstützung gelernt habe, nämlich Tragödien zu überwinden: „Wenn das Leben euch unter Wasser zieht, hoffe ich, dass ihr euch daran erinnert, dass tief in euch die Fähigkeit steckt, daran zu wachsen.“〈1〉

Die Erfahrung desjenigen, der bleibt

Dieses Beispiel soll das Thema Trauer eingrenzen: Es geht um den Verlust eines geliebten Menschen. Es geht um die Verlusterfahrung desjenigen, der bleibt. Ich betone das, weil Trauer sich auch einstellen kann, wenn wir etwas Wichtiges verlieren. Auch der Mensch trauert, der weiß, dass er in absehbarer Zeit sterben wird – er trauert nicht selten um das, was er versäumt hat zu tun.

Doch all jene, die diesen Menschen auf seinem Weg aus dem Leben begleiten, haben zu jenem Zeitpunkt meist noch vieles andere zu klären; sie wissen so gut wie nichts darüber, was sie erwartet, wenn das Leben den Sterbenden schlussendlich freigibt. Nicht selten kommt hinzu: Sie möchten es nicht wissen. Der Widerstand das zuzulassen, was damit verbunden sein kann, ist hoch.

Bei Untersuchungen über belastende Lebensereignisse steht der Tod eines Angehörigen auf Platz eins.〈2〉Die Psychiater Thomas Holmes und Richard Rahe aus Washington haben 1967 The Social Readjustment Rating Scale (SRRS) entwickelt, um das Ausmaß von Stress messen zu können. Die Skala ist so aktuell wie eh und je, sie ist die am häufigsten eingesetzte in der sogenannten Life-Event-Forschung: Insgesamt 43 negativen wie positiven Lebensereignissen werden Stresswerte von 0 bis 100 zugewiesen. Der Tod des Ehepartners erreicht 100 Punkte, der eines nahen Familienangehörigen 63.

Ich habe fünf Jahre meine Mutter auf dem Weg aus ihrem Leben begleitet, war vorbereitet, wir hatten Zeit uns zu verabschieden. Und als sie in unserem letzten Telefonat flüsterte „Ich habe Angst“, war ich ganz nah: „Alles ist gut, Mama, Du bist auf dem Weg, und ich bin bei Dir.“ Doch als es am nächsten Mittag so weit war, war ich nicht bei ihr. Ich war auf dem Weg zu ihr, auf der Autobahn. Ich habe es nicht geschafft. Es war verheerend. Zunächst.

Magie hoch ambivalenter Zustände

Heute, eine große Lebenszäsur später, kann ich sagen: Wer sich traut bewusst zu trauern, wer seine Bedürfnisse wahrnimmt und sie sich erfüllt, wer die Magie in hoch ambivalenten Zuständen entdeckt und letztlich den Tod als unabdingbaren Bestandteil des Lebens annimmt, kann nur gewinnen. Was?

Vielleicht ist es eine neue innere Ordnung. Sehnsucht nach Stille. Eine wertschätzende und nicht permanent wertende Haltung zu den Menschen, die uns begegnen. Eine im Wortsinn bedingungslose Liebe oder tiefes Vertrauen in die Kraft der Intuition.

Diese und wie es scheint, in diesen Zeiten immer kostbarer werdenden Ressourcen können wie ein Schatz gehoben werden, und werden inzwischen unter einem Begriff zusammengefasst: Natürliche Resilienz.〈3〉

Zu verdanken ist der Begriff George A. Bonanno, Professor für klinische Psychologie am Teachers College der Columbia University in New York. Bonanno gilt als Pionier in der Erforschung des anfangs – vor etwa 20 Jahren – kontrovers diskutieren Ansatzes, dass man Verlustschmerz, Trauer und Leid als einen natürlichen Vorgang erleben kann, der das Vorhandensein einer authentischen Widerstandskraft – resilience – des Menschen dokumentiert.

Die These reiht sich quasi nahtlos ein in die Untersuchungen anderer großer Kaliber, die deutlich früher intensiv darüber nachgedacht haben, wie trotz widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen und der Mensch Ja zum Leben sagen kann:

  • Aaron Antonovsky (1923-1994), amerikanischer Soziologe und Vater der Salutogenese
  • Viktor Frankl (19o5-1997), Wiener Neurologe und Psychiater, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Überlebender des KZ Buchenwald
  • Hans Selye (19o7-1982), Wiener Arzt, Vater der Stressforschung und des Adaptionssyndroms, das die Reaktionen des Körpers auf Stress beschreibt.

Demnach verfügen resiliente Menschen durchweg über einen gut bestückten Werkzeugkoffer – über bestimmte psychologische Merkmale, die es ihnen erleichtern, sich Herausforderungen verhaltensflexibel anzupassen. Sie verfügen über Ressourcen, die sie aufgrund sehr gesunder Reaktionen in sehr schwierigen Zeiten entwickelt haben.

Diese finden ihren Ausdruck in einem Gefühl des Selbstvertrauens, der Selbstbestimmtheit und auf anderer Ebene der Sinnhaftigkeit, das das zuweilen sehr schmerzhafte Leben „überdauert” und nicht generell in Zweifel zieht.

Trauer oszilliert

Die Resilienzforschung beschäftigt sich ursprünglich damit, was Menschen stark macht, die unter ungünstigen Bedingungen sozialisiert wurden. Resilienz gilt demnach nicht als ein genuines, angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern als eine Kompetenz, die im Verlauf der Entwicklung erworben wird. Oder, um noch einmal Sheryl Sandberg zu zitieren: „Ihr seid nicht mit einer festen Menge an Resilienz auf die Welt gekommen. Es ist ein Muskel, den ihr trainieren könnt und den ihr dann benutzen könnt, wenn ihr ihn braucht.“ 〈1〉

In Bonannos Welt ist das Äquivalent zu dem Muskel eine ureigene Kraftquelle, aus der sich auch in der Trauer schöpfen lässt und dabei hilft, als Mensch zu wachsen und irgendwann in neue Balance zu kommen. Der damit verbundene Prozess kann dauern, der Weg kann durch manche Hölle und höchst eigenartige Gefühlszustände führen.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, haben Bonanno und Kollegen die reichhaltige Ratgeberliteratur analysiert. 〈3〉 Es wurden alle klassischen Konzepte von Trauer infrage und vielen hundert Leuten Fragen gestellt, die vorher niemand gestellt hatte. Zum Beispiel diese: Gibt es einen typischen Trauerverlauf und wie sieht der aus?

Ausgangspunkt für diese und alle weiteren Überlegungen war der Versuch, Trauer begrifflich zu fassen.

   Trauer ist eine komplexe Erfahrung,
die zunächst dominiert wird
 von einem nie zuvor empfundenen
intensiven Gefühl von Kummer und tiefem Schmerz,

der uns vollständig durchdringen und ausfüllen kann. G Bonnano

Als Reaktion auf einen gegebenenfalls unvorstellbaren Verlust – gegebenenfalls im Sinne von „mitten aus dem Leben, von jetzt auf gleich“ – ist Trauer eine hoch komplexe Erfahrung, die zunächst dominiert wird von einem nie zuvor empfundenen intensiven Gefühl von Kummer und einem tiefen Schmerz, der uns vollständig durchdringen und ausfüllen kann. Kein Stein ist mehr auf dem anderen, die Koordinaten des bio-psycho-sozialen Systems verschieben sich.

Immer ist es mit starken und vor allem stark schwankenden emotionalen Reaktionen verbunden: mit Wechselbädern von Gefühlen des Schmerzes und der Einsamkeit, aus denen auch Anflüge von Heiterkeit, echtem Lächeln, herzlichem Lachen auftauchen, und ja, sogar magische Momente des Glücks.

Diese Wellen, Bonanno nennt sie oszillierende Trauer, sind eine Überlebens- bzw. Bewältigungsstrategie. Diese wird hierzulande als vielleicht bedeutendste Innovation im Rahmen eines Trauerprozesses gewürdigt. Der französische Regisseur Alain Resnais hat in dem Filmdrama L´Amour á mort das Muster so definiert: “Es ist dunkel. Man klammert sich mit beiden Händen an ein Geländer, hat ständig Angst auszugleiten. Und wenn man schon glaubt, jetzt habe es sich mit dem trauern und man bekommt endlich ein Paar neue Schuhe, dann schleicht sie sich wieder heran.”

Wir wechseln die Gangart

Mit anderen Worten: Wir wechseln die Gangart. Pendeln emotional zwischen polarisierenden Gefühlen, sind jetzt in der Fassungslosigkeit, tun, was nötig ist. Dann kommt Licht ins Dunkel und wir treten in Kontakt zu unserer Umwelt. Anschließend tauchen wir wir wieder ab.

Das Muster geht in dem Maße in ein flexibleres Schwingen und eine stabilere Balance über, wie der Einfluss quälender Emotionen und die Sehnsucht nach dem Verstorbenen allmählich abnimmt. Der Hinterbliebene kann näher an die Normalität heranrücken, er erlangt eine gewisse Kontrolle über seine Trauer, kann über den Verlust reden. Ganz langsam verlängern sich die heilsamen Umschwünge.

„An diesen Wellenbewegungen ist das vielleicht Verblüffendste, dass sie so wenig der landläufigen Auffassung ähneln, wonach ´erfolgreiches Trauern` von Phasen und Stadien abhängt, die im Sinne eines langwierigen Arbeitsprozesses vollständig durchgemacht werden müssen, bevor ein Verlust als erfolgreich bewältigt gilt,“ schreibt Bonanno.〈3〉 Und meint: Andere Experten, Freud zuerst, haben den Begriff der „Trauerarbeit“ geprägt, Elisabeth Kübler-Ross hat die fünf Phasen der Trauer –Verleugnung. Zorn. Verhandeln. Depression. Akzeptanz – detailliert beschrieben.

„Es gibt keine Phase für positive Gefühle, was vielleicht der Grund dafür ist, dass diese traditionell mit Verleugnung gleichgesetzt wurden,“ schreibt Bonnano. Er und seine Kollegen haben keine Beweise für „irgendeine dieser Ideen“ gefunden. Im Gegenteil: „Das Hauptproblem bei solchen Ideen ist, dass man dazu tendiert, strenge Maßstäbe für richtiges Verhalten aufzustellen … Vielleicht richten sie deshalb mehr Schaden an, als dass sie Gutes bewirken.“

Keine Diagnose. Doch manchmal kompliziert

Als konstanter Befund habe sich gezeigt, dass Trauer keine eindimensionale Erfahrung ist. Weder sei sie für alle gleich, noch gebe es Anzeichen für bestimmte Stadien. Die vielschichtigen Trauerreaktionen verlaufen langfristig eher unterschiedlich.

Es gibt Menschen, die leiden unter einer chronischen Trauer. Der Verlustschmerz lähmt sie über Jahre, seelische und/oder körperliche Beschwerden hindern sie daran, ihre früheren täglichen Aktivitäten wieder aufzunehmen. Es ist durchaus möglich, dass sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Verlust als Posttraumatische Belastungsstörung manifestiert hat. Das gilt insbesondere, wenn der Angehörige eines gewaltsamen Todes gestorben ist, sei es durch einen Terroranschlag oder eine Naturkatastrophe, im Krieg oder durch Mord.

Insgesamt ist Trauer an sich keine Diagnose. Dennoch wird in den USA versucht, der komplizierten und prolongierten Trauer den Status eines Krankheitsbildes zu geben. Seit Juni 2o16 gibt es dafür die Bezeichnung „komplizierte Trauer“ (complicated grief disorder, CGD), sie ist jedoch noch nicht allgemein anerkannt. Die neueste Version des DSM-5, dem Diagnose-Manual der American Psychiatric Association, hat die „Persistent complex bereavement disorder“ zumindest schon mal in die Kategorie „Conditions for Further Study“ aufgenommen. Man darf gespannt sein, was daraus wird.

Andere leiden intensiv, sie durchleiden Phasen des Schmerzes und der Einsamkeit, sie verlieren auch die Orientierung, die Bewältigung ist ein unfassbarer Kraftakt. Und doch finden sie nach einer gewissen Zeit einen Weg, langsam wieder am Leben teilhaben zu können. Für sie, und das sind die meisten, gilt: So furchtbar Trauer ist, langfristig gesehen übernimmt sie nicht die Macht.

Manche sind sogar fähig, sich im Job zu konzentrieren, alle Aufgaben zu erledigen, normal zu essen und zu schlafen. Nur wenn sie allein sind und Zeit haben für stille Besinnung, lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf.

Drei Jahre

Während die Amerikaner keine Zeitachsen thematisieren, haben Wissenschaftler der Universität Würzburg sich in einer Befragung von 521 Teilnehmern besonders für die Dauer des Trauerprozesses interessiert.〈4〉

Fasst man die Antworten von Befragten zusammen, deren Verlust eine ähnlich lange Zeit zurückliegt, so ist Trauern für viele nicht nach wenigen Monaten und nicht einmal nach dem hierzulande verankerten traditionellen Trauerjahr abgeschlossen:

„Innerhalb des ersten Jahres nehmen Beeinträchtigungen durch unangenehme Gedanken und Gefühle einerseits und das Empfinden der Nähe zu der verstorbenen Person andererseits an Intensität stark zu,“ lautet ein zentrales Ergebnis der Studie.

Ähnlich stark verlaufe dann die Abnahme der Intensität während der folgenden zwölf bis 18 Monate. Hierbei leiden Frauen stärker unter dem Verlust einer nahen Bezugsperson als Männer. Im zweiten Jahr zeigt sich demnach auch, ob die Gefühle auf hohem Niveau bestehen bleiben, ob also ein normaler Bewältigungsprozess oder ein behandlungsbedürftiges Trauern vorliegt. Die Autoren, Prof. Dr. Joachim Wittkowski und Dr. Rainer Scheuchenpflug, sind der Meinung, dass dies für die Diagnose einer anhaltenden komplexen Trauerreaktion von eminenter Bedeutung sei.

Während eines für sie „normalen Trauerprozesses“ lassen über den Zeitraum von drei Jahren hinaus sowohl die Beeinträchtigungen als auch das Empfinden der Nähe zur verstorbenen Person beständig nach.

„Am Ende der intensivsten Phase nehmen sowohl positive Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten zu, gleichsam wächst auch die Fähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl mit anderen Menschen,“ heißt es. Der Trend bleibe auch mehr als zehn Jahre nach dem Verlust bestehen. Schuldgefühle blieben langfristig nahezu unverändert auf einem mittleren Intensitätsniveau.

Der Versuch, massiven Stress zu verarbeiten

Zurück zu Bonanno hat sich aus allen Erkenntnissen ergeben, dass der Versuch, Trauer zu definieren, zwei Teile hat.

Trauer ist eine komplexe Erfahrung ohne Regeln und mit dem Potenzial für Reifung: ein hoch individueller Bewältigungsprozess von Verlustschmerz mit unterschiedlichen Strategien, die wiederum von Faktoren wie Lebensalter und Lebenssituation, Kontext und Kulturkreis bestimmt werden. Menschen in westlichen Kulturen haben eine völlig andere Auffassung von Leben, Sterben und Tod als Menschen in nicht-wesentlichen Kulturen.

Im zweiten Teil kommt das Gehirn hinzu.

Neurophysiologisch ist Trauer eine massive Stressreaktion in verschiedenen Hirnarealen und im gesamten Hormonsystem – und damit ein Versuch von Kopf und Körper, mit einer Situation fertig zu werden, die als Relikt aus prähistorischen Zeiten als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar wahrgenommen wird. Entwicklungsgeschichtlich muss der Organismus sich an die Belastung anpassen und daran gewöhnen, obwohl diese als unangenehm erlebt wird.

Bestimmte Hirnregionen sind besonders betroffen:

Der Hirnstamm und das Kleinhirn, in dem basale Vorgänge wie Essen, Schlafen, Atmen, Kreislauf reguliert werden.

Das limbische System, eine Funktionseinheit mit Verbindungen zu den Steuerungszentren anderer Hirnregionen und u. a. verantwortlich für die Verarbeitung von Emotionen und die Ausschüttung körpereigener Opioide, die eine Rolle dabei spielen, Schmerz zu unterdrücken.

Der Neokortex, also die Oberfläche des Großhirns und der beim Menschen größte Teil (rund 90 %) der Großhirnrinde mit 20 bis 23 Milliarden Neuronen. Der Neokortex repräsentiert verschiedene Funktionen des zentralen Nervensystems, z. B. Sinneseindrücke, Bewegungen, Wahrnehmungen.

 Die Art des Trauerns hängt
einerseits davon ab,
wie Trauernde mit ihren Erinnerungen umgehen,
wie sie die Erinnerungen erleben und
was sie ihnen entnehmen. 

Die Zusammenhänge sind hilfreich dafür, Trauern mit dem neurobiologischen Ansatz in der Resilienzforschung zu verknüpfen.

Laut Bonnano hängt die Art des Trauerns einerseits davon ab, wie Trauernde mit ihren Erinnerungen umgehen, wie sie die Erinnerungen erleben und was sie ihnen entnehmen. Zum anderen legen aktuelle Forschungen nahe, dass der zentrale Mechanismus, der über Resilienz entscheidet, vermutlich eine positive Reizbewertung im Gehirn ist. Diese Ergebnisse wiederum kommen aus Deutschland: aus dem Deutschen Resilienz-Zentrum in Mainz, einer Forschungsplattform der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dem Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften.

Die entscheidende Frage lautet demnach: Wie bewertet das Gehirn belastende oder bedrohliche Situationen oder bestimmte Reize?“

All das ist Selbstfürsorge

Jede Form von Stress oder Unglück fordert uns. Es ergibt aber einen großen Unterschied, ob der Mensch mit seiner Situation bzw. seinem Schicksal hadert und sich als Opfer sieht oder ob er die Situation akzeptieren und sich auf eine Lösung konzentrieren kann.

Losgelöst von Trauer heißt das: Ein positiver Bewertungsstil schützt langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert – und das maßgeblich dadurch, dass Nervenbotenstoffe verstärkt ausgeschüttet werden, die umgangssprachlich als „Botenstoffe des Glücks“ bezeichnet werden. Dazu gehören Serotonin, Dopamin, Acetylcholin.

Bezogen auf Trauer heißt das:

In Erinnerungen schwelgen

Sich in Momenten stiller Besinnung die Liebe, das Glück und Wärme vergegenwärtigen

Tiefe Gefühle oder Gewissheiten durch Symbole und Rituale ausdrücken

Reden und Nachdenken, Schreiben und Meditieren

Tiefe Verbundenheit in Form von lauten Gesprächen mit dem Verstorbenen: Sprache verleiht den Gedanken Ordnung und Klarheit und bringt den Verstorbenen für einen Moment zurück. In vielen Weltreligionen ist diese sogenannte rituelle Kommunikation integraler Bestandteil der Trauer

Fragen an sich selbst: Was fühle ich gerade? Was denke ich gerade? Was möchte ich jetzt tun? – auch wenn es etwas Ungewöhnliches ist …

All das ist Selbstempathie, denn Menschen, die mit Verlustschmerz zu kämpfen haben, brauchen Trost nicht nur von einem oder mehreren Vertrauten.

Menschen, die die Endgültigkeit des Verlustes annehmen können, sind auch imstande, sich allein mit Erinnerungen zu trösten. Das macht es nicht weniger schmerzhaft, lässt aber besser aushalten, was eigentlich unerträglich zu sein scheint. Wer sich also mit dem verbinden kann, was nicht fort ist, kann, wie die Gattin von James Last anlässlich des ersten Todestages 2o16, mit engsten Freunden und gegebenenfalls den Kindern in Gedenken „einen fröhlichen und auch besinnlichen Tag“ verbringen.

Einfach sein

Diese Kraft ist kostbar. Geht es doch nicht so sehr um aktives Tun als vielmehr darum, einfach zu sein. Mit sich, anderen und dem Menschen, der gegangen ist.

Die Sensibilität, die darin steckt, die Konzentration auf das Wesentliche, das reflektierende Denken, das Gespür für Sinn und für dessen Fehlen, ist ein großes Geschenk an sich selbst und letztlich an die Gesellschaft.

Denn Menschen, die sich einlassen und nicht möglichst schnell wieder funktionieren wollen, begeben sich auf eine Art Heldenreise – auf jeden Fall in einen klärenden Prozess zu mehr persönlicher Reife und spirituellem Wachstum. Diese Menschen werden sich später nicht abwenden, wenn andere leiden, da sie wissen, wie sich das anfühlt.

Der Weg kann viele Jahre dauern. Jener Teil dieser Gesellschaft, der solche Schritte noch nicht gehen konnte und dessen Wahrnehmung auf die Vordergründigkeiten der menschlichen Existenz gerichtet ist, nimmt auf jeden Fall wahr, dass der Umgang mit Trauernden nicht einfach ist.

Der Erzfeind des Lebens kann in Gestalt eines Trauernden dann die seltsamsten Blüten treiben.

   Die Zeit hilft mir sehr. Am Grab
zu sein gibt mir Kraft, innere Ruhe und die Gewissheit,

für ihn die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. C Last


Zum Thema

Memoria Tui. Am Ende ein Anfang

1 Sheryl Sandberg, University of California, Berkeley,
14. Mai 2o16

2 Holmes T, Rahe RThe Social Readjustment Rating Scale (SRRS), Washington 1967
http://www.acc.com/aboutacc/newsroom/pressreleases/upload/srrs.pdf

3 Bonanno GA: Die andere Seite der Trauer, Aisthesis 2o12

4 Wittkowski J, Scheuchenpflug R: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie; 2o15: 169-176.
DOI: 10.1026/0943-8149/a000145