Biologisches Alter und Bewegung

 

 

Ein heute in Deutschland geborenes Mädchen hat eine Lebenserwartung von etwa 102 Jahren. Was es braucht, um bis ins hohe Alter ein lebenswertes Leben zu führen, wird weltweit in groß angelegten Vorhaben untersucht. Es geht auch viele Nummern kleiner.

Altern unterliegt einem genetisch programmierten Prozess. Allerdings bestimmen die Lebensbedingungen und der Lebensstil, wie schnell der Prozess abläuft. Folglich kann es zwischen dem kalendarischen und dem biologischen Alter große Unterschiede geben.

Während das kalendarische Alter den Gesetzmäßigkeiten der Zeit unterliegt, wird das biologische Alter direkt durch den Lebensstil beeinflusst. In den Nationen der Ersten Welt ist individuell angepasste körperliche Aktivität ein entscheidender Faktor auf dem Weg, das biologische Alter positiv zu beeinflussen: Die altersspezifischen Veränderungen des Muskel-Skelett-Systems lassen sich nur durch Bewegung, regelmäßiges Muskelkrafttraining und, nicht zu vergessen, einer angepassten Ernährung hinauszögern oder gar entgegenwirken.

Veränderungen am passiven Bewegungssystem

Die sichtbarsten altersbedingten Veränderungen des menschlichen Körpers zeigen sich am passiven Bewegungssystem – an den etwa 2o6 Knochen des Skeletts und deren beweglicher Verbindungen, den Gelenken.

Bereits im Alter zwischen 3o und 35 degenerieren Knochen, Bänder und Knorpel. Ab dem 4o. und 45. Lebensjahr wird der Knochen durch Entmineralisierung in seiner Struktur so umgebaut, dass das Skelett nicht mehr hundertprozentig belastbar ist.

Der Vorgang läuft bei Frauen früher ab als bei Männern, da der in den Wechseljahren auftretende Mangel an Sexualhormonen das Ganze beschleunigt. Mit der Folge, dass Frauen über Fünfzig häufiger als Männer zur Gruppe der Gefährdeten für Osteoporose gehören, weil die Knochendichte zu gering ist.

Die Knorpelstrukturen verlieren mit zunehmendem Alter an Flüssigkeit und dadurch an Elastizität und Funktionsfähigkeit. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes werden unter dem Dach des Rheumatischen Formenkreises zusammengefasst, schließen einige hundert Diagnosen ein und damit eine Vielzahl von zum Teil sehr unterschiedlich verlaufenden Erkrankungen.

Veränderungen am aktiven Bewegungssystem

Etwa 400 Einzelmuskeln von unterschiedlichster Form und Größe sorgen für ein bestimmtes Maß an Spannung, ohne die wir uns gegen die Schwerkraft der Erde nicht aufrecht halten könnten. Entsprechend machen sie rund 40% des Körpergewichts aus.

Darüber hinaus sind sie darauf spezialisiert, auf Nervenimpulse zu reagieren, die willentlich gesteuert werden. Das heißt, wenn Sie etwas aufheben oder tragen oder auf einen bestimmten Platz zugehen, müssen Sie das vorher wollen, sonst kommt die Bewegung nicht zustande. Der gesamte Bewegungsapparat wäre nutzlos, wenn das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) keine Informationen und Gedanken verarbeiten, empfangen oder weiterleiten könnte.

Wenn mit zunehmendem Alter die Muskelkraft abnimmt, so ist das einerseits auf einen altersbedingten Verlust an Muskelmasse – etwa 4% pro Lebensjahrzehnt – zurückzuführen, andererseits sinken im Muskel die Kalzium- und Kaliumkonzentrationen und Energiereserven (Glykogen). Dagegen ist der Verlust der elastischen Elemente des Muskels im Wesentlichen eine Folge von Bewegungsmangel. Der Muskel wird weniger dehnbar, das wiederum blockiert die allgemeine Beweglichkeit. Je weniger aktive Muskelmasse vorhanden ist, umso geringer ist der Energieumsatz in Ruhe.

Komplizierte Kooperation

Jede Bewegung setzt ein diffiziles Zusammenspiel beider Systeme voraus – und sei sie noch so winzig. Um in Bewegung zu bleiben, genügt eiserner Wille allein jedoch nicht. Ein Muskel braucht ständiges Training, ohne trainierte Muskulatur und ein harmonisches neuromuskuläres Zusammenspiel – eine gute Koordination – ziehen Sie sich höchstens Muskelverletzungen zu. Werden Muskeln nicht benutzt, verkümmern sie. Die Folgen sind weitreichend.

 

Alterndes Bewegungssystem:
Die wichtigsten Veränderungen


 

Knochen

Verlangsamung des Stoffwechsels
Entmineralisierung ab etwa dem 4o. LJ
Verminderung Zug- und Druckfestigkeit
Risiko Osteoporose

Sehnen, Bänder, Knorpel

Wasserverlust des hyalinen Knorpels
Verringerte Belastbarkeit (Arthrosegefahr)
Verminderte Ernährung des Knorpelgewebes
Verminderte Produktion von Gelenkflüssigkeit
Längenzunahme der Bänder > Gelenkinstabilität
Abnahme der Elastizität von Sehnen und Bändern > Abnahme der Beweglichkeit

Wirbelsäule 

Degeneration der Bandscheiben
Abnahme des Wassergehalts
Abflachung der Wirbelkörper
Abnahme der Beweglichkeit

Muskulatur

Abnahme der Muskelmasse ab etwa dem 3o. LJ
Abnahme des Wassergehalts, der Kalium- und Kalziumkonzentration
Abnahme der Energiespeicher
Verminderung der Durchblutung
Abnahme der elastischen Elemente

 

Mit Ausnahme von palliativ behandelten Erkrankungen gibt es keine Diagnose, die sich mit Bewegung und einer bedarfsgerechten Ernährung nicht dramatisch verbessern, deren Verlauf sich nicht positiv verändern ließe. Welche Sportart(en) individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden und sollte abhängig vom aktuellen Beschwerdebild variiert und angepasst werden. Mit dem richtigen Training lassen sich auch in fortgeschrittenem Alter noch Hochleistungen erbringen, Altersunterschiede würden „nahezu unsichtbar“, haben Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk und Team an der Deutschen Sporthochschule Köln im Rahmen einer acht Jahre dauernden Beobachtung zur Leistungsepidemiologie bei sportlichen Senioren ermittelt.

Allgemein wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und neuerdings Yoga dennoch zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Aquafitness und Aquajogging, (Rücken)Schwimmen und Kraulen (für alle, die Wirbelsäulen-Probleme haben), Powerwalking, Radfahren, Inline-Skating, Wandern und Skilanglauf (Vorsicht: Sturzgefahr bei Unerfahrenen).

Und, so Prof. Dr. Jürgen Freiwald, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal: Bevor man Schmerzpatienten von ihrem Lieblingssport abrät – etwa Golf oder Kegeln wegen Rücken- oder Kniebeschwerden –, sollte überlegt werden, wie er sich gelenkschonender betreiben lässt.[1]

Beweglichkeit ist Lebensqualität

Sportmedizinisch sinnvoll erscheint eine Trainingsfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche. Alarmierend ist allerdings, dass viele Leute einfach keine Lust haben, sich zu bewegen. Vor dem Hintergrund des jüngsten Diktums „Sitzen ist das neue Rauchen“ lässt sich darauf lediglich lapidar kontern: Um Lust geht es nicht, sondern schlicht ums Machen. Warum? Darum: Lebensqualität wird zu einem großen Teil über Beweglichkeit definiert. In Verbindung mit dem Altern eröffnet sich damit ein weiteres weites Feld.

Kommt soziale Unterstützung hinzu, schützt Bewegung bzw. Sport vor strukturellen Gehirnveränderungen nach schwerem Stress. Kommen geistiges Training und soziale Aktivitäten hinzu, gilt das auch für die Prävention von Demenzen. Eine aktuelle, langfristig angelegte finnische Studie möchte einmal mehr zeigen, dass die Entwicklung von demenziellen Erkrankungen kein Schicksal ist, sondern durch gezielte Änderungen des Lebensstils zumindest um viele Jahre verzögert werden kann. Erste Ergebnisse ermutigen.[2]

Selbst wenn hinsichtlich der Prävention von Demenzerkrankungen viele Fragen noch nicht befriedigend beantwortet sind, sollte es niemanden daran hindern, körperlich, geistig und sozial möglichst aktiv zu sein und sich gut zu ernähren.

Dann bestünde berechtigte Hoffnung, dass eine Prognose weniger Wucht hätte: „Wir werden in zwanzig Jahren fast nur noch ZNS-Erkrankungen haben,“ hat Prof. Dr. Wolfgang Oertel, Marburg, 2o12 anlässlich des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg gesagt. Und gemeint: Die Zahlen der häufigsten degenerativen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, darunter Morbus Alzheimer, werden sich verdoppelt haben.

 


 

1 Bewegung hält auch entzündete Gelenke in Schwung. Ärzte-Zeitung, 26. Mai 2oo5

2  Ngandu T et al: A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial.
The Lancet (online) 11. März 2o15
DOI: 10.1016/S0140-6736(15)60461-5

 

Den Schmerz entwerten



Schmerz – insbesondere Rückenschmerz – hat in unserer Gesellschaft einen enormen Wert, er ist allgegenwärtig. Wir müssten das genaue Gegenteil machen: Eine Gesellschaft, in der Schmerz keinen Wert hat, wird wenig chronische Patienten haben.

Mit dieser These hat Prof. Dr. Arne May, stellvertretender Direktor des Instituts für Systemische Neurowissenschaften und Leiter der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, auf dem Deutschen Schmerzkongress 2o13 provoziert und zu einer selbstkritischen Diskussion innerhalb der Ärzteschaft zu der Frage angeregt, „inwieweit wir Befindlichkeiten unnötig pathologisieren?“[1]

Inzwischen ist das Thema veranstaltungsfähig geworden: Der Deutsche Ethikrat diskutierte kürzlich in Berlin, ob mit „Burnout“ oder den Wechseljahren des Mannes tatsächlich Krankheiten erfasst oder ob psycho-soziale Probleme zu Krankheiten umgedeutet würden.[2] Erweitern ließe sich das noch um eine mehr als 6 Wochen anhaltende Trauer nach dem Tod eines Ehepartners, Elternteils oder Kindes: Die amerikanischen Psychiater haben den Ausnahmezustand Trauer jüngst mit einer Krankheitsziffer versehen.

Unter den Stichworten „Moden in der Medizin“, neudeutsch: „Disease-Mongering“, kritisierte in Berlin Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dass normale Prozesse des Lebens als medizinisches Problem definiert, neue Krankheitsbilder durch Maßnahmen von Pharmaindustrie, Interessenverbänden und PR geradezu erfunden, leichte Symptome zu Vorboten schwerer Leiden stilisiert und Risiken als Krankheit verkauft würden.

Das habe unter anderem zur Folge, dass Betroffene zu schnell mit Medikamenten versorgt und damit einem unnötigen Risiko ausgesetzt seien. Gleichzeitig würden Ressourcen des Gesundheitssystems verschwendet.

Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, Befindlichkeitsstörungen zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrzunehmen
Wolfgang Schneider

Wider die Pathologisierung

„Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, dass gerade soziale Faktoren wie beispielsweise Stress im Job oder Arbeitslosigkeit bei Diagnosestellungen von Betroffenen oftmals nur medizinisch betrachtet werden,“ gab schließlich Professor Dr. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin in Rostock, auf einer Veranstaltung zum Thema „Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft“ zu bedenken.[3]

Schneiders These: Arbeitsüberlastung oder berufliche Schwierigkeiten würden gern in das Reich der psychischen Erkrankungen befördert, denn das schütze davor, soziale Missstände und prekäre Arbeitsverhältnisse offen anzusprechen und sich damit auseinanderzusetzen.

Und: Die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Thema „psychische Belastungen in der Arbeitswelt“ erfährt, führe mehr und mehr dazu, dass Menschen Befindlichkeitsstörungen, Erschöpfung, Frustration und Demotivierung zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrnehmen.

Der Zungenschlag dieser Experten ist eindeutig: Menschen dürfen nicht unnötig zu Patienten gemacht werden. Weder jeder Rückenschmerz noch jede Niedergeschlagenheit ist als Krankheit zu werten. Ohne Frage ist eine sorgfältige Abklärung notwendig, um jeglicher Problematik angemessen zu begegnen und zu entscheiden, ob und welche Art von professioneller Unterstützung der Einzelne benötigt. Besonders wichtig aber ist Prävention, Hilfe zur Selbsthilfe oft die richtige Devise.

Dann gäbe es auch weniger Drahtseilakte zwischen überflüssiger Medikalisierung und notwendiger Therapie. Laut Prof. Dr. Lothar Weißbach, Prostatakrebsspezialist in Berlin, sollten sich Ärzte in der „Kunst des Weglassens“ üben, anstatt unabhängig von der Ausprägung eines Beschwerde- oder Krankheitsbildes maximal zu versorgen. Und sie sollten mitunter von einer Therapie abraten, auch wenn sie damit keine honorierte ärztliche Leistung im Sinne der Krankenkasse erbrächten.[2]

Hilfen zur Selbsthilfe

„Es sollte darum gehen, dass der Einzelne aktiv und möglichst selbstbestimmt sein Leben gestaltet.“ Für Dr. Regine Klinger, Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Verhaltenstherapie, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Hamburg, ist oft bereits eine niedrigschwellige Beratung hilfreich, dann können Menschen eigenverantwortlich ihre Probleme lösen.[1]

„Strategien gegen die Katastrophisierung können Entspannungsverfahren ebenso sein wie sanfte Bewegungsübungen oder eine straffe Strukturierung des Alltags,“ so Klinger. Oder, um zum Rückenschmerz zurückzukommen, ein systematisches Muskelkrafttraining.

Ändert der Mensch sein Verhalten,
ändert sich auch der Schmerz
Regine Klinger

Rückenschmerz – ein „Mixed Pain Syndrome“

Wir bleiben beim Rückenschmerz, denn der Rücken ist bekanntermaßen der beliebteste Austragungsort für Fehlbelastungen, Fehlhaltungen und Anspannungen aller Art. Und Schmerz ist ein Schutzmechanismus des Körpers und gleichzeitig ein komplexes neurologisches Phänomen, das von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird.

Muskelschmerzen, -verspannungen und -verhärtungen sind physiologische Signale, sie entstehen, indem das Gehirn entscheidet, einen Muskel zum Schutz vor Überlastung abzuschalten. Ein Teufelskreis aus Sauerstoffmangel, gestörtem Stoffwechsel und erhöhter Muskelspannung entsteht, an dessen Ende die Verkürzung des Muskels steht.

Der daraus entstehende Rückenschmerz ist meist „unspezifisch“ und ein „Mixed Pain Syndrome“ mit nozizeptiven und neuropathischen Komponenten. Das heißt ganz allgemein: Schmerz entsteht als Reaktion auf unterschiedliche Reize, die die Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) stimulieren. Diese sitzen in der Haut und in allen anderen Geweben und Organen an empfindlichen Nervenenden und sind über periphere Nerven mit dem Rückenmark verbunden. In Form von elektrischen Impulsen wird die Erregung zunächst ins Rückenmark gejagt, dann weiter ins Gehirn und dort ins Zwischenhirn und in die Großhirnrinde. Erst in diesen höheren Gefilden wird der Schmerz wahrgenommen und löst die vielfältigen physiologischen und psychischen Reaktionen aus – nicht an der Schmerzstelle, wie vielfach angenommen wird.

Unter dem Schlagwort „unspezifisch“ finden sich in der Literatur im Bereich der nozizeptiven Rückenschmerzen vor allem Muskelverhärtungen (Myogelosen); sekundäre Reizzustände; Bandscheibendegenerationen, die zu Veränderungen an den Wirbelkörpern (Spondylosen), Wirbelbogengelenken (Spondylarthrosen), Wirbelkanalverengungen (Spinalkanalstenosen), Blockaden (Kombination aus verspannter Muskulatur, Fehlbelastung und Fehlstatik der gesamten Wirbelsäule) führen.

Jeder Schmerz ist auch ein psychischer Schmerz

Bekannt ist, auf welchen neuronalen Ebenen Schmerz verstärkt und chronisch wird. Chronischer Schmerz im Sinne von langanhaltendem Schmerz ist zudem eine eigene und häufig schwer zu behandelnde Krankheit.

Traumatische Erfahrungen gehören zu den unspezifischen Risikofaktoren für chronische Rückenschmerzen, von denen in Deutschland knapp 20% betroffen sind.[4] Repräsentative, fragebogenbasierte Studien haben gezeigt, dass rund ein Viertel der Befragten über belastende Lebensereignisse berichten. Dazu gehört die Ehescheidung ebenso wie die Arbeitslosigkeit oder der Tod eines nahen Angehörigen. Patienten mit chronischen nichtspezifischen muskulo-skelettalen Schmerzen berichten häufiger über traumatisierende Lebensereignisse als schmerzfreie Personen.[4]

Für Dr. Regine Klinger ist jeder Schmerz auch ein psychischer Schmerz: „Wenn wir Schmerzen haben, ist das ganze Gehirn damit beschäftigt, das gilt auch für den akuten Schmerz. Eine große Rolle spielen Faktoren wie Aufmerksamkeit, Ängste und individuelle Verarbeitungsprozesse.“[1]

Prävention bedeutet für die Expertin in psychologischer Schmerztherapie folglich, den Patienten bei seiner Selbstverantwortung zu packen und ihn zu motivieren, konkret etwas zu tun, um seine Schmerzen erträglicher zu machen. Ändert er sein Verhalten, ändert sich auch der Schmerz. Es gilt, Verhaltens- und Empfindungsmuster im Gehirn bzw. Gedächtnisspuren zu durchbrechen, um aus dem Kreislauf auszusteigen.

Gerade weil Verspannungen so tückisch sind, müssen wir den negativen Auswirkungen des Alltags ein systematisches Muskelkrafttraining entgegensetzen
Klaus W. Zimmermann

Muskeln kräftigen und Widerstandskraft erhöhen

Selbstverantwortung nicht nur im Bereich der Schmerzprävention kann ganz einfach sein. Die vorrangigen Ziele aller ambulanten präventiven wie kurativen Maßnahmen lauten: das Muskel-Skelett-System kräftigen und dessen Widerstandskraft gegen Ermüdung sowie die Dehnbarkeit der Muskeln erhöhen. Wer Schmerzen hat, braucht keine Angst vor Bewegung zu haben. Wer schmerzfrei ist, schon gar nicht.

Während das Skelettsystem aus Knochen, Gelenken und Bändern besteht, umfasst das Muskelsystem neben den etwa 400 Einzelmuskeln die Sehnen, Muskelbinden (Faszien), Schleimbeutel und Sehnenscheiden. Knochen und Bänder übernehmen passive statische Aufgaben, die Muskulatur erfüllt aktive Stütz- und Bewegungsfunktionen. Entsprechend findet eine Unterscheidung zwischen dem aktiven Bewegungssystem (Muskulatur) und dem passiven Bewegungssystem (Knochen, Gelenke) statt.

Muskelkraft und Muskelmasse lassen sich in jedem Alter mit einem systematischen Muskelkrafttraining aufbauen, selbst jenseits von 65, wie zahlreiche Studien zeigen.[5] Eine gezielte Kräftigung jener Muskeln, die bevorzugt zum Schwächeln neigen – das sind vor allem die des oberen Rückens, die Bauch-, Gesäß- und Beinmuskulatur –, hat wunderbare Effekte.

Prof. em. Dr. Klaus W. Zimmermann, Sportwissenschaftler aus Zwickau, hat vor Jahren sieben Gründe genannt, warum wir Liegestütze, Kniebeugen und isometrische Übungen brauchen. Daran hat sich nichts geändert:

ERHALT DER MUSKELMASSE

Wir können durchaus 40 Jahre lang 40 bleiben – zumindest in Bezug auf die Muskulatur; diese bleibt bis ins hohe Alter elastisch, wenn sie regelmäßig trainiert wird. Es gibt nichts mit vergleichbarer Wirkung.

MEHR MOBILITÄT

In reiferen Jahren reduziert eine kräftige Beinmuskulatur die Sturzgefahr und das damit verbundene Verletzungsrisiko. Auf diese Weise schaffen Sie ideale Voraussetzungen, um weiterhin zügig gehen, wandern, Radfahren, Treppensteigen, gärtnern zu können.

AUFRECHTE HALTUNG

Die Muskulatur stabilisiert die Körperhaltung. Gezielte Kräftigung und Dehnung hält auch Bänder, Sehnen und Knorpel geschmeidig. So beugen Sie Haltungsfehlern und -schäden vor.

SCHUTZ DER WIRBELSÄULE

Je kräftiger die Muskulatur ist, umso besser puffert sie Belastungen an Wirbelsäule und Gelenken ab und schützt vor Verschleiß. Gezieltes Training kann auch bestehende Rücken- oder Kniebeschwerden deutlich mindern.

OSTEOPOROSE-PRÄVENTION

In zahlreichen Studien konnte festgestellt werden, dass mehr Muskelmasse auch mehr Knochenmasse bedeutet. Damit verbunden sind weniger Frakturen in den kleinen Wirbelkörpern der Wirbelsäule, der langen Röhrenknochen des Oberschenkelhalses und des Unterarms. Gerade diese Körperregionen können vor allem in der zweiten Lebenshälfte zum Problem werden, wenn die Knochenstruktur bereits porös ist – schlimmstenfalls ähnlich porös wie ein Schwamm. Das Problem heißt Osteoporose und ist ab Fünfzig eine der häufigsten chronischen Erkrankungen.

KEINE STOFFWECHSELSTÖRUNGEN

Neben der Leber ist die Muskulatur das wichtigste Stoffwechselorgan. Wer Muskeln aufbaut, baut Fett ab und verwertet sogar beim Schlafen mehr Kalorien als üblich. Beim Training selbst wird der Verbrauch um das Drei- bis Fünffache gesteigert.

BALSAM FÜR DIE SEELE

Bewegung ist Psychotherapie im besten Sinne, da im Körper jene Botenstoffe freigesetzt werden, die entspannen und die Stimmung heben. Langfristig baut Bewegung Stresssymptome ab, macht lockerer und zufriedener, Belastungen werden besser verkraftet. Eine Stunde pro Tag soll bei Depression gelegentlich das Antidepressivum ersetzen können.

Einfach tun

Kurz: Die „Alltagstauglichkeit“ erhöht sich deutlich. Welche Sportart(en) für diese Ziele individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden und sollte abhängig vom aktuellen Beschwerdebild variiert und angepasst werden.

Allgemein wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und neuerdings Yoga dennoch gern zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Aquafitness und Aquajogging, (Rücken)Schwimmen und Kraulen (für alle, die Wirbelsäulen-Probleme haben), Powerwalking, Radfahren, Inline-Skating, Wandern und Skilanglauf (Vorsicht: Sturzgefahr bei Unerfahrenen).

Und, so Professor Jürgen Freiwald, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal: Bevor man Schmerzpatienten von ihrem Lieblingssport abrät – etwa Golf oder Kegeln wegen Rücken- oder Kniebeschwerden –, sollte überlegt werden, wie er sich gelenkschonender betreiben lässt.[6]

Sportmedizinisch sinnvoll erscheint eine Trainingsfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche. Alarmierend ist allerdings, dass viele Leute einfach keine Lust haben, sich zu bewegen. Vor dem Hintergrund des jüngsten Diktums „Sitzen ist das neue Rauchen“ lässt sich darauf lediglich lapidar kontern: Um Lust geht es nicht, sondern schlicht ums Machen. Warum? Darum: Lebensqualität wird zu einem großen Teil über Beweglichkeit definiert. In Verbindung mit dem Altern eröffnet sich damit ein weiteres weites Feld.

 

Zum Thema


Report Krankenhaus 2o15: Schwerpunkt: Lumbale Rückenschmerzen

BARMER GEK. Berlin, Juli 2o15

Für Bewegungsmuffel: Kostenfreie Schrittzähler-App MoveMyDay (Android)

Entwickelt von der Arbeitsgruppe PAnalytics der Universität Duisburg-Essen (UDE). Essen, März 2o15

 

Gesundheitsmonitor 01|2015: Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz: Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und Folgen für die Gesundheit

Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK. Gütersloh, März 2o15

Gesundheitsreport 2015: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update Doping am Arbeitsplatz

Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK. März 2o15

 

1 Deutscher Schmerzkongress 2013. 23. bis 26. Oktober 2013, Hamburg. Eröffnungspressekonferenz, 23. Oktober 2013

Alte Probleme – Neue Krankheiten: Überflüssige Medikalisierung oder notwendige Therapie? Forum Bioethik des Deutschen Ethikrats. Berlin, 25. Februar 2o15

Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft: Expertenforum, Universität Rostock
Universitätsmedizin
Zentrum für Nervenheilkunde, Rostock, 4. März 2o15

4 Siehe 1: Tesarz J: SY11

5 Graves/Franklin 2oo1; Aniansson et al 1984; Grimby et al 1982 etc.

6 Bewegung hält auch entzündete Gelenke in Schwung. Ärzte-Zeitung, 26. Mai 2oo5

Erwachsene mit AD(H)S

Erwachsene AD(H)Sler wissen häufig nicht, wie ihnen geschieht. Extreme Desorganisation, starke Stimmungsschwankungen, ständiger innerer Druck … Die Auswirkungen in verschiedene Lebensbereiche sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

18 – volljährig! Bevor auch gesunde junge Erwachsene schmerzhaft erfahren, dass das Leben eine Baustelle ist, wissen Heranwachsende mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Störung es längst. Ihre typischen Probleme verschwinden nicht über Nacht, sondern sorgen auch weiterhin für erhebliche Beeinträchtigungen: Der erwachsen gewordene Zappelphilipp ist nicht selten eine von innerer Unrast getriebene Persönlichkeit auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Etwa 20% der Suchtkranken haben eine AD(H)S, die meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Die Häufigkeit der sogenannten adulten AD(H)S wird in der Literatur mit 1 bis 6% der Gesamtbevölkerung angegeben, in Deutschland mit 3,1%. Legt man zugrunde, dass 5 bis 10% (m:w = 3:1) aller Kinder betroffen sind, so bedeutet dies, dass etwa der Hälfte aller Betroffenen im Erwachsenenalter weiterhin AD(H)S-Symptome haben (siehe Tabelle: Wender-Utah-Kriterien).

Allerdings können sich die Kardinalsymptome wandeln – von der meist äußeren Zappeligkeit in innere Unruhe und quälende Getriebenheit. Obendrein können sie durch inzwischen erworbene Kompensationsstrategien und andere auftretende psychische Erkrankungen vollständig maskiert sein. Die Diagnose und das Management der adulten AD(H)S stellen somit auch für den Facharzt eine Herausforderung dar.

„Die Kluft zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist schwierig zu schließen,“ hat Dr. Matthias Bender, Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Hadamar und Weilmünster, mir in einem Gespräch gesagt.

Etwa 20% der Suchtkranken haben eine AD(H)S, die meist
nicht erkannt und somit nicht behandelt wird
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Klahre: Herr Dr. Bender, kennen erwachsene ADHSler Langeweile?

Dr. Matthias Bender: Die Langeweile ist vor allem in der Adoleszenz ein sehr relevantes Phänomen, aber im Vergleich zu anderen Primäraffekten wie Scham, Schuld oder Angst unspezifisch und viel zu wenig beforscht. Neuere Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang von AD(H)S und Langeweile. Demnach gibt es ein neuronales Netzwerk, das Default-Mode-Network (DMN), das besonders bei Langeweile bzw. Monotonie aktiv ist und geradezu ausgeknipst werden muss, um Aufgaben konzentriert zu erledigen. Das DMN ist auch aktiv, wenn wir produktiv gelangweilt sind – also dösen, tagträumen, vielleicht auch kreativitätsfördernd abschweifen.

AD(H)S-Betroffene können dieses DMN nicht wirksam ausschalten, wenn sie auf eine Aufgabe fokussieren müssen. Hier wirken starke Belohnungen in Form von stimulierenden Reizen ähnlich förderlich wie Psychostimulantien.

Ist die Sucht nach Neuem, nach dem Thrill („novelty seeking“) eine Eigenschaft, die Erwachsene mit AD(H)S besonders charakterisiert, Frauen wie Männer?

Zumindest ist es typisch für die reizoffene wie auch nach Reizen suchende Gruppe mit hohem Anteil an novelty seeking. Die kurze, gelegentlich auch impulsiv aufkeimende Faszination für ein neues Thema erlahmt allerdings, sobald Konstanz und Disziplin gefordert sind. So ist die Ausrüstung für die neue Sportart schnell gekauft, verschwindet aber nach der dritten Trainingsstunde rasch wieder im Keller. Generell haben die Betroffenen große Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen, bevor sie Neues beginnen. Das heißt, es mehren sich die offenen Baustellen, vieles gelingt nur noch auf den letzten Drücker.

Dies ist ein Hintergrund für das bei erwachsenen Frauen wie Männern mit AD(H)S häufig bestehende Phänomen der Desorganisation. Die Auswirkungen in verschiedenen Lebensbereichen sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

Deshalb hat es sich für die Diagnostik der adulten AD(H)S bewährt, neben den Kardinalsymptomen Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität die Dimensionen Desorganisation, Affektlabilität, Temperamentsstörung, emotionale Hyperreagibilität, also der Umgang mit Belastungen, nach den Utah-Kriterien anzuwenden.

Wissen die Betroffenen von der Diagnose, wurde sie in der Kindheit bereits gestellt?

Hier gilt, wie so oft in der Medizin, die gute alte Drittelregel. Etwa ein Drittel derjenigen, die in unsere Ambulanz für adulte AD(H)S kommen, sind irgendwann in Kindheit und Jugend einmal vordiagnostiziert worden und bitten um Wiederaufnahme bzw. Weiterbehandlung ab dem Erwachsenenalter. Von den Zweidritteln, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, hat sich schon die Hälfte mit dem Thema auseinandergesetzt – über die Diagnose ihrer Kinder.

Und der Rest weiß nicht, wie ihm geschieht …

So ist es wohl. Immerhin haben etwa 20% der Suchtkranken eine AD(H)S, die aber meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Sucht als eine Begleiterkerankung. Was bedeuten Begleiterkrankungen beziehungsweise Komorbiditäten für die Biographie?

Bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen den Prägnanztypen. Das eher bei Mädchen/Frauen verbreitete ADS ist geprägt von einer Selbstwertproblematik, entstanden durch die Verarbeitung vieler Misserfolge, das Anderssein in der Peergroup, Angststörung und Depressionen. Beim Vollbild des hyperaktiven und impulsiven Typus kommt es häufiger zu dissozialen Verhaltensweisen und Straffälligkeit sowie zu Substanzmissbrauch.

Aufgrund welcher Umstände gerät ein Erwachsener denn überhaupt in die diagnostische Mühle?

Die Patienten, die eigeninitiativ in die Ambulanz kommen, haben meist mit krisenhaft zugespitzten Lebenssituationen zu kämpfen, die sie aufgrund ihrer AD(H)S-Symptomatik nicht ohne Hilfe überwinden können. Das betrifft zum Beispiel Partnerschafts- oder familiäre Konflikte, Arbeitsplatzprobleme, Schwierigkeiten zu einem Schul-, Studien- oder Berufsabschluss zu gelangen.

Bei anderen findet sich eine lange Reihe frustraner Psychotherapieversuche bei unklarer Diagnose, bis jemand an die Differentialdiagnose AD(H)S denkt und nicht selten dann erst eine effiziente Behandlung beginnt. In jedem Fall ist eine gezielte biographische Anamnese erforderlich, wobei es eine conditio sine qua non für die Feststellung einer adulten AD(H)S ist, dass entsprechende Auffälligkeiten in der Kindheit zu eruieren sind. Hierbei können gute validierte Fragebögen hilfreich sein.

In der Kindheit gibt es gerade im Bereich Aufmerksamkeit Schnittstellen zu anderen Diagnosen, zum Beispiel zur Fetalen Alkoholspektrumsstörung (FASD). Was bedeutet das für die Diagnostik und für eine potenzielle Falschdiagnose?

Im Hinblick auf kognitive und auch Teilleistungsstörungen müssen selbstverständlich Differentialdiagnosen angestellt werden – beziehungsweise wie bei der FASD weitere Überlegungen.

Die meisten ADHSler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz.

Kann die Diagnose allein schon einen therapeutischen, im Sinne von entlastenden Wert haben? Was kann die Psychoedukation hier leisten?

Die Psychoedukation fördert die Behandlungspartnerschaft, folglich sollten die Aufklärungsinhalte mit dem Patienten gemeinsam erarbeitet werden. Ausgehend von seinem Störungserleben, seinem subjektiven Krankheitsmodell und seinen Erfahrungen mit insuffizientem und gelungenem Coping, hilft dieser Ansatz, die eigene Vulnerabilität zu akzeptieren. Immer geht es um Hilfe bei der Bewältigung der Diagnose, aber auch um die salutogenetischen Aspekte.

Vor allem die Ressourcen sind gut zu nutzen. Die meisten AD(H)Sler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz. Für viele ist vor allem in der psychoedukativen Gruppe die Einordnung ihrer lebenslang erfahrenen Handicaps sehr entlastend, wir können sie oft erst dadurch gezielt angehen. Neben der Medikation ist das Coaching unserer Erfahrung nach eine effiziente Methode bei den meist sehr motivierten, dankbaren und complianten Patienten.

Zitat einer Patientin aus einem Evaluationsbogen: „Das Wissen um AD(H)S hat mir ein akzeptierendes Integrieren meiner Handicaps ermöglicht: Ab dann ging es aufwärts – vor allem mit meinem angeknacksten Selbstwertgefühl. In der Gruppe fühlte ich mich erstmals verstanden mit meinen Beschwerden und nicht einfach als chaotisch, schusselig, unfähig, willensschwach, undiszipliniert abgestempelt. Mit der Medikation und Psychoedukation konnte ich erstmals meine Schwierigkeiten gezielt und erfolgreich angehen. Wollen und Können passen jetzt zusammen.“

Der Angehörige als Co-Therapeut: Sind die Erfolge messbar?

Wie bei vielen seelischen Erkrankungen und deren Auswirkungen tragen die Angehörigen oft die Hauptlast. Psychoedukative Interventionen entlasten sie von Schuld-, Scham- und Insuffizienzgefühlen. Hierzu gehören bei uns neben Angehörigengruppen und Familiengesprächen auch regelmäßige Trialogforen mit den Betroffenen. Zusammen lässt sich zum einen die emotionale Anspannung und ständige Be- und Entwertung in der Familienatmosphäre reduzieren, zum anderen werden die Angehörigen zu Beteiligten an der Therapie. Die Effizienz im Kindes- und Jugendalter ist belegt, die Evidenz im Erwachsenenalter bislang wissenschaftlich leider nicht ausreichend untersucht. Der positive Effekt für uns in der Praxis ist aber fraglos.

Herr Dr. Bender, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch habe ich im April 2o13 geführt. Inzwischen erachten Experten die Berücksichtigung der Integrativen Mind Body Medizin für Heranwachsende als wünschenswert; erste Studiendaten aus den USA haben positive Ergebnisse gezeigt. Erwachsenen können bei diagnostizierter AD(H)S therapiebegleitend zumindest die achtsamen Körperübungen und Meditation helfen.

 

ADHS im Erwachsenenalter: Die Wender-Utah-Kriterien


Für eine sichere Diagnose im Erwachsenenalter müssen neben den Kernsymptomen A-C zwei der unter 1-4 aufgeführten Charakteristika vorliegen

 

A Aufmerksamkeitsstörung


Unvermögen, Gesprächen aufmerksam zu folgen
Erhöhte Ablenkbarkeit
Schwierigkeiten, sich auf schriftliche Aufgaben zu konzentrieren
Vergesslichkeit
Häufiges Verlieren oder Verlegen von Gegenständen

B Impulsivität

Dazwischenreden, Unterbrechen anderer im Gespräch
Ungeduld
Impulsiv ablaufende Einkäufe
Unvermögen, Handlungen im Verlauf zu protrahieren, ohne dabei Unwohlsein zu empfinden

C Motorische Hyperaktivität

Gefühl innerer Unruhe
Unfähigkeit, sich zu entspannen
Unfähigkeit, sitzende Tätigkeiten durchzuhalten
Ständiges Gefühl der Getriebenheit
Dysphorische Stimmungslage bei Inaktivität

1. Desorganisation

Aktivitäten werden unzureichend geplant oder organisiert (Arbeit, Ausbildung, Haushaltsführung etc.)
Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht; Betroffene wechseln planlos von einer Aufgabe zur nächsten
Unsystematische Problemlösestrategien
Schwierigkeiten in der zeitlichen Organisation und Unfähigkeit, Zeitpläne oder Termine einzuhalten

2. Affektlabilität

Beginn vor der Adoleszenz
Wechsel zwischen euthymer, depressiver Stimmung und leichter Erregung
Depressive Stimmungslage wird meist als Gefühl der Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben
Stimmungswechsel dauern Stunden oder maximal Tage
Kein ausgeprägter Interessenverlust oder somatische Begleiterscheinungen
Stimmungswechsel meist reaktiver Art

3. Temperamentsstörung

Andauernde Reizbarkeit, auch aus geringem Anlass
Verminderte Frustrationstoleranz
Wutausbrüche (eher kurz andauernd)
Mangelhafte Affektkontrolle wirkt sich nachteilig auf die Beziehungen zu Mitmenschen aus

4. Emotionale Hyperreagibilität

Unfähigkeit, adäquat mit alltäglichen Stressoren umzugehen
Überschießende oder ängstliche Reaktionen
Patienten fühlen sich schnell „belästigt“ oder gestresst

Aus einem Guss

Woran auch immer wir erkranken: Die bestmögliche Therapie besteht in einem pluralistischen – bestenfalls salutogenetischen – Ansatz, der ganzheitliche Behandlungsverfahren integriert. In diesem Sinne ergänzt die Integrative Medizin, dem Wortsinn entsprechend, konventionelle medizinische Therapien, sie ersetzt sie nicht. Seriöse Integrative Medizin ist ein Bereich der wissenschaftlichen Medizin, Voraussetzung für die Integration sind Erkenntnisse, die eine Effektivität belegen.

„Ich denke, dass die Integrative Medizin das beherrschende Thema der nächsten zwanzig Jahre sein wird,“ hat Dr. Thomas Breitkreuz, Leitender Arzt des Paracelsus-Krankenhauses Bad Liebenzell-Unterlengenhardt, vor einigen Jahren gesagt und damit gemeint: Beim integrativen Ansatz werde im Gegensatz zur alternativen Medizin versucht, eine umfassende Versorgung anzubieten und nicht die Behandlungsmöglichkeiten getrennt voneinander durchzuführen. „Es können und sollten konventionelle schulmedizinische Aspekte ebenso einfließen wie anthroposophische oder andere ganzheitliche Verfahren – als sinnvolles Konzept aus einem Guss.“

Mit seinem Blick in die Zukunft setzt Prof. Dr. Claus Fischer, Bayreuth, Vorsitzender des Arbeitskreises Prävention, Umwelt- und Komplementärmedizin in der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), auf weitere Forschungen.

„Wer seine Methoden oder Präparate nicht der wissenschaftlichen Diskussion stellt, nicht die Gelegenheit gibt, sie nachzuvollziehen, zu überprüfen und eigene Schlüsse zu ermöglichen, der hat Gründe dafür. Wer so vorgeht und sich konventionellen medizinischen Anforderungen versperrt, disqualifiziert sich als Gesundheitsanbieter selbst,“ sagte Fischer 2o1o auf dem 62. DGU-Kongress in Düsseldorf, und zog damit eine Grenze bei der wissenschaftlichen Nachvollziehbarkeit zwischen der Komplementärmedizin und der Grauzone diverser Heilpraktiken.

Ich denke, dass die Integrative Medizin
das beherrschende Thema
der nächsten zwanzig Jahre sein wird

Thomas Breitkreuz

Integrative Onkologie

Breitkreuz und Fischer, beide Fachärzte mit Schwerpunkt Onkologie, haben in ihren Statements jeweils besonders an die Krebstherapien gedacht. Sie hielten es für notwendig, alle vielversprechenden krebstherapeutischen Ansätze vorbehaltlos zu betrachten und kritisch zu prüfen:

„Während an den meisten Krebskliniken abstrakt anhand von Leitlinien festgelegt wird, wie bei der konventionellen Therapie je nach Stadium und Tumorart vorzugehen ist, sieht eine ganzheitliche Therapieempfehlung weitere Aspekte vor … Zudem kennen wir im Idealfall den Patienten und seine individuelle therapeutische Situation und wissen, welche Art der Therapie er möchte oder nicht und aus welchen Gründen welche Behandlung aufgrund seiner körperlichen und seelischen Verfassung in Frage kommt. Davon profitiert er sowohl physisch als auch psychisch,“ so Breitkreuz.

„Letztlich ist es unerheblich, ob eine Therapie aus der Komplementär- oder Schulmedizin kommt, solange sie dem Patienten hilft,“ so Fischer.

Besondere Bedürfnisse nach Zuwendung und Betreuung

Wie ein umfassendes Therapiekonzept für Krebspatienten aussehen und funktionieren kann, ist Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte von der Mind Body Medizin über die Psychoonkologie bis zur Palliativmedizin. Denn auch die Welt derer, die ihren Krebs überleben, ist vielfach geprägt von Angst und Depression.[1]

Der potenzielle Preis für das Überleben ist eine lange Liste von Spätfolgen, die ebenso vielfältig sind wie die Tumorentitäten und deren Therapien; sie reicht von chronischer Fatigue und geschwächter Immunabwehr über Lymphödeme, neuronale Schädigungen, kognitive und affektive Störungen bis zu schlimmstenfalls einem Zweitmalignom bzw. zu Metastasen.

Die besonderen Bedürfnisse von Tumorpatienten nach Zuwendung und ganzheitlicher Betreuung werden in aller Regel bislang nicht erfüllt. Dabei ist beides im Rahmen der Rehabilitationsphase für Krebspatienten und deren Angehörige ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zurück in ein normales Leben.

„Wir haben in Deutschland eine überwiegende Aufgabenteilung zwischen Akut- und Rehamedizin,“ hat mir Prof. Dr. Joachim Weis, Leiter der Psychosozialen Abteilung der Klinik für Tumorbiologie an der Universität Freiburg, vor einiger Zeit gesagt. „Reha-Onkologen sind zumeist gut psychosozial geschult, aber für die thematisierten Probleme wie Ängste und Depression braucht es Experten. Wir haben vor allem psychosoziale Krebsberatungsstellen, die nicht flächendeckend aufgestellt sind. Psychosoziale Nachsorge ist unterrepräsentiert.“

Um hier eine adäquate Entwicklung voranzutreiben, sind laut Weis Programme nötig, die psychosoziale Probleme der Langzeitüberlebenden erkennen und valide erfassen, „damit wir angemessene sowie bedarfsgerechte Interventionskonzepte anbieten können.“

In jeder Hinsicht besser

Integrated Depression Care bzw. Depression Care for People with Cancer (DCPC) steht im angelsächsischen Sprachraum für ein solches Konzept. Es bietet eine umfassende Versorgung von Tumorpatienten mit einer Depression an – durch ein Team von Psychiatern, speziell ausgebildeten Krankenschwestern (Cancer Nurses) und entsprechend fortgebildeten Hausärzten. Leider mangelt es an der Umsetzung.

Deshalb haben sich Ende vergangenen Jahres die Autoren der mehrteiligen britischen Studie SMaRT oncology (Symptom Management Research Trials) mit Daten von insgesamt 21.151 Patienten dafür ausgesprochen, dass an dieser Situation dringend etwas geändert werden sollte.

Den Ergebnissen der in The Lancet, The Lancet Oncology und The Lancet Psychiatry veröffentlichten Arbeiten zufolge ging es dem überwiegenden Teil von integrativ bzw. psychoonkologisch betreuten Patienten im Vergleich zu nicht entsprechend betreuten Patienten in jeder Hinsicht besser: (schwere) Depression, Ängste, Schmerzen und Fatigue nahmen zu allen Zeitpunkten signifikant ab, parallel nahmen Parameter wie Funktionsfähigkeit, emotionale Stabilität, Lebensqualität zu.[2-4]

Ähnliches galt für Patienten mit schlechter Prognose. Am häufigsten unter einer schweren Depression litten Patienten mit Lungenkrebs (13,1%), es folgten PatientInnen mit gynäkologischen Tumoren (10,9%), Brustkrebs (9,3%), Kolorektalkarzinom (7,0%) und Genitaltumoren (5,6%). 1.130 von 1.538 Patienten erhielten keine wirksame antidepressive Behandlung. Um in der palliativen Situation neben der Wirksamkeit auch die Wirtschaftlichkeit eines solchen Programms für Tumorpatienten mit schwerer Depression bemessen und gegebenenfalls anpassen zu können, hielten die Autoren weitere Forschung für notwendig.

Für den Kommentator Prof. Gary Rodin, Department of Psychosocial Oncology and Palliative Care, Princess Margaret Cancer Centre Toronto, kamen die Studien zur rechten Zeit: Das Depressionsrisiko für Krebspatienten sei im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das Zwei- bis Dreifache erhöht, neurobiologische Faktoren könnten in diesem Teufelskreis eine zusätzliche Rolle spielen.[5] Deshalb würden die Ergebnisse wichtige Hinweise dahingehend liefern, dass Empathie und Achtsamkeit in der integrativen Onkologie selbstverständlicher „geliefert“ werden könnten und dass die positiven Wirkungen messbar würden.

Die Schulung der Achtsamkeit kann Krebspatienten bei der Bewältigung belastender Erlebnisse genauso helfen wie der Umgang mit unangenehmen Körperempfindungen: Neben einer entspannenden und antidepressiven Wirkung und der Erhöhung der Selbstwirksamkeit konnten in Studien auch positive psychoneuroimmunologische Effekte nachgewiesen werden.[6] Eine kanadische Studie, in der sich 21 kurativ behandelte Krebspatienten gemeinsam mit ihren Partnern in MBSR unterweisen ließen, hat deutlich gemacht, dass auch die Angehörigen von der Methodik profitieren können.[6] Im Rahmen einer Nachuntersuchung von Brustkrebspatientinnen, denen vor 8 bis 15 Jahren ein Gruppenprogramm zur Stressbewältigung (10 Wochen á 2 Stunden) den Neustart nach der Operation erleichtern sollte, geben die Frauen heute seltener Depressionen und eine höhere Lebensqualität an.[7]

Psychosoziale Nachsorge ist unterrepräsentiert
Joachim Weis

(Integrativ arbeitende) Onkologen braucht das Land

Die Bedeutung dieses Themas steigt mit der wachsenden Zahl der Patienten, die 5 Jahre oder länger mit ihrer Erkrankung leben. Derzeit sind es laut Hochrechnungen des Robert Koch-Instituts etwa 1,7 Millionen Menschen; bei rund 2 Millionen liegt die Erstdiagnose mehr als 10 Jahre zurück.

Die Gründe dafür sind einerseits die Verbesserungen der Diagnostik und Therapien von Krebserkrankungen, andererseits ist es die demographische Entwicklung. Beide Faktoren sorgen dafür, dass künftig immer mehr Patienten mit der Diagnose Krebs wie mit einer chronischen Krankheit leben werden. Die Gesundheitssysteme wiederum werden zusätzlich vor enorme Herausforderungen hinsichtlich der Anforderungen an die spezialisierte Versorgung und die Zahl der Fachärzte und Pflegekräfte gestellt. Daran mangelt es nicht nur heute an allen Ecken und Enden, sondern auch in den nächsten Jahren.

Darauf weisen auch die 2o14 vorgestellten Studien Future Demands für Deutschland und Österreich hin. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) und der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) sind eine Bestandsaufnahme und künftige Anforderungen an die onkologische Versorgung bis 2020 erstellt worden.[8]

Vielleicht wird auch deshalb neuerdings aus dem Gesundheitsministerium der Ruf nach mehr zertifizierten Tumorzentren lauter. Dort wird per se interdisziplinär kooperiert. Dies wiederum ermöglicht optimierte Behandlungskonzepte, die von der Erstdiagnose über die Therapieplanung bis zur Therapiekontrolle reichen. Nicht alle sind integrativ ausgerichtet, dennoch ist empathische Begleitung hoffentlich inklusive.

 

Zum Thema


Onko-Internetportal der Deutschen Krebsgesellschaft: Entspannungstechniken für Krebspatienten
Stand: o2.März 2o15

 

1 Mitchell AJ et al: The Lancet Oncology. 2013; 14 (8): 721-732
DOI: 10.1016/S1470-2045(13)70244-4

2 Walker J et al: The Lancet Psychiatry 2o14. 1; 5: 343-350
DOI: 10.1016/S2215-0366(14)70313-X

3 Sharpe M et al: The Lancet 2014. 384; 9948: 1099-1108
DOI: 10.1016/S0140-6736(14)61231-9

4 Walker J et al: The Lancet Oncology 2o14. 15; 1o: 1168-1176
DOI: 10.1016/S1470-2045(14)70343-2

5 Rodin G: The Lancet 2o14. 384; 9948: 1076-1078
DOI: 10.1016/S0140-6736(14)61342-8

6 Dobos G und Kümmel S: Gemeinsam gegen Krebs. Zwei Ärzte für eine menschliche Medizin. Zabert Sandmann 2o11

7 Stagl JM et al: Cancer (online) 23. März 2015
DOI: 10.1002/cncr.29076

8 DGHO: Herausforderung demografischer Wandel. Bestandsaufnahme und künftige Anforderungen an die onkologische Versorgung. Gesundheitspolitische Schriftenreihe, Band 1

Was ist Meditation?

„Je nachdem, wen Sie fragen, was Meditation ist oder wozu man meditiert, werden Sie eine andere Antwort erhalten. Einige sagen: Meditation ist Nichtstun, zumindest sieht es so aus. Für andere ist Meditation keine Technik, sondern eine Art zu sein,“ schreibt Prof. em. Jon Kabat-Zinn, Molekularbiologe, Stressforscher, Verhaltensmediziner und Meditationslehrer in Massachusetts.[1]

Das in Religionen verankerte spirituelle Prinzip ist längst keine suspekte Beschäftigung für Randgruppen mehr, sondern gehört mittlerweile auch hierzulande zum Zeitgeist. Verpackt in komplementärmedizinische Programme wie „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) oder „Mindfulness-Based Cognitive Therapy“ (MBCT) wird die Achtsamkeitsbasierte Meditation in Universitätskliniken, Krankenhäusern und Gesundheitszentren gelehrt.

Für Kabat-Zinn, den Gründer des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society (CFM) an der University of Massachusetts Medical School und des MBSR-Programms, ist Meditation und insbesondere die Achtsamkeitsmeditation eine weitere Form des Selbstgesprächs. „Sie können Ihr Innerstes aufschließen und einen Bewusstseinszustand der Ruhe, klaren Wahrnehmung und des nichturteilenden Gewahrseins im Augenblick erreichen – jenen Bereich, den die alten chinesischen Daoisten das offene, wache Nichtstun nennen.“

Den Kopf vom inneren Geschwätz, den Körper von Spannungen befreien und in einen Zustand
der völligen Ruhe gelangen
Jon Kabat-Zinn

Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz

Ende 1970 hat Kabat-Zinn in Massachusetts begonnen, die Wirkungen der Achtsamkeitsmeditation bei chronisch Kranken zu untersuchen. Grundelemente der Achtsamkeit sind Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz, Großzügigkeit – archaische Werte, die zunehmend wie aus einer anderen Welt anmuten. Seit 1995 wird sein MBSR-Programm am CFM begleitend zu medizinischen und psychotherapeutischen Maßnahmen eingesetzt, um vor allem Menschen zu helfen, besser mit chronischem Stress, Depression und Angststörungen umgehen zu können. MBSR fördert vor allem die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, fördert die Hinwendung zu Herausforderungen und Schmerzen.

Achtsamkeits- und Transzendentale Meditationsformen sind Methoden der bewussten Tiefenentspannung, bei der die Konzentration nach innen auf einen sich wiederholenden Vorgang gerichtet ist, sei es auf die Atmung, ein Wort, einen Satz oder Spruch. Der Fokus auf solche Wiederholungen ist dabei nur ein Hilfsmittel, um das sympathische Nervensystem zu beruhigen, den Kopf vom „inneren Geschwätz“ und negativen Gedanken/Gefühlen respektive den Körper von Spannungen zu befreien und so in einen Zustand der völligen Ruhe zu gelangen.

Harte Arbeit

„Das ist harte Arbeit,“ so Kabat-Zinn, denn es sei nicht einfach, im täglichen Strom der Ereignisse oder wenn das Leben mal wieder verrückt spielt, regelmäßig auch nur eine kurze Zeit am Stück innezuhalten, sich einfach nur eine Weile allein hinzusetzen, still zu sein und die Gedanken, Sorgen, Verlangen, Leiden und sämtliche andere Bewusstseinszustände erst zu akzeptieren und dann nicht wertend loszulassen. „Sei leer, sei still. Beobachte einfach, wie alles kommt und geht“, hat es der chinesische Philosoph Laotse (6 Jh. v. Chr.) formuliert.

Diese innere Ausrichtung wird in der Psychotherapie manchmal als „radikale Akzeptanz“ bezeichnet. Sie zu erreichen ist nicht einfach, besonders wenn das, was geschieht, nicht unseren allgegenwärtigen Erwartungen, Wünschen und Phantasien entspricht.

Deshalb, so Kabat-Zinn, ist Meditation nichts für Feiglinge: „Meditieren ist nicht das, was Sie denken. Es geht weder darum, einen Schalter umzulegen und sich irgendwohin zu katapultieren, noch bestimmte Gedanken zu pflegen und andere zu vermeiden oder gar darum, sich zum Friedlich- oder Entspanntsein zu zwingen. Es geht überhaupt nicht ums Denken. Es geht darum, einfach zu sein. Es geht um das Nicht-Festhalten und daraus folgend um die Bereitschaft, unter allen auftretenden Umständen angemessen zu handeln.“

Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen
und Schmerzen zu lindern
Madhav Goyal

Gegen Ängste, Depressionen und Schmerzen

MBSR wird seit vielen Jahren regelmäßig auf Evidenz untersucht. Eine neuere Studie einer Arbeitsgruppe der renommierten Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, hat diese und andere Meditationsformen wie die Mantra-basierte Transzendentale Meditation in einer Metaanalyse überprüft.[2]

„Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen und Schmerzen zu lindern,“ lautete das Kernergebnis. Eine geringe Wirksamkeit haben die Autoren auch auf die allgemeine Bewältigung von Stress und die Lebensqualität ermittelt – nicht aber auf Variablen wie Substanzmissbrauch (Alkohol, Nikotin), Schlafstörungen, ungesunde Essgewohnheiten und Gewichtsprobleme. Für die Transzendentalen Meditationsformen wurden keine vergleichbaren Wirkungen festgestellt.

Nach umfangreicher Literaturrecherche wurden die Ergebnisse von insgesamt 47 Kurz- und Langzeitstudien (Dauer: 3 Wochen bis 5,4 Jahre) von unterschiedlicher Qualität und mit 3.515 Patienten über 18 Jahre (18 bis 206 Patienten pro Studie) zusammengefasst. 15 Studien hatten Patienten mit Depression, Angsterkrankungen, Stress-Symptomen und Schlaflosigkeit untersucht; 5 Studien hatten Raucher und Alkoholiker, 5 Studien chronische Schmerzpatienten und 16 Studien Patienten mit verschiedenen Diagnosen aufgenommen, darunter Brustkrebs, Bluthochdruck, COPD, Diabetes, HIV.

Die größten Effektstärken ermittelten die Autoren für Angsterkrankungen, geringe bis mittlere Effekte zeigten sich für Depressionen und Schmerz.

„Die Ergebnisse sind nicht umwerfend, aber die kleinen Fallzahlen der einzelnen Studien und die heterogenen Indikationen lassen letztlich keine guten und vor allem keine endgültige Aussagen zu,“ kommentierte Prof. Dr. Benno Brinkhaus, Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité sowie Leiter der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Standort Mitte im Gespräch mit mir.

Brinkhaus fand es problematisch, dass viele nicht immer vergleichbare Studien in Reviews und Metaanalysen zusammengefasst würden. „Diese haben zwar die höchste Evidenz, aber man muss die große Heterogenität immer auch kritisch als Limitation sehen. Die Frage ist unklar, ob es besser gewesen wäre, wenn ausschließlich Studien aufgenommen worden wären, in denen nur Patienten mit Stress-assoziierten Erkrankungen und nicht auch Patienten mit Asthma, Fibromyalgie oder HIV eingeschlossen worden wären,“ so Brinkhaus.

Warum ist Meditation im Besonderen und sind komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft?
Allan H. Goroll

Die Expertise des Meditationslehrers

In einem Gastkommentar zu der Analyse beschäftigten Prof. Allan H. Goroll, Harvard Medical School und Massachusetts General Hospital, noch andere Aspekte: „Die Meditation nimmt aufgrund ihrer Historie zwar eine Sonderstellung in der Komplementärmedizin ein. Doch der bescheidene Nutzen, den Studien zeigen, deren Methodik zudem nicht immer wissenschaftlich ist, wirft die Frage auf, warum Meditation im Besonderen und komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden sind – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft. Ist es der Wunsch, einen Alltag wieder selbstbestimmt strukturieren und kontrollieren zu können, der sich scheinbar immer weniger bewältigen lässt?“

Goroll hielt es für wichtig, solide wissenschaftliche Metaanalysen wie die vorliegende einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und zum Gegenstand von Gesprächen zwischen Ärzten und jenen Patienten zu machen, die begeistert und unkritisch unvalidierte komplementäre Maßnahmen in ihren Alltag und die Behandlung ihrer Krankheiten integrieren wollen.

Goyal und Kollegen wiederum betonen die Notwendigkeit weiterer Studien, die vor allem drei Faktoren überprüfen sollten: Die Expertise des Meditationslehrers, den zeitlichen Übungsumfang und die Umsetzungsmöglichkeiten in den Alltag. Davon hänge der Erfolg der Achtsamkeitsmeditation ebenso ab wie von Sozialstatus, Bildung und Spiritualität.

„Historisch ist Meditation nun mal keine Therapie bei Gesundheitsproblemen, sondern eine Schulung des Geistes, um einen Bewusstseinszustand der völligen Ruhe zu erreichen,“ so die Autoren.

Brinkhaus konnte nur zustimmen: „Ärzte sollten in der Lage sein, mit potenziellen Patienten über die Bedeutung von Meditation zu sprechen. Die Rolle der Meditation und auch ihre Grenzen müssen klar dargestellt werden.“

 


 

1 Kabat-Zinn J: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Arbor Verlag 2006

2 Goyal M et al: JAMA Intern Med 2014; 174(3): 357-368
DOI: 10.1001/jamainternmed.2013.13018

Wie die Seele mit dem Körper spricht

Im Guten wie im Bösen: Gedanken und Gefühle beeinflussen den gesamten Körper, genauer: das Immunsystem, welches mit einer Armada von mehr als zehn Millionen Abwehrzellstämmen der Schlüssel zu unserer Gesundheit und gewissermaßen unser innerer Arzt ist. Größtes Immunorgan wiederum sind die Verdauungsorgane, dort sind etwa 80% aller Immunzellen des menschlichen Körpers angesiedelt, umgeben werden sie von einem Nervengeflecht aus über 100 Millionen Neuronen. Der Darm, auch „Bauchhirn“ genannt, reagiert wie ein Seismograph auf Stress und andere psychische Belastungen.

Über die (biochemischen) Bedingungen und Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Immunsystem wurde noch vor 30 Jahren wild spekuliert, da zu wenig über die Kommunikationswege zwischen den großen Körpersystemen – dem Immun-, Nerven- und Hormonsystem – bekannt war.

Inzwischen ist längst messbar, wie die Seele mit dem Körper kommuniziert: Im Rahmen der Entwicklung der Psychoneuroimmunologie (PNI) wurde bekannt, dass das zentrale Nervensystem – das Gehirn und das Rückenmark – mit dem hochintelligenten Immunsystem über Nerven- und Hormonreize in Verbindung steht. Und umgekehrt.

Das psychosomatische Netzwerk

Das Ganze heißt psychosomatisches Netzwerk, dessen Existenz bildet die Grundlage für die Erforschung von Verhaltensweisen und die Wirkung auf das Immunsystem – und umgekehrt von Auswirkungen von Immunprozessen auf das Verhalten. In der Psychosomatik steht jede körperliche Krankheit mit seelischen Vorgängen in Zusammenhang; bei psychosomatischen Erkrankungen wandelt sich seelischer Schmerz in körperliche Symptome, sie sind Botschafter chronisch gewordener Konflikte und Defizite.

Auch akuter seelischer und körperlicher Stress beeinflussen die Funktionen der Körperabwehr: Die Nervenzellen des Gehirns können biochemische Substanzen (z. B. Hormone, Botenstoffe, Neuropeptide) produzieren, die dem Körper dazu verhelfen, effektiver Krankheiten zu verhindern. Andererseits kann die Entstehung oder Verschlechterung von Krankheiten begünstigt werden. Diese lebhafte Kommunikation zwischen allen Systemen wird mit unterschiedlichen Messmethoden zum Beispiel aus der Hirn-, Stress- und Hormonforschung dargestellt.

Heilung ist die Umarmung dessen,
was wir am meisten fürchten

Schaltstellen dieser Regelkreise sind das Gehirn mit der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und dem Zwischenhirn (Hypothalamus), sind die Nebennieren und die Immunzellen selbst. Darüber hinaus können diese Regelkreise und Informationswege durch den Einfluss von Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen gesteuert und damit auch für die Heilung genutzt werden.

Umgekehrt beeinträchtigen unbewusste negative Gedanken- und Gefühlsmuster die Prozesse in dem Sinn, dass die Selbstheilung unterdrückt wird. Die Informationen, die übertragen werden, hängen vom jeweiligen emotionalen Zustand ab. Wir erinnern uns: Emotionen sind das, was uns bewegt – im Körper, in Gedanken, im Gefühl, zum Handeln.

Beste Ausdrucksform für das Handeln sind gute, achtsame Selbstgespräche und im Idealfall eine Art des Miteinander-Redens, die sich für beide Seiten als bereichernd erweist, da sie geprägt ist von “3 W”: Wertschätzung, emotionale Wärme, kluge Worte.

Viele Wege führen zu diesem Ziel, Meditationen und das Meridianklopfen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin sind zwei besonders wirksame. Das Besondere daran ist, dass sich durch Übung bisher ungenutzte Potenziale dem Bewusstsein erschließen.

 

Wenn wir uns daher, sooft von Achtsamkeit die Rede ist, nicht auch in unserem Herzen angesprochen fühlen, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit das Wesentliche verfehlen
Jon Kabat-Zinn

 

Neuron fractal 1. Amattox Mattox | FlickR

 

 

Ein Maß finden in der Angst

Wir sehen den sozialen Frieden in Gefahr, misstrauen dem digitalen Fortschritt und fürchten uns vor Terror und Gewalt: Wir leben in einem Zeitalter der Angst, heißt es. Haben Angst vor dem Abstieg. Angst vor Einsamkeit. Angst davor, unsichtbar zu werden. Darüber hätte sich vor zehn Jahren noch intensiv diskutieren lassen. Heute nicht mehr.

 

Die vielen Gesichter der Angst sind neben den Depressionen in den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO die weltweit häufigsten Erkrankungen der Seele. Zugenommen hat naturgemäß auch die Zahl der Betroffenen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Angst lähmt unglaublich viele Menschen, und doch vertrauen sie sich niemandem an – aus Angst, nicht ernst genug genommen zu werden; aus Angst, zuviel von sich preisgeben zu müssen; aus Angst vor Stigmatisierung. Das setzt oft genug einen Teufelskreis in Gang: Es ist bekannt, dass sich hinter vielen Ängsten ursprünglich eine nicht erkannte und nicht behandelte Depression verbirgt.

Zunächst ist Angst ein prinzipiell wichtiges, notwendiges, normales Gefühl – ein genialer Trick der Natur, der letztlich Leben ermöglicht. Kinder fürchten die Dunkelheit, Erwachsene Gewitter, im Alter wächst die Angst vor Krankheiten, Einsamkeit und Tod.

Zur Diagnose wird Angst erst, wenn sie unangemessen stark ist, zu oft und zu lange auftritt, mit Kontrollverlusten oder Zwangshandlungen verbunden ist, starkes Leid verursacht und dazu führt, dass man den Auslösern aus dem Weg geht. Unter dem Begriff Angststörungen werden heute die Agoraphobie /Panikattacken, generalisierte Angststörung, soziale Phobie und spezifische Phobien zusammengefasst. Charakterisiert sind sie dadurch, dass die Betroffenen exzessiv auf akute Gefahren und Bedrohungen reagieren; gegebenenfalls existieren diese gar nicht.

Bin ich einsam? Ja, manchmal schon. Mir fehlen nicht einfach nur Menschen, sondern das Gefühl, von jemandem beachtet zu werden
Wilfried Erdmann, Weltumsegler

Der Nährboden für soziale Phobien

Allgemein spielt sich Angst stets auf vier Ebenen ab. Involviert sind die Gefühle (Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Furcht, Resignation), die Gedanken (ich kollabiere; ich verliere die Kontrolle), der Körper (Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Zittern etc.), das Verhalten (Flucht, Hilfe suchen, Vermeiden, Medikamente nehmen).〈1〉

Am weitesten verbreitet sind Agoraphobien: Ängste vor Spinnen, großen Plätzen, engen Räumen, Menschenansammlungen. Bei spezifischen Phobien gibt es von Bienen über Schlangen bis Vogelfedern nichts, was vor allem Frauen nicht anhaltend und exzessiv in Panik versetzen kann.

Die soziale Phobie wird seit wenigen Jahren intensiv als zeittypisches Phänomen wahrgenommen, obwohl sie bereits seit 1980 ein eigenständiges Krankheitsbild ist: In einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Klima, in dem Belastbarkeit, hohe Flexibilität und emotionale Kompetenz wichtiger denn je für private Beziehungen wie für Arbeitsatmosphären sind, finden Ängste einen guten Nährboden, so anspruchsvollen Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Bei einer generalisierten Angststörung steht die Sorge um alles und jeden im Vordergrund – um den Partner auf dem Weg zur Arbeit, um das Kind in der Schule, um den Verlust der finanziellen Sicherheit. Auf den ersten Blick mögen solche Befürchtungen hochneurotisch erscheinen, sie beherrschen und behindern das Leben jedoch Tage, Wochen, Monate.

Panikattacken kommen plötzlich und unerwartet und finden meist in Verbindung mit anderen Angststörungen statt, z. B. einer Agoraphobie. Häufig sind sie Folge einer Depression.

Für akute Belastungsreaktionen und eine Posttraumatische Belastungsstörung gibt es zahllose Ursachen: Krieg, Verbrechen, Vergewaltigung, Naturkatastrophen, Unfälle, Verluste (von Arbeitsplatz über Besitz bis zu einem oder mehrere Menschen durch Tod) … Ein traumatisierendes Ereignis kann unmittelbar erlebt oder beobachtet werden. Auch professionelle Ersthelfer werden häufig mit nachhaltigen Stressfaktoren konfrontiert: mit dem Anblick und Ausmaß einer Katastrophe.

Zwangsstörungen sind extrem gesteigerte Handlungen und Gedanken (Hände waschen, Herd überprüfen, Haustür absperren …), die in viele Lebensbereiche ragen, sehr zeitraubend werden, mit großem Leidensdruck und oft auch körperlichen Beschwerden verbunden sind. Sobald zwanghafte Handlungen oder Gedanken unterdrückt werden, verstärkt sich die Angst deutlich.

Kein gemeinsamer Nenner

Ängste lassen sich nicht immer auf einzelne, eindeutige Ursachen zurückführen. Es wirken verschiedene Faktoren zusammen, genetische Veranlagung und erlernte Verhaltensmuster ebenso wie das soziale Umfeld und biographische Krisen. So vielfältig die Faktoren auch sind, erst im Zusammenwirken wird die Seele letztlich verletzbar – vulnerabel – gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress. Entsprechend werden die Zusammenhänge wissenschaftlich unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst. Es integriert verschiedene Theorien und Aspekte über die Ursachen, die bei jeder Angststörung wichtig sind:

Das psychosoziale Modell

Konzentriert sich auf Stressoren und Konflikte. Demnach sind Ängste auf situative Stressfaktoren (z. B. schmerzliche Trennungen oder Verluste, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit) und/oder psychische Konflikte (z. B. zermürbende Partnerkrisen) zurückzuführen. Früher galt die Auffassung, dass mit dem Grad des Stresses die Schwere der Angst korreliert. Ziel der Behandlung war es, die Belastungen auszuschalten. Dann hat sich gezeigt, dass nicht alle Angststörungen in das Schema passen. Bei der Entwicklung einer generalisierten Angst beispielsweise sind neben Dauerstress ein geringes Selbstwertgefühl sowie ein suboptimaler Gesundheitszustand beteiligt.

Hier kann Ihnen ein SecondaVita Præventionstraining oder Systemisches Præventionscoaching helfen.

Das lerntheoretische Modell

Betont wird die klassische Konditionierung: Bislang neutrale Situationen oder Objekte lösen plötzlich Angstreaktionen aus. Andere Lerntheorien betrachten Angststörungen im Zusammenhang mit der gesamten Persönlichkeitsentwicklung. In der frühen Lebensführung kann – muss aber nicht – die Erziehung die Entwicklung von Angst begünstigen. Unter anderem können

  • eine überbehütete Kindheit;
  • traumatische Erfahrungen (körperliche, psychische Misshandlungen);
  • eine an liebevoller Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung fehlende Erziehung;
  • elterliche Zuwendung, die an besondere Leistung gebunden ist;
  • ein Erziehungsstil, der selbstsicheres und unabhängiges Verhalten wenig fördert;
  • Lerndefizite im Sozialverhalten

früh wichtige Hirnareale verändern. Die so entstehenden biologischen Narben prägen die Persönlichkeit. Experten sprechen von erhöhter Angstbereitschaft gegenüber sozialen Situationen, die als bedrohlich erlebt werden.

Die Anfälligkeit allein führt aber nicht zwingend in die Erkrankung. Auch scheint es, als hätten die Betroffenen kein ausgeprägtes Gefühl der Kohärenz. Gemeint ist damit eine widerstandsfähige Haltung zum Leben, die mit der Gewissheit einhergeht, tägliche Belastungen und Krisen bewältigen zu können.

Hier kann Ihnen ein Systemisches Præventionscoaching helfen.

 Die Rolle der Gene

Die Frage, warum nicht alle Menschen unter ähnlichen Bedingungen krank werden vor Angst, versuchen unter anderem Genetiker und Neurowissenschaftler zu klären, indem sie zunächst postulieren: Es muss zusätzlich eine genetische bzw. biologische Veranlagung vorliegen.

Genetische Faktoren werden für psychische Erkrankungen bisher nicht vollständig verstanden. Gene können einerseits ein Risikofaktor für eine psychische Störung sein, andererseits aber auch eine Schutzwirkung haben. Insgesamt sollte ihre Bedeutung nicht überschätzt werden, sie lösen per se keine Krankheiten aus, sie disponieren lediglich dafür. Das heißt, es gibt ein erhöhtes Risiko, die Krankheit muss nicht automatisch ausbrechen. Maßgeblich verantwortlich sind andere Faktoren, oft Umwelteinflüsse und der Lebensstil.

Das biologische Modell

„Der Schlüssel für ein besseres Verständnis psychischer Störungen heißt Hirnforschung,“ hat Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken für Psychiatrie in Düsseldorf, zu Beginn des Jahres 2000 festgestellt. Zu jenem Zeitpunkt hielten die Psychiater ihr Fach für das interessanteste der gesamten Medizin, da die zahlreichen neuen Erkenntnisse der Hirnforschung über die Funktionsunterschiede zwischen Gesunden und Kranken in den zehn Jahren zuvor die Psychiatrie revolutioniert hatten – im Verständnis der Ursachen über die Diagnostik bis zu den Therapien. Derzeit ist der Lack ein bisschen ab, aber das ist ein anderes Thema.

Nach wie vor gilt: Welche Krankheitsform sich die leidende Seele sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab. In fast allen Fällen geht dies mit Veränderungen in bestimmten Hirnarealen einher, genauer: mit einer Störung im Stoffwechsel der chemischen Botenstoffe (Neurotransmitter). Diese gewährleisten die einwandfreie Kommunikation zwischen den rund 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns und steuern verschiedene körperliche und geistige Prozesse.

Man weiß auch: Angst ist Stress – wie jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns einwirkt. Und Stress verändert Hirnfunktionen. Die komplexen Prozesse, die Angstgefühle erzeugen, laufen mit unfassbarer Geschwindigkeit und vielfach unbewusst ab. Welche Hirnstrukturen und Neurotransmitter daran beteiligt sind, war und ist Gegenstand zahlreicher Forschungen.

Klar ist: Bei Angstpatienten sind bestimmte Hirnregionen und die zugehörigen Neurotransmitter aktiv, die unmittelbar Denken und Fühlen beeinflussen. Dazu gehören die Mandelkerne (Amygdalae), eine stammesgeschichtlich sehr alte, paarig angelegte Funktionseinheit im Großhirn, die eng mit verschiedenen Strukturen des Gehirns verschaltet ist. Ob Furcht oder Fluchtwünsche – bei jeder Art von Emotionen spielt die Amygdala eine zentrale Rolle.

Ist die erst mal aktiviert, läuft das typische Kampf-Flucht-Schema ab, das Menschen und höher entwickelte Tiere seit Urzeiten durchs Leben begleitet und dieses oft genug rettet. Ein Faktor, der bei der körperlichen Wahrnehmung von Stress eine Rolle spielt, ist das vegetative Nervensystem. Es ist bei Angstpatienten leichter erregbar als bei Gesunden. Das Vegetativum stellt die Verbindung zu den inneren Organen und Drüsen her, es hat mit Körperprozessen zu tun, die selbstständig ohne das Bewusstsein (unwillkürlich) ablaufen. Beispiele sind Funktionen wie Atmung, Verdauung, Blutdruck, Schwitzen, Weinen.

Unklar ist generell noch, was Henne und Ei ist, inwieweit also Neurotransmitter-Störungen zum eigentlichen Ausbruch einer psychischen Erkrankung führen oder ob sie selbst lediglich Bestandteil des Prozesses sind.

Besonnenheit impliziert ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Angst, aber auch von Hoffnung, ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Sehnsucht,
aber auch von Besorgnis

Giovanni Maio

Verstanden werden, Harmonien herstellen 

So oder so: Ängste, die das Leben dominieren, gehören immer in die Obhut von ebenso qualifizierten wie empathischen und engagierten Fachleuten. Außerdem verschwinden Ängste in aller Regel nicht von allein. Abhängig von den Ursachen, Beschwerden, Schweregraden und Patientenwünschen stehen differenzierte Ansätze zur Verfügung, die sich gegebenenfalls kombinieren lassen. Die neue S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen ist von April 2014; Orientierung für die Behandlung von Zwangsstörungen bietet eine neu entwickelte S3-Leitlinie von März 2o15.

Das Spektrum ist groß, begleitend zu Verhaltenstherapien, medikamentösen Maßnahmen, Hypno- und Traumatherapien oder Körpertherapien einschließlich Sport haben sich die Techniken der Stressbewältigung durch Achtsamkeit (Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) nach Kabat-Zinn als  sinnvoll und hilfreich erwiesen.

Das Wichtigste aber ist Zeit, Trost, Zuversicht – ist das Prinzip Hoffnung, ist positive Motivation. Es gilt, ein verständliches Modell seiner Krankheit zu erhalten, zum Experten seiner selbst zu werden und mehrdimensionale Wege zur Genesung zu eröffnen. Angstfreiheit lässt sich nicht verordnen, es lässt sich aber eine Harmonie herstellen zwischen dem was ist und dem, was idealerweise sein könnte. Der Arzt, Philosoph und Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio, Freiburg, nennt dies den „zentralen Wesenszug der Besonnenheit“, die eine Voraussetzung für das Selbstsein sei und die einen davon abhält, maßlos zu sein – auch mit den eigenen Affekten.〈2〉

Besonnenheit setze Realitätssinn und Klugheit voraus, eine innere Ruhe und Handelnwollen; Eigenschaften, die gleichsam nützlich sind für das therapeutische Konzept des Befähigens. Werden auch noch Angehörige aktiv eingebunden, umso besser: Im Rahmen der Psychoedukation können Patienten und Angehörige ihre jeweilige Lebensqualität verbessern auf dem Weg, zumindest angstfreier zu leben. In diesem Perspektivwechsel hin zur Stärkung der Standfestigkeit und Autonomie liegt zudem die Chance, sich selbst zu finden und, mehr noch, sich selbst annehmen zu können.

„Es ist unsere innere Einstellung, die uns sagt, dass das vermeintlich Imperfekte im Menschen, seine Leistungsgrenzen, seine Verwundbarkeit einen tieferen Sinn haben“, schreibt Maio. Gesund sei nicht, wer keine Beeinträchtigung hat, sondern wer einen kreativen Umgang mit seiner eigenen Begrenztheit und seiner grundsätzlichen Versehrbarkeit gefunden hat.

 

Zum Thema


IM FOKUS: DAS KRANKE GEHIRN

 

9 IDEEN FÜR EINE BESSERE NEUROWISSENSCHAFT

 

1 Berger, Mathias et al: Angststörungen in Psychiatrie und Psychotherapie. Urban u Fischer 2ooo

2 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

Wohlwollend denken

Negative Gedanken. Das Unangenehme daran ist, dass sie alles noch schlimmer machen. Ob jede Situation, und sei sie noch so bitter, immer auch Gutes birgt, darüber lässt sich nicht wirklich diskutieren. Es gibt Menschen, die sind resilient, andere sind es nicht.

Gleichwohl lässt sich etwas an dem Versuch tun, Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen herzustellen und die Destillate in einen größeren Kontext zu stellen. In der Psychologie geht man davon aus, dass die Art, wie ein Mensch sich und das Leben sieht, von seinen Einstellungen, Gedanken, Bildern, Selbstgesprächen und Interpretationen aktiv beeinflusst wird. Inhalt und Qualität von Kognitionen beeinflussen Gefühle, Verhalten, Körperreaktionen und schließlich die Gesundheit.

Beispielsweise kann aus der sich wiederholenden Erfahrung der Hilflosigkeit in verschiedenen Situationen der Lerneffekt entstehen, das Leben nicht meistern zu können. „Erlernte Hilflosigkeit“ führt zu Denkmustern wie „Ich kann nichts, ich bin ein Loser, egal, was ich tue.“ Und ist ein Wegbereiter für Depression. Depressive Erkrankungen sind gekennzeichnet durch eine mangelnde Bewältigung und Kontrolle von negativen Gedanken, Eindrücken und Gefühlen.

Umgekehrt sind Narzissten und Psychopathen so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass die Befindlichkeiten anderer sie weder interessieren noch berühren. Nicht von ungefähr werden sie in der Wissenschaft auch „Sozialstraftäter“ genannt – und zusammen mit den Machiavellisten, den skrupellosen Manipulatoren, als „Dunkle Triade“ bezeichnet.

Oder: Wer an einen Streit mit dem Partner oder an Probleme am Arbeitsplatz denkt (vielleicht wegen der eben genannten Mitarbeiter oder Vorgesetzten), kennt vielleicht innere Monologe wie „Das hört und hört nicht auf.“ – „Warum gerade ich…“ – „Das wird wieder ein grauenvoller Tag.“

Gerade im Zusammenhang mit klinischen psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankungen ist es wichtig, seine eigenen negativen Gedanken, Überzeugungen, Gefühle zu kennen, sie lassen sich dann eher steuern. Sonst haben sie Sie, nicht Sie sie.

Negative Gedanken und Überzeugungen
wahrnehmen, ordnen, annehmen, ersetzen

 

Mit mentalen Verfahren lässt sich daran arbeiten, die eigene Person und stresserzeugende Situationen bzw. in stresserzeugenden Situationen realistischer wahrzunehmen. Grundannahme ist, dass destruktive Denk- und Verhaltensweisen erlernt wurden und wieder verlernt werden können. In entsprechenden Übungen werden automatisch auftauchende negative Gedanken und Überzeugungen identifiziert, bewertet und umgewandelt.

Wenn man ein Ziel hat, wird vieles unwichtig.
Dazu gehört auch die Einsamkeit
Wilfried Erdmann, Alleinsegler

In was? In Annahme vielleicht, in Annahme dessen, was ist. Das hat nichts mit Resignation oder Fatalismus zu tun. Im Gegenteil, es kann kreative Kraft entstehen und letztlich eine Haltung, die Dinge des Lebens sportlicher zu nehmen. Haltung ist ein besonderes Wort. Denn innere und äußere Haltung bilden den Gesamtzustand ab. In dem Sinne kann es nicht schaden, sportlich zu sein und jegliche Bewegungen bewusst auszuführen. Das heißt, auf das „Wie“ des Tuns zu achten.

Nach dem Prinzip funktionieren nahezu alle mentalen Trainingsformen, die Ziele sind stets die gleichen. Auf dieser Basis funktionieren auch mein Mind Body Medizin-Training | Selbstführungs-Training und meine Præventionsoachings:

Ziele des MBM-Trainings| Selbstführungs-Trainings und des Präventionscoachings:

 

  • Wohlwollende Grundeinstellung
  • Innere Kraftquellen nutzen
  • Sich besser kennenlernen
  • Die 5S
  • Integrativer Umgang mit Krisen, Konflikten, Widerständen 
  • ein guter, zumindest besserer Schwimmer werden
  • Visionen entwickeln, um Ziele greifbarer zu machen

 

Auf dem Weg zu neuen Ufern und zu Antworten ist es hilfreich, sich – und andere – nicht unter Druck zu setzen. Um Wohlwollen zu „schenken“ und uneigennützig für jemanden da zu sein, müssen wir uns selbst wohlfühlen. Es gibt ein paar Qualitäten oder auch ungeschriebene Gesetze, eines ist Geduld gepaart mit Gelassenheit, denn „ein Jegliches hat seine Zeit“. Darüber hinaus gibt es Meditationen, in denen es darum geht, eine Einstellung freundlichen Wohlwollens sich selbst und anderen gegenüber zu entwickeln.

„Man muss überdies von einem bequemen Rezeptdenken Abschied nehmen, der Suche nach fertigen, situationsunabhängig gültigen Prinzipien, die für alle gelten können – immer und überall,“ schreiben Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun, der Erfinder der Kommunikationspsychologie, und der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen.〈1〉 Was bleibe, sind gedankliche Rahmenbildungen, Werkzeuge zur Entdeckung der eigenen, individuellen Lösung.

Beste Ausdrucksform für das Ergebnis derart reflexiver Prozesse sind gute Selbstgespräche. Darüber hinaus ist es im Idealfall eine Art des Miteinander-Redens, die sich für beide Seiten als bereichernd erweist, da sie geprägt ist von „3 W“: Wertschätzung, emotionale Wärme, kluge Worte.

Und wenn man doch einmal ein Rezept präsentiert,
so bleibt dies der Selbsterarbeitung überlassen
Friedemann Schulz von Thun

 


 

1 Pörksen B und Schulz von Thun F: Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Carl Auer, 2o14

 

 

Bewusst entspannen

Winston Links | ask 2o13  Es gibt Menschen, die Ruhe nervös macht; Menschen, die den Sonntag – den Ruhetag – nicht leben können; Menschen, die sich vor sich fürchten – die fürchten, sich plötzlich mit sich beschäftigen zu müssen.

Jeder kann lernen, sich angstfrei zu begegnen und die belastenden Anforderungen eines komplexen Lebens positiv zu beeinflussen. Ein Weg ist sicherlich bewusstes Entspannen.

Auf körperlicher Ebene ist damit das Lösen von Muskelspannungen und eine Beruhigung des Atems gemeint.

Auf mentaler Ebene geht es um Wahrnehmen und „ziehen lassen“ von negativen Gedanken oder zwanghaften Sorgen.

Auf emotionaler Ebene geht es um Entwicklung größerer Gelassenheit, mehr Selbstakzeptanz, Konzentration und inneren Frieden.

Alle drei Ebenen – Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle – beeinflussen sich gegenseitig und finden im Verhalten ihren Ausdruck. Allerdings: Ruhe lässt sich nicht ein- und ausschalten wie eine Lampe. „Wir brauchen Übergangsrituale – Handlungen die immer wiederkehren und über die man nicht nachdenken muss,“ so Karlheinz A. Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Als Beispiel nennt Geißler das Unkrautzupfen.

Von Atmen bis Yoga

Das Ziel bewusster Entspannung ist nicht, immer entspannt zu sein; Ziel ist es, Entspannungsfähigkeit zu entwickeln und die Lieblingstechnik/en in den Alltag zu integrieren. Ansonsten macht der regelmäßige Wechsel zwischen An- und Entspannung einen gesunden Lebensstil aus.

Welche Entspannungsmethode die jeweils richtige ist, lässt sich nur durch Experimentieren herausfinden. Den Möglichkeiten sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt, hilfreich für die Entscheidung kann die Einteilung in Top-down-Verfahren und Bottom-up-Verfahren sein:

Top-down-Verfahren wie Autogenes Training, Meditation oder Feldenkrais lösen Entspannung über die Gedanken aus und wirken auf das vegetative Nervensystem (steuert alle Organfunktionen) und die motorische Muskulatur.

Bottom-up-Verfahren wie Progressive Muskelentspannung und Yoga wirken über bewusstes An- und Entspannen der Muskulatur auf das vegetative Nervensystem und die Gedanken.

Eines gilt für alle: Je ruhiger die Umgebung ist, umso besser. Wichtiger als eine Methodik an sich ist jedoch regelmäßiges Üben. Als optimal gelten 20 bis 30 Minuten täglich. Wer dies nicht einrichten kann, sollte zumindest versuchen, sich mehrmals zwischendurch fünf Minuten auf seine Atmung zu konzentrieren. Jedes noch so kurze Zentrieren wirkt positiv.

 


 

Geißler, Karlheinz A: Zeit – verweile doch … Lebensformen gegen die Hast. Herder 2oo2

Der populärste Stress

Viel ist in den letzten Jahren geschrieben worden über die Macht des populärsten aller Stressoren – über den Arbeitsstress. Höher, weiter, schneller, besser lautete das uneingeschränkte Diktum der Leistungsgesellschaft. Trödler, Träumer, Introvertierte und überhaupt Individualisten brauchten eine ziemlich dicke Haut und einen langen Atem, wenn sie ernst genommen werden wollten. Sofern sie das wollten.

Daran hat sich im Prinzip nichts geändert, nur dass die Gesellschaft jetzt im Hochleistungsbereich angekommen ist und dass die – freilich nicht ausnahmslos – von „Egoisten, Hohlköpfen und Psychopathen“ dirigierten Systeme durchschaubarer und erschütterbarer geworden sind.〈1〉

Banker oder Bankräuber – das ist manchmal nur eine Frage der Umstände
Karen Duve

In Chefetagen soll der Anteil an Persönlichkeitstypen mit einem aus der Balance geratenen Selbstbewusstsein sechsmal höher sein als im Bevölkerungsdurchschnitt: Machiavellisten, Psychopathen und Narzissten – gemeinsam werden diese drei als Dunkle Triade bezeichnet; sie alle gelten als emotional kalt, selbstgerecht und egoman, ihre Unterschiedlichkeit liegt in dem, was sie antreibt.〈2〉 Der Machiavellist ist ein skrupelloser Manipulator und will seine Ziele erreichen. Der Psychopath geht direkt und rücksichtslos vor, ihm geht es um die Handlung selbst. Der Narziss braucht in grenzenloser Selbstüberschätzung (schöner-besser-schlauer) Beachtung und Bewunderung. Mit dem Sadisten als viertem destruktiven und ausbeuterischen Typus wurde zur weiteren Differenzierung 2009 die Dunkle Tetrade benannt, dieses Konstrukt ist allerdings umstritten.

Für die Stillen, die Scheuen, die Soziophoben, alle von diesen Zeiten angewiderten Kreativen dennoch Gründe genug, sich dem „Theater der Purzelbäume“ (Thomas Bernhard) gelassener zu entziehen denn je; sie müssen nicht zwingend zum Arzt. „Dr. Feelgood“ kommt direkt ins Haus. Vor allem Unternehmen mit überwiegend jungen Mitarbeitern und Start ups entdecken das Feelgood Management als Silikon-Valley-Äquivalent zum sogenannten Chief Happiness Officer (CHO) für eine Unternehmenskultur, die sie als „reif“ bezeichnen.

Als sinnvolle deutsche Übersetzung für das noch neue Berufsbild taugt wahrscheinlich der etwas sperrige Begriff „Unternehmenskultur-Beauftragter“, er signalisiert zumindest, dass es um mehr als aktionistische Bespaßung geht. Auch haben wir es hier nicht mit einer begrifflichen Aufwertung des Büromitarbeiters im Minijob zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine gute Melange aus Betrieblichem Gesundheitsmanagement und BWL, denn die Konzepte der Prävention, Salutogenese und Resilienz spielen eine wichtige Rolle.

„Wir lassen uns nicht mehr treiben, werden achtsam,“ beschreibt Matthias Horx, Inhaber des zukunftsInstituts, die Gegenbewegung und hofft: „Das Business wird spirituell.“〈3〉Damit könnte die Feststellung des amerikanischen Ökonoms und Nobelpreisträgers Edmund Phelps, dass 95% des persönlichen Glücks durch die Arbeitswelt bestimmt wird, einen neuen Sinn ergeben.

Das gelingt inzwischen mit steigender Tendenz, die ideologiefreie Idee von der Achtsamkeit ist zur Ideologie geworden. Es haben sich viele Abgründe aufgetan, diese nicht immer schöne neue Welt – mancherorts bleibt es beim Umsichwerfen mit dem Wort – existiert parallel zu der der Lauten, Aktionisten, Extravertierten. Insbesondere dieser Teil der Gesellschaft ist besessen vom Status – und von der Angst, diesen zu verlieren.

Die Kultur des Verlierens ist abhanden gekommen, der moderne Sklave verbringt 80% seiner wachen Zeit in der Arbeitswelt, diese ist ein wesentliches Fundament seiner Erfahrungen. „Deshalb ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit: soziale Aufwertung der Arbeitswelt“, schreibt Prof. Richard Sennett, einer der bekanntesten Soziologen der Gegenwart.〈4〉 Ein hübsch klingendes Ziel, die Realität sieht meist (noch) anders aus.

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung: Die Balance zwischen Engagement und Belohnung stimmt nicht immer, insbesondere nicht bei den unter 40-Jährigen. Internationale Studien bestätigen seit Jahren, dass unter dem hohen ökonomischen Druck der heutigen Zeit

  • Arbeitsplatzunsicherheit,
  • hohe Anforderungen an Mobilität und Flexibilität,
  • Auflösung vertrauter Strukturen,
  • Über- und Unterforderung,
  • Über- und Unterinformation,
  • innerbetriebliche Machtkämpfe,
  • fehlende Unterstützung/Nichtanerkennung durch Kollegen,
  • offene und verdeckte Rivalität,
  • isolierte Arbeitsbedingungen,
  • unrealistische Zielsetzungen,
  • generelle Überarbeitung,
  • Mobbing,
  • mangelnde Führungskompetenz, autoritäres Verhalten, unzureichende Kooperation, unklare Instruktion und Willkür seitens der Vorgesetzten

massiven Stress auslösen und für viele Betroffene einen seelischen Konflikt darstellen, der oft zum Rückzug in Form einer depressiven oder anderen Störung führt. Der Preis ist hoch, der Weg in die existenzielle Frustration quasi programmiert.

Das gilt auch für die Arbeitssucht. Der Workoholic ist auf der Flucht – vor allem möglichen, vor allem aber vor sich selbst. Es gibt Schätzungen, wonach in Deutschland bis zu 500.000 Angestellte arbeitssüchtig sein sollen und weitere 14% als gefährdet gelten.

Gesellschaft der Angst

Wenn es um Krankheitsgründe am Arbeitsplatz geht, stehen Stress und Depression mittlerweile direkt hinter den Herzerkrankungen. Die Prognose der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2000, dass Depressionen bis zum Jahr 2020 weltweit die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit oder „verlorene Jahre“ sein werden, übertroffen nur von den Herz-Kreislauferkrankungen, ist bereits erfüllt.

Inzwischen geraten nicht mehr nur angestellte Ärzte, Führungskräfte und die Top-Verdiener in der Finanzwelt überdurchschnittlich häufig in die Stressfalle. Der Gesundheitsreport 2015 der Deutschen Angestellten Krankenkasse DAK mit dem Update „Doping am Arbeitsplatz“ hat die „kleinen Angestellten“ als ebenfalls hoch gefährdete Risikogruppe ausgemacht.〈5〉 Alle leiden unter jenem Zeitphänomen, das die einen als „Burnout“ bezeichnen, die anderen als „begriffliches Vehikel für affektive Störungen“ wie Depressionen, Ängste, Drogen-, Medikamentenmissbrauch.

Schlüsseldimensionen auf dem Weg in den Teufelskreis sind in jedem Fall (Selbst)Ausbeutung, emotionale Erschöpfung, Depersonalisation („Menschenaversion“) und reduzierte Leistungsfähigkeit als Folge nicht erfüllter individueller arbeitsbezogener Wertvorstellungen einschließlich objektiv belastender Arbeitszeiten. Für die Angst vor dem Jobverlust gilt laut DAK-Report: Je einfacher die Tätigkeit und je unsicherer die Anstellung, desto höher das Risiko.〈5〉 Bei Managern sind Ängste nach Depressionen und Alkoholmissbrauch die dritthäufigste psychische Störung.

Ist die Arbeitswelt schon eine bessere, wenn es neben den kaltschnäuzigen und machtbesessenen Chefs endlich auch mehr kaltschnäuzige und machtbesessene Chefinnen gibt?
Spiegel Online

Der deutsche Soziologe Prof. Dr. Heinz Bude, Kassel, nennt das Phänomen bei Gutverdienern das Sicherheitsparadox.〈6〉 Es besagt, dass die Empfindlichkeit für Unsicherheiten mit dem Ausmaß der Sicherheit wächst. In der so entstandenen „Gesellschaft der Angst“ mache nahezu jeder mit, um den Begriff eines gelingenden Lebens für sich einzulösen und aus Angst, nicht mehr mitspielen zu dürfen. Die Ziele bedingen einander und seien deshalb besonders tückisch, weil Bildung und Leistung nicht mehr automatisch sozialen Aufstieg garantieren.

Der Intuiton vertrauen

Wenn es dann doch passiert, bedeutet der Jobverlust nicht nur den Verlust materieller Sicherheit, sondern in aller Regel eine erhebliche psychische Belastung. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, vermeintlich fehlende soziale Anerkennung, zunächst unstrukturierte Tagesabläufe sowie zunächst als Defizit erlebte Kontaktverluste und nicht zuletzt Minderwertigkeitsgefühle können dabei eine Rolle spielen.

Die Option, Angst zu verlieren und einzigartige neue Räume zu erobern, spielt keine Rolle. Schade, denn in einer Welt, die sich im Dauerkrisenmodus befindet, ist nur eines gewiss: Es gibt keine Gewissheiten mehr. Lineare Lebensläufe? Sind selten geworden. Die guten alten Rezepte? Sind nicht mehr grundsätzlich gut, viele sind nur noch alt.

Die Biographie der Zukunft ist die der radikalen Brüche und der Notwendigkeit, auch die eigene Welt immer wieder infrage zu stellen, gegen den Strich zu bürsten, neu zu denken und zu fühlen. Und zu lernen, sich auf sich selbst zu verlassen. Menschen, die an sich und etwas glauben, finden darin Trost, Geborgenheit, Zuversicht. Diese Quelle zusammen mit Intelligenz, Intuition und Courage bleiben die besten Freunde auf dem Weg durch unsicheres, schlimmstenfalls vermintes Gelände. Was zunächst unlösbar erscheint, geht irgendwann doch. Vielleicht lässt sich so der inzwischen inflationär verwendete Begriff Resilienz auf den Punkt bringen.

 

Mind Body Medizin-Training | Selbstführungs-Training

 

 

 

Zum Thema


 

GESUNDHEITSMONITOR 01|2015:
Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz: Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und die Folgen für die Gesundheit. Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK. Gütersloh, März 2o15

Wilkinson E: UK National Health Staff: stressed, exhausted, burnt out. The Lancet, März 2o15. 385; 9971: 841–842
DOI: 10.1016/S0140-6736(15)60470-6

Klahre, Andrea S: Im Fokus: Das kranke Gehirn. alldieschoenenworte.de 2o15

 

1 Duve, Karen: Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen. Galiani Berlin 2o14

2 Paulhus DL, Kevin MW: The Dark Triad of personality: Narcissism, Machiavellianism, and psychopathy. Journal of Research in Personality. 2002; 36: 556-563. PDF

3 Future Day 15 – Der Zukunftskongress des Zukunftsinstituts. Frankfurt/Main, 23. Juni 2o15

4 Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des Kapitalismus; Berlin Verlag 1998

Gesundheitsreport 2015: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update: Doping am Arbeitsplatz. Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK. März 2o15

<

p style=“text-align: left;“>6 Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst. Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung 2o14