Den Schmerz entwerten



Schmerz – insbesondere Rückenschmerz – hat in unserer Gesellschaft einen enormen Wert, er ist allgegenwärtig. Wir müssten das genaue Gegenteil machen: Eine Gesellschaft, in der Schmerz keinen Wert hat, wird wenig chronische Patienten haben.

Mit dieser These hat Prof. Dr. Arne May, stellvertretender Direktor des Instituts für Systemische Neurowissenschaften und Leiter der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, auf dem Deutschen Schmerzkongress 2o13 provoziert und zu einer selbstkritischen Diskussion innerhalb der Ärzteschaft zu der Frage angeregt, „inwieweit wir Befindlichkeiten unnötig pathologisieren?“[1]

Inzwischen ist das Thema veranstaltungsfähig geworden: Der Deutsche Ethikrat diskutierte kürzlich in Berlin, ob mit „Burnout“ oder den Wechseljahren des Mannes tatsächlich Krankheiten erfasst oder ob psycho-soziale Probleme zu Krankheiten umgedeutet würden.[2] Erweitern ließe sich das noch um eine mehr als 6 Wochen anhaltende Trauer nach dem Tod eines Ehepartners, Elternteils oder Kindes: Die amerikanischen Psychiater haben den Ausnahmezustand Trauer jüngst mit einer Krankheitsziffer versehen.

Unter den Stichworten „Moden in der Medizin“, neudeutsch: „Disease-Mongering“, kritisierte in Berlin Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dass normale Prozesse des Lebens als medizinisches Problem definiert, neue Krankheitsbilder durch Maßnahmen von Pharmaindustrie, Interessenverbänden und PR geradezu erfunden, leichte Symptome zu Vorboten schwerer Leiden stilisiert und Risiken als Krankheit verkauft würden.

Das habe unter anderem zur Folge, dass Betroffene zu schnell mit Medikamenten versorgt und damit einem unnötigen Risiko ausgesetzt seien. Gleichzeitig würden Ressourcen des Gesundheitssystems verschwendet.

Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, Befindlichkeitsstörungen zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrzunehmen
Wolfgang Schneider

Wider die Pathologisierung

„Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, dass gerade soziale Faktoren wie beispielsweise Stress im Job oder Arbeitslosigkeit bei Diagnosestellungen von Betroffenen oftmals nur medizinisch betrachtet werden,“ gab schließlich Professor Dr. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin in Rostock, auf einer Veranstaltung zum Thema „Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft“ zu bedenken.[3]

Schneiders These: Arbeitsüberlastung oder berufliche Schwierigkeiten würden gern in das Reich der psychischen Erkrankungen befördert, denn das schütze davor, soziale Missstände und prekäre Arbeitsverhältnisse offen anzusprechen und sich damit auseinanderzusetzen.

Und: Die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Thema „psychische Belastungen in der Arbeitswelt“ erfährt, führe mehr und mehr dazu, dass Menschen Befindlichkeitsstörungen, Erschöpfung, Frustration und Demotivierung zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrnehmen.

Der Zungenschlag dieser Experten ist eindeutig: Menschen dürfen nicht unnötig zu Patienten gemacht werden. Weder jeder Rückenschmerz noch jede Niedergeschlagenheit ist als Krankheit zu werten. Ohne Frage ist eine sorgfältige Abklärung notwendig, um jeglicher Problematik angemessen zu begegnen und zu entscheiden, ob und welche Art von professioneller Unterstützung der Einzelne benötigt. Besonders wichtig aber ist Prävention, Hilfe zur Selbsthilfe oft die richtige Devise.

Dann gäbe es auch weniger Drahtseilakte zwischen überflüssiger Medikalisierung und notwendiger Therapie. Laut Prof. Dr. Lothar Weißbach, Prostatakrebsspezialist in Berlin, sollten sich Ärzte in der „Kunst des Weglassens“ üben, anstatt unabhängig von der Ausprägung eines Beschwerde- oder Krankheitsbildes maximal zu versorgen. Und sie sollten mitunter von einer Therapie abraten, auch wenn sie damit keine honorierte ärztliche Leistung im Sinne der Krankenkasse erbrächten.[2]

Hilfen zur Selbsthilfe

„Es sollte darum gehen, dass der Einzelne aktiv und möglichst selbstbestimmt sein Leben gestaltet.“ Für Dr. Regine Klinger, Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Verhaltenstherapie, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Hamburg, ist oft bereits eine niedrigschwellige Beratung hilfreich, dann können Menschen eigenverantwortlich ihre Probleme lösen.[1]

„Strategien gegen die Katastrophisierung können Entspannungsverfahren ebenso sein wie sanfte Bewegungsübungen oder eine straffe Strukturierung des Alltags,“ so Klinger. Oder, um zum Rückenschmerz zurückzukommen, ein systematisches Muskelkrafttraining.

Ändert der Mensch sein Verhalten,
ändert sich auch der Schmerz
Regine Klinger

Rückenschmerz – ein „Mixed Pain Syndrome“

Wir bleiben beim Rückenschmerz, denn der Rücken ist bekanntermaßen der beliebteste Austragungsort für Fehlbelastungen, Fehlhaltungen und Anspannungen aller Art. Und Schmerz ist ein Schutzmechanismus des Körpers und gleichzeitig ein komplexes neurologisches Phänomen, das von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird.

Muskelschmerzen, -verspannungen und -verhärtungen sind physiologische Signale, sie entstehen, indem das Gehirn entscheidet, einen Muskel zum Schutz vor Überlastung abzuschalten. Ein Teufelskreis aus Sauerstoffmangel, gestörtem Stoffwechsel und erhöhter Muskelspannung entsteht, an dessen Ende die Verkürzung des Muskels steht.

Der daraus entstehende Rückenschmerz ist meist „unspezifisch“ und ein „Mixed Pain Syndrome“ mit nozizeptiven und neuropathischen Komponenten. Das heißt ganz allgemein: Schmerz entsteht als Reaktion auf unterschiedliche Reize, die die Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) stimulieren. Diese sitzen in der Haut und in allen anderen Geweben und Organen an empfindlichen Nervenenden und sind über periphere Nerven mit dem Rückenmark verbunden. In Form von elektrischen Impulsen wird die Erregung zunächst ins Rückenmark gejagt, dann weiter ins Gehirn und dort ins Zwischenhirn und in die Großhirnrinde. Erst in diesen höheren Gefilden wird der Schmerz wahrgenommen und löst die vielfältigen physiologischen und psychischen Reaktionen aus – nicht an der Schmerzstelle, wie vielfach angenommen wird.

Unter dem Schlagwort „unspezifisch“ finden sich in der Literatur im Bereich der nozizeptiven Rückenschmerzen vor allem Muskelverhärtungen (Myogelosen); sekundäre Reizzustände; Bandscheibendegenerationen, die zu Veränderungen an den Wirbelkörpern (Spondylosen), Wirbelbogengelenken (Spondylarthrosen), Wirbelkanalverengungen (Spinalkanalstenosen), Blockaden (Kombination aus verspannter Muskulatur, Fehlbelastung und Fehlstatik der gesamten Wirbelsäule) führen.

Jeder Schmerz ist auch ein psychischer Schmerz

Bekannt ist, auf welchen neuronalen Ebenen Schmerz verstärkt und chronisch wird. Chronischer Schmerz im Sinne von langanhaltendem Schmerz ist zudem eine eigene und häufig schwer zu behandelnde Krankheit.

Traumatische Erfahrungen gehören zu den unspezifischen Risikofaktoren für chronische Rückenschmerzen, von denen in Deutschland knapp 20% betroffen sind.[4] Repräsentative, fragebogenbasierte Studien haben gezeigt, dass rund ein Viertel der Befragten über belastende Lebensereignisse berichten. Dazu gehört die Ehescheidung ebenso wie die Arbeitslosigkeit oder der Tod eines nahen Angehörigen. Patienten mit chronischen nichtspezifischen muskulo-skelettalen Schmerzen berichten häufiger über traumatisierende Lebensereignisse als schmerzfreie Personen.[4]

Für Dr. Regine Klinger ist jeder Schmerz auch ein psychischer Schmerz: „Wenn wir Schmerzen haben, ist das ganze Gehirn damit beschäftigt, das gilt auch für den akuten Schmerz. Eine große Rolle spielen Faktoren wie Aufmerksamkeit, Ängste und individuelle Verarbeitungsprozesse.“[1]

Prävention bedeutet für die Expertin in psychologischer Schmerztherapie folglich, den Patienten bei seiner Selbstverantwortung zu packen und ihn zu motivieren, konkret etwas zu tun, um seine Schmerzen erträglicher zu machen. Ändert er sein Verhalten, ändert sich auch der Schmerz. Es gilt, Verhaltens- und Empfindungsmuster im Gehirn bzw. Gedächtnisspuren zu durchbrechen, um aus dem Kreislauf auszusteigen.

Gerade weil Verspannungen so tückisch sind, müssen wir den negativen Auswirkungen des Alltags ein systematisches Muskelkrafttraining entgegensetzen
Klaus W. Zimmermann

Muskeln kräftigen und Widerstandskraft erhöhen

Selbstverantwortung nicht nur im Bereich der Schmerzprävention kann ganz einfach sein. Die vorrangigen Ziele aller ambulanten präventiven wie kurativen Maßnahmen lauten: das Muskel-Skelett-System kräftigen und dessen Widerstandskraft gegen Ermüdung sowie die Dehnbarkeit der Muskeln erhöhen. Wer Schmerzen hat, braucht keine Angst vor Bewegung zu haben. Wer schmerzfrei ist, schon gar nicht.

Während das Skelettsystem aus Knochen, Gelenken und Bändern besteht, umfasst das Muskelsystem neben den etwa 400 Einzelmuskeln die Sehnen, Muskelbinden (Faszien), Schleimbeutel und Sehnenscheiden. Knochen und Bänder übernehmen passive statische Aufgaben, die Muskulatur erfüllt aktive Stütz- und Bewegungsfunktionen. Entsprechend findet eine Unterscheidung zwischen dem aktiven Bewegungssystem (Muskulatur) und dem passiven Bewegungssystem (Knochen, Gelenke) statt.

Muskelkraft und Muskelmasse lassen sich in jedem Alter mit einem systematischen Muskelkrafttraining aufbauen, selbst jenseits von 65, wie zahlreiche Studien zeigen.[5] Eine gezielte Kräftigung jener Muskeln, die bevorzugt zum Schwächeln neigen – das sind vor allem die des oberen Rückens, die Bauch-, Gesäß- und Beinmuskulatur –, hat wunderbare Effekte.

Prof. em. Dr. Klaus W. Zimmermann, Sportwissenschaftler aus Zwickau, hat vor Jahren sieben Gründe genannt, warum wir Liegestütze, Kniebeugen und isometrische Übungen brauchen. Daran hat sich nichts geändert:

ERHALT DER MUSKELMASSE

Wir können durchaus 40 Jahre lang 40 bleiben – zumindest in Bezug auf die Muskulatur; diese bleibt bis ins hohe Alter elastisch, wenn sie regelmäßig trainiert wird. Es gibt nichts mit vergleichbarer Wirkung.

MEHR MOBILITÄT

In reiferen Jahren reduziert eine kräftige Beinmuskulatur die Sturzgefahr und das damit verbundene Verletzungsrisiko. Auf diese Weise schaffen Sie ideale Voraussetzungen, um weiterhin zügig gehen, wandern, Radfahren, Treppensteigen, gärtnern zu können.

AUFRECHTE HALTUNG

Die Muskulatur stabilisiert die Körperhaltung. Gezielte Kräftigung und Dehnung hält auch Bänder, Sehnen und Knorpel geschmeidig. So beugen Sie Haltungsfehlern und -schäden vor.

SCHUTZ DER WIRBELSÄULE

Je kräftiger die Muskulatur ist, umso besser puffert sie Belastungen an Wirbelsäule und Gelenken ab und schützt vor Verschleiß. Gezieltes Training kann auch bestehende Rücken- oder Kniebeschwerden deutlich mindern.

OSTEOPOROSE-PRÄVENTION

In zahlreichen Studien konnte festgestellt werden, dass mehr Muskelmasse auch mehr Knochenmasse bedeutet. Damit verbunden sind weniger Frakturen in den kleinen Wirbelkörpern der Wirbelsäule, der langen Röhrenknochen des Oberschenkelhalses und des Unterarms. Gerade diese Körperregionen können vor allem in der zweiten Lebenshälfte zum Problem werden, wenn die Knochenstruktur bereits porös ist – schlimmstenfalls ähnlich porös wie ein Schwamm. Das Problem heißt Osteoporose und ist ab Fünfzig eine der häufigsten chronischen Erkrankungen.

KEINE STOFFWECHSELSTÖRUNGEN

Neben der Leber ist die Muskulatur das wichtigste Stoffwechselorgan. Wer Muskeln aufbaut, baut Fett ab und verwertet sogar beim Schlafen mehr Kalorien als üblich. Beim Training selbst wird der Verbrauch um das Drei- bis Fünffache gesteigert.

BALSAM FÜR DIE SEELE

Bewegung ist Psychotherapie im besten Sinne, da im Körper jene Botenstoffe freigesetzt werden, die entspannen und die Stimmung heben. Langfristig baut Bewegung Stresssymptome ab, macht lockerer und zufriedener, Belastungen werden besser verkraftet. Eine Stunde pro Tag soll bei Depression gelegentlich das Antidepressivum ersetzen können.

Einfach tun

Kurz: Die „Alltagstauglichkeit“ erhöht sich deutlich. Welche Sportart(en) für diese Ziele individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden und sollte abhängig vom aktuellen Beschwerdebild variiert und angepasst werden.

Allgemein wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und neuerdings Yoga dennoch gern zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Aquafitness und Aquajogging, (Rücken)Schwimmen und Kraulen (für alle, die Wirbelsäulen-Probleme haben), Powerwalking, Radfahren, Inline-Skating, Wandern und Skilanglauf (Vorsicht: Sturzgefahr bei Unerfahrenen).

Und, so Professor Jürgen Freiwald, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal: Bevor man Schmerzpatienten von ihrem Lieblingssport abrät – etwa Golf oder Kegeln wegen Rücken- oder Kniebeschwerden –, sollte überlegt werden, wie er sich gelenkschonender betreiben lässt.[6]

Sportmedizinisch sinnvoll erscheint eine Trainingsfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche. Alarmierend ist allerdings, dass viele Leute einfach keine Lust haben, sich zu bewegen. Vor dem Hintergrund des jüngsten Diktums „Sitzen ist das neue Rauchen“ lässt sich darauf lediglich lapidar kontern: Um Lust geht es nicht, sondern schlicht ums Machen. Warum? Darum: Lebensqualität wird zu einem großen Teil über Beweglichkeit definiert. In Verbindung mit dem Altern eröffnet sich damit ein weiteres weites Feld.

 

Zum Thema


Report Krankenhaus 2o15: Schwerpunkt: Lumbale Rückenschmerzen

BARMER GEK. Berlin, Juli 2o15

Für Bewegungsmuffel: Kostenfreie Schrittzähler-App MoveMyDay (Android)

Entwickelt von der Arbeitsgruppe PAnalytics der Universität Duisburg-Essen (UDE). Essen, März 2o15

 

Gesundheitsmonitor 01|2015: Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz: Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und Folgen für die Gesundheit

Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK. Gütersloh, März 2o15

Gesundheitsreport 2015: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update Doping am Arbeitsplatz

Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK. März 2o15

 

1 Deutscher Schmerzkongress 2013. 23. bis 26. Oktober 2013, Hamburg. Eröffnungspressekonferenz, 23. Oktober 2013

Alte Probleme – Neue Krankheiten: Überflüssige Medikalisierung oder notwendige Therapie? Forum Bioethik des Deutschen Ethikrats. Berlin, 25. Februar 2o15

Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft: Expertenforum, Universität Rostock
Universitätsmedizin
Zentrum für Nervenheilkunde, Rostock, 4. März 2o15

4 Siehe 1: Tesarz J: SY11

5 Graves/Franklin 2oo1; Aniansson et al 1984; Grimby et al 1982 etc.

6 Bewegung hält auch entzündete Gelenke in Schwung. Ärzte-Zeitung, 26. Mai 2oo5

Erschöpfter Nachwuchs

Eine europaweite Umfrage bei jungen Onkologen hat die Arbeits- und Lebensstilfaktoren in Bezug auf stressbedingte Gesundheitsstörungen untersucht.

 

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung: Die Balance zwischen Engagement und Belohnung stimmt auch bei (Klinik-) Ärzten nicht immer, insbesondere nicht bei den unter 40-Jährigen – und schon gar nicht bei angehenden Krebsspezialisten. Die fühlen sich durch komplexe therapeutische Entscheidungen und die ständige Konfrontation mit Leid und Tod emotional stark belastet – bei gleichzeitiger Arbeit unter enormem (Kosten-)Druck mit stetig steigenden Qualitätsanforderungen und Behandlungsfällen pro Arzt.

Rund 71% leiden unter jenem Zeitphänomen, das die einen als Burnout bezeichnen, die anderen als begriffliches Vehikel für affektive Störungen wie Depressionen, Ängste, Drogenmissbrauch. Schlüsseldimensionen auf dem Weg in den Teufelskreis sind in jedem Fall emotionale Erschöpfung, Depersonalisation („Patientenaversion“) und reduzierte Leistungsfähigkeit als Folge nicht erfüllter individueller arbeitsbezogener Wertvorstellungen einschließlich objektiv belastender Arbeitszeiten.

Diese zentralen Ergebnisse der europaweit in 41 Ländern durchgeführten Umfrage Burnout-Prävalenz und Work-Life-Balance bei jungen Onkologen wurden im vergangenen September anlässlich des Jahreskongresses der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO 2o14) in Madrid vorgestellt.

Die Mitglieder der ESMO-Arbeitsgruppe „Junge Onkologen“ haben 737 Onkologen und angehende Onkologen (62% Frauen) befragt und die Ergebnisse von 595 Befragungen ausgewertet: 71% zeigen die typischen Symptome eines massiven stressbedingten Erschöpfungssyndroms mit Depersonalisation (50%), emotionaler Erschöpfung (35%) und Leistungsdefiziten (35%).

Betroffen sind vor allem 26- bis 30-jährige Männer in Südost- und Mitteleuropa, deren Arbeitgeber keine Hilfsangebote zur Verfügung stellen und keine ausreichenden Erholungszeiten vorsehen. Der Grad der seelischen und körperlichen Erschöpfung korreliert mit dem Ausmaß der Arbeitsverdichtung, der Wege- und Arbeitszeit sowie mit privaten Parametern wie Beziehungsstatus und Zahl der Kinder.

Arbeits- und Lebenszufriedenheit strahlt positiv auf die Patientenversorgung, auf die Kommunikation und auf die Zusammenarbeit mit Kollegen
Susana Banerjee

Unterstützung und ein „lösungsorientiertes Nein“

„Die Onkologie ist ein faszinierendes und sehr anspruchsvolles Fach und kann außerordentlich stressig sein,“ wird Dr. Susana Banerjee, Onkologin am Royal Marsden NHS Trust in London und Erstautorin der Studie, in einer ESMO-Pressemitteilung zitiert. Die Umfrage habe gezeigt, dass schon der Nachwuchs häufig ausgebrannt sei, was zu gravierenden persönlichen Problemen bis hin zur Suizidalität führen könne.

Wege aus dem Hamsterrad sieht Banerjee naturgemäß in der Prävention, vor allem aber in der Unterstützung. Über die spezifischen Belastungen dieses Fachs müssten die künftigen Kollegen bereits während des Studiums informiert werden. Ein anderer Blick auf die (eigene) Tätigkeit sei ebenso wichtig wie gegebenenfalls die Inanspruchnahme von Supervision. Es müsse Raum dafür geben, belastende Aspekte der Arbeit auch diskutieren zu können.

Die Mediziner selbst sollten Strategien erlernen, die die Selbstwahrnehmung und -wirksamkeit erhöhen, einen konstruktiven Umgang mit Stress ermöglichen und das eigene Zeitmanagement verbessern. Ein gelegentliches „lösungsorientiertes Nein“ ohne Befürchtung von Sanktionen gehöre ebenfalls dazu.

„Es gibt ein Leben jenseits von Forschung, Lehre und täglicher klinischer Praxis. Auch im Hinblick auf künftige Generationen von Onkologen müssen wir junge Kollegen darin unterstützen, eine gute Work-Life-Balance zu entwickeln,“ so die Autorin. Das sei entscheidend, denn Arbeits- und Lebenszufriedenheit strahle positiv auf die Patientenversorgung, auf die Kommunikation und Zusammenarbeit mit Kollegen. Und überhaupt auf alles.

Fast alle Ärzte erleben den ökonomischen Druck als eine Bedrohung ihrer ethischen Grundsätze. Fast alle Befragten sprachen von Bedrohung, einige von Verletzung, einige sogar von Abscheu über die Art und Weise, wie sie arbeiten müssen
Prof. Dr. Karl-Heinz Wehkamp

 


 

Banarjee S et al: ESMO (online) 28. September 2014
Abstract: #1o81O_PR

Was ist Meditation?

„Je nachdem, wen Sie fragen, was Meditation ist oder wozu man meditiert, werden Sie eine andere Antwort erhalten. Einige sagen: Meditation ist Nichtstun, zumindest sieht es so aus. Für andere ist Meditation keine Technik, sondern eine Art zu sein,“ schreibt Prof. em. Jon Kabat-Zinn, Molekularbiologe, Stressforscher, Verhaltensmediziner und Meditationslehrer in Massachusetts.[1]

Das in Religionen verankerte spirituelle Prinzip ist längst keine suspekte Beschäftigung für Randgruppen mehr, sondern gehört mittlerweile auch hierzulande zum Zeitgeist. Verpackt in komplementärmedizinische Programme wie „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) oder „Mindfulness-Based Cognitive Therapy“ (MBCT) wird die Achtsamkeitsbasierte Meditation in Universitätskliniken, Krankenhäusern und Gesundheitszentren gelehrt.

Für Kabat-Zinn, den Gründer des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society (CFM) an der University of Massachusetts Medical School und des MBSR-Programms, ist Meditation und insbesondere die Achtsamkeitsmeditation eine weitere Form des Selbstgesprächs. „Sie können Ihr Innerstes aufschließen und einen Bewusstseinszustand der Ruhe, klaren Wahrnehmung und des nichturteilenden Gewahrseins im Augenblick erreichen – jenen Bereich, den die alten chinesischen Daoisten das offene, wache Nichtstun nennen.“

Den Kopf vom inneren Geschwätz, den Körper von Spannungen befreien und in einen Zustand
der völligen Ruhe gelangen
Jon Kabat-Zinn

Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz

Ende 1970 hat Kabat-Zinn in Massachusetts begonnen, die Wirkungen der Achtsamkeitsmeditation bei chronisch Kranken zu untersuchen. Grundelemente der Achtsamkeit sind Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz, Großzügigkeit – archaische Werte, die zunehmend wie aus einer anderen Welt anmuten. Seit 1995 wird sein MBSR-Programm am CFM begleitend zu medizinischen und psychotherapeutischen Maßnahmen eingesetzt, um vor allem Menschen zu helfen, besser mit chronischem Stress, Depression und Angststörungen umgehen zu können. MBSR fördert vor allem die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, fördert die Hinwendung zu Herausforderungen und Schmerzen.

Achtsamkeits- und Transzendentale Meditationsformen sind Methoden der bewussten Tiefenentspannung, bei der die Konzentration nach innen auf einen sich wiederholenden Vorgang gerichtet ist, sei es auf die Atmung, ein Wort, einen Satz oder Spruch. Der Fokus auf solche Wiederholungen ist dabei nur ein Hilfsmittel, um das sympathische Nervensystem zu beruhigen, den Kopf vom „inneren Geschwätz“ und negativen Gedanken/Gefühlen respektive den Körper von Spannungen zu befreien und so in einen Zustand der völligen Ruhe zu gelangen.

Harte Arbeit

„Das ist harte Arbeit,“ so Kabat-Zinn, denn es sei nicht einfach, im täglichen Strom der Ereignisse oder wenn das Leben mal wieder verrückt spielt, regelmäßig auch nur eine kurze Zeit am Stück innezuhalten, sich einfach nur eine Weile allein hinzusetzen, still zu sein und die Gedanken, Sorgen, Verlangen, Leiden und sämtliche andere Bewusstseinszustände erst zu akzeptieren und dann nicht wertend loszulassen. „Sei leer, sei still. Beobachte einfach, wie alles kommt und geht“, hat es der chinesische Philosoph Laotse (6 Jh. v. Chr.) formuliert.

Diese innere Ausrichtung wird in der Psychotherapie manchmal als „radikale Akzeptanz“ bezeichnet. Sie zu erreichen ist nicht einfach, besonders wenn das, was geschieht, nicht unseren allgegenwärtigen Erwartungen, Wünschen und Phantasien entspricht.

Deshalb, so Kabat-Zinn, ist Meditation nichts für Feiglinge: „Meditieren ist nicht das, was Sie denken. Es geht weder darum, einen Schalter umzulegen und sich irgendwohin zu katapultieren, noch bestimmte Gedanken zu pflegen und andere zu vermeiden oder gar darum, sich zum Friedlich- oder Entspanntsein zu zwingen. Es geht überhaupt nicht ums Denken. Es geht darum, einfach zu sein. Es geht um das Nicht-Festhalten und daraus folgend um die Bereitschaft, unter allen auftretenden Umständen angemessen zu handeln.“

Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen
und Schmerzen zu lindern
Madhav Goyal

Gegen Ängste, Depressionen und Schmerzen

MBSR wird seit vielen Jahren regelmäßig auf Evidenz untersucht. Eine neuere Studie einer Arbeitsgruppe der renommierten Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, hat diese und andere Meditationsformen wie die Mantra-basierte Transzendentale Meditation in einer Metaanalyse überprüft.[2]

„Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen und Schmerzen zu lindern,“ lautete das Kernergebnis. Eine geringe Wirksamkeit haben die Autoren auch auf die allgemeine Bewältigung von Stress und die Lebensqualität ermittelt – nicht aber auf Variablen wie Substanzmissbrauch (Alkohol, Nikotin), Schlafstörungen, ungesunde Essgewohnheiten und Gewichtsprobleme. Für die Transzendentalen Meditationsformen wurden keine vergleichbaren Wirkungen festgestellt.

Nach umfangreicher Literaturrecherche wurden die Ergebnisse von insgesamt 47 Kurz- und Langzeitstudien (Dauer: 3 Wochen bis 5,4 Jahre) von unterschiedlicher Qualität und mit 3.515 Patienten über 18 Jahre (18 bis 206 Patienten pro Studie) zusammengefasst. 15 Studien hatten Patienten mit Depression, Angsterkrankungen, Stress-Symptomen und Schlaflosigkeit untersucht; 5 Studien hatten Raucher und Alkoholiker, 5 Studien chronische Schmerzpatienten und 16 Studien Patienten mit verschiedenen Diagnosen aufgenommen, darunter Brustkrebs, Bluthochdruck, COPD, Diabetes, HIV.

Die größten Effektstärken ermittelten die Autoren für Angsterkrankungen, geringe bis mittlere Effekte zeigten sich für Depressionen und Schmerz.

„Die Ergebnisse sind nicht umwerfend, aber die kleinen Fallzahlen der einzelnen Studien und die heterogenen Indikationen lassen letztlich keine guten und vor allem keine endgültige Aussagen zu,“ kommentierte Prof. Dr. Benno Brinkhaus, Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité sowie Leiter der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Standort Mitte im Gespräch mit mir.

Brinkhaus fand es problematisch, dass viele nicht immer vergleichbare Studien in Reviews und Metaanalysen zusammengefasst würden. „Diese haben zwar die höchste Evidenz, aber man muss die große Heterogenität immer auch kritisch als Limitation sehen. Die Frage ist unklar, ob es besser gewesen wäre, wenn ausschließlich Studien aufgenommen worden wären, in denen nur Patienten mit Stress-assoziierten Erkrankungen und nicht auch Patienten mit Asthma, Fibromyalgie oder HIV eingeschlossen worden wären,“ so Brinkhaus.

Warum ist Meditation im Besonderen und sind komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft?
Allan H. Goroll

Die Expertise des Meditationslehrers

In einem Gastkommentar zu der Analyse beschäftigten Prof. Allan H. Goroll, Harvard Medical School und Massachusetts General Hospital, noch andere Aspekte: „Die Meditation nimmt aufgrund ihrer Historie zwar eine Sonderstellung in der Komplementärmedizin ein. Doch der bescheidene Nutzen, den Studien zeigen, deren Methodik zudem nicht immer wissenschaftlich ist, wirft die Frage auf, warum Meditation im Besonderen und komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden sind – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft. Ist es der Wunsch, einen Alltag wieder selbstbestimmt strukturieren und kontrollieren zu können, der sich scheinbar immer weniger bewältigen lässt?“

Goroll hielt es für wichtig, solide wissenschaftliche Metaanalysen wie die vorliegende einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und zum Gegenstand von Gesprächen zwischen Ärzten und jenen Patienten zu machen, die begeistert und unkritisch unvalidierte komplementäre Maßnahmen in ihren Alltag und die Behandlung ihrer Krankheiten integrieren wollen.

Goyal und Kollegen wiederum betonen die Notwendigkeit weiterer Studien, die vor allem drei Faktoren überprüfen sollten: Die Expertise des Meditationslehrers, den zeitlichen Übungsumfang und die Umsetzungsmöglichkeiten in den Alltag. Davon hänge der Erfolg der Achtsamkeitsmeditation ebenso ab wie von Sozialstatus, Bildung und Spiritualität.

„Historisch ist Meditation nun mal keine Therapie bei Gesundheitsproblemen, sondern eine Schulung des Geistes, um einen Bewusstseinszustand der völligen Ruhe zu erreichen,“ so die Autoren.

Brinkhaus konnte nur zustimmen: „Ärzte sollten in der Lage sein, mit potenziellen Patienten über die Bedeutung von Meditation zu sprechen. Die Rolle der Meditation und auch ihre Grenzen müssen klar dargestellt werden.“

 


 

1 Kabat-Zinn J: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Arbor Verlag 2006

2 Goyal M et al: JAMA Intern Med 2014; 174(3): 357-368
DOI: 10.1001/jamainternmed.2013.13018

Ein Maß finden in der Angst

Wir sehen den sozialen Frieden in Gefahr, misstrauen dem digitalen Fortschritt und fürchten uns vor Terror und Gewalt: Wir leben in einem Zeitalter der Angst, heißt es. Haben Angst vor dem Abstieg. Angst vor Einsamkeit. Angst davor, unsichtbar zu werden. Darüber hätte sich vor zehn Jahren noch intensiv diskutieren lassen. Heute nicht mehr.

 

Die vielen Gesichter der Angst sind neben den Depressionen in den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO die weltweit häufigsten Erkrankungen der Seele. Zugenommen hat naturgemäß auch die Zahl der Betroffenen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Angst lähmt unglaublich viele Menschen, und doch vertrauen sie sich niemandem an – aus Angst, nicht ernst genug genommen zu werden; aus Angst, zuviel von sich preisgeben zu müssen; aus Angst vor Stigmatisierung. Das setzt oft genug einen Teufelskreis in Gang: Es ist bekannt, dass sich hinter vielen Ängsten ursprünglich eine nicht erkannte und nicht behandelte Depression verbirgt.

Zunächst ist Angst ein prinzipiell wichtiges, notwendiges, normales Gefühl – ein genialer Trick der Natur, der letztlich Leben ermöglicht. Kinder fürchten die Dunkelheit, Erwachsene Gewitter, im Alter wächst die Angst vor Krankheiten, Einsamkeit und Tod.

Zur Diagnose wird Angst erst, wenn sie unangemessen stark ist, zu oft und zu lange auftritt, mit Kontrollverlusten oder Zwangshandlungen verbunden ist, starkes Leid verursacht und dazu führt, dass man den Auslösern aus dem Weg geht. Unter dem Begriff Angststörungen werden heute die Agoraphobie /Panikattacken, generalisierte Angststörung, soziale Phobie und spezifische Phobien zusammengefasst. Charakterisiert sind sie dadurch, dass die Betroffenen exzessiv auf akute Gefahren und Bedrohungen reagieren; gegebenenfalls existieren diese gar nicht.

Bin ich einsam? Ja, manchmal schon. Mir fehlen nicht einfach nur Menschen, sondern das Gefühl, von jemandem beachtet zu werden
Wilfried Erdmann, Weltumsegler

Der Nährboden für soziale Phobien

Allgemein spielt sich Angst stets auf vier Ebenen ab. Involviert sind die Gefühle (Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Furcht, Resignation), die Gedanken (ich kollabiere; ich verliere die Kontrolle), der Körper (Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Zittern etc.), das Verhalten (Flucht, Hilfe suchen, Vermeiden, Medikamente nehmen).〈1〉

Am weitesten verbreitet sind Agoraphobien: Ängste vor Spinnen, großen Plätzen, engen Räumen, Menschenansammlungen. Bei spezifischen Phobien gibt es von Bienen über Schlangen bis Vogelfedern nichts, was vor allem Frauen nicht anhaltend und exzessiv in Panik versetzen kann.

Die soziale Phobie wird seit wenigen Jahren intensiv als zeittypisches Phänomen wahrgenommen, obwohl sie bereits seit 1980 ein eigenständiges Krankheitsbild ist: In einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Klima, in dem Belastbarkeit, hohe Flexibilität und emotionale Kompetenz wichtiger denn je für private Beziehungen wie für Arbeitsatmosphären sind, finden Ängste einen guten Nährboden, so anspruchsvollen Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Bei einer generalisierten Angststörung steht die Sorge um alles und jeden im Vordergrund – um den Partner auf dem Weg zur Arbeit, um das Kind in der Schule, um den Verlust der finanziellen Sicherheit. Auf den ersten Blick mögen solche Befürchtungen hochneurotisch erscheinen, sie beherrschen und behindern das Leben jedoch Tage, Wochen, Monate.

Panikattacken kommen plötzlich und unerwartet und finden meist in Verbindung mit anderen Angststörungen statt, z. B. einer Agoraphobie. Häufig sind sie Folge einer Depression.

Für akute Belastungsreaktionen und eine Posttraumatische Belastungsstörung gibt es zahllose Ursachen: Krieg, Verbrechen, Vergewaltigung, Naturkatastrophen, Unfälle, Verluste (von Arbeitsplatz über Besitz bis zu einem oder mehrere Menschen durch Tod) … Ein traumatisierendes Ereignis kann unmittelbar erlebt oder beobachtet werden. Auch professionelle Ersthelfer werden häufig mit nachhaltigen Stressfaktoren konfrontiert: mit dem Anblick und Ausmaß einer Katastrophe.

Zwangsstörungen sind extrem gesteigerte Handlungen und Gedanken (Hände waschen, Herd überprüfen, Haustür absperren …), die in viele Lebensbereiche ragen, sehr zeitraubend werden, mit großem Leidensdruck und oft auch körperlichen Beschwerden verbunden sind. Sobald zwanghafte Handlungen oder Gedanken unterdrückt werden, verstärkt sich die Angst deutlich.

Kein gemeinsamer Nenner

Ängste lassen sich nicht immer auf einzelne, eindeutige Ursachen zurückführen. Es wirken verschiedene Faktoren zusammen, genetische Veranlagung und erlernte Verhaltensmuster ebenso wie das soziale Umfeld und biographische Krisen. So vielfältig die Faktoren auch sind, erst im Zusammenwirken wird die Seele letztlich verletzbar – vulnerabel – gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress. Entsprechend werden die Zusammenhänge wissenschaftlich unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst. Es integriert verschiedene Theorien und Aspekte über die Ursachen, die bei jeder Angststörung wichtig sind:

Das psychosoziale Modell

Konzentriert sich auf Stressoren und Konflikte. Demnach sind Ängste auf situative Stressfaktoren (z. B. schmerzliche Trennungen oder Verluste, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit) und/oder psychische Konflikte (z. B. zermürbende Partnerkrisen) zurückzuführen. Früher galt die Auffassung, dass mit dem Grad des Stresses die Schwere der Angst korreliert. Ziel der Behandlung war es, die Belastungen auszuschalten. Dann hat sich gezeigt, dass nicht alle Angststörungen in das Schema passen. Bei der Entwicklung einer generalisierten Angst beispielsweise sind neben Dauerstress ein geringes Selbstwertgefühl sowie ein suboptimaler Gesundheitszustand beteiligt.

Hier kann Ihnen ein SecondaVita Præventionstraining oder Systemisches Præventionscoaching helfen.

Das lerntheoretische Modell

Betont wird die klassische Konditionierung: Bislang neutrale Situationen oder Objekte lösen plötzlich Angstreaktionen aus. Andere Lerntheorien betrachten Angststörungen im Zusammenhang mit der gesamten Persönlichkeitsentwicklung. In der frühen Lebensführung kann – muss aber nicht – die Erziehung die Entwicklung von Angst begünstigen. Unter anderem können

  • eine überbehütete Kindheit;
  • traumatische Erfahrungen (körperliche, psychische Misshandlungen);
  • eine an liebevoller Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung fehlende Erziehung;
  • elterliche Zuwendung, die an besondere Leistung gebunden ist;
  • ein Erziehungsstil, der selbstsicheres und unabhängiges Verhalten wenig fördert;
  • Lerndefizite im Sozialverhalten

früh wichtige Hirnareale verändern. Die so entstehenden biologischen Narben prägen die Persönlichkeit. Experten sprechen von erhöhter Angstbereitschaft gegenüber sozialen Situationen, die als bedrohlich erlebt werden.

Die Anfälligkeit allein führt aber nicht zwingend in die Erkrankung. Auch scheint es, als hätten die Betroffenen kein ausgeprägtes Gefühl der Kohärenz. Gemeint ist damit eine widerstandsfähige Haltung zum Leben, die mit der Gewissheit einhergeht, tägliche Belastungen und Krisen bewältigen zu können.

Hier kann Ihnen ein Systemisches Præventionscoaching helfen.

 Die Rolle der Gene

Die Frage, warum nicht alle Menschen unter ähnlichen Bedingungen krank werden vor Angst, versuchen unter anderem Genetiker und Neurowissenschaftler zu klären, indem sie zunächst postulieren: Es muss zusätzlich eine genetische bzw. biologische Veranlagung vorliegen.

Genetische Faktoren werden für psychische Erkrankungen bisher nicht vollständig verstanden. Gene können einerseits ein Risikofaktor für eine psychische Störung sein, andererseits aber auch eine Schutzwirkung haben. Insgesamt sollte ihre Bedeutung nicht überschätzt werden, sie lösen per se keine Krankheiten aus, sie disponieren lediglich dafür. Das heißt, es gibt ein erhöhtes Risiko, die Krankheit muss nicht automatisch ausbrechen. Maßgeblich verantwortlich sind andere Faktoren, oft Umwelteinflüsse und der Lebensstil.

Das biologische Modell

„Der Schlüssel für ein besseres Verständnis psychischer Störungen heißt Hirnforschung,“ hat Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken für Psychiatrie in Düsseldorf, zu Beginn des Jahres 2000 festgestellt. Zu jenem Zeitpunkt hielten die Psychiater ihr Fach für das interessanteste der gesamten Medizin, da die zahlreichen neuen Erkenntnisse der Hirnforschung über die Funktionsunterschiede zwischen Gesunden und Kranken in den zehn Jahren zuvor die Psychiatrie revolutioniert hatten – im Verständnis der Ursachen über die Diagnostik bis zu den Therapien. Derzeit ist der Lack ein bisschen ab, aber das ist ein anderes Thema.

Nach wie vor gilt: Welche Krankheitsform sich die leidende Seele sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab. In fast allen Fällen geht dies mit Veränderungen in bestimmten Hirnarealen einher, genauer: mit einer Störung im Stoffwechsel der chemischen Botenstoffe (Neurotransmitter). Diese gewährleisten die einwandfreie Kommunikation zwischen den rund 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns und steuern verschiedene körperliche und geistige Prozesse.

Man weiß auch: Angst ist Stress – wie jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns einwirkt. Und Stress verändert Hirnfunktionen. Die komplexen Prozesse, die Angstgefühle erzeugen, laufen mit unfassbarer Geschwindigkeit und vielfach unbewusst ab. Welche Hirnstrukturen und Neurotransmitter daran beteiligt sind, war und ist Gegenstand zahlreicher Forschungen.

Klar ist: Bei Angstpatienten sind bestimmte Hirnregionen und die zugehörigen Neurotransmitter aktiv, die unmittelbar Denken und Fühlen beeinflussen. Dazu gehören die Mandelkerne (Amygdalae), eine stammesgeschichtlich sehr alte, paarig angelegte Funktionseinheit im Großhirn, die eng mit verschiedenen Strukturen des Gehirns verschaltet ist. Ob Furcht oder Fluchtwünsche – bei jeder Art von Emotionen spielt die Amygdala eine zentrale Rolle.

Ist die erst mal aktiviert, läuft das typische Kampf-Flucht-Schema ab, das Menschen und höher entwickelte Tiere seit Urzeiten durchs Leben begleitet und dieses oft genug rettet. Ein Faktor, der bei der körperlichen Wahrnehmung von Stress eine Rolle spielt, ist das vegetative Nervensystem. Es ist bei Angstpatienten leichter erregbar als bei Gesunden. Das Vegetativum stellt die Verbindung zu den inneren Organen und Drüsen her, es hat mit Körperprozessen zu tun, die selbstständig ohne das Bewusstsein (unwillkürlich) ablaufen. Beispiele sind Funktionen wie Atmung, Verdauung, Blutdruck, Schwitzen, Weinen.

Unklar ist generell noch, was Henne und Ei ist, inwieweit also Neurotransmitter-Störungen zum eigentlichen Ausbruch einer psychischen Erkrankung führen oder ob sie selbst lediglich Bestandteil des Prozesses sind.

Besonnenheit impliziert ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Angst, aber auch von Hoffnung, ein Maß zu finden mit den Gefühlen von Sehnsucht,
aber auch von Besorgnis

Giovanni Maio

Verstanden werden, Harmonien herstellen 

So oder so: Ängste, die das Leben dominieren, gehören immer in die Obhut von ebenso qualifizierten wie empathischen und engagierten Fachleuten. Außerdem verschwinden Ängste in aller Regel nicht von allein. Abhängig von den Ursachen, Beschwerden, Schweregraden und Patientenwünschen stehen differenzierte Ansätze zur Verfügung, die sich gegebenenfalls kombinieren lassen. Die neue S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen ist von April 2014; Orientierung für die Behandlung von Zwangsstörungen bietet eine neu entwickelte S3-Leitlinie von März 2o15.

Das Spektrum ist groß, begleitend zu Verhaltenstherapien, medikamentösen Maßnahmen, Hypno- und Traumatherapien oder Körpertherapien einschließlich Sport haben sich die Techniken der Stressbewältigung durch Achtsamkeit (Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) nach Kabat-Zinn als  sinnvoll und hilfreich erwiesen.

Das Wichtigste aber ist Zeit, Trost, Zuversicht – ist das Prinzip Hoffnung, ist positive Motivation. Es gilt, ein verständliches Modell seiner Krankheit zu erhalten, zum Experten seiner selbst zu werden und mehrdimensionale Wege zur Genesung zu eröffnen. Angstfreiheit lässt sich nicht verordnen, es lässt sich aber eine Harmonie herstellen zwischen dem was ist und dem, was idealerweise sein könnte. Der Arzt, Philosoph und Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio, Freiburg, nennt dies den „zentralen Wesenszug der Besonnenheit“, die eine Voraussetzung für das Selbstsein sei und die einen davon abhält, maßlos zu sein – auch mit den eigenen Affekten.〈2〉

Besonnenheit setze Realitätssinn und Klugheit voraus, eine innere Ruhe und Handelnwollen; Eigenschaften, die gleichsam nützlich sind für das therapeutische Konzept des Befähigens. Werden auch noch Angehörige aktiv eingebunden, umso besser: Im Rahmen der Psychoedukation können Patienten und Angehörige ihre jeweilige Lebensqualität verbessern auf dem Weg, zumindest angstfreier zu leben. In diesem Perspektivwechsel hin zur Stärkung der Standfestigkeit und Autonomie liegt zudem die Chance, sich selbst zu finden und, mehr noch, sich selbst annehmen zu können.

„Es ist unsere innere Einstellung, die uns sagt, dass das vermeintlich Imperfekte im Menschen, seine Leistungsgrenzen, seine Verwundbarkeit einen tieferen Sinn haben“, schreibt Maio. Gesund sei nicht, wer keine Beeinträchtigung hat, sondern wer einen kreativen Umgang mit seiner eigenen Begrenztheit und seiner grundsätzlichen Versehrbarkeit gefunden hat.

 

Zum Thema


IM FOKUS: DAS KRANKE GEHIRN

 

9 IDEEN FÜR EINE BESSERE NEUROWISSENSCHAFT

 

1 Berger, Mathias et al: Angststörungen in Psychiatrie und Psychotherapie. Urban u Fischer 2ooo

2 Maio, Giovanni: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Trias Verlag 2o14

Wohlwollend denken

Negative Gedanken. Das Unangenehme daran ist, dass sie alles noch schlimmer machen. Ob jede Situation, und sei sie noch so bitter, immer auch Gutes birgt, darüber lässt sich nicht wirklich diskutieren. Es gibt Menschen, die sind resilient, andere sind es nicht.

Gleichwohl lässt sich etwas an dem Versuch tun, Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen herzustellen und die Destillate in einen größeren Kontext zu stellen. In der Psychologie geht man davon aus, dass die Art, wie ein Mensch sich und das Leben sieht, von seinen Einstellungen, Gedanken, Bildern, Selbstgesprächen und Interpretationen aktiv beeinflusst wird. Inhalt und Qualität von Kognitionen beeinflussen Gefühle, Verhalten, Körperreaktionen und schließlich die Gesundheit.

Beispielsweise kann aus der sich wiederholenden Erfahrung der Hilflosigkeit in verschiedenen Situationen der Lerneffekt entstehen, das Leben nicht meistern zu können. „Erlernte Hilflosigkeit“ führt zu Denkmustern wie „Ich kann nichts, ich bin ein Loser, egal, was ich tue.“ Und ist ein Wegbereiter für Depression. Depressive Erkrankungen sind gekennzeichnet durch eine mangelnde Bewältigung und Kontrolle von negativen Gedanken, Eindrücken und Gefühlen.

Umgekehrt sind Narzissten und Psychopathen so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass die Befindlichkeiten anderer sie weder interessieren noch berühren. Nicht von ungefähr werden sie in der Wissenschaft auch „Sozialstraftäter“ genannt – und zusammen mit den Machiavellisten, den skrupellosen Manipulatoren, als „Dunkle Triade“ bezeichnet.

Oder: Wer an einen Streit mit dem Partner oder an Probleme am Arbeitsplatz denkt (vielleicht wegen der eben genannten Mitarbeiter oder Vorgesetzten), kennt vielleicht innere Monologe wie „Das hört und hört nicht auf.“ – „Warum gerade ich…“ – „Das wird wieder ein grauenvoller Tag.“

Gerade im Zusammenhang mit klinischen psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankungen ist es wichtig, seine eigenen negativen Gedanken, Überzeugungen, Gefühle zu kennen, sie lassen sich dann eher steuern. Sonst haben sie Sie, nicht Sie sie.

Negative Gedanken und Überzeugungen
wahrnehmen, ordnen, annehmen, ersetzen

 

Mit mentalen Verfahren lässt sich daran arbeiten, die eigene Person und stresserzeugende Situationen bzw. in stresserzeugenden Situationen realistischer wahrzunehmen. Grundannahme ist, dass destruktive Denk- und Verhaltensweisen erlernt wurden und wieder verlernt werden können. In entsprechenden Übungen werden automatisch auftauchende negative Gedanken und Überzeugungen identifiziert, bewertet und umgewandelt.

Wenn man ein Ziel hat, wird vieles unwichtig.
Dazu gehört auch die Einsamkeit
Wilfried Erdmann, Alleinsegler

In was? In Annahme vielleicht, in Annahme dessen, was ist. Das hat nichts mit Resignation oder Fatalismus zu tun. Im Gegenteil, es kann kreative Kraft entstehen und letztlich eine Haltung, die Dinge des Lebens sportlicher zu nehmen. Haltung ist ein besonderes Wort. Denn innere und äußere Haltung bilden den Gesamtzustand ab. In dem Sinne kann es nicht schaden, sportlich zu sein und jegliche Bewegungen bewusst auszuführen. Das heißt, auf das „Wie“ des Tuns zu achten.

Nach dem Prinzip funktionieren nahezu alle mentalen Trainingsformen, die Ziele sind stets die gleichen. Auf dieser Basis funktionieren auch mein Mind Body Medizin-Training | Selbstführungs-Training und meine Præventionsoachings:

Ziele des MBM-Trainings| Selbstführungs-Trainings und des Präventionscoachings:

 

  • Wohlwollende Grundeinstellung
  • Innere Kraftquellen nutzen
  • Sich besser kennenlernen
  • Die 5S
  • Integrativer Umgang mit Krisen, Konflikten, Widerständen 
  • ein guter, zumindest besserer Schwimmer werden
  • Visionen entwickeln, um Ziele greifbarer zu machen

 

Auf dem Weg zu neuen Ufern und zu Antworten ist es hilfreich, sich – und andere – nicht unter Druck zu setzen. Um Wohlwollen zu „schenken“ und uneigennützig für jemanden da zu sein, müssen wir uns selbst wohlfühlen. Es gibt ein paar Qualitäten oder auch ungeschriebene Gesetze, eines ist Geduld gepaart mit Gelassenheit, denn „ein Jegliches hat seine Zeit“. Darüber hinaus gibt es Meditationen, in denen es darum geht, eine Einstellung freundlichen Wohlwollens sich selbst und anderen gegenüber zu entwickeln.

„Man muss überdies von einem bequemen Rezeptdenken Abschied nehmen, der Suche nach fertigen, situationsunabhängig gültigen Prinzipien, die für alle gelten können – immer und überall,“ schreiben Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun, der Erfinder der Kommunikationspsychologie, und der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen.〈1〉 Was bleibe, sind gedankliche Rahmenbildungen, Werkzeuge zur Entdeckung der eigenen, individuellen Lösung.

Beste Ausdrucksform für das Ergebnis derart reflexiver Prozesse sind gute Selbstgespräche. Darüber hinaus ist es im Idealfall eine Art des Miteinander-Redens, die sich für beide Seiten als bereichernd erweist, da sie geprägt ist von „3 W“: Wertschätzung, emotionale Wärme, kluge Worte.

Und wenn man doch einmal ein Rezept präsentiert,
so bleibt dies der Selbsterarbeitung überlassen
Friedemann Schulz von Thun

 


 

1 Pörksen B und Schulz von Thun F: Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Carl Auer, 2o14

 

 

Bewusst entspannen

Winston Links | ask 2o13  Es gibt Menschen, die Ruhe nervös macht; Menschen, die den Sonntag – den Ruhetag – nicht leben können; Menschen, die sich vor sich fürchten – die fürchten, sich plötzlich mit sich beschäftigen zu müssen.

Jeder kann lernen, sich angstfrei zu begegnen und die belastenden Anforderungen eines komplexen Lebens positiv zu beeinflussen. Ein Weg ist sicherlich bewusstes Entspannen.

Auf körperlicher Ebene ist damit das Lösen von Muskelspannungen und eine Beruhigung des Atems gemeint.

Auf mentaler Ebene geht es um Wahrnehmen und „ziehen lassen“ von negativen Gedanken oder zwanghaften Sorgen.

Auf emotionaler Ebene geht es um Entwicklung größerer Gelassenheit, mehr Selbstakzeptanz, Konzentration und inneren Frieden.

Alle drei Ebenen – Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle – beeinflussen sich gegenseitig und finden im Verhalten ihren Ausdruck. Allerdings: Ruhe lässt sich nicht ein- und ausschalten wie eine Lampe. „Wir brauchen Übergangsrituale – Handlungen die immer wiederkehren und über die man nicht nachdenken muss,“ so Karlheinz A. Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Als Beispiel nennt Geißler das Unkrautzupfen.

Von Atmen bis Yoga

Das Ziel bewusster Entspannung ist nicht, immer entspannt zu sein; Ziel ist es, Entspannungsfähigkeit zu entwickeln und die Lieblingstechnik/en in den Alltag zu integrieren. Ansonsten macht der regelmäßige Wechsel zwischen An- und Entspannung einen gesunden Lebensstil aus.

Welche Entspannungsmethode die jeweils richtige ist, lässt sich nur durch Experimentieren herausfinden. Den Möglichkeiten sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt, hilfreich für die Entscheidung kann die Einteilung in Top-down-Verfahren und Bottom-up-Verfahren sein:

Top-down-Verfahren wie Autogenes Training, Meditation oder Feldenkrais lösen Entspannung über die Gedanken aus und wirken auf das vegetative Nervensystem (steuert alle Organfunktionen) und die motorische Muskulatur.

Bottom-up-Verfahren wie Progressive Muskelentspannung und Yoga wirken über bewusstes An- und Entspannen der Muskulatur auf das vegetative Nervensystem und die Gedanken.

Eines gilt für alle: Je ruhiger die Umgebung ist, umso besser. Wichtiger als eine Methodik an sich ist jedoch regelmäßiges Üben. Als optimal gelten 20 bis 30 Minuten täglich. Wer dies nicht einrichten kann, sollte zumindest versuchen, sich mehrmals zwischendurch fünf Minuten auf seine Atmung zu konzentrieren. Jedes noch so kurze Zentrieren wirkt positiv.

 


 

Geißler, Karlheinz A: Zeit – verweile doch … Lebensformen gegen die Hast. Herder 2oo2

Der populärste Stress

Viel ist in den letzten Jahren geschrieben worden über die Macht des populärsten aller Stressoren – über den Arbeitsstress. Höher, weiter, schneller, besser lautete das uneingeschränkte Diktum der Leistungsgesellschaft. Trödler, Träumer, Introvertierte und überhaupt Individualisten brauchten eine ziemlich dicke Haut und einen langen Atem, wenn sie ernst genommen werden wollten. Sofern sie das wollten.

Daran hat sich im Prinzip nichts geändert, nur dass die Gesellschaft jetzt im Hochleistungsbereich angekommen ist und dass die – freilich nicht ausnahmslos – von „Egoisten, Hohlköpfen und Psychopathen“ dirigierten Systeme durchschaubarer und erschütterbarer geworden sind.〈1〉

Banker oder Bankräuber – das ist manchmal nur eine Frage der Umstände
Karen Duve

In Chefetagen soll der Anteil an Persönlichkeitstypen mit einem aus der Balance geratenen Selbstbewusstsein sechsmal höher sein als im Bevölkerungsdurchschnitt: Machiavellisten, Psychopathen und Narzissten – gemeinsam werden diese drei als Dunkle Triade bezeichnet; sie alle gelten als emotional kalt, selbstgerecht und egoman, ihre Unterschiedlichkeit liegt in dem, was sie antreibt.〈2〉 Der Machiavellist ist ein skrupelloser Manipulator und will seine Ziele erreichen. Der Psychopath geht direkt und rücksichtslos vor, ihm geht es um die Handlung selbst. Der Narziss braucht in grenzenloser Selbstüberschätzung (schöner-besser-schlauer) Beachtung und Bewunderung. Mit dem Sadisten als viertem destruktiven und ausbeuterischen Typus wurde zur weiteren Differenzierung 2009 die Dunkle Tetrade benannt, dieses Konstrukt ist allerdings umstritten.

Für die Stillen, die Scheuen, die Soziophoben, alle von diesen Zeiten angewiderten Kreativen dennoch Gründe genug, sich dem „Theater der Purzelbäume“ (Thomas Bernhard) gelassener zu entziehen denn je; sie müssen nicht zwingend zum Arzt. „Dr. Feelgood“ kommt direkt ins Haus. Vor allem Unternehmen mit überwiegend jungen Mitarbeitern und Start ups entdecken das Feelgood Management als Silikon-Valley-Äquivalent zum sogenannten Chief Happiness Officer (CHO) für eine Unternehmenskultur, die sie als „reif“ bezeichnen.

Als sinnvolle deutsche Übersetzung für das noch neue Berufsbild taugt wahrscheinlich der etwas sperrige Begriff „Unternehmenskultur-Beauftragter“, er signalisiert zumindest, dass es um mehr als aktionistische Bespaßung geht. Auch haben wir es hier nicht mit einer begrifflichen Aufwertung des Büromitarbeiters im Minijob zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine gute Melange aus Betrieblichem Gesundheitsmanagement und BWL, denn die Konzepte der Prävention, Salutogenese und Resilienz spielen eine wichtige Rolle.

„Wir lassen uns nicht mehr treiben, werden achtsam,“ beschreibt Matthias Horx, Inhaber des zukunftsInstituts, die Gegenbewegung und hofft: „Das Business wird spirituell.“〈3〉Damit könnte die Feststellung des amerikanischen Ökonoms und Nobelpreisträgers Edmund Phelps, dass 95% des persönlichen Glücks durch die Arbeitswelt bestimmt wird, einen neuen Sinn ergeben.

Das gelingt inzwischen mit steigender Tendenz, die ideologiefreie Idee von der Achtsamkeit ist zur Ideologie geworden. Es haben sich viele Abgründe aufgetan, diese nicht immer schöne neue Welt – mancherorts bleibt es beim Umsichwerfen mit dem Wort – existiert parallel zu der der Lauten, Aktionisten, Extravertierten. Insbesondere dieser Teil der Gesellschaft ist besessen vom Status – und von der Angst, diesen zu verlieren.

Die Kultur des Verlierens ist abhanden gekommen, der moderne Sklave verbringt 80% seiner wachen Zeit in der Arbeitswelt, diese ist ein wesentliches Fundament seiner Erfahrungen. „Deshalb ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit: soziale Aufwertung der Arbeitswelt“, schreibt Prof. Richard Sennett, einer der bekanntesten Soziologen der Gegenwart.〈4〉 Ein hübsch klingendes Ziel, die Realität sieht meist (noch) anders aus.

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung: Die Balance zwischen Engagement und Belohnung stimmt nicht immer, insbesondere nicht bei den unter 40-Jährigen. Internationale Studien bestätigen seit Jahren, dass unter dem hohen ökonomischen Druck der heutigen Zeit

  • Arbeitsplatzunsicherheit,
  • hohe Anforderungen an Mobilität und Flexibilität,
  • Auflösung vertrauter Strukturen,
  • Über- und Unterforderung,
  • Über- und Unterinformation,
  • innerbetriebliche Machtkämpfe,
  • fehlende Unterstützung/Nichtanerkennung durch Kollegen,
  • offene und verdeckte Rivalität,
  • isolierte Arbeitsbedingungen,
  • unrealistische Zielsetzungen,
  • generelle Überarbeitung,
  • Mobbing,
  • mangelnde Führungskompetenz, autoritäres Verhalten, unzureichende Kooperation, unklare Instruktion und Willkür seitens der Vorgesetzten

massiven Stress auslösen und für viele Betroffene einen seelischen Konflikt darstellen, der oft zum Rückzug in Form einer depressiven oder anderen Störung führt. Der Preis ist hoch, der Weg in die existenzielle Frustration quasi programmiert.

Das gilt auch für die Arbeitssucht. Der Workoholic ist auf der Flucht – vor allem möglichen, vor allem aber vor sich selbst. Es gibt Schätzungen, wonach in Deutschland bis zu 500.000 Angestellte arbeitssüchtig sein sollen und weitere 14% als gefährdet gelten.

Gesellschaft der Angst

Wenn es um Krankheitsgründe am Arbeitsplatz geht, stehen Stress und Depression mittlerweile direkt hinter den Herzerkrankungen. Die Prognose der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2000, dass Depressionen bis zum Jahr 2020 weltweit die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit oder „verlorene Jahre“ sein werden, übertroffen nur von den Herz-Kreislauferkrankungen, ist bereits erfüllt.

Inzwischen geraten nicht mehr nur angestellte Ärzte, Führungskräfte und die Top-Verdiener in der Finanzwelt überdurchschnittlich häufig in die Stressfalle. Der Gesundheitsreport 2015 der Deutschen Angestellten Krankenkasse DAK mit dem Update „Doping am Arbeitsplatz“ hat die „kleinen Angestellten“ als ebenfalls hoch gefährdete Risikogruppe ausgemacht.〈5〉 Alle leiden unter jenem Zeitphänomen, das die einen als „Burnout“ bezeichnen, die anderen als „begriffliches Vehikel für affektive Störungen“ wie Depressionen, Ängste, Drogen-, Medikamentenmissbrauch.

Schlüsseldimensionen auf dem Weg in den Teufelskreis sind in jedem Fall (Selbst)Ausbeutung, emotionale Erschöpfung, Depersonalisation („Menschenaversion“) und reduzierte Leistungsfähigkeit als Folge nicht erfüllter individueller arbeitsbezogener Wertvorstellungen einschließlich objektiv belastender Arbeitszeiten. Für die Angst vor dem Jobverlust gilt laut DAK-Report: Je einfacher die Tätigkeit und je unsicherer die Anstellung, desto höher das Risiko.〈5〉 Bei Managern sind Ängste nach Depressionen und Alkoholmissbrauch die dritthäufigste psychische Störung.

Ist die Arbeitswelt schon eine bessere, wenn es neben den kaltschnäuzigen und machtbesessenen Chefs endlich auch mehr kaltschnäuzige und machtbesessene Chefinnen gibt?
Spiegel Online

Der deutsche Soziologe Prof. Dr. Heinz Bude, Kassel, nennt das Phänomen bei Gutverdienern das Sicherheitsparadox.〈6〉 Es besagt, dass die Empfindlichkeit für Unsicherheiten mit dem Ausmaß der Sicherheit wächst. In der so entstandenen „Gesellschaft der Angst“ mache nahezu jeder mit, um den Begriff eines gelingenden Lebens für sich einzulösen und aus Angst, nicht mehr mitspielen zu dürfen. Die Ziele bedingen einander und seien deshalb besonders tückisch, weil Bildung und Leistung nicht mehr automatisch sozialen Aufstieg garantieren.

Der Intuiton vertrauen

Wenn es dann doch passiert, bedeutet der Jobverlust nicht nur den Verlust materieller Sicherheit, sondern in aller Regel eine erhebliche psychische Belastung. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, vermeintlich fehlende soziale Anerkennung, zunächst unstrukturierte Tagesabläufe sowie zunächst als Defizit erlebte Kontaktverluste und nicht zuletzt Minderwertigkeitsgefühle können dabei eine Rolle spielen.

Die Option, Angst zu verlieren und einzigartige neue Räume zu erobern, spielt keine Rolle. Schade, denn in einer Welt, die sich im Dauerkrisenmodus befindet, ist nur eines gewiss: Es gibt keine Gewissheiten mehr. Lineare Lebensläufe? Sind selten geworden. Die guten alten Rezepte? Sind nicht mehr grundsätzlich gut, viele sind nur noch alt.

Die Biographie der Zukunft ist die der radikalen Brüche und der Notwendigkeit, auch die eigene Welt immer wieder infrage zu stellen, gegen den Strich zu bürsten, neu zu denken und zu fühlen. Und zu lernen, sich auf sich selbst zu verlassen. Menschen, die an sich und etwas glauben, finden darin Trost, Geborgenheit, Zuversicht. Diese Quelle zusammen mit Intelligenz, Intuition und Courage bleiben die besten Freunde auf dem Weg durch unsicheres, schlimmstenfalls vermintes Gelände. Was zunächst unlösbar erscheint, geht irgendwann doch. Vielleicht lässt sich so der inzwischen inflationär verwendete Begriff Resilienz auf den Punkt bringen.

 

Mind Body Medizin-Training | Selbstführungs-Training

 

 

 

Zum Thema


 

GESUNDHEITSMONITOR 01|2015:
Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz: Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und die Folgen für die Gesundheit. Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK. Gütersloh, März 2o15

Wilkinson E: UK National Health Staff: stressed, exhausted, burnt out. The Lancet, März 2o15. 385; 9971: 841–842
DOI: 10.1016/S0140-6736(15)60470-6

Klahre, Andrea S: Im Fokus: Das kranke Gehirn. alldieschoenenworte.de 2o15

 

1 Duve, Karen: Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen. Galiani Berlin 2o14

2 Paulhus DL, Kevin MW: The Dark Triad of personality: Narcissism, Machiavellianism, and psychopathy. Journal of Research in Personality. 2002; 36: 556-563. PDF

3 Future Day 15 – Der Zukunftskongress des Zukunftsinstituts. Frankfurt/Main, 23. Juni 2o15

4 Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des Kapitalismus; Berlin Verlag 1998

Gesundheitsreport 2015: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update: Doping am Arbeitsplatz. Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK. März 2o15

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p style=“text-align: left;“>6 Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst. Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung 2o14

Kampf oder Flucht

Niemand kann sich ihm entziehen, dem Adrenalin-Flash: Der Blutdruck steigt, das Herz rast, tief durchatmen, eine mehr oder minder beängstigende Energie entwickeln und los geht´s – gegen den Kollegen, den Lehrer der Kinder, den Partner oder den Deppen vor oder hinter Ihnen im Straßenverkehr.

Jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns wirkt, ist Stress. Stress hat viele Gesichter und zahllose Gründe, auch wenn wir nicht immer wissen, was genau mit dem Begriff eigentlich gemeint ist – trotz der inflationären Verwendung.

Entwicklungsgeschichtlich gesehen hat sich der Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Denn Stress ist ein natürliches und biologisch festgelegtes Gefühl – ein Relikt aus prähistorischen Zeiten, in denen der Homo erectus in freier Natur lebte und jede falsche Bewegung tödlich sein konnte. Biologisch hat sich nichts geändert: Unsere heutige Stress-Software ist die gleiche wie die unserer Vorfahren. Stress tritt meist in Situationen auf, die als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar eingeschätzt werden. Somit ist Stress ein durchaus hilfreicher Schutzreflex:

ein Alarmsignal, das den Körper warnt und die Aufmerksamkeit erhöht,
eine automatische, also unbewusste Alarmreaktion, die den Körper auf blitzschnelles Handeln vorbereitet.

Die Reaktionen sind immer auf drei Ebenen möglich:

auf der Handlungsebene: Sie wenden sich ab, flüchten, gehen kritischen Situationen aus dem Weg oder kämpfen,
auf der gedanklich-emotionalen Ebene: Sie fürchten z. B. die Kontrolle zu verlieren oder zu sterben,
auf der körperlichen Ebene: Sie schwitzen oder frieren, erleben z. B. Schwindelgefühle, Muskelverkrampfungen, Benommenheit, Flimmern vor den Augen, Taubheit oder Kribbeln in verschiedenen Körperteilen, Übelkeit, Herzrasen, Harn-, Stuhldrang, Atemnot bis hin zu Erstickungsgefühlen.

Die drei Anteile treten nicht immer gleichzeitig und gleich stark auf. Dennoch spielen sie bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Stresssymptomatik eine Rolle.

Wann wird´s heikel?

Akuter Stress ist meist nicht gefährlich und nichts weiter als eine Anpassung des Organismus auf Belastung, obwohl er als unangenehm erlebt wird. Heikel wird´s, wenn zwischen den Stressphasen keine Zeit zur Erholung bleibt und die permanenten Anforderungen sich zur chronischen Überforderung entwickeln. Dann lässt sich die Frage „Ist Stress ungesund?“ eindeutig mit Ja beantworten: 90% aller Herzinfarkte sind Lebensstil-bedingt, nur 10% bleiben für die Genetik.〈1〉 Und: Innerhalb einer Stunde nach einer akuten Stresssituation steigt das Infarktrisiko auf das 17-fache.

Die langfristigen Folgen von Stress auf Körper und Seele sind vielfältig, sie können über allgemeine Erschöpfung und Müdigkeit hinaus körperliche Erkrankungen, Schmerzsyndrome und Autoimmunerkrankungen triggern. Beispiele sind:

Allergien, Ängste, Alkoholismus, Bluthochdruck, chronische Magen-Darmerkrankungen (z. B. Gastritis, Reizdarm, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Zwölffingerdarmgeschwür), Depression, Drogenkonsum (incl. Zigaretten), Erschöpfung, Essstörungen, Fibromyalgie, Hauterkrankungen, HNO-Erkrankungen (Hörsturz, Tinnitus, Schwindel), ständig wiederkehrende Erkältungen, Kopfschmerzen/Migräne, rheumatische Erkrankungen, Schlafstörungen, Überfunktion der Schilddrüse, eine Fülle von gynäkologischen und urologischen Problemen.

Nahezu alle Beispiele zählen auch zum Komplex der psychosomatischen Krankheitsbilder.

Andererseits haben Studien gezeigt, dass durch bewusste Entspannung zum Beispiel der Blutdruck sinkt, Schlafstörungen gelindert werden und auch die Anfälligkeit für Stress reduziert wird. Genauso wie unser Herz bei der Vorstellung einer (furcht)erregenden Situation heftig zu pochen beginnt, kann die Frequenz durch bewusste Beruhigung verringert werden. Das Erlernen von Entspannungstechniken ist ein wichtiger Teil eines gesundheitsbewussten, präventiven Lebensstils.

Stress ist Stress

Das Problem aber ist: Viele nehmen Dauerstress nicht ernst, weil sie diesen auch positiv wahrnehmen. Nach klassischer Definition wird Stress nicht nur negativ erlebt. Danach reagiert der negative „Dis“-Stresstyp mit einer blockierenden Erregung, der positive „Eu“-Stresstyp  mit besonderer Konzentration. Hinzu kommen geschlechtsspezifische Unterschiede des Stresserlebens und -verhaltens.

Diese Unterscheidungen spielen in der wissenschaftlichen Forschung jedoch keine Rolle mehr, dort wird nur noch zwischen akutem und chronischem Stress unterschieden. Begründung: Positiver Stress wirkt im Körper genauso wie negativer Stress. Soll heißen: Stress ist Stress.

In Stresssituationen startet das Gehirn eine Kettenreaktion, die das Herz in Alarmbereitschaft bringt, Angst und Furcht machen sich breit. Der Körper aktiviert alles, um mit der Situation fertig zu werden – völlig unabhängig davon, ob es sich um den Angriff eines Feindes oder eine Prüfung handelt. Der populärste Stress ist nach Ansicht von Stressforschern der Arbeitsstress. Am nachhaltigsten wirken die Pflege eines Angehörigen und der Verlust eines geliebten Menschen durch Tod.

Cortisol & Co.

Die komplexen stresserzeugenden Prozesse laufen im Körper mit enormer Geschwindigkeit und daher vielfach unbewusst ab. Klar ist, dass sich Stress über mehrere Wege im Gehirn auswirkt. Das Gehirn ist das zentrale Organ des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens. Und damit Sitz all jener Fähigkeiten, die das Menschsein ausmachen.

Welche Hirnstrukturen und Signalüberträger bzw. Nervenbotenstoffe zwischen den Nervenzellen beteiligt sind, ist Gegenstand zahlreicher Forschungen. Bisher kann gezeigt werden, dass zu den Netzwerken, die für eine normale Stressreaktion verantwortlich sind, die Amygdala (Mandelkern) gehört – ein paarig angelegtes Kerngebiet des Gehirns im vorderen Abschnitt des rechten und linken Temporallappens. Die Amydala (Plural: Amygdalae) ist Teil des Limbischen Systems und zentral bei der Entstehung und beim Ausdruck von Emotionen beteiligt, besonders von Furcht und Angst.

In allen Stresssituationen sind in erster Linie jene Nervenzellen bzw. Neuronen aktiv, die die Stresshormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin als Botenstoffe benutzen.

Die Neuronen, die Noradrenalin als Botenstoffe benutzen, stehen zu mindestens einem Drittel aller Nervenzellen des Gehirns in Kontakt. Je aktiver diese Zellen sind, umso mehr Noradrenalin produzieren sie. Parallel dazu wird der Körper mit Cortisol geflutet, einem im Nebennierenmark gebildeten Stresshormon, das zum Beispiel bei einer Infektion, einem akuten seelischen Trauma oder bei chronischem Stress freigesetzt wird.

Eines der ersten Hormone, das aktiv wird, hat den kaum aussprechbaren Namen Corticotropin-freisetzendes Hormon (Corticotropin-releasing Hormon, CRH). Es wird im Gehirn im Limbischen System aktiviert – jenen Hirnstrukturen, die unsere Gefühle, Instinkte und Gedächtnisfunktionen steuern. CRH wiederum stimuliert die Cortisolproduktion.

Bei kurzzeitigem Stress sind Adrenalin und Noradrenalin beteiligt, bei chronischem Stress mit Angstsymptomen ändern sich die psychosomatischen Reaktionsmuster und andere Stresshormone wie eben Cortisol werden ausgeschüttet.

Erweiterte Amygdala

Forscher am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben inzwischen auch Nervenzellen in einer Hirnregion lokalisiert, die für die Regulierung der Furcht- und Angstreaktionen verantwortlich sind: Der „erweiterte Amygdalakomplex“ oder „erweiterte Mandelkernkomplex“ gilt als das Gebiet, das die meisten Verknüpfungen mit anderen Gebieten aufweist.〈2〉Es ist ebenfalls eng mit der affektiven Bewertung eintreffender Informationen („Gefahr!“) und der entsprechenden Verhaltensreaktion verknüpft.

Hier fand das Team um Prof. Alon Chen und Dr. Marloes Henckens Nervenzellen, die Angstreaktionen auf Stress regulieren. Aktive Neuronen und niedrige Cortisolwerte reduzieren Ängstlichkeit, inaktive Neuronen und erhöhte Cortisolwerte produzieren Ängstlichkeit. Im Mausmodell dauerte es im ersten Fall weniger lang, bis sich nach einem stressauslösenden Ereignis die Werte normalisierten. Dieser Mechanismus spielt auch eine Rolle bei der Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

 


 

1 Yusuf S et al: The INTERHEART Study. The Lancet 2oo4. 364; 9438: 937-952. Doi: 10.1016/S0140-6736(04)17018-9

2 Henckens MJAG et al: Molecular Psychiatry 2o16.
Doi: 10.1038/mp.2016.133

Die Sache mit der Resilienz

 

SAGT DIE SEELE ZUM KÖRPER: GEH DU VOR,
AUF MICH HÖRT ER NICHT.
 ANTWORTET DER KÖRPER:

ICH WERDE KRANK, DANN HAT ER ZEIT FÜR DICH.

 

Bei der Entstehung vieler psychischer Erkrankungen wie Depression, Angst oder Sucht spielen Stress, traumatische Ereignisse oder belastende Lebensumstände eine wesentliche Rolle. Doch nicht jeder Mensch entwickelt eine psychische Erkrankung, wenn er sich Widrigkeiten ausgesetzt sieht. Die jedem Menschen mehr oder minder innewohnende „seelische Widerstandskraft“ hilft, Herausforderungen nachhaltig wirksam zu meistern und dabei mental gesund zu bleiben.

Die Tatsache, dass einige Menschen nicht oder nur kurzfristig erkranken, obwohl sie großem psychischen oder physischen Druck ausgesetzt sind, hat zu der Annahme geführt, dass sie über Schutz- und Selbstheilungskräfte verfügen, die eine Entwicklung stressbedingter Erkrankungen verhindern.

Die zugrunde liegenden Mechanismen werden zum einen in dem Modell der Salutogenese zusammengefasst: Der amerikanische Soziologe Prof. Dr. Aaron Antonovsky (1923-1994) ist der Frage nachgegangen, wie trotz allgemein widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen kann.

Soziologisch, psychologisch, genetisch … 

Auch die Resilienzforschung beschäftigt sich mit den Faktoren, die seelische Widerstandskraft positiv beeinflussen. Allerdings wirkt schon die Definition von Resilienz als psychischer Widerstandskraft nur auf den ersten Blick klar und eindeutig. In der Forschung wird Resilienz sehr unterschiedlich definiert und messbar gemacht. Und in der Praxis macht sich gerade ein vergleichbarer Hype wie mit der Achtsamkeit breit. Auch hier gilt: Nicht überall, wo Resilienz draufsteht … Sie wissen schon.

Der renommierte Trauer- und Traumaforscher Prof. George A. Bonanno, New York, glaubt an “natürliche Resilienz” – an eine ureigene Kraftquelle, die uns hilft, nach Verlusterfahrungen als Mensch zu wachsen und irgendwann in neue Balance zu kommen.[1] Denn, so Bonnano, „Resilienz ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände.“[2]

Resilienz ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände
George A. Bonanno

Rein empirisch betrachtet, stehen bisher die unterschiedlichen soziologischen, psychologischen und genetischen Dimensionen im Vordergrund der Forschung, beispielsweise soziale Unterstützung, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder typische Verhaltensweisen.

Wissenschaftler der Neuroimaging Center (NIC), einer zentralen Forschungsplattform der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und des Forschungszentrums Translationale Neurowissenschaften (FTN), haben all diese Einzelansätze nun um Neurobiologie ergänzt. Ihre Forschungsfrage lautete, ob es möglicherweise mit dem Gehirn einen gemeinsamen Nenner gibt; zu dem Zweck wurde die Datenlage aus Studien und Untersuchungen zum Thema Resilienz ausgewertet.

 

© Tim Bartel | Flickr

 

… und jetzt das Gehirn

Im Ergebnis rückt das Gehirn tatsächlich in den Mittelpunkt: „Wie bewertet das Gehirn belastende oder bedrohliche Situationen oder bestimmte Reize?“ lautet demnach die entscheidende Frage.

„Eine positive Reizbewertung ist vermutlich der zentrale Mechanismus, der letztlich über die Resilienz des Individuums entscheidet. Die vielen bisher identifizierten Faktoren bestimmen Resilienz indirekt, indem sie die Bewertung nur beeinflussen,“ schreiben die Autoren der Arbeit, die online in der Fachzeitschrift Behavioral and Brain Sciences veröffentlicht wurde.[3]

Eine interessante Konsequenz des Bewertungsansatzes sei, dass es weniger die belastenden Situationen oder Reize per se sind, die darüber entscheiden, ob Stress entsteht, sondern die Art und Weise, wie der Mensch die Situation bewertet. Es macht einen großen Unterschied, ob er mit seinem Schicksal hadert und sich als hilfloses Opfer sieht, oder ob er die Situation akzeptieren und sich auf eine Lösung konzentrieren kann. Ein positiver Bewertungsstil schützt demnach langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert. Weitere Merkmale von Resilienz sind die Fähigkeit, die eigenen Emotionen und Impulse kontrollieren und ein tragfähiges Netz aus sozialen Bindungen aufbauen zu können.

Den neuen Ansatz nennen die Wissenschaftler PASTOR (Positive Appraisal Style Theory Of Resilience), Ziel der damit verbundenen Aktivitäten in den nächsten Jahren soll es sein, insbesondere die neurobiologischen Prozesse zu erforschen, die einer positiven Bewertung durch das Gehirn zugrunde liegen.

„Wir wollen verstehen, welche Vorgänge im Gehirn Menschen dazu befähigen, sich gegen die schädlichen Auswirkungen von Stress und belastenden Lebensereignissen zu schützen und wie diese Schutzmechanismen gezielt gefördert und verstärkt werden können“, wird Prof. Dr. Raffael Kalisch, Leiter des NIC und Erstautor der Studie, in einer Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz zitiert. Für ihre Forschungen nutzen die Mainzer Wissenschaftler das 2014 gegründete Deutsche Resilienz-Zentrum Mainz (DRZ Mainz), dem europaweit ersten Zentrum dieser Art, in dem fachübergreifend mehrere Disziplinen zusammenarbeiten.

So soll es sein, denn noch gilt als weitgehend ungeklärt, auf welchen Prinzipien seine Aktivität basiert. Nur in gemeinsamer Arbeit kann es gelingen, das Gehirn selbst zu verstehen. Da das noch dauern kann, braucht es zunächst vor allem eines: regulatorische Flexibilität …

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ZUM THEMA

9 Ideen für eine bessere Neurowissenschaft. Neuroforschung in der Kritik – Wissenschaftler plädieren für Reformen | Gehirn & Geist, o2.o1.2o15
 

 

1 Bonanno GA: Die andere Seite der Trauer. Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden. Edition Sirius 2o12

2 Bonnano GA im Interview: „Der Mensch ist ein zähes Tier“. Brandeins 11/2o14, Schwerpunkt Scheitern

3 Kalisch R et al: Behav Brain Sci. 2014; 27:1-49. [Epub ahead of print]. DOI: 10.1017/S0140525X1400082X

Wie entsteht Gesundheit?

Gesundheit ist … für jeden etwas anderes. Die Ansichten darüber, welche Bedingungen über Gesundheit und Krankheit entscheiden, sind höchst unterschiedlich. Der persönliche Blick auf das Thema entscheidet weitgehend darüber, ob jemand für Verhaltensänderungen aufgeschlossen ist oder nicht. So werden Menschen, die davon überzeugt sind, dass Gesundheit überwiegend „eine Frage der Gene“ sei, sich kaum von Maßnahmen ansprechen lassen.

Seit längerem weisen internationale Studien darauf, dass die Gesundheitskompetenz des Einzelnen verbesserungsbedürftig ist. Inzwischen liegen auch für Deutschland erste Daten vor, die dies bestätigen. In dem interdisziplinären Feld der Gesundheitswissenschaften beschäftigen sich die Autoren des Standardwerks Gesundheitswissenschaft daher intensiv mit Fragen zum Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsverhalten. Das Spektrum an Vorstellungen ist insgesamt sehr groß. Häufige Aussagen lauten:

  • Gesundheit ist Schicksal: „Da kann man halt nichts machen …“
  • Gesundeit ist Folge von biologischen Prozessen: „Das Übel war sein Bluthochdruck.“
  • Gesundheit ist Folge von Umwelteinflüssen: „Wir haben ja so schlechte Luft in der Gegend.“
  • Risikofaktoren-Theorie der Gesundheit: „Sein Husten kommt vom Rauchen.“
  • Bewegungstheorie der Gesundheit: „Bewegung hält fit.“
  • Ernährungstheorie der Gesundheit: „Jeden Morgen ein Apfel und abends ein Glas Wein halten Leib und Seele zusammen.“
  • Theorie der Regeneration: „Wenn ich meinen Mittagsschlaf nicht habe, ist das sehr schlecht.“

Möglich, dass Gesundheit für Sie etwas ganz anderes ist. Für die meisten Ärzte ist Gesundheit ganz schlicht die Abwesenheit von Krankheit. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich in der Wissenschaft verschiedene Definitionen entwickelt, die vor allem gemeinsam haben, dass sie Gesundheit positiv definieren.

Positive Gesundheit

Der Begriff „positive Gesundheit“ beinhaltet Faktoren wie Lebensqualität, Handlungsfähigkeit, Emotionale Kompetenz, Rollenkompetenz und die Möglichkeit, das vorhandene Potential gleichzeitig zu erfüllen und zu erweitern. Außerdem:

  • Qualitativ hochwertige, vielseitige Ernährung
  • Körperliche und mentale Fitness durch Bewegung
  • Keine „Genussgifte“
  • Optimale Hirndurchblutung durch Bewegung und Entspannungstechniken
  • Genügend und guter Schlaf
  • Balance zwischen An- und Entspannung
  • Stressbewältigung
  • Seelisch-soziale Gesundheit durch Selbstwirksamkeit, Lebensfreude und Emotionale Kompetenz.

Es gibt auch Menschen, die sind und bleiben gesund – trotz harter Zeiten oder des Umgangs mit Leid. Was diese von jenen unterscheidet, die an Belastungen, Lebenskrisen und Schicksalsschlägen schwer erkranken oder zerbrechen, fasziniert Wissenschaftler seit jeher; die Frage ist mittlerweile weitgehend durch die Modelle der Salutogenese und Resilienz beantwortet.

Der eigenverantwortliche Mensch im Mittelpunkt

In diesen Konzepten steht der Mensch im Mittelpunkt seines Seins und kann nur dann selbstbestimmt wirken, wenn er die Welt mental, psychisch und auf der Handlungsebene als kohärent zu erleben vermag – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Beruf und soweit möglich auch unabhängig von weiteren Bedingungen und Umständen. Das Gefühl der Kohärenz (Sense of Coherence, SOC) wiederum ist der zentrale Aspekt in der Salutogenese und meint das

Gefühl der Verstehbarkeit Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen

Gefühl der Bewältigbarkeit Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können

Gefühl der Sinnhaftigkeit Glaube, dass das Leben einen Sinn hat

Diese Grundhaltung zum Leben ist hoch dynamisch: Einerseits muss sie sich regelmäßig an neuen Erfahrungen messen. Andererseits beeinflusst die Ausprägung des Kohärenzgefühls die Qualität von Erfahrungen. Das heißt letztlich, dass Grundhaltung und Erfahrungen einander wechselseitig bedingen. Daraus kann ein starkes Kohärenzgefühl wachsen, das stabil jegliche Umstände überdauert. Wollte man den Versuch unternehmen, dieses Prinzip auf eine Art Formel zu reduzieren, käme ein Kontinuum heraus, wonach der Mensch auf einer Achse mit den Polen gesund und krank unterwegs ist:

+/- SOC x Leben = +/- Gesundheit

Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie wird ein Mensch mehr gesund und weniger krank? Hier schließt sich der Kreis zu den Ressourcen.

Zum Thema


Klahre AS: Nationale Kohorte: Was macht krank, was hält gesund? Alldieschoenenworte 2o14

 

Blättner B, Waller H: Gesundheitswissenschaft. Eine Einführung in die Grundlagen, Theorie und Anwendung. Kohlhammer 2o11