Genussglück

 

 

Hühner, die auf der Wiese hinterm Haus selig scharren und picken. Schweine, die fidel im Matsch suhlen. Zottige Weiderinder, die sich auf saftigem Grün austoben und gegebenenfalls knietief im klaren Wasserlauf stehen. Ziegen, die die Landschaft pflegen, indem sie ausschließlich Gräser, Kräuter, Buschwerk und Heu fressen: Sind die mit solchen Sätzen assoziierten Bilder sozialromantisch? Die einen sagen so, die anderen so.

 

Auf jeden Fall ist “traditionelle Landwirtschaft”, noch dazu nachhaltige und von Wertschätzung für Kreatur wie Natur getragene, in diesen Zeiten mit dem Premium-Gütesiegel behaftet. Wenn für diese Klasse von Bauern am Ende des Lebenszyklus eines Tieres die stressfreie (Haus-)Schlachtung steht oder die beim Nachbarn des Vertrauens, wird ob der Qualität des Fleisches nicht nur naturgemäß Geschmack zum Niederknien produziert. Obendrein wird für den ernährungsbewussten sogenannten Bildungsbürger (der sich nahezu täglich ad absurdum führt) eine von Tag zu Tag tiefer wurzelnde Sehnsucht nach einer heileren Welt bedient.

Mehr noch: Solch tierisches Glück, gelegentlich in Maßen verspeist, ist gesund und jeden Euro wert. Wegen seines Anteils an Proteinen, Eisen, Zink, B-Vitaminen und Vitamin A kann Fleisch nämlich eine wertvolle Quelle für Nährstoffe sein. Kann. Denn selbst, wenn für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 300 bis maximal 600 g Fleischverzehr pro Woche in Ordnung sind – über das, was der gemeine Carnivore, vulgo: Fleischfresser, da verdaut, sagt das nichts aus. Schlimmstenfalls macht es krank. So oder so: Einmal Fleisch pro Tag ist zuviel.

Freunde der Rostbratwurst:
Wer zu viele isst, ist früher tot

Das ist nicht neu, eine Binse sozusagen. Und doch war der Ausschlag des medialen Pendels zum Thema nie größer: Da haben am 26. Oktober 2o15 die Experten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer, IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO endlich den häufigen Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch als krebserregend eingestuft [1] – und Medien wie Fleischfans spielen verrückt, die Massentierhaltungsindustrie protestiert, die sogenannte Netzgemeinde reagiert amüsiert („#Wurstkrebs“, „Wurst-Fachjournalisten“). Die medizinische Fachwelt ist verwundert ob der Hitzewallungen, mancher Experte fühlt sich an die Komikerlegende Louis de Funès erinnert: Nein! Doch. Ooohhh!!!

Die Analyse von mehr als 800 zum Teil groß angelegten Studien, die in den vergangenen 20 Jahren nach möglichen Verbin­dungen zu unterschiedlichen Krebserkrankungen gesucht haben, ordnet rotes Fleisch als „wahrscheinlich karzinogen für den Menschen“ (Gruppe 2A) ein. Verarbeitetes Fleisch erhöht das Risiko “definitiv” (Gruppe 1) und fällt damit in die gleiche Kategorie wie Tabakrauch, Arsen, Asbest, Formaldehyd.

Ein Zusammenhang wird vor allem zum Darmkrebs bzw. Kolorektalkarzinom hergestellt, aber auch zu Prostata- und Pankreaskarzinomen. Eine Verbindung zum Magenkrebs sei nicht eindeutig nachweisbar, heißt es.

Der Begriff “rotes Fleisch” bezieht sich auf das Fleisch von Rindern, Schweinen, Ziegen, Pferden und Schafen; „verarbeitetes Fleisch“ umfasst Fleisch, das durch Räuchern, Beizen, Pökeln oder Salzen haltbar gemacht wurde. Als mögliche Ursache wird unter anderem die Bildung von krebserregenden Stoffen bei starker Erhitzung angenommen.

Rund drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle ließen sich verhindern, wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge.
EPIC 2o13

EPIC-Analyse 2o13

„Rund drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle ließen sich verhindern, wenn der tägliche Fleischkonsum unter 20 Gramm pro Tag läge.“ So lautete bereits 2o13 ein weiteres Zwischenergebnis aus EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten europäischen prospektiven Kohortenstudie, die seit 1994 den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung chronischer Erkrankungen erforscht und deren Ergebnisse nennenswert in die aktuelle Bewertung einfließen. [2]

Das Projekt, an dem insgesamt 521.448 weibliche und männliche Erwachsene aus 10 Ländern teilnehmen, stellt bislang drei zentrale Fragen:

  • Wie sind spezifische Nahrungskomponenten direkt oder indirekt mit der Entstehung chronischer Erkrankungen wie Tumoren, Diabetes mellitus und Herz-Kreislauferkrankungen assoziiert?
  • Wie groß ist das Zusatzrisiko, das bei einzelnen chronischen Erkrankungen auf die Ernährungsweise zurückgeführt werden kann?
  • Wie groß ist der Effekt eines geänderten Ernährungsverhaltens auf die Krebsentwicklung und die Gesamtsterblichkeit in der Bevölkerung?

Für die Analyse 2o13 hat Erstautorin Prof. Dr. Sabine Rohrmann vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich mit ihren Forscherkollegen bei 448.568 Frauen und Männern den Zusammenhang zwischen Sterberisiko und Verzehr von rotem Fleisch (Rind, Schwein, Schaf, Lamm, Ziege, Pferd), verarbeitetem rotem Fleisch (Wurstwaren aller Art einschließlich Speck, Schinken, Würste) sowie Geflügel (Huhn, Pute, Ente, Gans) untersucht. [3]

Schmerzgrenze bei 40 Gramm pro Tag 

Die Teilnehmer hatten keine Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Vorgeschichte, waren zwischen 35 und 69 Jahre alt und sind umfangreich zu Bildung, Ernährungs- und Rauchgewohnheiten, körperlicher Aktivität und Body Mass Index befragt worden. Mit einem speziellen Analyseverfahren wurde die Relation zwischen Fleischkonsum, Gesamtsterblichkeit und spezifischer Sterblichkeit untersucht.

Einmal mehr unterstrichen die Ergebnisse im Vergleich zu fleischfreier Ernährung eine positive Assoziation zur erhöhten Gesamtmortalität: Das Risiko stieg um 30% – ausgelöst nicht nur durch Krebs, sondern insbesondere durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.

„Stimmt, neu ist das nicht,“ entgegnete Rohrmann nach Veröffentlichung der Studie in einem Gespräch mit der Autorin für das Ärzte-Onlineportal Medscape Deutschland auf den Einwand, die Last mit der Lust auf Fleischessen habe eine lange Tradition – vor allem hinsichtlich der Effekte auf Diabetes mellitus II und auf das Kolonkarzinom. „Allerdings wurden die großen und auch jetzt wieder neuen Studien zum Thema meist in den USA durchgeführt, unsere liefert Daten für Europa.“

Nach Korrektur von Messfehlern korrelierte ein Fleischverzehr von mehr als 160 g/Tag im Vergleich zu 50 g/Tag und 10-19,9 g/Tag deutlich mit einer erhöhten Gesamtsterblichkeit in Bezug auf verarbeitetes Fleisch. Das war allerdings neu. Ein Zusammenhang zum Geflügelverzehr bestand nicht.

Ob also gesalzen, geräuchert oder gepökelt: Die Schmerzgrenze liegt laut Rohrmann bei täglich 40 g: „Wer mehr Wurst oder andere Arten prozessierten Fleisches isst, riskiert früher zu sterben. Das Risiko erhöht sich je 50 Gramm pro Tag um 18 Prozent.“

Diese Angaben betreffen in der neuen IARC-Analyse vor allem das Risiko für Kolorektal­karzinome. Für rotes Fleisch wurde pro 100 Gramm täglich ein Anstieg des Risikos um 17 Prozent ermittelt.

Der zweite Teil der Botschaft ist deshalb,
dass gesunde Ernährung sich generell lohnt.
Hans-Georg Joost

Nicht isoliert betrachten

Nun ist es aus epidemiologischer Sicht schwierig, Fleischkonsum isoliert zu betrachten, nicht nur die Krebsentstehung ist und bleibt ein multifaktorielles Geschehen. Auch für EPIC gilt: Die größten Fleischesser trinken mehr Alkohol, rauchen mehr, nehmen per se weniger Obst und Gemüse zu sich und gehören überproportional oft den sogenannten bildungsfernen Schichten an. Das gilt primär für Männer.

Diese Faktoren, in der Epidemiologie als Confounder (engl.: Störfaktoren) bezeichnet, relativiert laut Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Hans-Georg Joost die Aussage zur Risikoerhöhung der Gesamtmortalität. Joost war von 2oo2 bis 2o14 wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), das auch eines der deutschen EPIC-Studienzentren ist.

„Confounder sind das Kreuz der Epidemiologie, sie sind als Variablen zwar nicht direkt Gegenstand einer Untersuchung, […] beeinflussen aber das Auftreten eines Risikofaktors und die beobachtete Zielgröße. Die Kausalität wird unklarer – in diesem Fall die zum Fleisch,“ erläuterte Joost seinerzeit.

Dennoch sei der Effekt in Teilen so groß, dass er nicht ignoriert werden dürfe, betonte der Wissenschaftler. Letztlich wird das zentrale Resultat bestätigt, noch deutlicher wird es, wenn man sich die Krankheitshäufigkeiten anschaut. „Der zweite Teil der Botschaft ist deshalb, dass gesunde Ernährung sich generell lohnt.“

Qualität statt Quantität

Für die Ernährungsbewussten, die längst die ethischen Aspekte des Fleischverbrauchs wie Tierschutz und Klimaschutz diskutieren, ist das Thema ohnehin politisch wie moralisch völlig inkorrekt. Ob die damit verbundenen Empfehlungen indes auch bei der ganz breiten Bevölkerung auf Gegenliebe stoßen, ist die Frage aller Fragen.

„Als Ernährungswissenschaftlerin und als ökologisch denkender Mensch wünsche ich mir, dass sich das Motto `Bessere Qualität statt Quantität´ langsam durchsetzt,“ sagte Rohrmann abschließend. „Das wird aber lange dauern und unsere Studie trägt hoffentlich ein wenig dazu bei.“

Das war vor zwei Jahren. Bleibt zu wünschen, dass die WHO den Finger tief genug in die offene Wunde gepiekt hat.

 

Zum Thema


Basche MF: Alles Bio oder was? Vernünftige Ernährung ist intellektueller Luxus. All die schoenen Worte, April 2o12

 

 

1 International Agency for Research on Cancer: IARC Monographs evaluate consumption of red meat and processed meat. Press Release No 240, 26. Oktober 2o15
http://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2015/pdfs/pr240_E.pdf
und
Bouvard V et al: The Lancet Oncology (online) 26. Octobre 2o15
DOI: http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lanonc/PIIS1470-2045(15)00444-1.pdf

2 International Agency for Research on Cancer: EPIC Study
http://epic.iarc.fr/

3 Rohrmann S et al: BMC Medicine. 2013; 11: 63
http://dx.doi.org/10.1186/1741-7015-11-63

 

Gib dem Tumor keinen Zucker

 

 

Flexibel, individuell, alltagstauglich, köstlich: Ernährungsempfehlungen müssen nicht kompliziert

sein. Wenige einfache, verlässliche Regeln und eine mühelose Umsetzung können viel bewirken – im Allgemeinen und Besonderen.

 

„Gib dem Tumor keinen Zucker“ heißt ein solcher Merksatz in der komplementären Onkologie, denn Tumoren verbrauchen einen wesentlichen Teil der über die Nahrung zugeführten Energie für das eigene Wachstum. Am liebsten eben Zucker. Die Ernährung von Krebspatienten wird deshalb häufig dahingehend umgestellt, dass leere Kohlenhydrate gegen komplexe Kohlenhydrate bzw. Ballaststoffe ersetzt werden.

Den damit verbundenen Empfehlungen kommt zugute, dass die Wirkungen Sekundärer Pflanzenstoffe (SPS) in Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten wissenschaftlich inzwischen dahingehend anerkannt sind, dass sie den Körper erfolgreich dabei unterstützen, das Wachstum von Tumorzellen zu blockieren und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Und nicht nur das, schon viel früher wirken sie antioxidativ, das heißt, sie wehren freie Radikale ab, die den Zellkern und damit Erbinformationen nachhaltig schädigen und somit die Krebsentwicklung begünstigen. Darüber hinaus wirken SPS wie Antibiotika, töten also Bakterien bzw. stoppen deren Vermehrung. Nicht zuletzt aktivieren sie die Killerzellen des Immunsystems gegen Krankheitserreger.

Beispielsweise konnte die Arbeitsgruppe Zellbiologie und Neuroonkologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) 2014 zeigen, dass verschiedene pflanzliche Östrogene (Phytoöstrogene) in Zellen von bösartigen Hirntumoren das Prinzip der sogenannten Anti-Angiogenese beeinflussen. Es besteht darin, dem Tumor die Lebens- und Wachstumsgrundlage – die Zufuhr mit bestimmten Nährstoffen über die Blutgefäße – zu entziehen, zumindest aber nennenswert zu hemmen. Das ist deshalb bemerkenswert, da bei malignen Hirntumoren die Prognosen nach wie vor schlecht und die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt sind. Grund: Die Tumorzellen reagieren auf Bestrahlung und Chemotherapie nicht sensibel genug.

Als besonders wirksam haben die FAU-Forscher das Isoflavon Biochanin A (BCA) identifiziert. Isoflavone stecken in großen Mengen in Hülsenfrüchten, z. B. in Kichererbsen und Sojabohnen. Aufnahmen im Magnetresonanztomographen haben laut Studie gezeigt, dass tumorbedingte Hirnödeme nennenswert abnahmen. Auch zeigte sich ein Trend in Richtung verlängerter Überlebenszeit.

Die Autoren schlussfolgern, dass eine obst- und gemüse- und damit auch ballaststoffreiche Ernährung auch in der Krebstherapie viel häufiger empfohlen und konsequent umgesetzt werden sollte.

Sekundäre Pflanzenstoffe

Da lohnt einmal mehr ein Blick auf die Sekundären Pflanzenstoffe. Sie kommen in allen Pflanzen in nur geringen Mengen, aber gigantischer Vielfalt vor. Pflanzen sichern mit der Produktion von SPS ihr eigenes Überleben. Man spricht auch von Bioaktivstoffen oder – in Anlehnung an die Vitamine – von Phytaminen. Im übertragenen Sinne werden die einen wie die anderen als unentbehrlich für das menschliche Überleben beziehungsweise für die Gesundheit eingestuft.

Der Versuch, SPS in einer Zahl zu erfassen, ist schwierig. Allein bei den Flavonoiden geht man von 6.000 bis 10.000 Vertretern aus, bekannt sind 5.000. Im Weißkohl wurden 49 verschiedene SPS identifiziert. Eineinhalb Gramm SPS – etwa so viel werden mit einer gemischten Kost täglich aufgenommen – setzen sich aus 5.000 bis 10.000 Einzelsubstanzen zusammen, die unter anderem für den Geschmack, den Duft und die Farbe von Obst und Gemüse verantwortlich sind.

Der Arzneimittelindustrie dienen SPS als Basis für zahlreiche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, Food-Designer entwickeln gemeinsam mit Unternehmen der Nahrungsindustrie neue köstliche „Lebensmittel mit gesundem Zusatznutzen“. Superfoods, Lifestyle-Produkte von Rote-Bete-Chips über schokolierte Aroniabeeren zum Matcha-Zitronen-Kuchen markieren hier den jüngsten Trend.

Für den nächsten Wochenmarkteinkauf eine Übersicht über Vorkommen und Wirkung der wichtigsten SPS.

 

© H2O74 | Flickr  Carotinoide

Wirkung

Die Pflanzenfarbstoffe stimulieren die Immunabwehr und wirken antioxidativ und können bei Tumorzellen den Zyklus von Zellwachstum und -teilung beeinflussen. Das bekannteste unter den bisher rund 600 identifizierten Carotinoiden ist das Beta-Carotin.

Vorkommen

Reichlich in gelb- und rotfleischigen Früchten wie Gojibeeren (Gemeiner Bocksdorn), Aprikosen, Mangos, Pfirsich, Kürbis, Möhren und Tomaten; in grünblättrigen Gemüsen wie Grün-, Weißkohl, Brokkoli, Mangold, Spinat.

 

© .Luise. | Flickr  Flavonoide

Wirkung

Nichts geht ohne sie. Die meist gelben, aber auch roten, blauen oder violetten Farbstoffe stimulieren die natürlichen Killerzellen des Immunsystems, hemmen die Umwandlung von Krebsvorläuferzellen in Krebszellen und wirken als Antioxidantien.

Vorkommen

Direkt unter der Schale von Obst, in Gemüse und vielen Heilkräutern. Besonders wirksam sind Flavonoide, die aus roten Trauben und Pflaumen (Resveratrol), aus Äpfeln, Heidel- und Moosbeeren, Zwiebeln, Auberginen, Rosenkohl, Kamille und grünem Tee stammen.

 

© Angelica Colomine | Flickr  Glucosinolate
Wirkung

Die zu den Senfölen gehörenden Geschmacksstoffe hindern Tumorvorläuferzellen daran, aktiv zu werden und sorgen für die „Entschärfung“ virulenter Krebszellen.

Vorkommen

In allen Kohlarten und scharf schmeckenden Pflanzen wie Rettich, Senf, Kresse, Zwiebeln.

 

© Roberta Sa |Flickr  Phenolsäuren | Polyphenole

Wirkung

Jagen freie Radikale und schützen tiefer liegende Gewebeschichten vor oxidativen Angriffen. Von Bedeutung sind allem vier Vertreter: Ferula-, Kaffee-, Ellagsäure, Resveratrol.

Vorkommen

Ferula- und Kaffeesäure stecken vorwiegend in Grün-, Weißkohl, Paprika, grünen Bohnen, Radieschen. Ellagsäure findet sich in allen Beeren, in Walnüssen und im Granatapfel; Resveratrol vor allem in roten Trauben, Himbeeren, Pflaumen, Erdnüssen.

 

© Monika Heinrichs | Flickr  Phytoöstrogene

Wirkung

Die Gesamtzahl der Phytoöstrogene wird auf etwa 50.000 geschätzt. Etwa 10.000 kommen in Lebensmitteln vor, nur ein Bruchteil ist bisher erforscht. Phytoöstrogene ähneln den körpereigenen Östrogenen und haben die gleichen Effekte, nur deutlich schwächer. Sie werden in drei Gruppen unterteilt: Isoflavone (Genistein, Daidzein), Lignane und Coumestane. Sie alle wirken antioxidativ und beeinflussen Entzündungsprozesse, den Hormonhaushalt und das Zellwachstum.

Vorkommen

Reichlich in asiatischer und Mittelmeerkost. Isoflavone stecken in Hülsenfrüchten, Hauptquelle ist die Sojabohne. Lignane kommen vor allem in Leinsamen, Beeren, Weizen, Gerste, Sesam, Brokkoli, Rosinen, Hasel- und Walnüssen vor, Coumestane in Luzernensamen wie Alfalfasprossen. Als Infektionsquelle der Ehec (Enterohämorrhagische Escherichia coli) -Epidemie 2011 spielen Sprossen bei uns seither keine Rolle mehr.

 

© A. van Zwienen | Flickr  Phytosterine

Wirkung

Phytosterine sind die erste Gruppe von SPS, die wegen ihrer Wirkung im menschlichen Organismus – cholesterinsenkend – zu funktionellen Lebensmitteln verarbeitet wurden. Analog zum Cholesterin im tierischen Gewebe sind Phytosterine essentielle Bestandteile bestimmter Pflanzenteile. Mindestens 44 Phytosterine aus sieben Pflanzenfamilien wurden bisher identifiziert, das häufigste in der Nahrung vorkommende ist das Beta-Sitosterin. Studien haben zudem einen Zusammenhang zwischen einer Ernährung mit viel Phytosterinen und einem niedrigen Risiko für Dickdarmkrebs hergestellt.

Vorkommen

In fettreichen Pflanzenteilen (Sonnenblumenkernen, Sesamsaaten, Kürbiskernen, schwarzen Oliven); einigen Gemüse- (Blumen-, Rosenkohl, Brokkoli) und Obstsorten (Orangen, Grapefruits).

 

© dilettantsefus | Flickr  Phytin

Wirkung

Phytin wurde lange als unerwünschter Inhaltsstoff in pflanzlichen Samen angesehen, da Phytin die Mineralstoffaufnahme bremsen kann, wenn die Nahrung wenig Vitamin C enthält. Wer sich aber an die üblichen Nahrungszubereitungsarten und eine ausgewogene Mischkost hält, ist auf der sicheren Seite. Untersuchungen haben zudem auf eine Krebsschutzwirkung im Dickdarm hingewiesen.

Vorkommen

In allen pflanzlichen Samen und damit vor allem in Getreidevollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen.

 

© nalihaha | Flickr  Protease-Inhibitoren

Wirkung

Weil diese Hemmstoffe im menschlichen Organismus wichtige Eiweiß spaltende Enzyme unterdrücken, galten sie früher eher als gesundheitsschädlich. Heute werden ihnen krebshemmende Eigenschaften zugesprochen, vor allem im Zusammenhang mit Mundhöhlen-, Lungen-, Leber-, Speiseröhren- und Dickdarmkrebs.

Vorkommen

Reichlich in Kartoffeln, Erbsen, Erdnüssen, Soja.

 

 © Frederica Potter | Flickr   Saponine

Wirkung

Diese in reiner Form sehr bitter schmeckenden Substanzen werden nur in geringen Mengen vom Körper aufgenommen. Sie sollen speziell das Dickdarmkrebsrisiko senken, indem sie Cholesterin und Gallensäuren binden.

Vorkommen

In Hülsenfrüchten, z. B. Linsen, Bohnen, Kichererbsen, Sojabohnen.

 

© Bernd Loos | Flickr  Sulfide

Wirkung

Diese schwefelhaltigen Substanzen, allen voran das Alliin und Allicin, sind verantwortlich für den intensiven Geschmack und nachhaltigen Geruch der Lauchgewächse. Sie gelten als äußerst vielseitig, schützen vor schädlichen Oxidationen und speziell vor Magenkrebs. Warum, ist noch nicht endgültig geklärt. Diskutiert werden unter anderem die Hemmung von Enzymen, die krebsauslösende Mechanismen aktivieren können und eine Stimulation des Immunsystems.

Vorkommen

In Lauch, Schnittlauch, Knoblauch, Zwiebeln, Schalotten.

 

© Herbert Schneider | Flickr  Terpene

Wirkung

Diese Aromastoffe sind wesentliche Duft- und Geschmacksträger. Ein wichtiges Terpen ist Limonen, das unter anderem in den Schalen der Zitrusfrüchte vorkommt. Eine detaillierte Bewertung der rund 4.500 verschiedenen Terpene gibt es bislang nicht.

Vorkommen

In Pfefferminze, Zitronen, Sellerie, Kümmel.

 

 


 

 

Sehm T et al: Cancer Medicine (online) 4. Juni 2014
DOI: 10.1002/cam4.265

Ein bisschen Bildung

 

© Dominik Meissner | Flickr

 

Es war einmal, da hatten „Sprache und Moral“ eine zentrale Bedeutung in der Erziehung und, Achtung!, in der Selbsterziehung. Zugrunde lag keine elitäre Vorstellung von Bildung, sondern eine, die auf Chancengleichheit zielte. Heute sind es nicht nur die ganz Alten, die konservative Werte missen.

Benehmen, Gesundheitskunde, Suchtprävention: In Zeiten pädagogischer, politischer, kommunikativer und sonstiger Bankrotterklärungen wünscht sich eine „repräsentative Zahl“ von Deutschen, dass diese drei Themen hierzulande möglichst schnell Pflicht-Schulfächer werden mögen. Was heutige Eltern, deren Erziehungsstile sich zunehmend um narzisstische Überhöhung und sexuelle Gewalt erweitern, nicht mehr leisten können, sollen dann Lehrer übernehmen, die bereits als Anwärter keine Idee haben, wie man überhaupt ein guter Lehrer wird. Auf Spiegel online nennt ein engagierter Deutschlehrer-Ausbilder bündig zwei elementare Voraussetzungen: Bildung und Begeisterung.

„Ein Mensch, der wenig gelernt hat, ist wie der Frosch, der seinen Tümpel für einen großen See hält“, lautet ein Bonmot, „Bildung beginnt mit Neugierde“ ein anderes. Der deutsche Dichter Heinrich Heine (1797-1856) fand, dass „so ein bißchen Bildung den ganzen Menschen ziert“ und für Alexander Mitscherlich (19o8-1982), ebenso bekannter wie umstrittener Psychoanalytiker im Nachkriegsdeutschland, bestand diese Zierde aus drei Teilen: Sach-, Sozial- und Herzensbildung. Herzensbildung, wie hübsch! und fast antiquiert wirkend, da es heute alle Welt mit der Empathie hat. Wenn sie es denn hat, denn der Begriff Bildung wird zeitgemäß verengt auf Wissen oder, noch enger, auf Fachwissen. Indes: Wissen ist nicht Ziel von, sondern Weg zur Bildung.

Die sich nach Bestätigung eigener Gedanken sehnende Seele ankert immer mal wieder gern bei einem Essay des Bildungsforschers Prof. Dr. Jürgen Overhoff, Rheinisch-Westfälische Universität Münster, der vor einiger Zeit im Tagesspiegel die Frage stellte: „Was ist gute Bildung?“ [1]

Was ist gute Bildung?

Eine nach wie vor schöne philosophische Frage, die Suche nach einer Antwort lohnt mehr denn je. Nicht nur, weil mangels einer einheitlichen Definition des Begriffes Bildung (von althochdeutsch Bildunga = Schöpfung, Bildnis, Gestalt) dieser ziemlich variabel jeweils das bezeichnet, „was gesellschaftliches Nützlichkeitsdenken der Herrschenden gerade für wichtig erachtet“. [2] Sondern eben auch, weil er auf Wissen reduziert wird.

Eine Klammer, die sich in nahezu allen Theorien wiederfindet, aber scheinbar nicht mehr vermittelbar ist, ist das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen, zur Welt. Über die historische Bedeutung dieser „Kernkompetenz“ von Bildung, von guter Bildung gar, denkt der Historiker, Theologe und Philosoph Jürgen Overhoff nach. Er beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts zu Zeiten der Aufklärung und somit vor Humboldts Rückgriff Anfang des 19. Jahrhunderts auf die humanistischen Ideale der Antike. „Dadurch werden zwangsläufig auch die ursprünglichen Bedeutungselemente dieses viel diskutierten Begriffs sichtbar,“ schreibt Overhoff.

Gute Bildung bestand demnach in einer möglichst umfassenden Welt- und Menschenkenntnis sowie im Beherrschen jener Umgangs- und Verhaltensformen, die es einem ermöglichten, „sich und Andern zum Glücke zu leben“ (Christian Fürchtegott Gellert). Der Weg zur Kenntnis der Welt und zu menschenfreundlichen Umgangsformen führte wesentlich über Sprache (ästhetische Spracherziehung, Förderung von Lese-, Analyse-, Argumentationskompetenz, logisches Schlussfolgern) und Moral.

Eine Persönlichkeit humboldtschen Formats

Auf solchem Fundament konnte dann, bei entsprechender Begabung, eine Persönlichkeit humboldtschen Formats reifen: ein Charakter mit Tugenden wie Toleranz, Empathie, Höflichkeit, guten Manieren, die allesamt unverzichtbar sind für lebenslanges Lernen, glückliches Wirken in der Gesellschaft und eine erfolgreiche Welterschließung.

Overhoff schließt mit der Überlegung, dass sich unsere Gesellschaft von diesem Bildungsbegriff mehrfach inspirieren lassen könnte. Zum einen frühestmöglich und dauerhaft dort, wo Bildungsprozesse sich in erster Linie vollziehen. Das sind und bleiben Elternhaus, Schule, Universität. „Zum anderen können und sollten wir uns … dazu anhalten lassen, wieder größeren Wert auf Moralerziehung und Charakterbildung zu legen, weil sie unverzichtbare Bestandteile eines gelungenen Bildungsprozesses sind.“

Dann mal los.

 

So ein bißchen Bildung ziert den ganzen Menschen
Heinrich Heine

 


 

1 Overhoff J: Was ist gute Bildung? Tagesspiegel o1/o4/2o12

2 Hoffmann B: Medienpädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Schöningh, Paderborn 2003

Zum Thema

Erziehung: Wie wird mein Kind ein guter Mensch? Zehn wichtige Werte. t-online 23/12/2o14

 

Gern arbeiten


Wirksame Gesundheitsprävention gewinnt in Unternehmen zwar an Bedeutung, wird jedoch noch nicht konsequent umgesetzt.

 

 

Die jüngsten Gesundheitsmonitore und Studien gewähren tiefe Einblicke in die Abgründe des Arbeitsalltags in Deutschland: Mit mehr als 40 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen stehen psychische Erkrankungen insgesamt auf Platz 3 der Krankschreibungen, nach Erkrankungen des Muskel-/Skelettsystems und der Atemwege. [1] Zeit- und Leistungsdruck, unangemessene Bezahlung, Arbeitsverdichtung und Überforderung manövrieren Arbeitnehmer scheinbar unaufhaltsam in ein schweres Erschöpfungssyndrom, das wiederum Depressionen, Angst– oder Suchterkrankungen den Weg ebnen kann. Allein die Ausfalltage aufgrund depressiver Störungen sind in den letzten zehn Jahren um 255 Prozent gestiegen.

„Unser Augenmerk muss deshalb noch stärker auf dem betrieblichen Gesundheitsmanagement liegen. Hierbei sind alle Beteiligten gleichermaßen gefragt: Politik, Arbeitgeber und auch die Beschäftigten selbst,“ wird Dr. Iris Hauth, Ärztliche Direktorin des St. Joseph Krankenhauses, Berlin, und Präsidentin der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in einer Pressemitteilung der DGPPN zitiert.[2]

Auf Unternehmensseite scheint es zwar so zu sein, dass ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) immer häufiger als ein nicht länger zu ignorierender Faktor für die psychosoziale Gesundheit der Beschäftigten wahrgenommen wird, da nur gesunde und zufriedene MitarbeiterInnen die geforderte unternehmensspezifische Qualität erbringen können. Dennoch werden sinnvolle, auf die Wünsche und Bedürfnisse der MitarbeiterInnen zugeschnittene Maßnahmen nur selten angeboten; im Mittelstand bislang nur in jedem zehnten Unternehmen.

Als ein wichtiger Grund wurde anlässlich des 11. Gesundheitstages der Hamburger Wirtschaft Anfang April genannt, dass Chefs oder Geschäftsführer zusätzliche Kosten fürchten.[3] Dabei können Unternehmer pro MitarbeiterIn und Jahr 500 Euro als Freibetrag steuerfrei in Prävention investieren. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen wüssten aber oftmals nicht, wo sie ansetzen können, um etwas für die Gesundheit ihrer Leute zu tun. Eines sollten die Konzepte inzwischen allerdings sein: ganzheitlich. Also mehr als „Business-Yoga“.

 

Organisation und Führung sind zentrale Erfolgsfaktoren zur Realisierung
wirkungsvoller Präventionsstrategien

Wilfried von Eiff

 

Prävention, Organisation, Führung 

Wie wirksame Gesundheitsprävention in Unternehmen aussehen kann, darüber haben in der aktuellen Ausgabe der Hochschulzeitung HHL news der HHL Leipzig Graduate School of Management mehrere Führungskräfte nachgedacht.[4]

Ganz grundsätzlich geht es neben dem anhaltend wichtigen klassischen Arbeitsschutz zunächst um die psychische Gesundheit – um Transparenz bei stets subjektiv erlebten Belastungen, um offensives Stressmanagement und ja, um einen wertschätzenden, freundlichen Umgang miteinander. Das Stichwort lautet „Unternehmenskultur“ – und zwar eine, die der Mitarbeitergesundheit nicht schadet, sondern idealerweise das Gegenteil bewirkt.

„Wirksame Gesundheitsprävention in der Arbeitswelt darf sich nicht in betrieblich geförderten Fitnessprogrammen erschöpfen“, schreibt Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff, Akademischer Direktor des Center for Health Care Management and Regulation. „Organisation und Führung sind vielmehr die zentralen Erfolgsfaktoren zur Realisierung wirkungsvoller Präventionsstrategien. Die Medizin funktioniert in aller Regel nur im Sinne eines Reparaturbetriebs.“

Für den Direktor der privaten Universität, Prof. Dr. Andreas Pinkwart, sind Prävention und Arbeitsplatzsicherheit die eine Seite der Medaille, gute Führung ist die andere. „Gut heißt in diesem Zusammenhang, dass mit den Mitarbeitern regelmäßig Ziele vereinbart werden, die sie nicht nur intrinsisch motivieren, sondern zuweilen auch herausfordern, die persönliche Latte etwas höher zu legen.“

Unabdingbar für das Betriebsklima in einer modernen Unternehmenskultur mit idealerweise flachen Hierarchien sei es auch, dass gute Arbeit wertgeschätzt wird. Geeignetes Führungspersonal habe zudem eine positive Fehlerkultur und die Fähigkeit, Schwächen von Personen und Prozessen zu erkennen, Verbesserungsmaßnahmen zu entwickeln und gemeinsam daran zu arbeiten, Probleme zu neutralisieren. „Nicht zuletzt ist mehr Verständnis vonnöten für die familiären Situationen von Mitarbeitern, ebenso für Mitarbeiter, die berufsbegleitend studieren,“ so Pinkwart.

Manche Unternehmen engagieren inzwischen einen Feelgood Manager w/m, um ihre Unternehmenskultur zu verbessern. Er soll als Bindeglied zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern agieren, eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen, die interne Kommunikation und den Umgang mit Stressfaktoren verbessern. Als sinnvolle deutsche Übersetzung für das noch neue Berufsbild taugt wahrscheinlich der sperrige Begriff „Unternehmenskultur-Beauftragter“, er signalisiert zumindest, dass es um mehr als aktionistische Bespaßung geht. Auch haben wir es hier nicht mit einer begrifflichen Aufwertung des „Office Managers“ im Minijob zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Melange aus BGM und BWL – mit den sich daraus entwickelnden Fortbildungen für verschiedene Berufsgruppen, vor allem auch für Gesundheitswissenschaftler, denn die Konzepte der Prävention, Salutogenese und Resilienz spielen eine wichtige Rolle.

 

Ein Torwart, der einen Schuss erfolgreich abwehrt, erspart dem Team einen kräftezehrenden Kampf und vielleicht sogar eine Niederlage
Martin Busse

 

Inneren Schweinehund nicht unterschätzen

Die Bedeutung von Prävention zeigt sich Prof. Dr. Martin Busse, Direktor des Institute of Sports Medicine & Prevention, in jedem Fußballspiel: „Ein Torwart, der einen Schuss erfolgreich abwehrt, erspart dem Team einen kräftezehrenden Kampf und vielleicht sogar eine Niederlage.“ Prävention sei billiger und ethischer als jede Therapie – sofern es sich um die richtigen Maßnahmen handelt.

Hier können unterschiedliche Akzente gesetzt werden, beispielsweise im Bereich der Verpflegung, bei der Vorbeugung und Verringerung arbeitsbedingter Belastungen des Bewegungsapparats, in der Förderung einer proaktiven Mitarbeiterführung, beim Stressabbau. Im Gegensatz zum Qualitäts- und Arbeitsschutzmanagement gibt es im BGM keine etablierten Normen und Standards.

„Entscheidend für den Erfolg ist, dass im Vorfeld relevante Handlungsfelder erkannt werden, der Bedarf ermittelt wird, die Maßnahmen zielgerichtet mit Priorität angegangen werden sowie niedrigschwellig und getrennt für Häuptlinge und Indianer angeboten werden,“ hieß es dazu in Hamburg. Dann würden alle profitieren, Mitarbeiter und Arbeitgeber.

Nicht zu unterschätzen sei allerdings der innere Schweinehund bei den einen wie bei den anderen. Der Widerstand hat viele Facetten: Während die einen sich nicht eingestehen wollen oder können, dass sie möglichst demnächst eine Beratung oder störungsspezifische Intervention benötigen, sorgen sich andere um stigmatisierende Kommentare von wem auch immer, für wieder andere ist ein Investment in die Gesundheit mit zu großem Aufwand verbunden oder es ist ihnen, wie gesagt, schlicht nichts wert.

 

Leider fehlt bis heute die Betonung der Eigenverantwortung
Andreas Beivers

 

Die Weisheiten der Samurai

Wirklich erfolgreich wird Betriebliches Gesundheitsmanagement ohnehin erst, wenn entsprechendes Engagement von Unternehmerseite sich mit einer Haltung der Beschäftigten trifft, auch über BGM-Maßnahmen hinaus eigenverantwortlich und sozusagen für immer ins Thema Gesundheit einzusteigen.

„Leider fehlt bis heute die Betonung der Eigenverantwortung,“ schreibt Prof. Dr. Andreas Beivers, Akademischer Direktor am Center for Health Care Management and Regulation der Leipziger Graduiertenschule. Vor dem Hintergrund immer dringlicher diskutierter Prävention bei den sich beständig ausbreitenden Lebensstil-Krankheiten jenseits psychiatrischer Diagnosen (z. B. Fettleibigkeit, Diabetes) sollte sich jeder, abhängig von seinen Möglichkeiten, intensiv um sich kümmern, mahnt Beivers. „Dies kann auch über Angebote der Krankenkassen oder anderer Institutionen der Daseinsfürsorge erfolgen.“

Die Reise zum Ziel Gesundheitsbewusstsein ist nach Erkenntnissen der Gesundheitsverhaltensforschung damit verbunden, dass jeder, der sich persönlich entwickeln will, bisherige Verhaltensweisen ändern und durch Phasen der Motivation, Vorbereitung, des Handelns und Durchhaltens muss. Die Reise ist dann hochspannend, wenn sich Klient und Trainer bzw. Therapeut gemeinsam aufmachen – und der Therapeut sich als einfühlsamer Partner zeigt, der genauso mit dem Leben ringt wie sein Klient. Sowohl im Einzeltraining als auch in der Gruppe lernen Klienten auf diese Weise, unabhängig zu werden, Verantwortung für sich zu übernehmen und die Lebensqualität zu steigern, ohne andere dabei zu vergessen.

Vor allem für Manager setzen manche Trainer bei Veränderungsprozessen auf die Weisheiten der Samurai. Deren Kampfkünste ruhen auf drei Säulen: Professionalität in den Fähigkeiten und Fertigkeiten, in der Konzentration und Kraft, bei Bewusstsein und Achtsamkeit.

Aus diesen Überlegungen ist 2o16 SLOW.FLOW.GLueCK Innehalten Bewegung Kulinarik auch für Unternehmen entstanden, die jenseits der klassischen BGM-Modelle Prävention 4.o in ihre Planung einbeziehen möchten. 

 

 


 

1 Gesundheitsreport 2o16. DAK, März 2o16 

2 Arbeit darf nicht krank machen: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Berlin, Pressemitteilung 15, 27. April 2015

3 Gesundheitstag der Hamburger Wirtschaft: Betriebliches Gesundheitsmanagement von A bis Z. Vortragsblock „Los geht ́s – Unternehmen berichten aus der Praxis“. Handelskammer Hamburg, 1. April 2o15

4 Healthy Leadership: Prevention, promotion, balance. Leipzig Graduate School of Management, HHL news, Spring 2015

 

Geraubte Gedanken


Jemand hat meine Gedanken gestohlen,
hat sie manchmal gesagt.
Und dabei hilflos ins Leere geblickt.
Bist Du meine Andrea, hat sie manchmal gefragt
und dabei in meinem Gesicht nach etwas geforscht,
das ihr bei der Antwort zusätzlich helfen sollte.
Wer sind Sie? war beim ersten Mal wie ein Schlag.

 

In fünf Jahren der bewussten Begleitung eines geliebten Menschen aus dem Leben habe ich viel über das Grundsätzliche des Menschseins und das Wesentliche des Miteinanders gelernt. Einen großen Anteil daran hatte jene Seite der menschlichen Existenz, auf die sich einzulassen eine Lektion ist: Demenz.

Was ist Demenz? Im ersten Gedanken eine nicht vererbbare Erkrankung des Gehirns, die typischerweise im Alter auftritt. Im zweiten: der Oberbegriff für eine Vielzahl von Erkrankungen, die infolge von Stoffwechselstörungen im Gehirn die Geschädigten nach und nach um alle intellektuellen Fähigkeiten bringen. Die wesentlichen Formen sind die Alzheimer Demenz und die Vaskuläre Demenz, daneben wird zwischen zahlreichen weiteren Formen oder Mischformen unterschieden.

Die Diagnose für sie lautete Normaldruckhydrocephalus: phasenweiser Druckanstieg in den Räumen des Gehirns, die Liquor enthalten. Die klassischen Folgen: fallen, phantasieren, alles verlieren – von Überblick bis Harn. Medizinisch korrekt kommt es zu einer Trias aus den Symptomen Gangstörung, dementieller Entwicklung und Inkontinenz.

Der Weg zu diesem Wissen dauerte rund acht Jahre und war zunächst überlagert von anderen Diagnosen und damit verbundenen Katastrophen: Osteoporose, Arthrosen, Linksherzinsuffizienz. Ab Herbst 2000 heischten kleine Zeichen ebenso zaghaft wie vergeblich um Beachtung, zum ersten Mal am Lago Maggiore, im Sinne einer nicht betätigten Toilettenspülung. Vergessen.

Was das bedeuten kann, dafür bietet alles Faktenwissen lediglich ein Gerüst. Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen, viel wird dazu geforscht und publiziert. Obendrein hat der demographische Wandel dafür gesorgt, dass das Thema in der Gesellschaft angekommen ist.

Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Eine Generation von erwachsenen Kindern wurde meist ohne jede Vorbereitung zu pflegenden Angehörigen, überrollt von Gefühlen der Trauer, Wut, Scham, Hilflosigkeit, Überforderung – und des Zorns auf mafiöse ambulante deutsche Pflegedienststrukturen. Zeit und sogenannte Zuwendung wurden zwar teuer berechnet, den Mitarbeitern aber mangelte es eklatant an Kompetenz im Umgang mit Schutzbefohlenen und Privatsphären. Nicht minder risikobehaftet: vollstationäre Kurzzeitpflege. Und ein separates Thema in dem Ganzen: menschenverachtende Machenschaften des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Jedenfalls war es die Zeit der bezahlbaren Fürsorgerinnen aus Polen oder Belarus, die vor allem eines hatten: ein großes Herz.

 


 

„Mir geht es meiner Beurteilung nach gut“, sagte er.
„Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.“
„Und was willst du machen, Papa?“
„Nichts eben. Das ist das Schönste, weißt du.
Das muss man können.“


ARNO GEIGER: DER ALTE KÖNIG IN SEINEM EXIL

 


 

Ein unerreichbarer Ort

Was ist Demenz wirklich? Hilfreich auf der Suche nach einem tieferen Verständnis war für mich die wörtliche Übersetzung des lateinischen Begriffs dementia; sie lautet „ohne Geist sein“ und verdeutlicht, was mit dem betroffenen Menschen passiert: Er verliert die Kontrolle über sein Denken, seine Sprache, sein Kurzzeitgedächtnis und sein praktisches Geschick – und damit über sich selbst. Auch die Persönlichkeit leidet, das Verhalten und die grundlegenden Wesenseigenschaften ändern sich, ohne dass er etwas dagegen tun oder es mit Worten beschreiben könnte.

Dies ist es vor allem, was den Umgang zunächst sehr schwierig machen kann, bis man versteht: Demenz ist ein unerreichbarer Ort, an dem herkömmliche Regeln nicht gelten und die eigene Wahrheit wertlos ist. Demenz macht etwas mit allen direkt Beteiligten, sie greift vollständig in deren Leben ein und stellt es ebenso vollständig auf den Kopf.

„Demenz bedeutet am Ende den Verlust nahezu aller geistig-seelischen Kräfte … in einem langen höchst individuellen Prozess,“ hat Dr. Jens Bruder geschrieben, Neurologe und Gerontologe in Hamburg und Gründungsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.[1]

Die Krankheit ereigne sich in Persönlichkeiten mit einer sehr langen, wunderbar einzigartigen Lebensgeschichte, so Bruder weiter. „In jedem Stadium lassen sich verlorene und erhaltene Kräfte erkennen. Ständig entwickeln sich zwischen Defiziten und erhaltenen Potentialen neue Gleichgewichte. Und ständig müssen die Betreuenden sich fragen, ob ihr bisheriges Verständnis von dem, was sie mit den Demenzkranken erleben und bei ihnen bewirken, noch trägt oder verändert werden muss. Dadurch kann der Umgang mit den Kranken wieder sicherer werden, und Belastungen lassen nach.“

Belastender als die sich einschleichenden Veränderungen sind, wiederum zunächst, unberechenbare Verhaltensänderungen: Oft lange vor der Diagnose können Unruhe, Wutausbrüche und plötzliche Feindseligkeit erste Hinweise sein, die von Angehörigen und anderen Attackierten nicht als solche verstanden werden, wenn das Thema bislang keines war. Missverständnisse, Ablehnung und Streit sind programmiert.

Viele der irrationalen, aggressiven Verhaltensweisen, die Demenzpatienten unbeabsichtigt an den Tag legen, beruhen auf der oft schon Jahre währenden Zerstörungsarbeit, die unbemerkt im Gehirn stattfindet. Am Ende einer Alzheimer-Demenz ist es regelrecht „leer gefegt“ und um bis zu 20 Prozent geschrumpft.[2]

 


Es ist eine seltsame Konstellation.
Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten.

Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.


ARNO GEIGER: DER ALTE KÖNIG IN SEINEM EXIL

 


 

 

Verantwortung teilen

Was bleibt, ist eine erhöhte Sensibilität und Wahrnehmung und die verstärkte Fähigkeit zu Leid und Freude, sind skurril-fulminante Sprachbilder, machtvolle Erinnerungen aus den Langlanglangzeitspeichern. Es gibt nicht nur misstrauisch-aggressive oder depressiv-ängstliche Demenzkranke, sondern viele, die in hohem Maße liebenswürdig sind. Jüngere Forschungen über die Lebensqualität von Dementen konnten zeigen, dass sie sogar mehr Glück empfinden können als sogenannte Gesunde. Vorausgesetzt, man geht auf sie ein, spricht mit ihnen, berührt sie, gibt ihnen das ehrliche Gefühl der Geborgenheit.

Prof. Dr. Thomas Klie, Rechtsanwalt und Gerontologe in Freiburg, warnt davor, in die gefährliche Denkweise zu verfallen, ein Leben mit Demenz sei nicht lebenswert. „Demenz bedeutet nicht einfach Warten auf den Tod. Es gibt ein Leben mit Demenz.“[3]

Dieses Leben ist voller Würde und hat neben allem Schweren und Dunklen helle Seiten. Der (tägliche) Umgang mit einem dementen Menschen erschöpft nicht nur, sondern kann zutiefst inspirieren.

„Demenzkranke lehren uns, die Vieldeutigkeit des Lebens neu zu begreifen,“ schreibt Klie und fordert Angehörige auf, die Verantwortung mit Nachbarn, Freunden und professionellen Betreuern zu teilen, denn „gemeinsam gelingt es, im Leben mit Demenzkranken Neues zu entdecken, ja zu sagen zu dem neuen unkonventionellen Verhalten und ihnen nicht nur tolerant, sondern auch mit einer Prise Humor begleitend und wertschätzend entgegenzutreten.“[3]

Den Gefühlen von Trauer, Wut, Scham, Hilflosigkeit, Überforderung, Schuld und Kränkung könne so eine Fülle an bereichernden Erfahrungen folgen. Depressivität der Pflegenden und Gewalt gegenüber den Kranken seien häufig Reaktionen auf ein auf den Kranken fokussiertes, einsames Leben. Aufgrund der Belastung würden viele pflegende Angehörige ihre physischen, psychischen und nicht selten auch finanziellen Grenzen sprengen und krank werden.

Die psychosoziale Beratung hat daher einen hohen Stellenwert, seit Januar dieses Jahres gilt zudem die vom Gesetzgeber verabschiedete sogenannte Pflegeauszeit. Untersuchungen haben ergeben, dass pflegende Angehörige überproportional häufig am Arbeitslatz fehlen oder ihren Beruf ganz aufgeben müssen. Leider gibt es wie immer Ausnahmen auch für die Inanspruchnahme der bezahlten Auszeit.

 


 

Im besten Fall lehrt es uns angesichts des immer näher kommenden Abschieds etwas über die Würde des Sterbens und schenkt uns Momente voller Schönheit
in all dem Schrecklichen.

 


 

Die andere Wirklichkeit annehmen

Es ist eine große Aufgabe, die Grenzen bewusst anzunehmen, die Menschen im hohen und sehr hohen Alter erfahren, nicht nur für die, die diese Grenzen am eigenen Leib erleben. Ebenso herausfordernd ist es, die vermeintlich abrupt eintretende Andersartigkeit zu akzeptieren. Es gilt, demente Menschen in ihrer eigenen Wirklichkeit zu erreichen. Für die sich auf diese Aufgabe einlassenden Kinder ist damit in aller Regel ein Rollentransfer verbunden: Sie werden zu Hütern von Kindern in den Körpern Siechender.

„Es kommt darauf an, dass wir dem Kranken nicht unsere Wahrnehmung überstülpen, vielmehr müssen wir uns stets klar machen, dass er anders lebt und erlebt. Er hat nicht mehr die Freiheit des Willens, wir müssen also eine andere Sichtweise akzeptieren,“ so Bruder.

Wer das verinnerlicht, lernt Grundsätzliches, das sich aufs (Mit)Fühlen und Handeln auswirkt. Das Leben mit Demenzkranken ist berührend, bereichernd und sinnstiftend, es lehrt uns Demut und Dankbarkeit, Freundlichkeit und Wohlwollen. Im besten Fall lehrt es uns angesichts des immer näher kommenden Abschieds etwas über die Würde des Sterbens und schenkt uns Momente voller Schönheit in all dem Schrecklichen.

Vor vier Jahren hat sie Platz genommen in ihrem Luftschiff und ist aus der Zeit gesegelt, auf die für sie typische Weise lächelnd und winkend. Das Boot aus Wolken – ich hab´s gesehen. In einem magischen Moment, 12 Uhr 59, für die Länge eines Wimpernschlages. Sie ist längst angekommen. Meine schöne Mama. Meine Allerliebste.

 


 

Gott hat mir heute Nacht einen Blick in sein Reich gewährt. Es ist golden.
Mama, das ist wunderschön!

Ja, aber ehe man dort ankommt …
Du bist auf dem Weg, Mama, Du bist auf dem Weg.

 


 

 

Himmel über Tönningstedt | ask 2o11

 

 

Zum Thema


Memoria Tui Am Ende ein Anfang

 

1 Leben mit Demenz. Haus Schwansen – Konzepte und Bilder. Selbstverlag Haus Schwansen 2oo5

2 Maurer K und U: Alzheimer und Kunst. Carolus Horn – Wie aus Wolken Spiegeleier werden. Frankfurt University Press 2oo9

3 Themenmonitor soziale Arbeit (TM sozial); März 2oo6

 

Altern neu lernen

 

 

 

 

Wer älter wird, hat noch viel vor.
Oder, um es mit dem Fazit einer Studie mehrerer Berliner Forschungseinrichtungen zu sagen:
„Das Alter wird jünger“.

 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verschiebt sich die Lebenskurve und damit die Leistungs- und Lernfähigkeit in ein wesentlich höheres Lebensalter: Etliche von uns werden künftig locker Neunzig und älter. Wir haben mehr Jahre im Leben und mehr Leben in diesen Jahren, das aktive Erwachsenenalter erweitert sich um mindestens 30 Jahre. Das Leben in allen Phasen genießen zu sollen, kann möglicherweise ziemlich anstrengend werden.

„Wir müssen in den nächsten 30 Jahren ganz neu lernen zu altern oder jeder Einzelne der Gesellschaft wird finanziell, sozial und seelisch bestraft“, hat Frank Schirrmacher, bis zu seinem Tod 2014 mit Mitte Fünfzig einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seinem Buch Das Methusalem-Komplott geschrieben.〈1〉

 

Ich empfinde das hohe Alter nicht als einen Lebensabschnitt zunehmender Trostlosigkeit, den man ertragen und so gut wie möglich überstehen muss, sondern als eine Zeit der Muße und Freiheit, der Freiheit von künstlichen Zwängen früherer Tage, der Freiheit, alles zu erkunden, wonach mir der Sinn steht, und die Gedanken und Gefühle eines ganzen Lebens zusammenzufügen.
Oliver Sacks

 

Das Beste kommt zum Schluss

Zu diesem Lernprozess gehört einiges an Wissen, beispielsweise über die Zusammenhänge der Genetik, Epigenetik (Steuerung von Genen im Erbgut), Psychologie, Philosophie und Autophagie. Letzteres meint lebensnotwendige Prozesse in menschlichen Zellen, die beschädigte und schädliche Proteine aus dem Verkehr ziehen, zerlegen und zu Zellnahrung recyclen. Diese permanente Müllabfuhr spielt eine entscheidende Rolle für die Zellalterung und damit für das Altern ganz allgemein. Für diese Erkenntnisse hat der japanische Mediziner Ohsumi Yoshinori im Oktober 2o16 den Nobelpreis erhalten.

Nennenswert beeinflussen lassen sich die Alterungsphänomene durch die Lebensführung. Abhängig von soziokulturellen Faktoren wie Bildung und körperliche Fitness, und daran gekoppelte höhere Selbstständigkeit im Alter, scheint dies inzwischen recht gut zu gelingen. Im Rahmen der Berliner Altersstudie II (BASE-II) und der Berliner Altersstudie (BASE) aus den 1990er-Jahren haben die Studienautoren die Daten von 7o8 über 6o-jährigen Berlinern (BASE II) mit den Daten aus der Vorgängerstudie (BASE) verglichen.〈2〉

Demnach sind die heute 75-Jährigen geistig deutlich fitter als die 75-Jährigen vor 20 Jahren. Zugleich geht es ihnen ingesamt besser und sie sind zufriedener mit ihrem Leben.

„Die Zugewinne, die wir an kognitiver Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden in Berlin gemessen haben, sind beträchtlich und von großer Bedeutung für die Lebensqualität im Alter,“ kommentiert Prof. Dr. Ulman Lindenberger, Direktor am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB).

Gleichwohl kann der Weg dorthin steinig sein. Manche Frau erlebt schon die Mitte ihres Lebens als Strafe: Weil sie seelische und körperliche Veränderungen an sich feststellt, die sie an ihrer Kraft zweifeln lassen. Weil sie die Eltern oder den Partner beim Sterben begleitet und das „Leben danach“ so weit weg erscheint. Weil sie fürchtet, dem Bild der heutigen Generation 50plus nicht zu entsprechen. Oder weil sie zu wenig über den aktuellen Stand der Hormontherapien weiß, um sich mit Hitzewellen und Stimmungsschwankungen selbstbestimmt in den Glaubenskrieg der Hormongegner und Befürworter zu begeben. Und all das in einer Gesellschaft, in der kaum jemand ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper hat.

 

Die meisten Fehler haben wir hoffentlich hinter uns. Wir denken, handeln und fühlen anders. Wir nehmen von vielem und von vielen Abschied, gleichzeitig formieren wir uns und das Leben neu.
Betty Friedan

 

Aktive Bewältigungsstrategien, weniger Stress

Für andere Frauen ist der mit diesen Jahren verbundene Begriff der Wechseljahre nicht mehr als ein entsetzliches Wort und eines der meist strapazierten medizinischen Themen. Ihre Argumente: Die Wechseljahre sind keine Krankheit und niemand sollte sie dazu machen – selbst wenn die tiefgreifenden Veränderungen des gesamten Hormonsystems für mehr oder minder massive Probleme sorgen kann. Diese braucht keine Frau wie einen Schicksalsschlag hinzunehmen, keine Frau muss da durch wie durch ein Gewitter. Zumal dieses ungemütliche Wetter ziemlich lang anhalten kann: Hitzewellen persistieren bis ins hohe Alter.

„Es liegen noch viele Jahrzehnte vor uns, in denen wir nicht passiv ein vorherbestimmtes Programm des Alters durchlaufen müssen, sondern – innerhalb gewisser Grenzen – bewusst unsere Zukunft durch unser Verhalten und unsere Entscheidungen gestalten können,“ so die amerikanische Publizistin Betty Friedan in Mythos Alter.〈3〉

„Ganz sicher hilft uns dabei, dass wir bereits auf eine Lebenshälfte zurückblicken können. Die meisten Fehler haben wir hoffentlich hinter uns. Wir denken, handeln und fühlen anders. Wir nehmen von vielem und von vielen Abschied, gleichzeitig formieren wir uns und das Leben neu.“ Gründen „noch mal“ oder „jetzt endlich“ eine Firma, schaffen Arbeitsplätze, engagieren uns sozial oder politisch oderoderoder. Bislang scheint sich zu bestätigen, was wir alle glauben und was immer betont wird: Es ist niemals zu spät, etwas Neues zu beginnen.

Das große Plus für die Arbeitswelt: Eben aufgrund langjähriger Erfahrungen verfügen über Fünfzigjährige über Fähigkeiten, die Jüngeren fehlen. „Ältere haben sich im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit ein großes Repertoire an möglichen Verhaltensweisen zum Umgang mit Problemen angeeignet, auf das sie bei Bedarf flexibel zurückgreifen können. Gleichzeitig hilft die geringere Beanspruchung dabei, auch zukünftig aktiver mit Stressoren umzugehen – es entsteht so ein sich selbst verstärkender Kreislauf,“ fasst Prof. Dr. Guido Hertel, Organisations- und Wirtschaftspsychologe an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, das Ergebnis einer Online-Befragung zusammen.〈4〉

Hertel und Kollegen haben 634 Berufstätige zwischen 16 und 65 Jahren zweimal im Abstand von acht Monaten nach ihrer Beanspruchung bei der Arbeit und zu ihren Bewältigungsstrategien bei der Lösung von beruflichen Problemen befragt.

 

Die Frage, die jetzt jeder Entscheidung vorausgehen kann, lautet: Wie fühlt es sich an?

 

Der Erfolg eines Lebens misst sich nicht nur in Geld

Jegliche Aktivitäten im Beruf und im Privaten verzögern den biologischen Altersprozess, fördern die Autophagie, die Vitalität und das Körperbewusstsein und bilden die Voraussetzung für ein selbstständiges Leben auch im „vierten Alter“ – wie die letzte Strecke ab 85 auch genannt wird. Denn die vielfach positiven Alterungsprozesse des „dritten Alters“ schreiben sich nicht einfach fort.
 
„Anders ausgedrückt, ein Heer von 60- und 70-Jährigen, die sich in ihrer grundlegenden Leistungsfähigkeit nur wenig von 50-Jährigen unterscheiden, vermitteln zwar ein neues hoffnungsvolles Bild des Alterns. Ihnen steht aber eine wachsende Gruppe von Hochbetagten gegenüber, die die Widrig- oder Grausamkeiten des Alterns erleiden. Wer selbst Angehörige zu versorgen hat, wird wissen, dass ich nicht übertreibe.“ So die Worte von Prof. Dr. Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft bis 2o14, anlässlich einer Festversammlung.〈5〉 Nein, Herr Gruss übertreibt nicht.
 
Und dennoch, schauen Sie sich um: Die Welt wimmelt nur so von schönen Menschen jenseits der Fünfzig. Nie hatten sie mehr Ausstrahlung, nie waren sie gelassener und entspannter, nie fühlten sie sich stärker, authentischer, attraktiver – nicht zuletzt gerade wegen schmerzhafter Erfahrungen. Erschütterungen, die sie gelehrt haben, dass sich der Erfolg eines Lebens nicht nur in Geld messen lässt. Wer hat gesagt, dass Leben einfach sei?
 
Eigentlich sind die Wechseljahre kein Thema mehr. Das eigentliche Thema ist Zukunft des Alterns mit einer Grundhaltung zum Leben, die allen Klischees kraftvoll entgegentritt und damit einzigartige Räume für Erfahrungen und Begegnungen eröffnet.
 
„Vermeintlich einfache Rezepte funktionieren im Einzelfall nur selten oder gar nicht. Oft geht es um Entscheidungen, Wünsche und Verhaltensweisen, die sich nicht in einfache Formeln packen lassen,“ sagt der Psychogerontologe Prof. Dr. Frieder Lang, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 〈6〉

„Reflexion der Restbiographie“ nennt Prof. Dr. Rolf Arnold, Pädagogikprofessor an der TU Kaiserslautern, einen idealerweise bewussten Umgang mit den schwindenden Optionen. Das aktive Finden neuer Standpunkte kann jetzt vor jeder Entscheidung durch die Frage ausgelöst werden: „Wie fühlt es sich an?“ Erweitern lässt sie sich um die „Drei Siebe des Sokrates“ – um die Frage nach der Wahrheit (Ist es wahr?), der Güte (Ist es gut?), der Notwendigkeit (Ist es notwendig?). Wenn keine Antwort positiv ausfällt, braucht man sich – und andere – nicht weiter zu belasten.

Im weiteren Sinne ist jede der Fragen eng mit den Gedanken des 2o15 an Krebs verstorbenen Neurologen und Beststellerautors Oliver Sacks („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) verwoben: „… stelle ich fest, dass meine Gedanken sich immer weniger mit den spirituellen Dingen beschäftigen, sondern zunehmend mit der Frage, was es heißt, ein gutes und erstrebenswertes Leben zu führen – und seinen inneren Frieden zu finden.“〈7〉

 

 

 

Quellen

1 Schirrmacher, Frank: Das Methusalem-Komplott. Blessing 2oo4

2 Gerstorf D et al: Secular changes in late-life cognition and well-being: Towards a long bright future with a short brisk ending? Psychology and Aging, März 2o15. pdf zum Download

3 Friedan, Betty: Mythos Alter. Rowohlt 1995

4 Hertel G et al: Are older workers more active copers? Longitudinal effects of age‐ contingent coping on strain at work. Journal of Organizational Behavior, Februar 2o15. DOI: 10.1002/job.1995

5 Gruss, Peter: Die Zukunft des Alterns. Ansprache auf der Festversammlung anlässlich der 56. Ordentlichen Hauptversammlung der mpg, 2oo5

6 Lang, Frieder R: „Niemand ist zu alt für ein gutes Leben“, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2o16

7 Sacks, Oliver: Dankbarkeit. Rowohlt 2o15

Klahre, Andrea S: Wechseljahre – ein Stück von mir. Germa Press 1994

 

Biologisches Alter und Bewegung

 

 

Ein heute in Deutschland geborenes Mädchen hat eine Lebenserwartung von etwa 102 Jahren. Was es braucht, um bis ins hohe Alter ein lebenswertes Leben zu führen, wird weltweit in groß angelegten Vorhaben untersucht. Es geht auch viele Nummern kleiner.

Altern unterliegt einem genetisch programmierten Prozess. Allerdings bestimmen die Lebensbedingungen und der Lebensstil, wie schnell der Prozess abläuft. Folglich kann es zwischen dem kalendarischen und dem biologischen Alter große Unterschiede geben.

Während das kalendarische Alter den Gesetzmäßigkeiten der Zeit unterliegt, wird das biologische Alter direkt durch den Lebensstil beeinflusst. In den Nationen der Ersten Welt ist individuell angepasste körperliche Aktivität ein entscheidender Faktor auf dem Weg, das biologische Alter positiv zu beeinflussen: Die altersspezifischen Veränderungen des Muskel-Skelett-Systems lassen sich nur durch Bewegung, regelmäßiges Muskelkrafttraining und, nicht zu vergessen, einer angepassten Ernährung hinauszögern oder gar entgegenwirken.

Veränderungen am passiven Bewegungssystem

Die sichtbarsten altersbedingten Veränderungen des menschlichen Körpers zeigen sich am passiven Bewegungssystem – an den etwa 2o6 Knochen des Skeletts und deren beweglicher Verbindungen, den Gelenken.

Bereits im Alter zwischen 3o und 35 degenerieren Knochen, Bänder und Knorpel. Ab dem 4o. und 45. Lebensjahr wird der Knochen durch Entmineralisierung in seiner Struktur so umgebaut, dass das Skelett nicht mehr hundertprozentig belastbar ist.

Der Vorgang läuft bei Frauen früher ab als bei Männern, da der in den Wechseljahren auftretende Mangel an Sexualhormonen das Ganze beschleunigt. Mit der Folge, dass Frauen über Fünfzig häufiger als Männer zur Gruppe der Gefährdeten für Osteoporose gehören, weil die Knochendichte zu gering ist.

Die Knorpelstrukturen verlieren mit zunehmendem Alter an Flüssigkeit und dadurch an Elastizität und Funktionsfähigkeit. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes werden unter dem Dach des Rheumatischen Formenkreises zusammengefasst, schließen einige hundert Diagnosen ein und damit eine Vielzahl von zum Teil sehr unterschiedlich verlaufenden Erkrankungen.

Veränderungen am aktiven Bewegungssystem

Etwa 400 Einzelmuskeln von unterschiedlichster Form und Größe sorgen für ein bestimmtes Maß an Spannung, ohne die wir uns gegen die Schwerkraft der Erde nicht aufrecht halten könnten. Entsprechend machen sie rund 40% des Körpergewichts aus.

Darüber hinaus sind sie darauf spezialisiert, auf Nervenimpulse zu reagieren, die willentlich gesteuert werden. Das heißt, wenn Sie etwas aufheben oder tragen oder auf einen bestimmten Platz zugehen, müssen Sie das vorher wollen, sonst kommt die Bewegung nicht zustande. Der gesamte Bewegungsapparat wäre nutzlos, wenn das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) keine Informationen und Gedanken verarbeiten, empfangen oder weiterleiten könnte.

Wenn mit zunehmendem Alter die Muskelkraft abnimmt, so ist das einerseits auf einen altersbedingten Verlust an Muskelmasse – etwa 4% pro Lebensjahrzehnt – zurückzuführen, andererseits sinken im Muskel die Kalzium- und Kaliumkonzentrationen und Energiereserven (Glykogen). Dagegen ist der Verlust der elastischen Elemente des Muskels im Wesentlichen eine Folge von Bewegungsmangel. Der Muskel wird weniger dehnbar, das wiederum blockiert die allgemeine Beweglichkeit. Je weniger aktive Muskelmasse vorhanden ist, umso geringer ist der Energieumsatz in Ruhe.

Komplizierte Kooperation

Jede Bewegung setzt ein diffiziles Zusammenspiel beider Systeme voraus – und sei sie noch so winzig. Um in Bewegung zu bleiben, genügt eiserner Wille allein jedoch nicht. Ein Muskel braucht ständiges Training, ohne trainierte Muskulatur und ein harmonisches neuromuskuläres Zusammenspiel – eine gute Koordination – ziehen Sie sich höchstens Muskelverletzungen zu. Werden Muskeln nicht benutzt, verkümmern sie. Die Folgen sind weitreichend.

 

Alterndes Bewegungssystem:
Die wichtigsten Veränderungen


 

Knochen

Verlangsamung des Stoffwechsels
Entmineralisierung ab etwa dem 4o. LJ
Verminderung Zug- und Druckfestigkeit
Risiko Osteoporose

Sehnen, Bänder, Knorpel

Wasserverlust des hyalinen Knorpels
Verringerte Belastbarkeit (Arthrosegefahr)
Verminderte Ernährung des Knorpelgewebes
Verminderte Produktion von Gelenkflüssigkeit
Längenzunahme der Bänder > Gelenkinstabilität
Abnahme der Elastizität von Sehnen und Bändern > Abnahme der Beweglichkeit

Wirbelsäule 

Degeneration der Bandscheiben
Abnahme des Wassergehalts
Abflachung der Wirbelkörper
Abnahme der Beweglichkeit

Muskulatur

Abnahme der Muskelmasse ab etwa dem 3o. LJ
Abnahme des Wassergehalts, der Kalium- und Kalziumkonzentration
Abnahme der Energiespeicher
Verminderung der Durchblutung
Abnahme der elastischen Elemente

 

Mit Ausnahme von palliativ behandelten Erkrankungen gibt es keine Diagnose, die sich mit Bewegung und einer bedarfsgerechten Ernährung nicht dramatisch verbessern, deren Verlauf sich nicht positiv verändern ließe. Welche Sportart(en) individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden und sollte abhängig vom aktuellen Beschwerdebild variiert und angepasst werden. Mit dem richtigen Training lassen sich auch in fortgeschrittenem Alter noch Hochleistungen erbringen, Altersunterschiede würden „nahezu unsichtbar“, haben Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk und Team an der Deutschen Sporthochschule Köln im Rahmen einer acht Jahre dauernden Beobachtung zur Leistungsepidemiologie bei sportlichen Senioren ermittelt.

Allgemein wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und neuerdings Yoga dennoch zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Aquafitness und Aquajogging, (Rücken)Schwimmen und Kraulen (für alle, die Wirbelsäulen-Probleme haben), Powerwalking, Radfahren, Inline-Skating, Wandern und Skilanglauf (Vorsicht: Sturzgefahr bei Unerfahrenen).

Und, so Prof. Dr. Jürgen Freiwald, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal: Bevor man Schmerzpatienten von ihrem Lieblingssport abrät – etwa Golf oder Kegeln wegen Rücken- oder Kniebeschwerden –, sollte überlegt werden, wie er sich gelenkschonender betreiben lässt.[1]

Beweglichkeit ist Lebensqualität

Sportmedizinisch sinnvoll erscheint eine Trainingsfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche. Alarmierend ist allerdings, dass viele Leute einfach keine Lust haben, sich zu bewegen. Vor dem Hintergrund des jüngsten Diktums „Sitzen ist das neue Rauchen“ lässt sich darauf lediglich lapidar kontern: Um Lust geht es nicht, sondern schlicht ums Machen. Warum? Darum: Lebensqualität wird zu einem großen Teil über Beweglichkeit definiert. In Verbindung mit dem Altern eröffnet sich damit ein weiteres weites Feld.

Kommt soziale Unterstützung hinzu, schützt Bewegung bzw. Sport vor strukturellen Gehirnveränderungen nach schwerem Stress. Kommen geistiges Training und soziale Aktivitäten hinzu, gilt das auch für die Prävention von Demenzen. Eine aktuelle, langfristig angelegte finnische Studie möchte einmal mehr zeigen, dass die Entwicklung von demenziellen Erkrankungen kein Schicksal ist, sondern durch gezielte Änderungen des Lebensstils zumindest um viele Jahre verzögert werden kann. Erste Ergebnisse ermutigen.[2]

Selbst wenn hinsichtlich der Prävention von Demenzerkrankungen viele Fragen noch nicht befriedigend beantwortet sind, sollte es niemanden daran hindern, körperlich, geistig und sozial möglichst aktiv zu sein und sich gut zu ernähren.

Dann bestünde berechtigte Hoffnung, dass eine Prognose weniger Wucht hätte: „Wir werden in zwanzig Jahren fast nur noch ZNS-Erkrankungen haben,“ hat Prof. Dr. Wolfgang Oertel, Marburg, 2o12 anlässlich des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg gesagt. Und gemeint: Die Zahlen der häufigsten degenerativen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, darunter Morbus Alzheimer, werden sich verdoppelt haben.

 


 

1 Bewegung hält auch entzündete Gelenke in Schwung. Ärzte-Zeitung, 26. Mai 2oo5

2  Ngandu T et al: A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial.
The Lancet (online) 11. März 2o15
DOI: 10.1016/S0140-6736(15)60461-5

 

Den Schmerz entwerten



Schmerz – insbesondere Rückenschmerz – hat in unserer Gesellschaft einen enormen Wert, er ist allgegenwärtig. Wir müssten das genaue Gegenteil machen: Eine Gesellschaft, in der Schmerz keinen Wert hat, wird wenig chronische Patienten haben.

Mit dieser These hat Prof. Dr. Arne May, stellvertretender Direktor des Instituts für Systemische Neurowissenschaften und Leiter der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, auf dem Deutschen Schmerzkongress 2o13 provoziert und zu einer selbstkritischen Diskussion innerhalb der Ärzteschaft zu der Frage angeregt, „inwieweit wir Befindlichkeiten unnötig pathologisieren?“[1]

Inzwischen ist das Thema veranstaltungsfähig geworden: Der Deutsche Ethikrat diskutierte kürzlich in Berlin, ob mit „Burnout“ oder den Wechseljahren des Mannes tatsächlich Krankheiten erfasst oder ob psycho-soziale Probleme zu Krankheiten umgedeutet würden.[2] Erweitern ließe sich das noch um eine mehr als 6 Wochen anhaltende Trauer nach dem Tod eines Ehepartners, Elternteils oder Kindes: Die amerikanischen Psychiater haben den Ausnahmezustand Trauer jüngst mit einer Krankheitsziffer versehen.

Unter den Stichworten „Moden in der Medizin“, neudeutsch: „Disease-Mongering“, kritisierte in Berlin Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dass normale Prozesse des Lebens als medizinisches Problem definiert, neue Krankheitsbilder durch Maßnahmen von Pharmaindustrie, Interessenverbänden und PR geradezu erfunden, leichte Symptome zu Vorboten schwerer Leiden stilisiert und Risiken als Krankheit verkauft würden.

Das habe unter anderem zur Folge, dass Betroffene zu schnell mit Medikamenten versorgt und damit einem unnötigen Risiko ausgesetzt seien. Gleichzeitig würden Ressourcen des Gesundheitssystems verschwendet.

Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, Befindlichkeitsstörungen zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrzunehmen
Wolfgang Schneider

Wider die Pathologisierung

„Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, dass gerade soziale Faktoren wie beispielsweise Stress im Job oder Arbeitslosigkeit bei Diagnosestellungen von Betroffenen oftmals nur medizinisch betrachtet werden,“ gab schließlich Professor Dr. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin in Rostock, auf einer Veranstaltung zum Thema „Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft“ zu bedenken.[3]

Schneiders These: Arbeitsüberlastung oder berufliche Schwierigkeiten würden gern in das Reich der psychischen Erkrankungen befördert, denn das schütze davor, soziale Missstände und prekäre Arbeitsverhältnisse offen anzusprechen und sich damit auseinanderzusetzen.

Und: Die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Thema „psychische Belastungen in der Arbeitswelt“ erfährt, führe mehr und mehr dazu, dass Menschen Befindlichkeitsstörungen, Erschöpfung, Frustration und Demotivierung zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrnehmen.

Der Zungenschlag dieser Experten ist eindeutig: Menschen dürfen nicht unnötig zu Patienten gemacht werden. Weder jeder Rückenschmerz noch jede Niedergeschlagenheit ist als Krankheit zu werten. Ohne Frage ist eine sorgfältige Abklärung notwendig, um jeglicher Problematik angemessen zu begegnen und zu entscheiden, ob und welche Art von professioneller Unterstützung der Einzelne benötigt. Besonders wichtig aber ist Prävention, Hilfe zur Selbsthilfe oft die richtige Devise.

Dann gäbe es auch weniger Drahtseilakte zwischen überflüssiger Medikalisierung und notwendiger Therapie. Laut Prof. Dr. Lothar Weißbach, Prostatakrebsspezialist in Berlin, sollten sich Ärzte in der „Kunst des Weglassens“ üben, anstatt unabhängig von der Ausprägung eines Beschwerde- oder Krankheitsbildes maximal zu versorgen. Und sie sollten mitunter von einer Therapie abraten, auch wenn sie damit keine honorierte ärztliche Leistung im Sinne der Krankenkasse erbrächten.[2]

Hilfen zur Selbsthilfe

„Es sollte darum gehen, dass der Einzelne aktiv und möglichst selbstbestimmt sein Leben gestaltet.“ Für Dr. Regine Klinger, Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Verhaltenstherapie, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Hamburg, ist oft bereits eine niedrigschwellige Beratung hilfreich, dann können Menschen eigenverantwortlich ihre Probleme lösen.[1]

„Strategien gegen die Katastrophisierung können Entspannungsverfahren ebenso sein wie sanfte Bewegungsübungen oder eine straffe Strukturierung des Alltags,“ so Klinger. Oder, um zum Rückenschmerz zurückzukommen, ein systematisches Muskelkrafttraining.

Ändert der Mensch sein Verhalten,
ändert sich auch der Schmerz
Regine Klinger

Rückenschmerz – ein „Mixed Pain Syndrome“

Wir bleiben beim Rückenschmerz, denn der Rücken ist bekanntermaßen der beliebteste Austragungsort für Fehlbelastungen, Fehlhaltungen und Anspannungen aller Art. Und Schmerz ist ein Schutzmechanismus des Körpers und gleichzeitig ein komplexes neurologisches Phänomen, das von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird.

Muskelschmerzen, -verspannungen und -verhärtungen sind physiologische Signale, sie entstehen, indem das Gehirn entscheidet, einen Muskel zum Schutz vor Überlastung abzuschalten. Ein Teufelskreis aus Sauerstoffmangel, gestörtem Stoffwechsel und erhöhter Muskelspannung entsteht, an dessen Ende die Verkürzung des Muskels steht.

Der daraus entstehende Rückenschmerz ist meist „unspezifisch“ und ein „Mixed Pain Syndrome“ mit nozizeptiven und neuropathischen Komponenten. Das heißt ganz allgemein: Schmerz entsteht als Reaktion auf unterschiedliche Reize, die die Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) stimulieren. Diese sitzen in der Haut und in allen anderen Geweben und Organen an empfindlichen Nervenenden und sind über periphere Nerven mit dem Rückenmark verbunden. In Form von elektrischen Impulsen wird die Erregung zunächst ins Rückenmark gejagt, dann weiter ins Gehirn und dort ins Zwischenhirn und in die Großhirnrinde. Erst in diesen höheren Gefilden wird der Schmerz wahrgenommen und löst die vielfältigen physiologischen und psychischen Reaktionen aus – nicht an der Schmerzstelle, wie vielfach angenommen wird.

Unter dem Schlagwort „unspezifisch“ finden sich in der Literatur im Bereich der nozizeptiven Rückenschmerzen vor allem Muskelverhärtungen (Myogelosen); sekundäre Reizzustände; Bandscheibendegenerationen, die zu Veränderungen an den Wirbelkörpern (Spondylosen), Wirbelbogengelenken (Spondylarthrosen), Wirbelkanalverengungen (Spinalkanalstenosen), Blockaden (Kombination aus verspannter Muskulatur, Fehlbelastung und Fehlstatik der gesamten Wirbelsäule) führen.

Jeder Schmerz ist auch ein psychischer Schmerz

Bekannt ist, auf welchen neuronalen Ebenen Schmerz verstärkt und chronisch wird. Chronischer Schmerz im Sinne von langanhaltendem Schmerz ist zudem eine eigene und häufig schwer zu behandelnde Krankheit.

Traumatische Erfahrungen gehören zu den unspezifischen Risikofaktoren für chronische Rückenschmerzen, von denen in Deutschland knapp 20% betroffen sind.[4] Repräsentative, fragebogenbasierte Studien haben gezeigt, dass rund ein Viertel der Befragten über belastende Lebensereignisse berichten. Dazu gehört die Ehescheidung ebenso wie die Arbeitslosigkeit oder der Tod eines nahen Angehörigen. Patienten mit chronischen nichtspezifischen muskulo-skelettalen Schmerzen berichten häufiger über traumatisierende Lebensereignisse als schmerzfreie Personen.[4]

Für Dr. Regine Klinger ist jeder Schmerz auch ein psychischer Schmerz: „Wenn wir Schmerzen haben, ist das ganze Gehirn damit beschäftigt, das gilt auch für den akuten Schmerz. Eine große Rolle spielen Faktoren wie Aufmerksamkeit, Ängste und individuelle Verarbeitungsprozesse.“[1]

Prävention bedeutet für die Expertin in psychologischer Schmerztherapie folglich, den Patienten bei seiner Selbstverantwortung zu packen und ihn zu motivieren, konkret etwas zu tun, um seine Schmerzen erträglicher zu machen. Ändert er sein Verhalten, ändert sich auch der Schmerz. Es gilt, Verhaltens- und Empfindungsmuster im Gehirn bzw. Gedächtnisspuren zu durchbrechen, um aus dem Kreislauf auszusteigen.

Gerade weil Verspannungen so tückisch sind, müssen wir den negativen Auswirkungen des Alltags ein systematisches Muskelkrafttraining entgegensetzen
Klaus W. Zimmermann

Muskeln kräftigen und Widerstandskraft erhöhen

Selbstverantwortung nicht nur im Bereich der Schmerzprävention kann ganz einfach sein. Die vorrangigen Ziele aller ambulanten präventiven wie kurativen Maßnahmen lauten: das Muskel-Skelett-System kräftigen und dessen Widerstandskraft gegen Ermüdung sowie die Dehnbarkeit der Muskeln erhöhen. Wer Schmerzen hat, braucht keine Angst vor Bewegung zu haben. Wer schmerzfrei ist, schon gar nicht.

Während das Skelettsystem aus Knochen, Gelenken und Bändern besteht, umfasst das Muskelsystem neben den etwa 400 Einzelmuskeln die Sehnen, Muskelbinden (Faszien), Schleimbeutel und Sehnenscheiden. Knochen und Bänder übernehmen passive statische Aufgaben, die Muskulatur erfüllt aktive Stütz- und Bewegungsfunktionen. Entsprechend findet eine Unterscheidung zwischen dem aktiven Bewegungssystem (Muskulatur) und dem passiven Bewegungssystem (Knochen, Gelenke) statt.

Muskelkraft und Muskelmasse lassen sich in jedem Alter mit einem systematischen Muskelkrafttraining aufbauen, selbst jenseits von 65, wie zahlreiche Studien zeigen.[5] Eine gezielte Kräftigung jener Muskeln, die bevorzugt zum Schwächeln neigen – das sind vor allem die des oberen Rückens, die Bauch-, Gesäß- und Beinmuskulatur –, hat wunderbare Effekte.

Prof. em. Dr. Klaus W. Zimmermann, Sportwissenschaftler aus Zwickau, hat vor Jahren sieben Gründe genannt, warum wir Liegestütze, Kniebeugen und isometrische Übungen brauchen. Daran hat sich nichts geändert:

ERHALT DER MUSKELMASSE

Wir können durchaus 40 Jahre lang 40 bleiben – zumindest in Bezug auf die Muskulatur; diese bleibt bis ins hohe Alter elastisch, wenn sie regelmäßig trainiert wird. Es gibt nichts mit vergleichbarer Wirkung.

MEHR MOBILITÄT

In reiferen Jahren reduziert eine kräftige Beinmuskulatur die Sturzgefahr und das damit verbundene Verletzungsrisiko. Auf diese Weise schaffen Sie ideale Voraussetzungen, um weiterhin zügig gehen, wandern, Radfahren, Treppensteigen, gärtnern zu können.

AUFRECHTE HALTUNG

Die Muskulatur stabilisiert die Körperhaltung. Gezielte Kräftigung und Dehnung hält auch Bänder, Sehnen und Knorpel geschmeidig. So beugen Sie Haltungsfehlern und -schäden vor.

SCHUTZ DER WIRBELSÄULE

Je kräftiger die Muskulatur ist, umso besser puffert sie Belastungen an Wirbelsäule und Gelenken ab und schützt vor Verschleiß. Gezieltes Training kann auch bestehende Rücken- oder Kniebeschwerden deutlich mindern.

OSTEOPOROSE-PRÄVENTION

In zahlreichen Studien konnte festgestellt werden, dass mehr Muskelmasse auch mehr Knochenmasse bedeutet. Damit verbunden sind weniger Frakturen in den kleinen Wirbelkörpern der Wirbelsäule, der langen Röhrenknochen des Oberschenkelhalses und des Unterarms. Gerade diese Körperregionen können vor allem in der zweiten Lebenshälfte zum Problem werden, wenn die Knochenstruktur bereits porös ist – schlimmstenfalls ähnlich porös wie ein Schwamm. Das Problem heißt Osteoporose und ist ab Fünfzig eine der häufigsten chronischen Erkrankungen.

KEINE STOFFWECHSELSTÖRUNGEN

Neben der Leber ist die Muskulatur das wichtigste Stoffwechselorgan. Wer Muskeln aufbaut, baut Fett ab und verwertet sogar beim Schlafen mehr Kalorien als üblich. Beim Training selbst wird der Verbrauch um das Drei- bis Fünffache gesteigert.

BALSAM FÜR DIE SEELE

Bewegung ist Psychotherapie im besten Sinne, da im Körper jene Botenstoffe freigesetzt werden, die entspannen und die Stimmung heben. Langfristig baut Bewegung Stresssymptome ab, macht lockerer und zufriedener, Belastungen werden besser verkraftet. Eine Stunde pro Tag soll bei Depression gelegentlich das Antidepressivum ersetzen können.

Einfach tun

Kurz: Die „Alltagstauglichkeit“ erhöht sich deutlich. Welche Sportart(en) für diese Ziele individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden und sollte abhängig vom aktuellen Beschwerdebild variiert und angepasst werden.

Allgemein wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik (einschließlich „Faszientraining“) und neuerdings Yoga dennoch gern zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Aquafitness und Aquajogging, (Rücken)Schwimmen und Kraulen (für alle, die Wirbelsäulen-Probleme haben), Powerwalking, Radfahren, Inline-Skating, Wandern und Skilanglauf (Vorsicht: Sturzgefahr bei Unerfahrenen).

Und, so Professor Jürgen Freiwald, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal: Bevor man Schmerzpatienten von ihrem Lieblingssport abrät – etwa Golf oder Kegeln wegen Rücken- oder Kniebeschwerden –, sollte überlegt werden, wie er sich gelenkschonender betreiben lässt.[6]

Sportmedizinisch sinnvoll erscheint eine Trainingsfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche. Alarmierend ist allerdings, dass viele Leute einfach keine Lust haben, sich zu bewegen. Vor dem Hintergrund des jüngsten Diktums „Sitzen ist das neue Rauchen“ lässt sich darauf lediglich lapidar kontern: Um Lust geht es nicht, sondern schlicht ums Machen. Warum? Darum: Lebensqualität wird zu einem großen Teil über Beweglichkeit definiert. In Verbindung mit dem Altern eröffnet sich damit ein weiteres weites Feld.

 

Zum Thema


Report Krankenhaus 2o15: Schwerpunkt: Lumbale Rückenschmerzen

BARMER GEK. Berlin, Juli 2o15

Für Bewegungsmuffel: Kostenfreie Schrittzähler-App MoveMyDay (Android)

Entwickelt von der Arbeitsgruppe PAnalytics der Universität Duisburg-Essen (UDE). Essen, März 2o15

 

Gesundheitsmonitor 01|2015: Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz: Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und Folgen für die Gesundheit

Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK. Gütersloh, März 2o15

Gesundheitsreport 2015: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update Doping am Arbeitsplatz

Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK. März 2o15

 

1 Deutscher Schmerzkongress 2013. 23. bis 26. Oktober 2013, Hamburg. Eröffnungspressekonferenz, 23. Oktober 2013

Alte Probleme – Neue Krankheiten: Überflüssige Medikalisierung oder notwendige Therapie? Forum Bioethik des Deutschen Ethikrats. Berlin, 25. Februar 2o15

Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft: Expertenforum, Universität Rostock
Universitätsmedizin
Zentrum für Nervenheilkunde, Rostock, 4. März 2o15

4 Siehe 1: Tesarz J: SY11

5 Graves/Franklin 2oo1; Aniansson et al 1984; Grimby et al 1982 etc.

6 Bewegung hält auch entzündete Gelenke in Schwung. Ärzte-Zeitung, 26. Mai 2oo5

Erwachsene mit AD(H)S

Erwachsene AD(H)Sler wissen häufig nicht, wie ihnen geschieht. Extreme Desorganisation, starke Stimmungsschwankungen, ständiger innerer Druck … Die Auswirkungen in verschiedene Lebensbereiche sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

18 – volljährig! Bevor auch gesunde junge Erwachsene schmerzhaft erfahren, dass das Leben eine Baustelle ist, wissen Heranwachsende mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Störung es längst. Ihre typischen Probleme verschwinden nicht über Nacht, sondern sorgen auch weiterhin für erhebliche Beeinträchtigungen: Der erwachsen gewordene Zappelphilipp ist nicht selten eine von innerer Unrast getriebene Persönlichkeit auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Etwa 20% der Suchtkranken haben eine AD(H)S, die meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Die Häufigkeit der sogenannten adulten AD(H)S wird in der Literatur mit 1 bis 6% der Gesamtbevölkerung angegeben, in Deutschland mit 3,1%. Legt man zugrunde, dass 5 bis 10% (m:w = 3:1) aller Kinder betroffen sind, so bedeutet dies, dass etwa der Hälfte aller Betroffenen im Erwachsenenalter weiterhin AD(H)S-Symptome haben (siehe Tabelle: Wender-Utah-Kriterien).

Allerdings können sich die Kardinalsymptome wandeln – von der meist äußeren Zappeligkeit in innere Unruhe und quälende Getriebenheit. Obendrein können sie durch inzwischen erworbene Kompensationsstrategien und andere auftretende psychische Erkrankungen vollständig maskiert sein. Die Diagnose und das Management der adulten AD(H)S stellen somit auch für den Facharzt eine Herausforderung dar.

„Die Kluft zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist schwierig zu schließen,“ hat Dr. Matthias Bender, Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Hadamar und Weilmünster, mir in einem Gespräch gesagt.

Etwa 20% der Suchtkranken haben eine AD(H)S, die meist
nicht erkannt und somit nicht behandelt wird
.

Klahre: Herr Dr. Bender, kennen erwachsene ADHSler Langeweile?

Dr. Matthias Bender: Die Langeweile ist vor allem in der Adoleszenz ein sehr relevantes Phänomen, aber im Vergleich zu anderen Primäraffekten wie Scham, Schuld oder Angst unspezifisch und viel zu wenig beforscht. Neuere Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang von AD(H)S und Langeweile. Demnach gibt es ein neuronales Netzwerk, das Default-Mode-Network (DMN), das besonders bei Langeweile bzw. Monotonie aktiv ist und geradezu ausgeknipst werden muss, um Aufgaben konzentriert zu erledigen. Das DMN ist auch aktiv, wenn wir produktiv gelangweilt sind – also dösen, tagträumen, vielleicht auch kreativitätsfördernd abschweifen.

AD(H)S-Betroffene können dieses DMN nicht wirksam ausschalten, wenn sie auf eine Aufgabe fokussieren müssen. Hier wirken starke Belohnungen in Form von stimulierenden Reizen ähnlich förderlich wie Psychostimulantien.

Ist die Sucht nach Neuem, nach dem Thrill („novelty seeking“) eine Eigenschaft, die Erwachsene mit AD(H)S besonders charakterisiert, Frauen wie Männer?

Zumindest ist es typisch für die reizoffene wie auch nach Reizen suchende Gruppe mit hohem Anteil an novelty seeking. Die kurze, gelegentlich auch impulsiv aufkeimende Faszination für ein neues Thema erlahmt allerdings, sobald Konstanz und Disziplin gefordert sind. So ist die Ausrüstung für die neue Sportart schnell gekauft, verschwindet aber nach der dritten Trainingsstunde rasch wieder im Keller. Generell haben die Betroffenen große Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen, bevor sie Neues beginnen. Das heißt, es mehren sich die offenen Baustellen, vieles gelingt nur noch auf den letzten Drücker.

Dies ist ein Hintergrund für das bei erwachsenen Frauen wie Männern mit AD(H)S häufig bestehende Phänomen der Desorganisation. Die Auswirkungen in verschiedenen Lebensbereichen sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

Deshalb hat es sich für die Diagnostik der adulten AD(H)S bewährt, neben den Kardinalsymptomen Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität die Dimensionen Desorganisation, Affektlabilität, Temperamentsstörung, emotionale Hyperreagibilität, also der Umgang mit Belastungen, nach den Utah-Kriterien anzuwenden.

Wissen die Betroffenen von der Diagnose, wurde sie in der Kindheit bereits gestellt?

Hier gilt, wie so oft in der Medizin, die gute alte Drittelregel. Etwa ein Drittel derjenigen, die in unsere Ambulanz für adulte AD(H)S kommen, sind irgendwann in Kindheit und Jugend einmal vordiagnostiziert worden und bitten um Wiederaufnahme bzw. Weiterbehandlung ab dem Erwachsenenalter. Von den Zweidritteln, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, hat sich schon die Hälfte mit dem Thema auseinandergesetzt – über die Diagnose ihrer Kinder.

Und der Rest weiß nicht, wie ihm geschieht …

So ist es wohl. Immerhin haben etwa 20% der Suchtkranken eine AD(H)S, die aber meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Sucht als eine Begleiterkerankung. Was bedeuten Begleiterkrankungen beziehungsweise Komorbiditäten für die Biographie?

Bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen den Prägnanztypen. Das eher bei Mädchen/Frauen verbreitete ADS ist geprägt von einer Selbstwertproblematik, entstanden durch die Verarbeitung vieler Misserfolge, das Anderssein in der Peergroup, Angststörung und Depressionen. Beim Vollbild des hyperaktiven und impulsiven Typus kommt es häufiger zu dissozialen Verhaltensweisen und Straffälligkeit sowie zu Substanzmissbrauch.

Aufgrund welcher Umstände gerät ein Erwachsener denn überhaupt in die diagnostische Mühle?

Die Patienten, die eigeninitiativ in die Ambulanz kommen, haben meist mit krisenhaft zugespitzten Lebenssituationen zu kämpfen, die sie aufgrund ihrer AD(H)S-Symptomatik nicht ohne Hilfe überwinden können. Das betrifft zum Beispiel Partnerschafts- oder familiäre Konflikte, Arbeitsplatzprobleme, Schwierigkeiten zu einem Schul-, Studien- oder Berufsabschluss zu gelangen.

Bei anderen findet sich eine lange Reihe frustraner Psychotherapieversuche bei unklarer Diagnose, bis jemand an die Differentialdiagnose AD(H)S denkt und nicht selten dann erst eine effiziente Behandlung beginnt. In jedem Fall ist eine gezielte biographische Anamnese erforderlich, wobei es eine conditio sine qua non für die Feststellung einer adulten AD(H)S ist, dass entsprechende Auffälligkeiten in der Kindheit zu eruieren sind. Hierbei können gute validierte Fragebögen hilfreich sein.

In der Kindheit gibt es gerade im Bereich Aufmerksamkeit Schnittstellen zu anderen Diagnosen, zum Beispiel zur Fetalen Alkoholspektrumsstörung (FASD). Was bedeutet das für die Diagnostik und für eine potenzielle Falschdiagnose?

Im Hinblick auf kognitive und auch Teilleistungsstörungen müssen selbstverständlich Differentialdiagnosen angestellt werden – beziehungsweise wie bei der FASD weitere Überlegungen.

Die meisten ADHSler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz.

Kann die Diagnose allein schon einen therapeutischen, im Sinne von entlastenden Wert haben? Was kann die Psychoedukation hier leisten?

Die Psychoedukation fördert die Behandlungspartnerschaft, folglich sollten die Aufklärungsinhalte mit dem Patienten gemeinsam erarbeitet werden. Ausgehend von seinem Störungserleben, seinem subjektiven Krankheitsmodell und seinen Erfahrungen mit insuffizientem und gelungenem Coping, hilft dieser Ansatz, die eigene Vulnerabilität zu akzeptieren. Immer geht es um Hilfe bei der Bewältigung der Diagnose, aber auch um die salutogenetischen Aspekte.

Vor allem die Ressourcen sind gut zu nutzen. Die meisten AD(H)Sler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz. Für viele ist vor allem in der psychoedukativen Gruppe die Einordnung ihrer lebenslang erfahrenen Handicaps sehr entlastend, wir können sie oft erst dadurch gezielt angehen. Neben der Medikation ist das Coaching unserer Erfahrung nach eine effiziente Methode bei den meist sehr motivierten, dankbaren und complianten Patienten.

Zitat einer Patientin aus einem Evaluationsbogen: „Das Wissen um AD(H)S hat mir ein akzeptierendes Integrieren meiner Handicaps ermöglicht: Ab dann ging es aufwärts – vor allem mit meinem angeknacksten Selbstwertgefühl. In der Gruppe fühlte ich mich erstmals verstanden mit meinen Beschwerden und nicht einfach als chaotisch, schusselig, unfähig, willensschwach, undiszipliniert abgestempelt. Mit der Medikation und Psychoedukation konnte ich erstmals meine Schwierigkeiten gezielt und erfolgreich angehen. Wollen und Können passen jetzt zusammen.“

Der Angehörige als Co-Therapeut: Sind die Erfolge messbar?

Wie bei vielen seelischen Erkrankungen und deren Auswirkungen tragen die Angehörigen oft die Hauptlast. Psychoedukative Interventionen entlasten sie von Schuld-, Scham- und Insuffizienzgefühlen. Hierzu gehören bei uns neben Angehörigengruppen und Familiengesprächen auch regelmäßige Trialogforen mit den Betroffenen. Zusammen lässt sich zum einen die emotionale Anspannung und ständige Be- und Entwertung in der Familienatmosphäre reduzieren, zum anderen werden die Angehörigen zu Beteiligten an der Therapie. Die Effizienz im Kindes- und Jugendalter ist belegt, die Evidenz im Erwachsenenalter bislang wissenschaftlich leider nicht ausreichend untersucht. Der positive Effekt für uns in der Praxis ist aber fraglos.

Herr Dr. Bender, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch habe ich im April 2o13 geführt. Inzwischen erachten Experten die Berücksichtigung der Integrativen Mind Body Medizin für Heranwachsende als wünschenswert; erste Studiendaten aus den USA haben positive Ergebnisse gezeigt. Erwachsenen können bei diagnostizierter AD(H)S therapiebegleitend zumindest die achtsamen Körperübungen und Meditation helfen.

 

ADHS im Erwachsenenalter: Die Wender-Utah-Kriterien


Für eine sichere Diagnose im Erwachsenenalter müssen neben den Kernsymptomen A-C zwei der unter 1-4 aufgeführten Charakteristika vorliegen

 

A Aufmerksamkeitsstörung


Unvermögen, Gesprächen aufmerksam zu folgen
Erhöhte Ablenkbarkeit
Schwierigkeiten, sich auf schriftliche Aufgaben zu konzentrieren
Vergesslichkeit
Häufiges Verlieren oder Verlegen von Gegenständen

B Impulsivität

Dazwischenreden, Unterbrechen anderer im Gespräch
Ungeduld
Impulsiv ablaufende Einkäufe
Unvermögen, Handlungen im Verlauf zu protrahieren, ohne dabei Unwohlsein zu empfinden

C Motorische Hyperaktivität

Gefühl innerer Unruhe
Unfähigkeit, sich zu entspannen
Unfähigkeit, sitzende Tätigkeiten durchzuhalten
Ständiges Gefühl der Getriebenheit
Dysphorische Stimmungslage bei Inaktivität

1. Desorganisation

Aktivitäten werden unzureichend geplant oder organisiert (Arbeit, Ausbildung, Haushaltsführung etc.)
Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht; Betroffene wechseln planlos von einer Aufgabe zur nächsten
Unsystematische Problemlösestrategien
Schwierigkeiten in der zeitlichen Organisation und Unfähigkeit, Zeitpläne oder Termine einzuhalten

2. Affektlabilität

Beginn vor der Adoleszenz
Wechsel zwischen euthymer, depressiver Stimmung und leichter Erregung
Depressive Stimmungslage wird meist als Gefühl der Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben
Stimmungswechsel dauern Stunden oder maximal Tage
Kein ausgeprägter Interessenverlust oder somatische Begleiterscheinungen
Stimmungswechsel meist reaktiver Art

3. Temperamentsstörung

Andauernde Reizbarkeit, auch aus geringem Anlass
Verminderte Frustrationstoleranz
Wutausbrüche (eher kurz andauernd)
Mangelhafte Affektkontrolle wirkt sich nachteilig auf die Beziehungen zu Mitmenschen aus

4. Emotionale Hyperreagibilität

Unfähigkeit, adäquat mit alltäglichen Stressoren umzugehen
Überschießende oder ängstliche Reaktionen
Patienten fühlen sich schnell „belästigt“ oder gestresst

Erschöpfter Nachwuchs

Eine europaweite Umfrage bei jungen Onkologen hat die Arbeits- und Lebensstilfaktoren in Bezug auf stressbedingte Gesundheitsstörungen untersucht.

 

Maximale Verausgabung, minimale Wertschätzung: Die Balance zwischen Engagement und Belohnung stimmt auch bei (Klinik-) Ärzten nicht immer, insbesondere nicht bei den unter 40-Jährigen – und schon gar nicht bei angehenden Krebsspezialisten. Die fühlen sich durch komplexe therapeutische Entscheidungen und die ständige Konfrontation mit Leid und Tod emotional stark belastet – bei gleichzeitiger Arbeit unter enormem (Kosten-)Druck mit stetig steigenden Qualitätsanforderungen und Behandlungsfällen pro Arzt.

Rund 71% leiden unter jenem Zeitphänomen, das die einen als Burnout bezeichnen, die anderen als begriffliches Vehikel für affektive Störungen wie Depressionen, Ängste, Drogenmissbrauch. Schlüsseldimensionen auf dem Weg in den Teufelskreis sind in jedem Fall emotionale Erschöpfung, Depersonalisation („Patientenaversion“) und reduzierte Leistungsfähigkeit als Folge nicht erfüllter individueller arbeitsbezogener Wertvorstellungen einschließlich objektiv belastender Arbeitszeiten.

Diese zentralen Ergebnisse der europaweit in 41 Ländern durchgeführten Umfrage Burnout-Prävalenz und Work-Life-Balance bei jungen Onkologen wurden im vergangenen September anlässlich des Jahreskongresses der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO 2o14) in Madrid vorgestellt.

Die Mitglieder der ESMO-Arbeitsgruppe „Junge Onkologen“ haben 737 Onkologen und angehende Onkologen (62% Frauen) befragt und die Ergebnisse von 595 Befragungen ausgewertet: 71% zeigen die typischen Symptome eines massiven stressbedingten Erschöpfungssyndroms mit Depersonalisation (50%), emotionaler Erschöpfung (35%) und Leistungsdefiziten (35%).

Betroffen sind vor allem 26- bis 30-jährige Männer in Südost- und Mitteleuropa, deren Arbeitgeber keine Hilfsangebote zur Verfügung stellen und keine ausreichenden Erholungszeiten vorsehen. Der Grad der seelischen und körperlichen Erschöpfung korreliert mit dem Ausmaß der Arbeitsverdichtung, der Wege- und Arbeitszeit sowie mit privaten Parametern wie Beziehungsstatus und Zahl der Kinder.

Arbeits- und Lebenszufriedenheit strahlt positiv auf die Patientenversorgung, auf die Kommunikation und auf die Zusammenarbeit mit Kollegen
Susana Banerjee

Unterstützung und ein „lösungsorientiertes Nein“

„Die Onkologie ist ein faszinierendes und sehr anspruchsvolles Fach und kann außerordentlich stressig sein,“ wird Dr. Susana Banerjee, Onkologin am Royal Marsden NHS Trust in London und Erstautorin der Studie, in einer ESMO-Pressemitteilung zitiert. Die Umfrage habe gezeigt, dass schon der Nachwuchs häufig ausgebrannt sei, was zu gravierenden persönlichen Problemen bis hin zur Suizidalität führen könne.

Wege aus dem Hamsterrad sieht Banerjee naturgemäß in der Prävention, vor allem aber in der Unterstützung. Über die spezifischen Belastungen dieses Fachs müssten die künftigen Kollegen bereits während des Studiums informiert werden. Ein anderer Blick auf die (eigene) Tätigkeit sei ebenso wichtig wie gegebenenfalls die Inanspruchnahme von Supervision. Es müsse Raum dafür geben, belastende Aspekte der Arbeit auch diskutieren zu können.

Die Mediziner selbst sollten Strategien erlernen, die die Selbstwahrnehmung und -wirksamkeit erhöhen, einen konstruktiven Umgang mit Stress ermöglichen und das eigene Zeitmanagement verbessern. Ein gelegentliches „lösungsorientiertes Nein“ ohne Befürchtung von Sanktionen gehöre ebenfalls dazu.

„Es gibt ein Leben jenseits von Forschung, Lehre und täglicher klinischer Praxis. Auch im Hinblick auf künftige Generationen von Onkologen müssen wir junge Kollegen darin unterstützen, eine gute Work-Life-Balance zu entwickeln,“ so die Autorin. Das sei entscheidend, denn Arbeits- und Lebenszufriedenheit strahle positiv auf die Patientenversorgung, auf die Kommunikation und Zusammenarbeit mit Kollegen. Und überhaupt auf alles.

Fast alle Ärzte erleben den ökonomischen Druck als eine Bedrohung ihrer ethischen Grundsätze. Fast alle Befragten sprachen von Bedrohung, einige von Verletzung, einige sogar von Abscheu über die Art und Weise, wie sie arbeiten müssen
Prof. Dr. Karl-Heinz Wehkamp

 


 

Banarjee S et al: ESMO (online) 28. September 2014
Abstract: #1o81O_PR